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What we're fighting for

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 / Gen
Catherine de' Medici Diane de Poitiers King Henry II of France Mary Stewart Nostradamus Sebastian "Bash" de Poitiers
02.12.2017
29.11.2020
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05.09.2018 2.022
 
Noch ehe Francis den Treppenabsatz erreicht hatte, holte ihn jemand mit einem entschlossenen Gang und schweren Stiefeln ein. Er musste sich nicht umdrehen um zu wissen, dass dieser Jemand sein Halbbruder Sebastian war.
„Was willst du?“, knurrte er gereizt und eilte ohne innezuhalten die Treppe hinunter.
„Mit dir reden“, antwortete Bash und folgte ihm ungefragt.
„Und worüber, Bruder? Darüber, dass du mit meiner Verlobten durchgebrannt bist oder doch lieber über deinen Plan, nach Vaters Ableben selbst den Thron zu besteigen? Oder gibt es noch mehr, worüber du mit mir reden möchtest? Vielleicht über deine Mutter, die versucht hat, meine Mutter umzubringen?“

Francis konnte den Groll, den er in diesem Augenblick empfand, nicht verbergen.
Und warum auch? Vielleicht war es an der Zeit, das Gefühl von Verrat gepaart mit Wut zu verbalisieren, das seit seinem Fortgehen bleischwer auf seiner Brust lastete.

„Du bist wütend, und das kann ich auch verstehen.“ Bash hatte die Unverfrorenheit, den Verständnisvollen zu mimen, was Francis wutentbrannt herumfahren ließ.
„Das glaube ich kaum“, entgegnete der Jüngere ungehalten und setzte seinen Weg fort.
„Francis! Bitte.“ Eine Hand legte sich auf seine Schulter.
„Was könnte es zwischen uns noch zu sagen geben, Bash?“
„Ich wollte nie, dass so etwas geschieht. Es ist einfach...“ Sebastian zögerte kurz, als suche er nach geeigneten Worten. „...außer Kontrolle geraten.“
„Soll das eine Art von Entschuldigung sein?“, fragte Francis, woraufhin Bash seinen Kopf schüttelte. „Gut, das wäre sonst nämlich die erbärmlichste Entschuldigung, die ich jemals gehört habe.“

„Nein, wir wollten lediglich ein drohendes Unheil aufhalten und haben damit unbeabsichtigt viele weitere heraufbeschworen.“ Bei diesen Worten blickte Francis zweifelnd in die blauen Augen seines Bruders, die ihn beinahe flehentlich ansahen.
„Du meinst Nostradamus Prophezeiung? Ich kann nicht glauben, dass meine Mutter, Mary und ganz offensichtlich auch du dieser sogenannten Prophezeiung so viel Glaube schenken.“
„Wie gesagt, es ist außer Kontrolle geraten“, wiederholte Bash in Ermangelung einer ausreichenden Erklärung.

Francis schüttelte seinen blonden Schopf. Der Großteil seiner Wut war inzwischen verraucht. Aber das musste Bash ja nicht wissen. Er würde sich hüten, seinen Halbbruder so leicht vom Haken zu lassen. Sollte er ruhig noch ein wenig zappeln und Buße tun.

„Es reicht! Ich verbiete dir, weiterhin über dieses Thema zu sprechen. Weder mit mir, noch mit einem Arzt und erst recht nicht mit deinem Quacksalber!“, die in blinder Rage gebrüllten Worte ihres Vaters ließen die beiden jungen Männer zeitgleich herumfahren. Gerade rechtzeitig um mitansehen zu müssen, wie Henry seine Frau heftig von sich fort und hinterrücks die Treppe hinunter stieß.

„Catherine!“
„Mutter!“
Zeitgleich löste sich ein Schreckenslaut aus Henrys und Francis Kehle, während Sebastian bereits geistesgegenwärtig auf die Fallende zustürmte. Der blonde Prinz rannte ebenfalls zum Treppenabsatz hinauf, auf dem seine Mutter bewegungslos liegen geblieben war und ging schwer keuchend neben ihr und Sebastian auf die Knie. Unter Catherines aufwendig frisierten Locken sickerte bereits Blut hervor.
„Beweg sie nicht“, wies ihn Bash an, der behutsam ihre Gliedmaßen auf Brüche zu untersuchen schien.

