Bodo geht's besser

von Amaineko
OneshotFamilie, Schmerz/Trost / P6
03.12.2017
03.12.2017
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RUNDE 1


BGB – Bodo geht's besser


"Ich kriege ein Kaninchen!"
"Ich bekomme eine Katze!"
"Meine Eltern schenken mir einen Zwerghamster!"
"Ich wünsche mir nur, dass es Bodo besser geht", murmelte Sarah und versuchte, ihre Tränen zu unterdrücken, als sie ihren Kopf ins Kissen presste und den Schlaf herbeisehnte, der nicht kommen wollte.

Am nächsten Morgen wachte Sarah mit verquollenen Augen auf. Bodo lag nicht neben ihr, zum ersten Mal überhaupt in ihrem Leben. Seit ihrer Geburt war Bodo ihr treuer Begleiter, ihr bester Freund, der sich all ihre Sorgen anhörte, all ihre Tränen aufsog. Seit gestern Nachmittag lag Bodo auf ihrem Schreibtisch und starrte traurig an die gegenüberliegende Wand. Watte lugte unter der Stelle hervor, an der eigentlich seine Vorderbeine hätten sitzen müssen. Die wiederum lagen neben Bodo und sahen dort schrecklich einsam aus. Allein der Anblick trieb Sarah wieder die Tränen in die Augen.
Draußen herrschte dichtes Schneetreiben und Sarah seufzte. Jedes andere zehnjährige Kind hätte sich wohl darüber gefreut, an seinem Geburtstag Schneeballschlachten mit seinen Freunden zu veranstalten. Dumm nur, dass Bodo lediglich einstecken konnte.
"Alles Gute zum Geburtstag, Sarah", sagte sie sich selbst. Es fühlte sich nicht mehr so merkwürdig an wie noch vor ein paar Jahren, als sie die Worte kaum über die Lippen bekam. Sie atmete tief durch, warf Bodo einen kurzen Blick zu (mehr schaffte sie nicht) und wanderte die Treppe hinunter in die Küche, wo Mum und Dad schon am Tisch saßen. Zumindest vermutete sie, dass Dad dort saß, denn sie sah nur eine aufgeklappte Zeitung auf seinem Platz.
"Happy Birthday, Schatz!" Mum sprang von ihrem Stuhl auf und zog Sarah in eine flüchtige Umarmung.
"Danke", flüsterte Sarah und versuchte, nicht zu tief einzuatmen, weil ihr das Parfüm, das Mum aufgelegt hatte, in der Nase brannte. Schnell zog sie sich auf ihren Platz und blickte auf den Boden der Müslischüssel mit den Fröschen darauf. Ein paar Bananenstückchen lagen auf dem kleinen Haufen Haferflocken. Die Stückchen erinnerten sie an die Watte, die aus Bodo herausquoll.
"Dad?"
Ein Nuscheln kam hinter der Zeitung hervor.
"Ich dachte, heute gibt es Schokomüsli."
"Schokolade ist ungesund, das weißt du doch", murmelte er, so leise, dass Sarah ihn kaum verstehen konnte. Das machte die Bedeutung der Worte nur noch schlimmer. Hilfesuchend wandte sie sich zu Mum, die ihrerseits irritiert über die Zeitung guckte.
"Sie hat schon ihren Dackel verloren, da hätte sie zumindest das Schokomüsli haben können", sagte Mum.
"Mum, ich will kein Schokomüsli", beeilte sich Sarah. "Wenn Bodo wieder gesund wird, ist das Geschenk genug."
Dad klappte seine Zeitung herunter. "Meinst du nicht, mit zehn Jahren bist du zu alt für ein Stofftier?"
"NEIN!" Sarah sprang von ihrem Stuhl auf. "Nein, nein, nein, nein, nein!"
"Sarah -"
"Ich will, dass es Bodo besser geht! Mach' Bodo wieder gesund!"
"Wir wollten heute mit dir in die Zoohandlung fahren und dir ein kleines, süßes Haustier aussuchen", schaltete Mum sich ein.
"Ich will aber kein Haustier! Ich will Bodo!"
"Es reicht." Dad legte die Zeitung weg und Sarah verstummte. Stumme Tränen kullerten ihre Wangen hinunter und erneuerten die Bahnen, die sie gestern schon gezogen hatten. "Du gehst jetzt in dein Zimmer."
"Aber -"
"Muss ich das nochmal sagen?"
"Ich habe Geburtstag!"
"Sarah, Liebes", sagte Dad und klang dabei kein bisschen so, als würde er sie lieb haben, "ich muss gleich einen wichtigen Aufsatz für den BGB-Kommentar schreiben und das kann ich nicht, wenn du mich mit deinem Dackel belästigst. Jetzt sei ein braves Mädchen und geh' in dein Zimmer. Dein Geschenk wird Mum mit dir besorgen."
Ein letztes Mal sah Sarah hilfesuchend zu Mum, doch die schien hin und her gerissen.
"Ich hasse euch!", schrie Sarah, stampfte mit dem Fuß auf und rannte aus der Küche.

