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What we're fighting for

GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 / Gen
Catherine de' Medici Diane de Poitiers King Henry II of France Mary Stewart Nostradamus Sebastian "Bash" de Poitiers
02.12.2017
29.11.2020
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06.03.2018 1.963
 
Als Sebastian an der Spitze seiner kleinen Truppe auf den königlichen Hof galoppierte, kam ihm zu seiner Überraschung sofort Mary entgegengeeilt. Der kalte, ungnädige Wind zerrte an ihrem langen, dunklen Haar, während sie stoisch dem Sturm trotzte. Bash zügelte seinen Hengst und sprang vor seiner zukünftigen Frau vom Pferd.
„Mary? Was ist passiert?“, wollte er sogleich besorgt wissen. Er musste kein Hellseher sein um zu erkennen, dass die Schottische Königin aufgebracht und über die Maße besorgt wirkte.
„Deine Mutter hat versucht, Catherine zu töten. Henry hat sie einkerkern lassen und will unverzüglich nach deiner Rückkehr mit dir sprechen. Bash, ich...“
„Nicht hier“, murmelte der Bastard des Königs  und legte Mary seine Hand auf den Arm um sie sanft in Richtung der Stallungen zu dirigierte. Sein Hengst folgte ihm ohne jede Aufforderung. Erst, als sie allein waren, ergriff er das Wort.
„So etwas habe ich befürchtet. Ich habe sie gewarnt, Mary. Vielleicht hätte ich es mit mehr Nachdruck tun sollen. Wie geht es Catherine und dem Baby?“

Das Wissen, dass seine Mutter trotz seiner Warnung einen Anschlag auf die schwangere Königin verübt hatte, weckte bittere Schuldgefühle in ihm. Hätte er ihr mehr Härte zeigen sollen? Oder seinen Vater und die Wachen im Turm vorwarnen sollen?
„Henry hat es rechtzeitig verhindern können. Ich habe ihn noch nie so besorgt um Catherines Wohlergehen gesehen.“ Bash schloss für den Bruchteil einer Sekunde seine Augen und stieß erleichtert die Luft aus seinen Lungen, die er unwillkürlich angehalten hatte. Dann löste er die Schnalle des Sattels und wuchtete ihn vom Rücken seines Pferdes.
„Und meine Mutter?“
„Eingekerkert. Ich weiß nicht, was Henry nun mit ihr vor hat. Aber er war vernünftig genug zu erkennen, dass der Kerker kein geeigneter Ort für seine schwangere Frau ist. Er hat Catherine persönlich zurück in die königlichen Gemächer gebracht. Seither habe ich beide nicht mehr gesehen. Vorerst ist sie in Sicherheit.“ Sebastian nickte nachdenklich und ergriff eine Handvoll Stroh, um damit das verschwitzte Fell seines Hengstes trocken zu reiben. Mary tat es ihm auf der anderen Seite der Box gleich.

„Wir wissen beide, wie launenhaft mein Vater ist. Und Catherine ist auch nicht gerade dafür bekannt, sich ihrem Mann gegenüber fügsam und einsichtig zu zeigen. Wer weiß, wie lange dieser Frieden anhalten wird“, gab er Mary zu bedenken. Und auch wenn seine Worte schrecklich pessimistisch klangen, wussten sie beide, dass die Sache noch lange nicht ausgestanden war.
Das unvollstreckte Todesurteil hing noch immer wie ein Damokles-Schwert über dem Kopf der Französischen Königin. Seine bloße Existenz mit seinem Streben, Mary zu ehelichen, stellte im Grunde sogar die größere Gefahr für Catherine de' Medici dar. Denn in dem Moment, in dem Henry ihn mit oder ohne die Zustimmung Roms anerkannte und er die Königin von Schottland heiratete, würde nicht nur die Erbfolge Frankreichs durcheinander gebracht und seine Halbgeschwister ihres Erbes beraubt, ihre Leben und das ihrer Mutter würde ab diesem Moment auf Messers Schneide stehen. Wie um alles in der Welt konnte er sein Leben über das seiner Geschwister stellen?
Ja, ursprünglich hatten sie vielleicht Francis vor einer düsteren Prophezeiung retten wollen, doch rechtfertigte die Rettung eines einzelnen Menschen die Opferung eines anderen?

