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What we're fighting for

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 / Gen
Catherine de' Medici Diane de Poitiers King Henry II of France Mary Stewart Nostradamus Sebastian "Bash" de Poitiers
02.12.2017
29.11.2020
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21.01.2018 2.278
 
Währenddessen im Speisesaal der königlichen Familie

Henry, dem zwischenzeitlich sein Appetit vergangen war, signalisierte dem Personal, die Tafel abzuräumen. Dann trat er langsam an eines der Erkerfenster und sah hinunter in den Hof, in dem einige der jüngeren Kinder der Bediensteten wild herum tobten. Zwei kleine Jungen  fochten mit dünnen Ästen einen Schwertkampf miteinander aus, während mehrere Mädchen fröhlich lachend fangen miteinander spielten und in ihrem Eifer einen der kämpfenden Buben von den Füßen rissen.

Unwillkürlich fragte er sich, wie viel Zeit verstrichen war, seit er das letzte Mal mit seinen eigenen Kindern getobt, geschweige denn Zeit mit ihnen verbracht hatte? Viel zu viel, wenn er sich nicht einmal mehr daran erinnern konnte. Als er vor einigen Monaten unerwartet im Spielzimmer der Kleinen aufgetaucht war, hatte sich seine jüngste Tochter tatsächlich hinter den Röcken ihrer Mutter vor ihm versteckt. Nicht aus Verlegenheit, sondern weil er für die Kleine ein nahezu Fremder war und sie sich vor ihm gefürchtet hatte.
Den Blick, den seine Gattin ihm in diesen Moment zugeworfen hatte, war mörderisch gewesen. Es bedurfte lediglich dieses Blickes und keiner tadelnden Worte um ihn vor Augen zu führen, was für eine lausige Vaterfigur der König Frankreichs war.
Hatte überhaupt irgendjemand seine Kinder darüber informiert, dass ihre geliebte Mutter nicht exekutiert worden war? Und in nicht allzu ferner Zukunft würde er ein weiteres Mal Vater werden.

„Der Herr stehe uns bei“, murmelte er selbstvergessen bei dem Gedanken, wie verfahren die Situation gegenwärtig war und wie hilflos er sich gerade fühlte.
„Bevor Ihr den Herren um Hilfe bittet, könntet Ihr das Gespräch mit Eurer Frau suchen.“ Henry hatte nicht einmal bemerkt, dass Mary neben ihm Position bezogen hatte und genau wie er hinaus zu den spielenden Kindern blickte.

Der König drehte sich langsam um und musterte die junge Frau in ihrem schwarzen, mit reichlich Spitze und goldenen Bordüren verzierten Kleid für einen kurzen Augenblick, bevor er ebenfalls wieder hinaus blickte und mit Resignation in der Stimme zugab:
„Ihr kennt Catherine. Mit ihr spricht man nicht einfach so. Mit ihr diskutiert man oder man schreit sich an.“
„Das liegt daran, dass sowohl Ihr, als auch Eure Gattin sehr temperamentvoll seid. Aber ich glaube, so einerlei, wie Ihr beide es uns immer weismachen wollt, seid Ihr Euch einander gar nicht.“ Als Henry seinen Kopf drehte, war Marys Augenmerk bereits auf ihn gerichtet. Ein kleines, Zuversicht schenkendes Lächeln lag auf ihren Lippen. „Versucht es doch einfach. Wenn auch nur dem kleinsten Valois zuliebe, der bald das Licht der Welt erblicken wird.“
„So jung und schon so weise“, murmelte Henry. Seine Worte klangen leicht spöttisch, nichtsdestotrotz meinte er sie dennoch ernst.
„Ich durchlief die harte Schule der Catherine de' Medici“, räumte sie daraufhin Augenzwinkernd ein, woraufhin Henry leise auflachte.
„Haben wir das nicht alle?!“
Beinahe zeitgleich richteten sie wieder ihre Aufmerksamkeit auf das muntere Treiben im Hof, das sie stumm für die nächsten Minuten betrachteten während sie beide ihren eigenen Gedanken nachhingen.

