Moments

OneshotAllgemein / P6
Jack Frost
03.12.2017
13.04.2020
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Dieses Kapitel
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03.12.2017 1.175
 
Hi : )
Das hier wird eine Sammlung aus Kurzgeschichten zu verschiedenen Momenten. Sie sind alle unabhängig voneinander.

Erwähntes Lied: Running Home To You


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18




„Das ist doch lächerlich!“

Mit einem zittrigen Lachen ließ ich mich auf mein Bett fallen. „Einfach absolut lächerlich. Wieso sollte sich etwas ändern? Ich meine, es macht doch gar keinen Sinn. Es hängt doch nicht von meinem Alter ab, ob ich – ob ich –“ Flehend sah ich Jack an. „Es hängt doch nicht von meinem Alter ab, oder?“

„Naja …“, antwortete Jack zögerlich. „In gewisser Weise schon …“

„Aber doch nicht wortwörtlich, nicht von meinem Geburtstag, sondern vom geistigen Alter – nicht, dass ich mich mit einem Kind vergleichen würde oder sagen will, dass ich dumm bin oder so. Aber es hängt nicht von dieser Zahl ab, nur weil sie sich ändert heißt das ja nicht, dass ich mich von jetzt auf gleich mit ihr ändere. Ich bin dann immer noch dieselbe, oder? Denn es kann ja nicht sein, dass sich meine ganze Persönlichkeit, meine Denkweise ändert, nur weil –“

„Stop, _______!“, unterbrach Jack mich. „Natürlich hängt es nicht von einer Zahl ab, wer du bist oder was du denkst. Du steigerst dich da viel zu sehr hinein. Es gibt überhaupt keinen Grund, Angst zu haben. Oder ist dein Vertrauen in deinen Glauben etwa so schlecht?“ Mit verschränkten Armen und gehobener Augenbraue sah er mich an.

„Nein, natürlich nicht!“, widersprach ich sofort und schüttelte heftig den Kopf. Dann seufzte ich. „Du hast recht. Ich denke wieder zu viel nach. Es gibt keinen Grund, sich Sorgen zu machen. Ich sollte mich freuen, man wird schließlich nur einmal achtzehn.“

Die Wahrheit war, dass ich mir sehr wohl Sorgen machte. Seit mir wirklich bewusst geworden war, dass ich bald achtzehn sein würde, dass ich bald erwachsen sein würde, konnte ich nachts nicht schlafen. Und wenn ich es doch einmal schaffte, träumte ich von endlosen, schneebedeckten Wiesen. Verzweifelt rief ich nach Jack, immer und immer wieder, doch niemand kam. Ich stand alleine im Schnee und schrie, bis ich schließlich schweißgebadet aufwachte. Die Wahrheit war, dass ich Angst hatte. Angst davor, Jack zu verlieren.

Mir war bewusst, dass diese Angst vermutlich völlig unbegründet war. Es war genau wie ich es Jack eben erklärt hatte: Ob ich nun in wenigen Minuten ein Jahr älter sein würde, würde auf mich als Person keine Auswirkungen haben. Trotzdem war da diese kleine Stimme in meinem Kopf, dieser eine Gedanke, der mich nicht in Ruhe ließ. Ich würde nicht einfach ein Jahr älter werden. In einer halben Stunde würde ich achtzehn Jahre alt sein und damit volljährig. Erwachsen. Und jeder wusste, dass Jack Frost nur von Kindern gesehen werden konnte. Es war schon erstaunlich gewesen, dass ich solange an ihn geglaubt hatte. Jugendliche in meinem Alter, die die Hüter sehen konnten, waren selten. Und nun wollte ich das Ganze noch mehr strapazieren, in dem ich erwachsen wurde und ihn immer noch sehen konnte?

Zwar hatte mir Jack versichert, dass es keinen Grund zur Sorge gab, mein Glaube hängte nicht von dieser einfachen Zahl ab. Und ich wollte es ihm nicht auch noch schwer machen. Denn wenn hier einer Angst haben sollte, dann war er es. Immerhin würde er damit klar kommen müssen, nicht mehr gesehen zu werden. Ich würde mich nicht an ihn erinnern können, aber er würde dort stehen, direkt vor mir, und würde wissen, dass ich nicht mehr glaubte, er sei real.

