Die Suche nach dem BGB

von EliRacoon
OneshotHumor / P12
03.12.2017
03.12.2017
1
1865
 
Alle Kapitel
1 Review
Dieses Kapitel
1 Review
 
 Datenschutzinfo
 
 
 
Ich nehme zum ersten Mal an "Mach was draus!" teil und bin dementsprechend gespannt, wie das alles funktioniert.
Die Grundregeln sind natürlich klar und können hier nachgelesen werden: Mach was draus Nr. 4.


Viel Spaß mit meinen schrägen Gedanken ;)
LG Elianna


Runde 1
Abkürzungen: BGB (Bürgerliches Gesetzbuch) – IDK (I don’t know)
Zusatzvorgabe: Für einen eurer Protagonisten ändert sich plötzlich alles zum Guten.
Rating: P12



Einstellungsgespräch

Als die Frau sich an diesem Tag im Spiegel betrachtete, runzelte sie die Stirn. „Gott, siehst du alt aus.“ Für einen Moment glaubte sie, das Spiegelbild würde ihr antworten. Sie konnte die Stimme förmlich hören, die ihr sagte: „Das macht die Arbeit aus dir. Ist es das wert?“

Sie schüttelte den Kopf. „Natürlich ist es das. Meine Arbeit ist wichtig, ich habe Leute unter mir, die auf mich zählen. Ohne mich läge unser Werk brach. Ohne BGBs gäbe es die Gesellschaft nicht so, wie wir sie kennen.“ Das war auch der Grund, warum sie endlich einen Stellvertreter finden musste, der nicht nach wenigen Wochen wieder aufgab.

Sie machte sich fertig und fuhr ins Büro. Das riesige Gebäude war vollkommen unscheinbar auf den ersten Blick. Eine weitere Fassade, die das Bild vervollständigte und in ihrem Inneren Kuriositäten verbarg, die sich normale, unbescholtene Bürger nicht vorzustellen vermochten. Diese Erkenntnis zu besitzen, mochte vielleicht manch einen Angestellten auf seinem Weg innehalten lassen, doch die Frau ging ohne sich umzusehen durch die Eingangstür, stieg die sechs Treppen zu ihrem Büro hinauf und grüßte im Vorbeigehen die wenigen Kollegen, die zu dieser frühen Stunde schon geschäftig ihrer Arbeit nachgingen.

„Guten Morgen, Herr Meier.“ - „Wünsche ebenfalls einen guten Morgen, Dr. Hartmann.“

Sie bog ab und öffnete die Tür aus poliertem Tropenholz, die sie seit über zehn Jahren jeden Werktag öffnete. Ihre Sekretärin saß an ihrem Schreibtisch und hackte verbissen auf die Tastatur ihres Computers ein. Die Frau musste lächeln: Ihre Sekretärin war nicht wirklich eine Freundin der Digitalisierung, aber auch damit mussten sie sich abfinden. Es war nur ein weiterer Schritt in der Evolution ihres Aufgabengebiets. Vor 100 Jahren die Schreibmaschine, heute ein Computer…ihre Branche war zukunftssicher und wenn sie den Daten glauben durfte, stieg die Beliebtheit ihres Berufs unter den jungen Leuten mittlerweile wieder.

„Moin Sophie, sind die Berichte fertig?“ – „Liegen auf Ihrem Schreibtisch, Dr. Hartmann. Vergessen Sie nicht das Meeting mit den Abteilungsleitern um zehn.“ Ach ja, das Meeting. Sie hatte nicht wirklich Lust darauf. Seit über zwanzig Jahren trafen sich einmal im Monat alle Abteilungsleiter der Organisation. Zuerst hatte sie von ihnen gelernt, dann an ihren Sitzungen teilgenommen und mittlerweile leitete sie die Zusammenkünfte. Und alles, was sie wollte, war ein bisschen Ruhe und jemand, der diese Aufgabe übernahm. Das brachte sie zurück zu ihrem anderen Problem.

