Blaugrüne Blätter

von Sinaida
KurzgeschichteMystery, Angst / P12
03.12.2017
03.12.2017
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Geschrieben für ‚Mach was draus! Nr.4‘.

Abkürzungen:  BGB (Bürgerliches Gesetzbuch) oder  IDK (I don’t know) Zusatzvorgabe:  Für einen eurer Protagonisten ändert sich plötzlich alles zum Guten.

Laut dem Wortzähler bluedoc hat meine Geschichte 2.495 Wörter, mit Überschrift, ohne Anmerkungen.



Blaugrüne Blätter




„Oh, wow, Anna! Komm her, sieh dir das an!“

Anna drehte sich zu ihrer Freundin Leonie um, die vor einem der bunt dekorierten Weihnachtsmarktstände stehengeblieben war. Mit leuchtenden Augen bestaunte sie die mit Strass besetzten Gürtel die dort auslagen.

Anna kam näher und sah ihr über die Schulter. „Die sind wirklich toll.“ Aber vermutlich zu teuer. Sie seufzte innerlich. Im Moment war eigentlich alles zu teuer. Ihr Taschengeld reichte gerade so aus, um ihr Handy aufzuladen und sich ab und zu nach der Schule einen Burger zu holen oder mal ins Kino zu gehen. Seit ihr Vater seine Arbeit verloren hatte, mussten sich alle in der Familie einschränken und Extra-Geld für den Weihnachtsmarktbesuch, wie früher, war eben nicht drin. Also, den Gürtel konnte sie sich abschminken.

Ebenso wie den Führerschein, den sie in ein paar Monaten, kurz vor ihrem 17. Geburtstag, hatte machen wollen. Ihr Erspartes und die paar Euro, die sie mit Zeitungaustragen dazuverdiente, reichten dafür nicht. Aber okay, der lief ihr nicht weg. Sie musste einfach noch etwas länger darauf sparen.

„Was meinst du?“, drang Leonies Stimme in ihre Grübeleien. „Vielleicht gibt es ja Rabatt, wenn wir zwei nehmen.“

„Ein Stück dreizehn Euro“, schaltete der Händler sich ein. „Zwei für fünfundzwanzig.“ Er saß auf einem Hocker hinter dem kleinen Stand und hielte eine dampfende Tasse in den Händen. Punsch oder Glühwein vermutlich. Der fruchtig-würzige Duft vermischte sich mit dem Geruch nach gebrannten Mandeln, Bienenwachs und Tannengrün, der in der Luft lag. Weihnachtsduft. Anna lächelte unwillkürlich.

„Echt?“ Leonie warf ihr langes schwarzes Haar kokett über die Schulter und strahlte ihn an. „Können wir handeln?“

Leonies Charme zeigte wie immer Wirkung. Der junge Mann erwiderte das Lächeln und sagte mit einem neckenden Unterton: „ Versuch es halt.“

„Nee, lieber nicht, die sind mir doch zu glitzrig“, sagte Anna leise zu Leonie. Bevor ihre Freundin auf diese ganz offensichtliche Lüge reagieren konnte, fügte sie rasch hinzu: „Ich bin mal da drüben, okay?“ Sie deutete auf einen kleinen, etwas abseits liegenden Stand, der nicht wirklich hierher zu passen schien. In dem allgemeinen Blinken farbiger LEDs und Flackern echter und künstlicher Kerzen wirkte er wie ein dunkler und schlichter Fremdkörper.

Leonie zuckte mit den Schultern und stürzte sich schon im nächsten Moment eifrig in Preisverhandlungen mit dem Verkäufer.

Anna ging die paar Schritte zu dem unscheinbaren Stand, dessen Auslage in der schnell hereinbrechenden Dämmerung nur zu erkennen war, weil eine der Straßenlaternen direkt daneben etwas Licht spendete. Die Ware schien aus wild zusammengewürfelten Gegenständen zu bestehen, die man beim Entrümpeln auf dem Dachboden fand. Verschnörkelte Bilderrahmen, ein paar altmodische Vasen und etwas Geschirr.