„Mary? Henry! Ich... ich muss dringend... also ich weiß nicht, ob ich es richtig verstanden habe, aber ich denke schon und...“
„Gibt es bei diesem Gestammel auch einen Punkt, auf den du kommen möchtest, Kenna?“
Sowohl Henry als auch Mary waren bei Kennas ungefragtem Eintreten herumgefahren. Ungeduldig ging der König Frankreichs auf die junge Frau zu, die verlegen an ihren Fingern zupfte und unsicher zwischen ihrer Herrin und ihrem Liebhaber hin und her blickte.
„Vielleicht ist es gar nicht so wichtig.“ Ihre Antwort klang mehr wie eine Frage. Mary ging nun ebenfalls langsam auf ihre Hofdame zu.
„Kenna, worum geht es?“, bohrte sie nach und zog Kenna am Ärmel ihres Kleides zur Seite. „Nun sag schon. Es muss wichtig genug sein, um uns beide hier aufzusuchen. Oder willst du unter vier Augen mit mir sprechen?“ Ihre letzte Frage hatte die Königin Schottlands sehr leise geflüstert, Henry hatte die Worte dennoch verstanden.
„Dann lasse ich Euch beide jetzt allein. Ich habe Wichtigeres zu tun“, entschied er daraufhin und machte Anstalten, den Speisesaal zu verlassen.

Zu seiner Überraschung hielt ihn Kenna jedoch auf, indem sie nach seinem Arm griff und aus ihren großen Kulleraugen zu ihm hinaufblickte.
„Ich bin hier wegen Diane.“ Diese Offenbarung veranlasste Henry, genervt seine Augen zu verdrehen. Wann würde das junge Ding endlich lernen, ihre Eifersucht zu zügeln?
„Für deine kindischen Unsicherheiten habe ich keine Zeit.“
„Es geht nicht um mich, sondern um Catherine.“ Diese Verlautbarung ließ ihn innehalten.
„Was haben Catherine und Diane miteinander zu schaffen? Sie hassen sich“, erwiderte er verwirrt.
„Ganz offensichtlich, ja. Aber glaubt Ihr, Diane könnte Eure Frau so sehr hassen, dass sie sie aus dem Weg räumen will?“ Diese Frage erwischte Henry eiskalt. Warum sollte Diane so etwas tun wollen?
„Wie kommst du zu diesem Schluss?“, presste er zwischen den Zähnen hervor um der Sache auf den Grund zu gehen. Scheinbar fand direkt unter seiner Nase eine Intrige statt, doch er hatte keine Ahnung, welche der Frauen tatsächlich darin verwickelt war und aus welchen Gründen. Und welche Rolle spielte Kenna hierbei?

„Diane hat eine, wie ich glaube erst zu nehmende Drohung gegen Eure Frau ausgestoßen als sie glaubte, niemand würde sie hören.“
Mary, die näher an sie beide heran getreten kam, sah schockiert ihre Hofdame an, die daraufhin stumm nickte.
„Diane hat Catherine bedroht? Warum in Dreiteufelsnamen sollte sie das tun?“, fragte Henry entgeistert.
„So weit hergeholt ist das nicht. Schließlich steht Eure jetzige Frau den Plänen Eurer zukünftigen Frau im Wege.“ Mary sprach etwas aus, dass er in diesem Moment einfach nicht wahrhaben wollte.
„Aber Catherine ist im Turm eingesperrt und sind wir doch mal ehrlich... meine Frau lässt sich nicht so einfach von jemanden bedrohen, erst recht nicht von Diane.“
„So ist es ja auch nicht passiert. Es war eher eine... Androhung. Diane möchte scheinbar Eure Frau dazu bringen, aus eigenen Stücken aus dem Leben zu scheiden.“ Kenna trat unsicher von einem Fuß auf den anderen als bereue sie ihre Entscheidung, ihr Wissen mit ihm geteilt zu haben.

„Das werden wir gleich haben. WACHEN!“, brüllte der König und Sekunden später wurden die Türen aufgerissen und vier seiner Wachposten stürzten sichtlich alarmiert in den Speisesaal. „Sucht Diane und bringt sie augenblicklich hierher“, befahl er mit herrischer Stimme.
Die Männer stürmten augenblicklich wieder davon während Henry begann, angespannt im Saal auf und ab zu wandern. Mary fragte Kenna währenddessen nach den Details dieser Begebenheit aus, die diese bereitwillig preisgab.
Bei der Erwähnung von Bash schickte der König auch nach seinem unehelichen Sohn, um ihn zu dieser Sache zu befragen und fuhr sich frustriert mit den Händen über seinen rasierten Schädel.

„Euer Majestät, Euer Sohn wird erst heute Mittag zurück erwartet, er ist bereits in der Frühe mit seinen Männern aufgebrochen, um die Unruhen in den umliegenden Dörfern einzudämmen“, erstattete ein Gardist bereits nach wenigen Minuten Rückmeldung. Henry nickte selbstvergessen. Er selbst war es gewesen, der Bash damit beauftragt hatte.
„Schickt ihn zu mir, sobald er zurück ist“, sagte er dennoch und setzte seine unruhige Wanderung durch den Saal fort.