„Wie weit sind Sie mit dem neuen BGB?“ „Die Anzeigen werden morgen in den sechzehn größten Tageszeitungen geschaltet sein. Diskret, so wie Sie es gewünscht hatten. Sicher wird sich eine Lösung für dieses unangenehme Problem finden lassen.“ Sie schnaubte. „Unangenehm ist gar kein Ausdruck. Wir liegen Monate zurück und das alles nur, weil der entscheidende Mann sich in die Midlifecrisis verabschiedet hat. Waschlappen.“

„Ich bin sicher, die Dinge werden sich positiver entwickeln, wenn wir mit ein bisschen Geduld an die Sache herangehen.“

„Ich hoffe, Sie haben Recht, Sophie. Lange halte ich das nicht mehr aus.“





Drei Monate später war sie kurz davor, den Bettel hinzuschmeißen. Die Zeichen standen auf Veränderung, wieso war es dann so schwer, einen einzigen, willigen BGB zu finden? Der Markt konnte nicht leer sein. Es gab immer jemanden.

„Moin, Sophie. Gibt’s was Neues?“ Ihre Sekretärin seufzte unauffällig. Sie mochte ihre Chefin und sie verstanden sich gut, aber inzwischen ging ihr die immer gleiche Frage jeden Morgen auf die Nerven. Ein letztes Mal noch würde sie sich noch insgeheim darüber aufregen. Dann würde sie eine Tasse Kaffee holen gehen und ihrer Chefin sagen, dass sie ein Gespräch mit einem Bewerber vereinbart hatte. Mit ein bisschen Glück würde sie so bald nicht wieder sagen müssen „Leider nicht, haben Sie noch etwas Geduld mit den Leuten. Es muss sich erst herumsprechen.“ Nun, vielleicht ja auch nie wieder.



Letzten Endes lernten sie sich also über eine Zeitungsannonce kennen. Sie trafen sich an einem Mittwochmorgen in ihrem Büro und Sophie servierte Kaffee und Kekse. Man tauschte Smalltalk und Fragen aus und checkte das Gegenüber ab. Den Ausdruck hatte sie von Sophie übernommen, die ihn wiederum von ihrer Nichte kannte. Alles in allem war es nichts, in das die Frau viel Kapazität investierte. Es mochte eine Weile her sein, dass sie Bewerbungsgespräche geführt hatte (sie rechnete kurz nach und kam auf fünfzehn Jahre), aber geändert hatte sich seitdem wenig. Ihr war nach einem ausgiebigen Gähnen…

„Verstehen Sie Ihr Geschäft?“, fragte sie und musterte ihn von Kopf bis Fuß. Zumindest das Aussehen war vielversprechend. Er konnte nicht größer als 1,65m sein, hatte dünne braune Haare und war so zierlich gebaut, dass er auch als Jockey hätte arbeiten können. Nicht als erfolgreicher Jockey, dafür wirkte er zu sehr wie ein Stubenhocker, aber es war zumindest denkbar. Er sah zäh aus. Mittleres Alter, auf den ersten Blick kaum wahrnehmbares Charisma…doch, wirklich sehr vielversprechend. Er schien wie gemacht für seinen Beruf.

Er musterte genauso unverhohlen zurück und nickte schließlich. „Ich bin der Beste.“

„Sind Sie sich da sicher? Ich brauche einen echten BGB, nicht so einen Kurpfuscher wie Ihren Vorgänger.“ Er neigte den Kopf. „Ich kann nichts versprechen, aber wenn Sie sich im Milieu umhören, werden Sie nichts Nachteiliges über mich zu hören bekommen.“

Sie wiegte den Kopf hin und her. Selbst wenn er die Wahrheit offen und ungeschönt aussprach, reichte ihr das nicht als Referenz. Zu oft traf man Menschen, deren Ruf ihnen auf diesem Gebiet vorauseilte, nur um dann festzustellen, dass sie die Grundlagen zwar beherrschten, es ihnen jedoch an Erfahrung mangelte. Am schlimmsten waren die frischen, jungen und dynamischen Schulabgänger, die sich voller Tatendrang und Hilfsbereitschaft in ihren neuen Beruf stürzen wollten. Sehr lästig.

„Wenn ich Ihnen das Formblatt SC-170503 in die Hand drücke, was machen Sie damit?“ Er grinste und antwortete fast ohne Zögern. „Wegwerfen. Dieses Blatt existiert nicht.“ Das hätte auch jeder Anfänger antworten können. Zeit für einen Härtetest. Sie grinste zurück, wirkte dabei aber eher wie ein Haifisch, der die Zähne bleckte. „Zweiter Versuch.“

Jetzt hatte sie ihn überrascht. Sie konnte sehen, wie sich seine Stirn unter dem schütteren Haaransatz in Falten legte und er angestrengt nachdachte. Er sah aus wie ein Dackel. Nun würde sich zeigen, ob er wirklich ein BGB war.