Annas Blick fiel auf eine Blume, aus Stoff vermutlich, aber keineswegs kitschig, wie es Kunstblumen oft waren. Der Stängel  war gerade etwas länger als ihre Hand, die weiße Blüte klein und unscheinbar, aber die fünf länglichen Blätter schimmerten in einem interessanten blaugrünen Ton. So eine Blume hatte sie noch nie gesehen. Es war unmöglich zu erkennen, ob sie echt war. Andererseits, wer würde eine echte Blume hier zum Verkauf anbieten? Sie brauchte sicher Wasser und …

„Hübsch, nicht wahr?“, erklang eine heisere Stimme, riss Anna aus ihren Gedanken  und ließ sie aufblicken. Eine alte Frau, die sich in einen dicken Umhang hüllte, stand, wie aus dem Nichts aufgetaucht, hinter dem Verkaufstisch.

„Ist die echt?“, fragte Anna und deutete auf die Blume.

„Vielleicht“, lautete die kryptische Antwort der alten Frau. Sie bedachte Anna mit einem gütigen, warmen Lächeln. „Nimm sie ruhig in die Hand und sieh sie dir genauer an.

„Okay.“ Anna fasste den Stängel behutsam zwischen Daumen und Zeigefinger und hielt die Blume etwas höher. „Wow!“, murmelte sie, als das Licht der Straßenlaterne die Blätter traf. Sie wechselten je nach Lichteinfall ihre Farbe, schimmerten in allen erdenklichen Nuancen von Blau und Grün. „Das sieht toll aus. Blaugrüne Blätter! So etwas habe ich noch nie gesehen.“

Für einen Augenblick wirkte die alte Frau überrascht, dann nickte sie. „Ja, einzigartig.“

„Hey, was ist das?“ Leonie tauchte hinter Anna auf, sah ihr neugierig über die Schulter und rümpfte die Nase. „Versucht irgendwer ernsthaft sowas zu verkaufen? Das Teil ist hässlich wie die Nacht.“  Leiser sagte sie: „Und es stinkt.“

„Was? Blödsinn!“ Anna schüttelte den Kopf. Es ging ein ganz leichter, aber angenehmer Zimtduft von der Blüte aus.

„Doch, echt eklig“, erwiderte Leonie.

Anna rollte die Augen und legte die Blume wieder zurück auf den Tisch. „Wie viel kostet die?“, fragte sie, hauptsächlich, weil sie wegen Leonies Taktlosigkeit freundlich sein wollte. Kaufen konnte sie die Blume sowieso nicht, sie war bestimmt teuer. Die alte Frau musterte Leonie mit einem abschätzigen, kalten Blick, dann richtete sie ihr gütiges Lächeln wieder auf Anna. „Nimm sie ruhig mit.“

„Einfach so, meinen Sie? Aber … die kostet doch sicher was?“

„Mach dir darüber keine Gedanken, Kindchen. Heute ist dein Glückstag. Jemand anderes zahlt den Preis.“ Die Frau lächelte warm und zwinkerte Anna zu, während sie die Blume behutsam in Papier wickelte und dann in eine kleine Pappschachtel legte. „Bitte schön. Sie braucht kaum Wasser. Aber stell‘ sie ans Licht. Sie bringt dir Glück bis das letzte Blatt verwelkt ist.“

„Danke.“ Anna lächelte und nahm die Schachtel entgegen. Ein Glücksbringer konnte wirklich nicht schaden.

„Was für ein Gelaber“, murmelte Leonie. Lauter sagte sie: „Komm, wir müssen zum Bus.“

Anna verstaute die Schachtel in ihrer Tasche, nickte der Frau zu und folgte Leonie, die bereits mit langen Schritten in Richtung Bushaltestelle lief.

„Hast du eigentlich einen Gürtel gekauft?“, fragte sie als sie zu Leonie aufschloss.

„Nee, die waren schlecht verarbeitet und der Typ hat nicht wirklich mit sich handeln lassen.“

„Was …?“, begann Anna, als ihr plötzlich die Tasche von der Schulter rutschte und zu Boden fiel. „Na super!“ Rasch hob sie sie wieder auf und klopfte sie ab. Wenigstens war sie nicht in einer der vielen Pfützen gelandet, für die der Dauerregen vor ein paar Stunden gesorgt hatte.