Über ihnen brüllte sein Vater die anwesenden Bediensteten an, die ängstlich zwischen ihrem König ihr ihrer verunglückten Königin hin und her blickten. Aus dem Augenwinkel registrierte er, dass sich einer der Männer aus seiner Starre löste und loslief um Hilfe zu holen. Auch sein Vater stürmte nun die Treppen hinunter und schob Francis grob beiseite, sobald er auf dem Treppenabsatz angekommen war.
„Catherine? Liebes? Wie konnte das nur passieren?“, schluchzte er hilflos und machte Anstalten, seine verletzte Frau in seine Arme ziehen zu wollen.

Heftiger als nötig stieß Francis seinen Vater daraufhin fort, sodass dieser auf seinem Hosenboden landete und verständnislos zu seinem Sohn aufblickte.
„Rühr sie nicht an. Du hast bereits genug Unheil angerichtet, Vater“, wies Francis ihn aufgebracht zurecht und schob sich zwischen den König und seine Mutter.
Denn egal, wie verzweifelt und reumütig Henry gerade tat, Francis hatte mit eigenen Augen gesehen, wie sein Vater Sekunden zuvor die Frau, die er angeblich liebte, die Treppe hinuntergestoßen hatte.

„Was ist nur los mit dir? Hast du den Verstand verloren?“, schrie er fassungslos, woraufhin sein Vater das Gesicht in seinen Händen vergrub und hemmungslos zu schluchzen begann.  Ein weiterer Beweis dafür, dass der König Frankreichs nicht recht bei Sinnen war.

Ein Schatten fiel plötzlich über sie und als Francis aufsah, blickte er in das sorgenvolle Gesicht des Sehers seiner Mutter.
„Macht Platz“, forderte der Mann und ging neben seiner Königin auf die Knie.
Bash, der nach wie vor über Catherine gebeugt war, rutsche beiseite und erklärte mit bemerkenswert ruhiger Stimme, was geschehen war.

„Ihr müsst sie retten“, wimmerte Henry, der einem Häuflein Elend gleich auf den Stufen saß. Zwischenzeitlich hatte er wieder seine Hände gesenkt und starrte nun mit einem beinahe hypnotisierenden Blick in die Richtung seiner verunglückten Frau.
„IHR MÜSST SIE RETTEN“, brüllte er plötzlich wie von Sinnen und kam auf die Helfer zugetaumelt.

Francis sprang auf und stellte sich seinem Vater in den Weg. In seinem Zustand war es nicht ratsam, ihn näher an seine Mutter heran zu lassen. Er würde mehr Schaden verursachen als von Nutzen sein.
„Es wäre besser, wenn Ihr ihn von hier wegbringen würdest“, ertönte Nostradamus tiefer Baß. Francis teilte die Meinung des Heilers, befürchtete aber, dass sich sein Vater in seiner besorgniserregenden Verfassung nicht davon abbringen lassen würde, hier bei Catherine zu wachen.

„Du musst Nostradamus seine Arbeit machen lassen.“ Francis legte Henry seine Hand auf den Arm, rechnete aber nicht damit, zu ihm durchzudringen. Zu seiner Überraschung blinzelte sein Vater kurz und plötzlich flackerte so etwas wie Erkenntnis in seinen Augen auf, die verräterisch feucht glänzten.
„Was habe ich nur getan?“ Der Ausdruck des Schmerzes auf seinem Gesicht löste beinahe so etwas wie Mitleid bei seinem Sohn aus, doch dann rief Francis sich wieder ins Gedächtnis, wie heftig Henry seine Frau von sich fort gestoßen hatte. Seine schwangere Frau, rief er sich in Gedächtnis.