Sarah konnte sich nicht daran erinnern, jemals so viele Tränen vergossen zu haben. Müsste sie nicht schon längst ausgetrocknet sein? Und doch flossen sie dahin und nahmen kein Ende. Dumme Mum. Dummer Dad. Dumme Mum! Dummer Dad! Warum verstanden sie nicht? Bodo war nicht nur ein Stofftier. Bodo war so viel mehr. Bodo war der Freund, den sie nie hatte, und ein dummer Unfall hatte ihn kaputt gemacht. Ein Unfall, an dem sie selbst die Schuld trug. Sie sollte die Wut nicht Mum und Dad entgegenschleudern, sondern sich selbst. Hätte sie nur etwas mehr Geduld gehabt, wäre Bodo neben ihr aufgewacht und nicht einsam und allein auf dem kalten, harten Schreibtisch.
Sarah warf sich auf ihr Bett und sorgte dafür, dass sie weiter austrocknete.

Als Sarah die Augen wieder öffnete, herrschte Dunkelheit im Zimmer. Ein Blick auf ihren Elektrowecker, der auf dem Nachttisch stand, verriet ihr, dass es zwanzig nach sechs war. Sie hatte glatt ihren Geburtstag verschlafen. Auch nicht schlimm.
Etwas unbeholfen schälte sie sich aus ihrem Bett und tapste zum Lichtschalter.
"Wo ist Bodo?"
Der Schreibtisch stand vor ihr, ohne ihren Kuscheldackel und seine verlorenen Beine.
"Bodo? Bodo!"
Verzweiflung machte sich in ihr breit. Panisch sah sie sich im Zimmer um, lief zum Regal, zum Kleiderschrank, zur Spielzeugkiste. Nirgendwo war Bodo zu finden. Das konnte doch nicht sein! Sie hatte Bodo seit gestern Abend nicht angerührt. Das musste bedeuten...
"Irgendwer hat Bodo geklaut."
Ohne groß nachzudenken, stürmte sie aus dem Zimmer, die Treppe runter ins Wohnzimmer. Mum saß auf der Couch, schaute sich eine Sitcom an und erschrak sich fast zu Tode, als sie Sarah in der Tür stehen sah.
"Schatz, was ist los?"
"Bodo!", rief Sarah. "Bodo ist weg!"
Mum schaltete den Ton vom Fernseher aus. "Wie? Wo soll er denn hin sein?"
"Weiß ich auch nicht! Aber er ist weg! Vielleicht..." Nein, dieser Gedanke war dumm. Bodo konnte noch nie laufen, also konnte er auch nicht weglaufen.
"Komm' mal her." Mum klopfte neben sich auf die Couch und Sarah folgte der Aufforderung.
"Ich will Bodo wiederhaben", schluchzte sie und drückte ihren Kopf in Mums Schulter.
"Das weiß ich doch", flüsterte Mum und strich ihr sanft über die wirre Haarpracht. "Das weiß ich doch."
Es fühlte sich schön an, wie Mum sie so lieb tröstete. Auch wenn sie an ihrem Geburtstag eigentlich nicht vorgehabt hatte, überhaupt zu weinen.
"Hallo", ertönte plötzlich eine Stimme hinter ihr. Gleichzeitig spürte sie, wie sich etwas Weiches in ihren Nacken legte.
"Bodo?" Sarah hob den Kopf und blickte in das Gesicht von Dad, der einen kleinen, braunen Dackel mit vier Pfoten am Körper in den Händen hielt und breit grinste.
"BODO!"
"Bodo ist wieder ganz gesund", sagte Dad und schaffte es gerade so, stehen zu bleiben, als Sarah ihm in die Arme sprang und nun Tränen der Freude vergoss.
"Du hast ihn gerettet! Du hast Bodo gerettet!"
"Wir dachten, das ist das beste Geburtstagsgeschenk, das wir dir machen können", sagte Mum und rieb sich eine Träne aus dem Augenwinkel.
"Das Beste überhaupt! Bodo geht's besser!"
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