In dem Moment hörte sie Reifenquietschen und ein lautes Platschen, dann Leonies zornigen Aufschrei: „Pass doch auf! Oh, Scheiße!“

Anna sah auf. Leonie stand ein paar Meter von ihr entfernt direkt am Straßenrand. Aus ihren Haaren tropfte dreckiges Wasser, ihre Jeans und die Jacke zierten feuchte Flecken und Schlammspritzer. Sie sah sie an sich herunter und sagte fassungslos: „Der ist durch die Pfütze gefahren und hat mich voll erwischt.“  

„Oh, wie blöd.“ Anna verzog mitfühlend das Gesicht und hielt ihrer Freundin ein Päckchen Taschentücher hin. „Hier, besser als nichts.“

Leonie strich sich das feuchte Haar aus der Stirn und begann zu grinsen. Wie immer siegte ihr Humor. „Du hattest echt Glück, dass dir die Tasche runtergefallen ist. Sonst wärest du hier gestanden und hättest das abgekriegt.“

***


Als Anna zu Hause die Blume aus der Schachtel holte, um sie in ein Wasserglas auf ihr Fensterbrett zu stellen, war eines der Blätter zu einem unansehnlichen schwarz-braunen Klumpen verwelkt.

***


„So, Bücher und Hefte weg, ihr braucht nur einen Stift“, verkündete Herr Walter, der Englischlehrer und teilte auch schon die Blätter für den Vokabeltest aus.

Anna biss sich auf die Lippe. So ein Mist, sie hatte sich die neuen Vokabeln erst heute früh kurz angesehen. Als sie gestern vom Weihnachtsmarkt zurückgekommen war, hatte sie total vergessen, dass ein Englischtest am nächsten Tag mehr als wahrscheinlich war.

Sie zog das Papier an sich heran, überflog es  und ... Himmel, das war ja leicht! Rasch füllte sie das Blatt aus. Dieses Mal hatte es anscheinend gereicht, nur kurz drüber zugucken.

Leonie neben ihr seufzte, als Herr Walter die Arbeiten wieder einsammelte und sagte leise: „Wenn ich Glück habe, wird das vielleicht noch eine Fünf. Ich hab‘ die falschen Vokabeln gelernt.“

***


Anna zupfte ein weiteres verwelktes Blatt von der Blume. Es war seltsam, heute früh, bevor sie in die Schule gegangen war, hatte die Blume noch vier völlig gesund aussehende, blaugrüne Blätter gehabt. Wie war es möglich, dass eines davon nach nur wenigen Stunden nicht nur welk wurde, sondern schon verfaulte? Angewidert warf sie den schwarzen, leicht schmierigen Klumpen in den Müll.

***


„Ich kann es mir selber nicht erklären“, sagte Annas Vater und nahm sich noch eine Scheibe Brot. „Wirklich, so niedrige Erwartungen hatte ich noch nie bei einem Vorstellungsgespräch, nicht nur, weil ich branchenfremd bin, sondern auch wegen der Menge der Mitbewerber, aber, siehe da …“ Er lächelte. „Ich hab‘ den Job.“

Annas Mutter strahlte, griff kurz über den Esstisch und drückte seine Hand, bevor sie den kleinen Tim weiter mit Babybrei fütterte.

„Und das ist wirklich sicher?“, fragte Anna. Sie konnte es fast nicht glauben. Ihren Vater niedergeschlagen und gereizt wegen der ständigen Absagen zu erleben, hatte in den letzten Monaten zum Familienalltag gehört. Es tat so gut, ihn wieder so fröhlich zu sehen.