Natürlich existierte dieses Blatt nicht, aber das spielte in ihrem Beruf keine Rolle. Die Kunst war, auch Dingen ohne jeden Sinn eine Bedeutung zu verleihen. Aus der sprichwörtlichen Mücke einen Elefanten machen zu können und das nur mithilfe von Worten, Beamtendeutsch und Kreativität – das zeichnete einen wahren BGB aus. Für gewöhnlich dauerte es Jahre, bis man trotz absoluter Ahnungslosigkeit in diesem Bereich Kompetenz ausstrahlen lernte.

Mal sehen, ob dieses Exemplar auch schon so weit war…

„Nun?“, fragte sie nach, „Was machen Sie mit dem SC-170503, wenn es Ihnen begegnet? Dieser Fall kann durchaus eintreten, wenn Sie für mich arbeiten wollen.“ Das Grinsen war zurückgekehrt, auch wenn es nun deutlich verschlagener wirkte. „Für den Fall, dass mir so ein Formblatt zugetragen wird, halte ich selbstverständlich immer eine entsprechende Richtlinie zur Bearbeitung bereit, in der ausdrücklich und eindeutig formuliert ist, wie das weitere Verfahren auszusehen hat. Sollte diese Richtlinie nicht vorliegen, muss sich der Antragsteller bei der nächsthöheren Instanz beschweren, entsprechende Formblätter dafür liegen selbstverständlich immer vor.“

Sie nickte zufrieden. „Und wenn die Richtlinie vorliegt?“ Er zuckte die Schultern. „Dann kann ich selbstverständlich besagtes Formblatt bearbeiten, einen Durchschlag alphabetisch nach Jahr, Monat, Tag und Uhrzeit der Bearbeitung sowie des aktuellen Koffeinspiegels ins Archiv einordnen und eine Bearbeitungsgebühr erheben.“

Das war mehr, als sie erwartet hatte und insbesondere der Gedanke an eine Bearbeitungsgebühr ließ ihr Herz höher schlagen. Der Mann könnte sein Geld tatsächlich wert sein…es wäre zu schön, um wahr zu sein.

„Haben Sie eine Vorstellung davon, was wir hier tun?“ Er dachte wieder kurz nach und sah aus dem Fenster. „Wir befinden uns an einem einzigartigen Ort und natürlich habe ich in unseren Kreisen schon viele…Legenden gehört. Ich habe keine konkrete Vorstellung, außer natürlich der, dass es mit Papierkram zu tun haben wird. Letzten Endes will jeder BGB eines Tages hier arbeiten.“

„Warum wollen Sie hier arbeiten?“, unterbrach sie ihn.

Der Mann sah ihr in die Augen. Damit bewies er mehr Mut als ein Großteil ihrer Untergebenen. „In der Vergangenheit habe ich verschiedene Bereiche ausprobiert und mich in vielen wohlgefühlt, aber das Richtige war noch nicht dabei. Dann stieß ich auf Ihre Anzeige und bewarb mich spontan. Von allen Dingen, die ich in meiner Profession bisher erlebt habe, erschien mir nichts vergleichbar mit Ihrem Institut. Sagen wir einfach, ich suche eine neue Herausforderung.“

Sie hätte das Gespräch noch ausdehnen können, aber ihr war nicht danach. Bei solchen Entscheidungen wusste sie nach zehn Minuten, ob sie den Versuch wagen würde. Gut, beim letzten Mal hatte sie falsch gelegen, aber sie machte niemals einen Fehler zweimal.

Sie stand auf und streckte ihm eine Hand entgegen. „Sie haben mich überzeugt. Willkommen in der Von Bülow-AG, der einzigen deutschen Dokumentationsstelle für Bürokratie-Mechanismen der vergangenen Jahrhunderte. Sie haben sich so eben als Abteilungsleiter für die Abteilung zur Erforschung zukünftiger bürokratischer Gesellschaftsmechanismen qualifiziert. Probezeit, aber ich setze Sie lieber gleich da ein, wo ich Sie haben will. Keine unangenehmen Überraschungen mehr.“

Er schüttelte ihr die Hand und verneigte sich leicht. „Es wird mir eine Freude sein, mit Ihnen zu arbeiten. Es gibt nicht viele Arbeitgeber, die meine Qualifikation als Berückend Genialer Bürokrat so zu würdigen wissen.“

Sie lachte und zog amüsiert eine Augenbraue hoch. „Ich habe zu danken. Willkommen im Team.“
Review schreiben