Aus dem Leben einer Referendarin

KurzgeschichteHumor / P6
03.12.2017
03.12.2017
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Geschrieben für den Wettbewerb "Mach was draus - Nr. 4"
Vorgaben: Abkürzungen BGB oder IDK verarbeiten + Für einen der Protagonisten ändert sich plötzlich alles zum Guten


Wie in Trance stecke ich den Wohnungsschlüssel ins Schlüsselloch. Tür auf, eintreten, Tür zu, Schuhe aus, Jacke an den Haken, Tasche mit Schwung über den Flurboden schmeißen, sodass diese schlitternd den Weg in mein Zimmer findet – alles Routinegriffe, während ich in Gedanken den heutigen Unterricht Revue passieren lasse. Ich fühle mich ausgelaugt, kaputt, hinüber, blutleer. Was für ein beknackter Tag…
Ich schleppe mich ins Wohnzimmer, wo mein Mitbewohner Tom, der wie ich Referendar ist, bereits über fünf Schulbüchern gleichzeitig brütet. Mit einem Grunzen, das einem ausgewachsenen Gorilla gerecht geworden wäre, lasse ich mich der Länge nach aufs Sofa fallen und vergrabe mein Gesicht im staubigen Möbelstoff. Mir ist nach Heulen zumute…
Tom lacht kurz auf und sagt: „Du sprichst mir aus der Seele.“

Noch vor einem Jahr habe ich die Horrorgeschichten meiner Kommilitonen, die vor mir ins Referendariat gegangen sind, nicht wirklich ernst genommen. Klar, das Ref ist super anstrengend und eine Bestandsprobe dafür, ob wir für den Lehrerberuf wirklich geschaffen sind – das war mir schon immer bewusst und das weiß auch jeder. Aber ich habe immer gedacht: „Du hast das Examen in drei Fächern bestanden – dann bekommst du doch wohl das Ref auch noch locker hin!“ Und jetzt leide ich an Schlafmangel, Magenproblemen aufgrund übermäßigen Kaffeegenusses und meine Lieblingsjeans passt mir auch nicht mehr, weil ich einfach nicht mehr dazu komme, Sport zu machen.
Ich möchte mich nicht beschweren – so ist es nicht. Es läuft tatsächlich gut für mich. Die Fachleiter und Mentoren sind zufrieden mit meinem Unterricht. Und ich selber habe auch zum größten Teil großen Spaß mit den Schülern. Aber noch immer braucht die Vorbereitung manchmal ewig und dann… dann ist in der Schule irgendetwas in der Klasse vorgefallen, sodass jegliche Unterrichtsvorbereitung für die Katz ist. So Tage deprimieren einfach. Und wenn dann manche der Kinder auch noch rotzfrech sind und du trotz vorhandener Autorität als Anfänger an die Grenzen deiner pädagogischen Fähigkeiten kommst, ist der Tag echt hinüber.

Ich brumme was in den Sofabezug und warte darauf, dass Tom mir die Lösung all meiner Probleme in einer kurzen Antwort darlegt. Ich werde wieder enttäuscht, denn er reagiert nicht. Mit verständnislosem Blick richte ich mich auf und schaue zu ihm.
„Was?“, fragt er ohne aufzublicken.
„Hast du meine Nachricht nicht bekommen?!“ Nebenher versuche ich, einen Fussel aus meinem Mund zu bekommen. Wir sollten das Sofa mal absaugen…
„Doch. Ich hab es dir da hingelegt“, Tom macht sich eine Notiz in seinem Schmierzettelchaos, schlägt eines der Schulbücher zu und zeigt auf den Wohnzimmertisch.
Verdutzt schaue ich auf die von ihm anvisierte Stelle. Neben der Fernbedienung, einer abgelaufenen Fernsehzeitschrift und einer offenen Chipstüte liegt eine leicht angegilbte Ausgabe des Bürgerlichen Gesetzbuches. Sie sah so aus, als wäre sie noch aus Toms eigenen Schulzeiten…
Verdutzt schüttle ich den Kopf. „Ich seh‘ es nicht.“
Nun ist es an Tom, mich komisch anzuschauen. „Aber es liegt doch direkt vor dir, Charlotte!“
„Nein, tut es nicht. Und wenn es so wäre, wäre das total dämlich – das schmilzt doch, wenn du es einfach hier draußen stehen lässt.“
Es entsteht eine eigenartige Pause zwischen uns. Es ist dieser Moment, den wir auch oft mit unseren Schülern erleben. Der Gesprächspartner sagt etwas und wir verstehen partout nicht, auf was er hinaus möchte. Gelingt es uns nicht die Aussage zu entziffern, kommt ein Spruch, den wir mittlerweile im Schlaf beherrschen und der auch immer wieder in unsere Alltagskonversationen Einzug findet: „Erläutere näher, was genau du damit meinst.“
Tom und ich sagen es gleichzeitig. Nach dem Bruchteil einer Sekunde brechen wir in schallendes Gelächter aus. Ich falle dabei vom Sofa, während Tom einen Hustenanfall bekommt und beim Versuch, etwas zu trinken, fast sein Wasserglas über dem Laptop verschüttet. Immer noch lachend wische ich mir Lachtränen aus den Augenwinkeln. „Tom, wovon redest du eigentlich?!“
Der angesprochene stellt seinen Laptop aus der Gefahrenzone – man weiß ja nie, was noch kommen könnte. „Na, du hast doch eine Nachricht geschickt mit ‚BGB‘. Ich dachte, du brauchst für deinen Geschichtsunterricht oder so das Bürgerliche Gesetzbuch – also hab ich dir meines rausgesucht und da hingelegt.“
Wieder muss ich lachen. „BGB – Besonders garstige Bälger! Das war ein Hinweis darauf, dass meine siebte in Geschichte heute wieder unmöglich war! Mann, you know nothing, Tom Snow!“
Tom stöhnt und wirft seine Arme in die Luft. „Woher soll ich das denn wissen?! Kannst du dich nicht klarer ausdrücken? ‚Hey, Tom, meine Schüler waren mal wieder furchtbar. Cheers, bis später!‘ – so schwer ist das doch nicht, einen normalen Satz zu schreiben.“
Ich schüttle den Kopf. „Keine Zeit, ich war gerade auf dem Sprung, um nochmal beim Schulleiter vorbei zu schneien.“
„Also gut. Aber was hast du denn mit der Nachricht von mir erwartet?“ Tom ist sichtlich überfordert.
Ich ziehe eine Schnute. Haben wir jetzt wirklich keines da?! „Eis, natürlich! Bei stressigen Kindern braucht man Eis, um die Nerven wieder zu beruhigen. Verstehst du?“
Tom blinzelt mich mehrmals an. „Ich brauche echt einen Dekodierungskatalog für deine Codes. Ich blicke da nicht durch. Aber du hast Glück – ich hab auf dem Heimweg tatsächlich Eis gekauft.“
Ich zische in Lichtgeschwindigkeit zum Kühlschrank. „Bring mir auch eins mit!“, ruft mir Tom hinterher.
Ich beginne zu grinsen, während ich die Box mit dem Schokoladeneis öffne. Der Tag ist gerettet!