„Ja, ganz sicher. Der Vertrag ist unterschrieben. Am zweiten Januar geht es los.“ Er zwinkerte Anna zu. „Und ich verdiene etwas mehr als früher. Also, wenn gewisse Leute bald den Führerschein machen wollen – dafür ist sicher ein kleiner Zuschuss drin.“

***


Anna fuhr ihren Laptop hoch und wollte sich gerade aufs Bett setzen, als ihr Blick auf die Blume am Fenster fiel. Zwei weitere Blätter hatten sich seit dem Abendessen in schmierige, schwarze Klumpen verwandelt. Stirnrunzelnd zupfte Anna sie ab und warf sie weg. Neben dem Papierkorb glitzerte etwas am Boden. Sie hob es auf. Ihr Silberarmband, das sie vor zwei Wochen beim Schwimmen im Hallenbad verloren hatte. Zumindest hatte sie das gedacht.

Das Piepen ihres Laptops, das eine Skype-Nachricht ankündigte, ließ sie zusammenzucken. Sie legte das Armband neben die Blume, an der jetzt nur noch ein einziges blaugrünes Blatt hing und wählte sich bei Skype ein. Kurz darauf lächelte Leonie sie vom Display aus an. „Hi.“

„Hi! Stell dir vor“, sprudelte Anna heraus. „Mein Vater hat wieder einen Job! Ab Januar. Es ist so klasse, ich kann dir gar nicht sagen wie froh ich bin.“

„Hey, super, das freut mich“, sagte Leonie ohne ihren üblichen Enthusiasmus. Jetzt erst fiel Anna auf, wie künstlich das Lächeln ihrer Freundin wirkte.

„Alles okay bei dir?“, fragte sie besorgt.

„Na ja.“ Leonie zuckte die Schultern. „Meine Mutter ist heute gefeuert worden.“

„Was?“ Entsetzt riss Anna die Augen auf. Leonies Mutter hatte eine als absolut sicher geltende Arbeit gehabt. „Warum? Ich meine, baut die Firma ab, oder so?“

„Nein. Keine Ahnung. Sie hat noch nicht viel erzählt, nur dass es nicht wirklich nachvollziehbare Gründe sind. Sie will einen Anwalt einschalten.“

„Das tut mir so leid.“

„Ach, das wird schon wieder.“

Für einen Moment schwiegen sie beide.

„Stell dir vor, ich habe vorhin mein Armband gefunden“, sagte Anna in die Stille hinein.

„Ich dachte, das hast du beim Schwimmen verloren?“

„Dachte ich auch. Es lag hier in meinem Zimmer.“

„Verrückt.“ Leonie schüttelte den Kopf. „Ich habe dafür heute meine Kette samt Anhänger verloren. Einfach weg. Anscheinend habe ich gerade eine echte Pechsträhne.“ Sie seufzte. Dann runzelte sie die Stirn. „Sag mal, das da hinter dir, auf der Fensterbank, ist das dieses furchtbare Ding vom Weihnachtsmarkt?“

„Das ist eine Blume, okay?“ Anna grinste. „Ich weiß, die Blüte macht nicht viel her, aber mir gefallen die Blätter. Ich habe noch nie blaugrüne Blätter gesehen, die so im Licht schillern.“

„Blaugrüne Blätter?“ Leonie sah sie voller Unverständnis an. „Bist du farbenblind? Die Blätter – falls man diese schmierigen Klumpen überhaupt so bezeichnen kann – sind schwarz.“

„Wenn sie verwelken, ja, aber ….“

„Nein!“ Leonie schüttelte den Kopf. „Hol das Teil mal her, halt es in die Kamera.“

Anna drehte sich um, nahm die Blume aus dem Glas und hielt sie so, dass Leonie sie gut sehen konnte. Das letzte blaugrüne Blatt leuchtete geradezu im Schein der Deckenlampe.

„Schwarz“, stellte Leonie fest. „Schwarzer Stängel, mit schwarzem, klumpigen Etwas dran. Als du das Teil mitgenommen hast, waren da halt ein paar schwarze, klumpige Dinger mehr am Stängel, aber sicher keine blaugrünen Blätter.“ Leonie sah sie eindringlich an. „Wirklich, ich verarsch‘ dich nicht.“

Anna schluckte hart und spürte, wie ihre Nackenhaare sich aufrichteten. Mit weit aufgerissenen Augen blickte sie auf die Blume und dann wieder zu Leonie.