Entschlossen zog er seinen Vater fort. Fort von dem Ort, an dem Nostradamus und Bash noch immer seine bewusstlose und blutende Mutter versorgten.
„Du hilfst ihr jetzt am besten, indem du nicht im Weg herum stehst.“

Aus einiger Entfernung beobachteten Francis und sein Vater die Bemühungen der beiden Männer. Und als Catherine de Medici wenig später vorsichtig nach oben getragen wurde, hinderten seine Söhne Henry Valois daran, ihr zu folgen.


Als Catherine nach einiger Zeit in ihrem Gemach wieder zu sich kam fühlte sie sich, als wäre sie ungebremst von einer heranrasenden Kutsche überrollt worden. Jedes Nervenende ihres  Körpers schien in Flammen zu stehen und jagte unentwegt Wellen des Schmerzes durch ihren Leib. Ein leises Stöhnen entwich ihren Lippen noch bevor sie vollständig ihre Augen geöffnet hatte.
„Catherine, wie fühlt Ihr euch?“ Auch ohne ihren Kopf zu drehen wusste sie, wer an ihrer Bettkante über sie wachte. Was ihr nicht sofort klar war, war das warum. Doch dann holten sie der Schrecken ihres Sturzes wieder ein und ihre Hand wanderte unwillkürlich zu ihrem Bauch.

„Das Baby“, brachte sie mit heiserer Stimme hervor und schloss abermals ihre Augen um ein stilles Gebet gen Himmel zu senden, indem sie um die Unversehrtheit ihres Ungeborenen betete. Das Leben dieses Kindes stand unter keinem guten Stern und sie fragte sich, um wie viele Wunder sie im Namen ihres Babys noch flehen konnte.
„Ich würde lügen, wenn ich nicht noch immer besorgt um Euch und Euer Baby wäre, aber Ihr habt es nicht verloren. Ihr hattet zwar eine leichte Blutung, die hat aber gottlob nicht zu einem Abgang geführt.“
Die Erleichterung, die sie bei dieser Offenbarung verspürte, verdrängte sogar die allgegenwärtigen Schmerzen aus ihrem Bewusstsein.
„Gott sei Dank“, murmelte die Königin Frankreichs demütig und spürte, wie sich Feuchtigkeit in ihren Augenwinkeln sammelte.

Und während sie angestrengt gegen ihre Tränen und Emotionen ankämpfte, legte sich die große und warme Hand ihres Sehers in einer mitfühlenden Geste auf die ihre.
„Dennoch ist Euer Zustand ernst, Euer Majestät. Ihr habt eine Menge Blut verloren aufgrund einer Platzwunde am Kopf. Ich werde Euch gleich etwas gegen Eure Schmerzen geben. Allerdings in einer verdünnten und weniger wirkungsvollen Dosis, um dem Baby nicht zu schaden. Doch vorher muss ich Euch untersuchen um eine ernsthafte Wirbelsäulenverletzung  ausschließen zu können.“ Catherine stimmte tonlos zu. Ihr Baby lebte, das alleine zählte.

Geduldig ließ sie Nostradamus Untersuchung ihrer motorischen Fähigkeiten über sich ergehen. Einige der Bewegungen schmerzten und eine löste einen derart stechenden Schmerzimpuls aus, dass Catherine gequält aufschrie und silberne Sterne vor ihren Augen zu tanzen begannen.

„Trotz allem habt Ihr Glück gehabt, Majestät. Eine heftige Prellung, die zwar schmerzhaft ist, aber sicherlich keinen bleibenden Schaden hinterlassen wird.“
Catherine fühlte sich in diesem Moment alles andere als glücklich, dennoch biss sie ihre Zähne zusammen und schluckte die giftige Bemerkung, die ihr auf der Zunge brannte, unausgesprochen hinunter.
Ihr Seher war nicht Schuld an ihrer misslichen Lage und sie verbot sich, ihren Ärger an dem Mann auszulassen, der ihr lediglich zu helfen versuchte. Auch wenn es ihr schwer fiel.

„Was soll das heißen: Ich darf nicht zu ihr?! Sie ist meine Frau und ich bin verdammt nochmal der KÖNIG!“
Catherines Blick wanderte augenblicklich zur Tür als sie Henrys wutentbrannte Stimme von Draußen dröhnen hörte, doch zu ihrem Erstaunen öffnete sie sich nicht.