Ich schluckte und versuchte die Tränen zurück zu halten, die bei diesen Gedanken aufkamen. Ich könnte es nie ertragen, ihn so zu verletzten. Aber dann fiel mir ein, dass ich es ja gar nicht wissen würde und die Verzweiflung explodierte in Panik und nahm mir den Atem.

„Jack -“ Hilfesuchend sah ich auf, aber Jack hatte bereits gewusst, dass er mich wohl nicht so einfach würde beruhigen können und war ans Bett herangetreten. Jetzt setzte er sich neben mich und schloss mich in die Arme. Ich spürte sein Seufzen, aber er sagte nichts. Er hielt mich einfach fest, fuhr beruhigende Kreise über meinen Rücken. Seine Atmung war ruhig und gleichmäßig und langsam kam ich wieder zur Ruhe. Ich hatte nicht bemerkt, dass ich die Augen geschlossen hatte, aber als er sich sachte von mir löste öffnete ich sie und begegnete seinem Blick.

„Ich habe auch Angst“, sagte er nach einem Moment leise und sah mir dabei in die Augen. Ich sah zurück, antwortete nicht, sondern blieb stumm und wartete, dass er fortfuhr.

„Ich weiß nicht, was ich tun würde, wenn du mich auf einmal nicht mehr sehen könntest. Ich kenne dich jetzt schon so viele Jahre lang und der Gedanke daran, dass du eines Tages aufhören könntest an mich zu glauben jagt mir eine Heidenangst ein. Ich will dich nicht verlieren, _______.“ Jack hielt den Blick fest auf mich gerichtet und zum ersten Mal sah ich etwas anderes als den fröhlichen Jungen, der Schneeballschlachten mit Kindern veranstaltete und immer zu Streichen aufgelegt war. In seinen Augen lag eine Unsicherheit, eine Verletzlichkeit, die ich an ihm noch nie gesehen hatte. Ich nahm seine Hände und drückte sie leicht.

„Aber ich vertraue dir. All die Jahre hast du an mich geglaubt und jetzt ist es Zeit, dass ich an dich glaube.“ Ich spürte den sanften Druck seiner Finger. „Diese Zahl drückt das Alter deines Körpers aus. Sie erlaubt dir bestimmte Dinge zu tun und verbietet dir manch andere. Aber für das hier – für uns – ist sie nicht wichtig. Hier zählt nur dein Herz und das ist an kein Alter gebunden.“ Jack lächelte mich an und jetzt war da nur noch Wärme in seinen Augen, Vertrauen und Glaube.

Can’t say how the days will unfold.” Mir war plötzlich ein Lied in den Kopf gekommen und ich summte leise vor mich hin. „Can’t change what the future may hold. But I want you in it, every hour, every minute …

Ein sanftes Lächeln hatte sich auf mein Gesicht gelegt und ich spürte, wie die Panik, die Verzweiflung und all die Ängste und Sorgen allmählich ganz verschwanden und von etwas warmen ersetzt wurden. Es war nicht einfach, doch ich versuchte auf mein Herz zu vertrauen. Denn Jack hatte recht: Es war das Einzige, das zählte. Es würde wissen, was richtig war.

Auf einmal verzogen sich Jacks Mundwinkel von einem Lächeln zu einem Grinsen. Verwirrt runzelte ich die Stirn, doch er drehte nur den Kopf. Ich folgte seinem Blick zu der Uhr an der Wand und beinahe wäre ich vor Freude jubelnd aufgesprungen. Ihre Zeiger zeigten drei Minuten nach Mitternacht. Der nächste Tag hatte begonnen und ich war nun offiziell erwachsen. Ich wandte mich wieder zu Jack zurück und als er immer noch genauso dort saß und mich anstrahlte, konnte ich nicht anders als zu lachen. Alle dunklen Gedanken fielen endgültig von mir ab.

„Du bist noch da“, stellte ich erleichtert fest und Jack lachte ebenfalls. „Ich bin noch da“, bestätigte er nickend. „Und du wirst mich auch so schnell nicht mehr los.“

„Dafür ist es mittlerweile sowieso schon zu spät“, winkte ich bloß ab und Jack grinste. Dann schloss er mich fest in die Arme. „Alles Gute zum Geburtstag.“
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