Es dauerte weitere Minuten, bis erneut eine Wache den Saal betrat und eine kurze Verbeugung andeutete, bevor er Bericht erstattete.
„Lady Diane wurde wohl heute Morgen dabei beobachtet, wie sie den Turm aufsuchte. Man ist schon auf dem Weg dorthin, um sie zu Euch bringen zu lassen, mein König.“
„Nicht nötig, ich werde der Sache selbst auf den Grund gehen.“
Mit weit ausholenden Schritten lief Henry durch die Hallen des Schlosses, während sich in seinem Kopf mögliche Schreckensszenarien abspielen. Hatte Kenna womöglich Recht? Trachtete Diane Catherine nach dem Leben? Ganz unwillkürlich beschleunigten sich seine Schritte. Als er endlich den Turm erreichte, schoss er die Wendeltreppe hoch, immer zwei Stufen auf einmal nehmend. Noch bevor er das Verlies erreicht hatte, brüllte er bereits den dortigen Wachen zu, die Tür zu entriegeln.

Atemlos stürzte König Henry II in den dunklen Raum. Der Anblick, der ihn dort erwartete, ließ ihm das Blut in den Adern gefrieren. Diane, die neben der Tür stand, starrte mit einem manischen Blick auf die Mitte der Zelle, wo Catherine mit gesenktem Kopf kniete. Ihre Hand, die Sekunden zuvor wohl etwas in den Mund gesteckt hatte, senkte sich in Zeitlupentempo nach unten und Henry sah mit Schrecken, wie seine Frau deutlich sichtbar schluckte und dann ihre Augen schloss.
„Catherine“, schrie er panisch und stürzte zu ihr.
„Lass, Henry, lass sie. In wenigen Minuten ist es endlich vorbei. Du bist frei!“, kreischte Diane und begann höhnisch zu lachen.

Mit lautstark protestierenden Knien ging Henry vor seiner Frau auf den Boden und riss sie in seiner ungebremsten Wucht beinahe um. Kurzentschlossen packte er Catherine am Nacken und drückte ihren Kopf nach unten.
„Erbrich dich, LOS!“, schrie er außer sich, doch anstelle seinem Befehl folge zu leisten, wehrte sie kopfschüttelnd seine Hände ab. Henry riss sie daraufhin so heftig zurück, sodass sie auf seinem Schoß landete, umklammerte fest ihren Oberkörper mit einem Arm und drückte seine andere Hand auf ihr Gesicht, um seiner Frau die Luft zum Atmen zu nehmen. Erst als ihre Gegenwehr ein wenig erschlaffte, löste er wieder seine Hand. Wie erwartet schoss sie mit geöffnetem Mund leicht nach vorne um gierig Luft zu schnappen. Henry reagierte blitzschnell, umfasste ihren Mund mit einer Hand um ihn offen zu halten und steckte Catherine ohne zu Zögern seinen Zeigefinger in den Rachen, bis diese zu würgen begann. Wenig später übergab sie sich keuchend und begann am ganzen Leib zu zittern.

„Oh mein Gott“, hauchte Mary, die wohl zwischenzeitlich ebenfalls eingetroffen war.
Henry, der noch immer mit seiner Frau beschäftigt war, sah nicht einmal auf, während er Befehle brüllte.
„Holt sofort Nostradamus!“ Er vertraute blind darauf, dass man seinem Befehl Folge leisten würde.
„Was hast du genommen?“, wollte er von Catherine wissen, die schlapp in seinen Armen hing. Sein Blick suchte die Pfütze aus Erbrochenem ab, das nicht nur die Röcke seiner Frau, sondern auch sein Beinkleid in Mitleidenschaft gezogen hatte. Er entdeckte darin eine merkwürdige Kugel.
„War es diese Pille? Oder ein Trunk?“ Als von Catherine keine Antwort kam, sah er mit Zorn verzerrtem Gesicht zu Diane empor, die ungläubig und mit weit aufgerissenen Augen zu ihm hinab sah.