„Anna, mit dem Ding stimmt was nicht.“

Sie bringt dir Glück bis das letzte Blatt verwelkt ist.

All diese glücklichen Zufälle in letzter Zeit, die teilweise fast an Wunder grenzten. Die Wasserpfütze, die Eins in Englisch, ihr Armband, der neue Job ihres Vaters. Annas Hände zitterten. „Sie bringt mir Glück.“

Jemand anderes zahlt den Preis.

Leonie.

Anna sprang auf. „Ich muss zum Markt. Ich ruf dich an.“ Ohne Leonies Antwort abzuwarten, schloss sie den Laptop, legte die Blume achtlos aufs Bett, schnappte sich Jacke und Tasche und warf ihrer Mutter nur ein rasches: „Bin noch kurz bei Leonie“ zu, bevor sie die Wohnung verließ.

Die Busfahrt kam ihr endlos vor. Von der Haltestelle aus rannte sie die Straße entlang, bis sie die ersten hellerleuchteten Buden des Marktes erreichte, schob und drängelte sich durch die Besuchermassen, vorbei am Stand mit den Strass-Gürteln.

Sie blieb stehen und rang nach Atem. Neben der Laterne war nichts. Kein Tisch, keine alte Frau.

„Hi“, wandte sie sich an den Händler, der genau gegenüber Lebkuchenherzen und Magenbrot verkaufte. „Der Stand, der vor ein paar Tagen dort drüben war, nur ein einfacher Tisch, mit etwas Krimskrams – ist der jetzt vielleicht woanders?“

„Da war nie ein Stand.“

„Aber ich habe da etwas gekauft und …“

„Nein, da irrst du dich. Da drüben war dieses Jahr kein Stand oder Tisch.“

„Okay, danke.“ Sie irrte sich ganz sicher nicht.

Das Herz schlug ihr bis zum Halse, als sie eilig die paar Schritte vom Trubel des Marktes in Richtung Straße lief. Noch im Gehen wählte sie Leonies Nummer. „Hör zu, ich war gerade am Markt und dieser Stand ist wie vom Erdboden verschluckt und …“

„Bist du noch am Markt?“, fiel Leonie ihr, hörbar außer Atem, ins Wort.

„Ja.“

„Okay, warte dort. Ich bin gerade auf dem Weg zum Bus. Ich komme zu dir. Mensch, bei dieser alten Hexe an dem Stand hatte ich gleich so ein komisches Gefühl. Wie die mich schon angeschaut hat … Bis gleich.“

„Okay, bis gleich.“ Anna legte auf, ging weiter in Richtung Bushaltestelle und scrollte durch die Fotos auf ihrem Handy. Sie hatte die Blume fotografiert, gleich am ersten Tag, das Foto musste noch irgendwo sein und … Sie stolperte plötzlich, knickte um und wäre fast hingefallen, schaffte es gerade noch das Gleichgewicht zu halten und das Handy nicht fallenzulassen. In dem Moment quietschten direkt neben ihr Bremsen und ein Auto zischte nur wenige Zentimeter an ihr vorbei.

Es hätte sie frontal erwischt, wäre sie nicht gestolpert. Nur ein einziger Schritt trennte sie von der Fahrbahn.

Anna atmete tief durch und strich sich mit bebenden Fingern das Haar aus der Stirn. Sie hatte verdammtes Glück …

Glück! Oh nein!

Ihr Glück, für das Leonie bezahlte.

Sie bringt dir Glück bis das letzte Blatt verwelkt ist.

Eines der blaugrünen Blätter war vorhin noch übrig gewesen.

Mit plötzlich weichen Knien wählte Anna erneut Leonies Nummer und lauschte angespannt dem Freizeichen. „Komm schon, geh ran!“ Leonie ging immer ans Handy.

Irgendwo in der Ferne hörte Anna das Heulen von Polizeisirenen.

Ihr Blick verschwamm, sie legte auf, wählte erneut und hielt das Handy an ihr Ohr gepresst, konzentrierte sich nur auf dieses verfluchte Tuten in der Leitung und hoffte auf Leonies fröhliches: „Hi, Anna.“
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