Sie beide hatten in ihrem blinden Wunsch Francis zu retten die Tragweite ihres Handeln völlig unterschätzt. Catherine's Postion gegen das Leben ihres Sohnes einzutauschen war ihnen fair und vertretbar erschienen. Doch die Dinge, die sie mit ihrem Plan losgetreten hatten, waren ihnen heillos über den Kopf gewachsen. Sie hatten unwillentlich Schicksal gespielt und die Anzahl derer, dessen Zukunft sie mit ihrer Verbindung zerstören würden, stand mittlerweile in keiner Relation mehr, die Sebastian guten Gewissens vertreten konnte. Sein Beharren, in die Erbfolge aufgenommen zu werden, stellte für die schwangere Ehefrau seines Vaters eine weitaus größere Gefahr dar, als seine mittlerweile eingekerkerte Mutter.
„Mary, verzeih mir, aber ich muss jetzt das einzig Richtige tun.“ Über den Rücken seines Hengstes suchte sein Blick den ihren und in ihren großen, mitfühlenden Augen erkannte er sofort, dass Mary musste, wovon er sprach.
„Ich weiß“, murmelte sie leise und griff über die Kruppe des Tieres hinweg nach seiner Hand. „Ich weiß.“ Die Erleichterung, die er kurz in ihrem traurigen Blick aufblitzen sah, bestätigte Bash in seinem Entschluss. Unwillkürlich schlossen sich seine Finger um die ihren.
„Auch wenn unsere Absichten ehrenhaft waren, können wir nicht das Leben eines erwachsenen Prinzen mit freiem Willen über das eines Ungeborenen und seine Mutter stellen. Und solange ich auf die Anerkennung und mein Geburtsrecht beharre, wird Henry Catherine gegenüber keine Gnade walten lassen können.“

Marys Augenwinkel schimmerten verräterisch und Sebastian beobachtete fasziniert, wie sich eine einzelne Träne daraus löste und langsam ihre Wange hinunter rann.
„Francis wird uns hassen, aber er allein kann diesen Wahnsinn noch stoppen“, stimmte sie ihm zu, während Bash über den Rücken des Pferdes griff und sanft die Träne fort wischte.
„Er hasst dich nicht, mein Bruder liebt dich. Er wird dir vergeben.“ Ober sein Bruder ihm jemals wieder vergeben würde, stand auf einem anderen Blatt.
„Es tut mir so unendlich leid.“ Marys trauriger Blick traf ihm tief im Mark und doch verriet ihm ihre Reaktion, dass er auch ihretwegen das Richtige tat. Denn Mary liebte Francis – noch immer und ganz offensichtlich mehr als ihn. Warum sonst hätte sie all dies auf sich nehmen sollen? Sie liebte ihn sogar so sehr, dass sie ihr eigenes Glück für sein Leben geopfert hätte. Der kurze Moment der Erleichterung in ihren Augen hatte sie verraten. Und wenn er ehrlich zu sich selbst war, war das vorherrschende Gefühl in seinem Innersten ebenfalls Erleichterung. Wenn auch aus völlig anderen Gründen. Er war erleichtert, dass die Last, Thronfolger von Frankreich zu sein, von seinen Schultern genommen werden würde. Er war kein König, kein Herrscher. Vielmehr ein Freigeist.
„Das muss es nicht, Mary. Jeder Mann, der an deiner Seite leben darf, kann sich glücklich schätzen. Es ist nur nicht mein Schicksal.“ Bei diesen Worten trat er um seinen Hengst herum und schloss Mary in seine Arme.
„Du bist ein guter Mann, Bash“, raunte Mary gegen sein Ohr.
„Francis sieht das vermutlich ein wenig anders“, scherzte er, um seine Verlegenheit zu überspielen. „Ich werde gleich einige Reiter losschicken, um nach ihm zu suchen.“


Währenddessen in Henrys Gemächern

Sicher verschanzt hinter seinem Schreibtisch spähte der König Frankreichs immer wieder in die hintere Sitznische seiner Gemächer, in die sich seine Frau mit den Kindern zurück gezogen hatte.
Als die drei Kleinsten vor einer halben Stunden hierher gebracht worden waren, hatten sich ihre Augen vor Unglaube und Erstaunen geweitet, als sie ihre Mutter erblickt hatten. In diesem Moment hatte sie auch ihre Kinderfrau nicht mehr zurück halten können und sie waren Catherine in die wartenden Arme geflogen. Sein Weib war vor ihnen auf die Knie gesunken, hatte ihre drei Kinder mit der Kraft der Verzweiflung an sich gedrückt und sichtbar gegen Tränen angekämpft. In dieser Position hatten sie einige Minuten lang inne gehalten. Minuten, in denen er gebannt zu ihnen hinüber gestarrt hatte und sich wie ein gefühlskalter Mistkerl vorgekommen war.
Mit einem Wink des Handgelenks hatte er die Nanny entlassen. Es reichte schon, dass er sich wie ein Eindringling fühlte. Seine Familie brauchte keine weiteren Augenzeugen dieses emotional geladenen Wiedersehens.

Als Catherine ihre drei Jüngsten schließlich zur Sitzecke führte, hatten ihre kleinen, tränenverschmierten Gesichter vor Glück gestrahlt.
Die Jungen saßen jeweils rechts und links neben ihrer Mutter, Margot auf ihrem Schoß und das Quartett war in eine Geschichte vertieft, die seine Frau ihren Kindern leise und mit viel Wärme in der Stimme erzählte. Ihre Hände streichelten und liebkosten sie dabei unentwegt. Jedes Mal, wenn Henry sich zwang, seinen Blick von seiner Familie abzuwenden um sich auf seine Schreibarbeit zu konzentrieren, wanderte er wenige Sekunden ganz automatisch wieder dorthin zurück. Resignierend ließ er die Feder sinken.