„Warum, Henry? Du wärst endlich frei gewesen. WARUM?“, ihr Kreischen war ohrenbetäubend, veranlasste aber seine Frau, sich endlich wieder zu regen und gegen seinen Griff anzukämpfen.
„Legt sie in Ketten und bringt sie zum Schweigen, das ist ja nicht auszuhalten“, donnerte er und hielt Catherine nach wie vor fest umklammert. „War es die Pille?“, fragte er sie wieder und dieses Mal nickte sie kaum merklich. Erleichterung durchströmte ihn. „Nur diese eine?“, bohrte er dennoch sicherheitshalber nach und auch jetzt war ihre Antwort ein tonloses Nicken. „Okay“, murmelte er und schloss für einen Sekundenbruchteil seine Augen.

Dianes Gekeife verstummte plötzlich und Henry riskierte einen Blick in ihre Richtung. Die Wachen hatten sie wie befohlen in Ketten gelegt und geknebelt, was sie jedoch nicht daran hinderte, sich wild gegen ihre Fesseln zu wehren. Catherine auf der anderen Seite war verdächtig still geworden. Behutsam umfasste er ihr Kinn und drehte ihren Kopf zur Seite, um sie besser ansehen zu können. Was ihn völlig schockierte, war die Spur von Tränen, die langsam ihre Wange hinunter rann.
„Nein, Darling, das wird schon wieder, glaube mir, alles wird gut“, flüsterte er und betete, dass sich seine Worte bewahrheiten würden.
„Margot“, brachte Catherine plötzlich hervor und kämpfte mit einem Mal so heftig gegen seinen Griff an, dass ihr Ellbogen sich schmerzhaft in seine Magengrube bohrte.
„Catherine, beruhige dich. Was ist mit Margot?“
„Sie hat jemanden in ihr Zimmer geschickt. Margot ist in Gefahr. Alle meine Kinder sind in Gefahr!“ In einer Tonlage, die fast schon an Hysterie grenzte, schrie seine Frau auf und deutete anklagend auf Diane.

Endlich meinte Henry zu verstehen, was genau hier oben vorgefallen war, was dazu geführt hatte, dass Catherine sich zu einem erzwungenen Suizid hatte hinreißen lassen. Diane hatte ihre Kinder bedroht!
„Seht sofort nach der Prinzessin und ihren Geschwistern. Bringt sie an einen sicheren Ort“, herrschte er seine Wachen an und erst dieser Befehl sorgte dafür, dass sich seine Königin wieder ein wenig beruhigte.

„Majestät, Ihr habt mich gerufen?“, Nostradamus tiefer Bass ertönte wenig später und Henry winkte den Hünen ungeduldig in die Zelle hinein.
„Sie hat Gift geschluckt“, er deutete auf die fragliche Pille während er sprach, gab Catherine jedoch nicht frei. „Ich habe sie gezwungen, sich zu erbrechen“, erklärte er während der andere Mann nickte und neben dem Paar auf die Knie ging. Der Seher sprach so lange sanft auf Catherine ein, bis diese seine Fragen einsilbig beantwortete und sich sogar den Puls messen ließ.
„Ihr habt schnell und richtig gehandelt, Euer Majestät. Eure Reaktionsschnelle hat Eurer Frau das Leben gerettet“, Nostradamus Worte trafen ihm tief im Mark. Doch der Seher war noch nicht fertig mit ihm. „Und ganz offensichtlich liegt Euch doch noch etwas am Wohlergehen Eurer Gemahlin. Ich hoffe, Ihr verzeiht mir meine Unverblümtheit, aber unter den momentan vorherrschenden Bedingungen riskiert Ihr dennoch ihr Leben.“

Henry sah den bärtigen Mann direkt an und bewunderte seine an Leichtsinn grenzende Unverfrorenheit und die Loyalität, die er Catherine entgegen brachte.
„Ihr seid ein mutiger Mann, Nostradamus. Eurem König so die Stirn zu bieten. Aber ich verzeihe Euch Eure Unverblümtheit, denn Ihr habt meine Frau und mein ungeborenes Kind gerettet.“ Henry richtete sich auf und erhob sich mit Catherine in seinen Armen wieder, die zwar anfänglich protestierte, beim Eintreffen einer Wache aber erleichtert ihre Augen schloss als der grobschlächtige Mann ihnen mitteilte, dass sowohl Prinzessin Margot, als auch die Prinzen wohlauf waren und nun in Sicherheit gebraucht worden waren und ließ sich widerstandslos von ihrem Mann hinaustragen.  Was nur bewies, wie müde und erschöpft sie sich in diesem Moment fühlen musste.
„Widerwärtige Hexe“, zischte Catherine in Dianes Richtung, bevor sich die Tür hinter ihnen schloss.
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