„Mutter wird noch behandelt. Ich fürchte, du wirst dich wohl gedulden müssen.“ Francis versuchte seinem Vater zur Vernunft zu bringen, doch sie kannte ihren Gemahl gut genug um zu wissen, dass gut gemeinte Worte bei Henry viel zu oft auf taube Ohren stieß.
„Nichts dergleichen werde ich tun! Ich will sie sehen, und zwar sofort. Macht Platz oder ich lasse euch und eure gesamte Familie Vierteilen und an meine Hunde verfüttern!“ Seine ausgestoßene Drohung galt mit Sicherheit ihren Wachen.

„Schick ihn fort“, forderte Catherine an Nostradamus gewandt, der sich mit ernstem Gesichtsausdruck erhob und zur Tür schritt. Doch bevor er diese erreicht hatte, wurde sie bereits geöffnet und Henry stürmte mit weit aufgerissenen Augen und manischem Blick in den Raum.
„Catherine, was machst du nur für Sachen, Liebes?!“

Ungläubig und verärgert über diese Unverfrorenheit, richtete Catherine sich in ihrem Bett auf, was mit einer erneuten Schmerzwelle quittiert wurde. Es gelang ihr nicht, das Stöhnen zu unterdrücken, das daraufhin ihren Lippen entwich.
„Verschwinde, Henry!“, sagte sie mit so viel Kälte in ihrer Stimme, die den Nordpool wie einen lauschigen Ort erscheinen ließ.
„Vater“, mahnte ihn Francis, der von Mary und Bash gefolgt ebenfalls ihr Schlafgemach betrat.

„Das kann ich nicht. Nicht, bevor ich mich davon überzeugt habe, dass es dir und dem Baby gut geht. Sag, dass es euch gut geht, Catherine.“
„Henry,  ich will, dass du gehst!“, verlangte sie voller Vehemenz, ohne auf seine Forderung einzugehen.
„Und ich will wissen, wie es dir und meinem Kind geht“, schrie ihr Gemahl und stürmte auf sie zu. Vor dem Bett sank er auf seine Knie, ergriff ungeachtet ihres Protests Catherines Hand und brachte diese an seine Lippen. Dann stieß er einen merkwürdiger Laut – halb Schluchzen, halb Aufschrei – aus und Catherine meinte, Feuchtigkeit in seinen Augen glitzern zu sehen. Dennoch ließ sie sich nicht von der Zurschaustellung seiner Emotionen erweichen und entwand ihm ihre Hand.
„Nostradamus!“, brüllte Henry daraufhin, weil seine Frau nicht auf seine Fragen reagierte und fuhr zu dem bärtigen Mann herum. „Sag mir wie es ihr geht oder du wirst deinem Schöpfer noch heute entgegen treten“, drohte er.

Francis, der sich von seiner Position neben der Tür löste, machte Anstalten, in das Geschehen einzugreifen. Catherine kam ihm jedoch zuvor, indem sie sich unter Schmerzen aufrichtete und das Wort ergriff.
„Wage es nicht Nostradamus zu bedrohen, der gerade nichts anderes tut, als mir zu helfen. Wenn du noch einen Funken Respekt für mich empfindest, dann verlässt du jetzt mein Gemach. Ich ertrage es nämlich keine Sekunde länger, dich ansehen zu müssen, Henry. Also sei so gut und verschwinde.“

Schockiert von der Heftigkeit ihrer Worte starrte ihr Gemahl sie für einige Sekunden an, bevor er betreten seinen Kopf senkte. Die Blicke aller Anwesenden waren auf den König Frankreichs gerichtet, der scheinbar schwer an dem zu kauen schien, was seine Frau ihm soeben an den Kopf geworfen hatte.

Mit der Schwere eines alten Mannes erhob er sich schließlich und verließ das Gemach. Nicht jedoch ohne Catherine noch einen letzten flehentlichen Blick zuzuwerfen.
Doch sie wich seinem Blick aus und sah in die andere Richtung.
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