Catherine verschluckte sich plötzlich und räusperte sich dann, was Henry zum Anlass nahm sich zu erheben, einen Becher mit Wasser zu füllen und damit hinüber zur Sitzecke zu gehen. Wortlos hielt er seiner Frau das Wasser entgegen, die irritiert zu ihm auf sah. Es vergingen einige Sekunden, bevor sie den Kelch ergriff, ihn skeptisch beäugtge und dann an ihre Lippen führte.
Währenddessen starrten ihn drei Augenpaare an. Henry fühlte sich in diesem Moment unsicherer als jemals zuvor in seinem Leben. Was sollte er seinen Kindern sagen, denen er beinahe ihre Mutter genommen hatte. Kindern, die zwar genetisch gesehen die seinen waren, für die er aber nichts weiter als ein Fremder, ein Phantom war. Gott, was für ein lausiger Vater er doch war.

Zu seiner Überraschung sprang Charles auf einmal von dem Sofa, baute sich zu seiner vollen Größe zwischen ihm und Catherine auf und funkelte seinen Vater entschlossen und wütend zugleich an.
„Ich will nicht, dass du Mutter tötest.“ Sein Körper bebte vor Aufregung.
Diese Kampfansage veranlasste seinen kleinen Bruder, ebenfalls von dem Sofa zu rutschen, neben Charles Stellung zu beziehen und mit ernstem Gesichtsausdruck zum König Frankreichs aufzusehen.
„Ich will das auch nicht“, verkündete er, griff anschließend hinter sich und hielt seinem Vater sein abgenutztes Holzschwert unter die Nase. „Und ich habe ein Schwert!“
„Henri! Charles!“, versuchte Catherine ihre aufgebrachten Söhne wieder zu beruhigen, doch Henry konnte den Prinzen den Wunsch, ihre Mutter vor ihm zu verteidigen, nicht einmal übel nehmen. Die Buben besaßen mehr Integrität in ihrem jungen Alter, als ihr alter Herr es tat. Henry ging vor seinen Söhnen auf die Knie, um ihnen auf Augenhöhe zu begegnen.

„Es zeugt von großem Mut und Tapferkeit, für die einzustehen, die man liebt. Ihr seid gute Jungs. Gute Söhne.“  Henry strich den beiden Jungen über ihre Köpfe und riskierte dabei einen Blick auf seine Frau, die ihn entgeistert anstarrte. Also setzte er ein breites Grinsen auf. Und während er zwischen seinen Söhnen und seinem Weib hin und her blickte, kam ihm plötzlich ein genialer Gedanke. „Und weil ihr mir nun bewiesen habt, wie sehr ihr eure Mutter liebt und dass ihr nicht nur tapfer sondern auch ritterlich seid, habe ich eine sehr wichtige Aufgabe für euch. Eine, die nur die mutigsten aller Prinzen bestehen können.“ Henry machte eine gewichtige Pause, in der er zuerst Charles, dann Henri  ansah, die ihm beide voller Eifer zunickten und vor Neugierde und Stolz zu platzen schienen.
„Oh ja Vater, ich bin schrecklich mutig und werde Mutter gegen jede Gefahr verteidigen“, versprach Charles, woraufhin Catherine einen merkwürdigen Laut ausstieß und ihn vor Rührung an sich drückte. „Ich auch, Vater, ich auch.“ Henris Beteuerung brachte auch ihm eine Umarmung seiner Mutter ein.
„Dann glaube ich, dass ich mit euch die richtigen Prinzen gefunden habe. Aber bevor ich euch von dieser Aufgabe erzähle, muss ich euch ein Geheimnis verraten. Eure Mutter ist schwanger. Ihr bekommt bald ein neues Geschwisterchen. Aber wir müssen gut auf sie aufpassen. Ihr geht es nicht so gut und sie darf sich nicht anstrengen oder aufregen. Meint ihr, das bekommen wir gemeinsam hin?“

Bei dieser Offenbarung hatten sich die beiden Prinzen ruckartig umgedreht und ihre gesamte Aufmerksamkeit ruhte nun auf ihrer Mutter. Margots kleinen Hände tasteten prüfend Catherines flachen Bauch ab.
„Da ist doch aber gar kein Baby drin“, verkündete sie enttäuscht, woraufhin ihre Brüder ihrem Beispiel folgten und ebenfalls den Unterbauch seiner Frau abtasteten.
„Das Baby ist noch sehr klein“, klärte Catherine sie auf und warf Henry über die Schöpfe ihrer Kinder hinweg einen bösen Blick zu.
„Und auch wenn das Baby noch klein ist, muss sich eure Mutter trotzdem schonen. Werdet ihr mir helfen, sie regelmäßig daran zu erinnern?“ Alle drei Kinder nickten eifrig, woraufhin seine Frau genervt ihre Augen verdrehte.
„Meine Lieblinge, euer Vater übertreibt. Mir geht es gut.“

Nach dieser Beteuerung fielen die Kinder mit unzähligen Fragen über sie ein. Fragen, die sie geduldig beantwortete. Henry beobachtete die Interaktion seiner Gattin mit ihrem gemeinsamen Nachwuchs von seiner Position am Boden aus, mischte sich aber nicht weiter ein. Er hatte erreicht, was er erreichen wollte.
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