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Prisma x Liquefacere fines

von Tsubaki
GeschichteMystery, Freundschaft / P12 / Gen
01.12.2017
06.12.2018
95
91.211
6
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Dieses Kapitel
1 Review
 
14.01.2018 1.000
 
Abschnitt 82 - ah


Der Schlitten der Schneekönigin stieg immer höher und höher und bald konnte Jane die Schneeflocken neben sich zwar noch gut sehen, aber nicht mehr den Ort, an dem sie vermutlich landen würden. Es war Jane fast, als wollte die Schneekönigin keinen Ort auf Erden erreichen, sondern durch die Wolkendecke hindurch brechen.
Zum Glück hatte Jane keine Höhenangst, aber bei dem Anblick der immer kleiner werdenden Bäume am Boden wurde ihr trotzdem mulmig zu mute.
Nicht nur, dass sie die Stadt hinter sich zurück gelassen hatten, auch die Waldstücke und Wiesen verschwanden langsam und nach und nach wurde alles weiß. Eine Schneelandschaft, auf der sich nichts Erwähnenswertes befand, lag tief unter ihnen. Diese abgelegene Gegend sah zwar sehr hübsch aus, aber sie war Jane trotzdem nicht ganz geheuer.
Und dennoch wäre es ihr lieber gewesen, wenn der Schlitten allmählich wieder zur Landung angesetzt hätte.
Nebelige Wolkenfetzen zogen an ihnen vorbei und Jane spürte Feuchtigkeit auf ihrer Haut. Hier oben wurde die Luft sehr klar und frisch, aber Jane hatte das Gefühl, dass ihr zu viel Konsum davon zu Kopf stieg. Sie fühlte sich benebelt, als hätte sie Alkohol getrunken. Dazu kam, dass nicht nur ihr Körper innerlich kalte Frostkristalle an der ein oder anderen Stelle an zu setzten schien, sondern dass auch die Umgebung mit jeder Minute um ein Grad kälter wurde.
Jane fragte sich, wie kalt es jetzt wohl war. Sie war zwar kein Experte auf diesem Gebiet, aber ihr Körper sagte ihr, dass es eindeutig zu kalt war. Und diese Angabe war für Jane genau genug.
Sie glaubte schon fast nicht mehr daran, dass die Reise mit dem Schlitten irgendwann ein Ende haben würde, da durchbrach dieser tatsächlich die Wolkendecke und Jane sah die Sonne über sich.
Es war ein merkwürdiges Gefühl, nun keine Schneeflocken mehr auf der Haut und um sich herum wahr zu nehmen. Sie hatten die Reise irgendwie verschönert, wie Jane zugeben musste. Dadurch hatte sie einen Zeitvertreib gehabt, etwas, das sie beobachten konnte.
Doch auch die Sonne begrüßte Jane mit offenen Armen. Die warmen Strahlen hatten hier oben erstaunlich viel Kraft, obwohl die Luft nach wie vor kühl war.
Jane hielt ihr Gesicht nach oben und genoss das Prickeln auf der Haut. Für einen kurzen Moment schloss sie die Augen, auch wenn sie nicht sicher wahr, ob sie sich das in dieser Situation erlauben konnte. Aber da bisher auch nichts passiert war, riskierte sie es.
Da erfasste sie aus dem Nichts heraus eine starke Windböe und traf sie wie ein Schlag von der Seite. Jane verlor das Gleichgewicht und kippte über den Schlittenrand, an dem sie es bisher nicht für nötig gehalten hatte sich fest zu halten.
Erschrocken riss sie ihre Augen wieder auf und versuchte sich am Kasten des Schlittens festzuklammern, doch die Schwerkraft zog und zerrte, während Janes Balanceakt an ihr und der Wind schob kräftig nach. Schließlich siegte die Schwerkraft und Jane fiel vorne über, hinab in die Wolkendecke.
Automatisch versuchte sie zu schreien und schluckte dabei eine enorme Menge des kalten Luft-Wolken Gemischs. Der Anblick, der sich ihr bot, veränderte sich in Bruchteilen von Sekunden und sie befand sich ungewollt mitten in dem nebeligen Netz. Sie glaubte schon, jetzt würde sie in wenigen Sekunden ihr ganzes Leben genauso schnell vorbei huschen sehen, wie diese vielen weißen Schichten um sie herum, aber da traf sie schlagartig eine Erkenntnis.
Beziehungsweise die Erkenntnis zwang sich ihr mit einem dumpfen Schlag auf - denn Jane war unsanft wieder gelandet. Der rasante Sturz in die Tiefe hatte sein Ende in einem Meer aus Watte gefunden.
Jane krümmte sich und bewegte einzelne Glieder. Ihr fiel auf, dass alle Frostkristalle, die sich in ihren Gelenken eingenistet hatten, den Fall in die Tiefe nicht überstanden hatten. Das war immerhin ein erfreulicher Faktor, aber Jane befürchtete, dass es der Einzige bleiben würde.
Statt dem frostigen Knirschen in den Gliedern hatte sie jetzt mit einem dumpfen Gefühl, das ihren gesamten Körper ausfüllte, zu kämpfen. Watte war doch härter, als man glaubte – zumindest wenn man mit so hoher Fallgeschwindigkeit in sie hinein stürzte.
Jane unterließ es lieber, darüber nach zu denken, wie dieses sonderbare, weiße Feld hier oben entstanden war. Es war wissenschaftlich nicht erklärbar und daher versuchte sie besser überhaupt nicht, eine Erklärung zu finden.
Stattdessen beschäftigte sie sich mit der deutlich wichtigeren Frage in ihrer Situation, wie sie hier wieder weg kommen konnte. Mit Sicherheit war dieser Ort weit oben im Himmel, auch wenn sie Bruchteile von Sekunden oder vielleicht sogar ein paar Sekunden – das war schwer abzuschätzen – nach unten gestürzt war. Und Jane hatte keine Flügel. Wie sollte sie also von hier weg kommen? Und woran erkannte man echte und unechte Wolken? Jane würde sich wohl an die Unechten halten müssen, denn auf richtigen Wolken konnte man nicht gehen. Außer vielleicht, man war schon tot und Jane war sich doch recht sicher, dass sie noch lebte.
Zur Sicherheit zwickte sie sich jedoch einmal in den Arm, nachdem sie ihre Kleidung provisorisch abgestaubt hatte. Wie erwartet tat es weh.
Doch auf einmal berührte sie noch etwas an ihrem Arm. Jane spürte einen schmerzhaften Stich. Etwas hatte sie gekratzt!
Ihr blieb jedoch keine Zeit den Täter zu ermitteln, denn sie wurde bereits von hinten gestoßen und zurück in die Watte befördert. Diesmal ging es jedoch ein gutes Stück tiefer hinunter, bis die Watte wieder so dick war, sie tragen zu können.
Erleichtert atmete Jane wieder aus, als sie endlich das leichte Abfedern des Wolkenbodens zu spüren bekam. Sie hatte die ganze Zeit die Luft angehalten, obwohl sie davon nicht mehr so viel gehabt hatte, seit ihr bei dem Stoß die Luft aus den Lungen gepresst worden war.
Jane dachte ungern an diese unsanfte Behandlung zurück, aber im nächsten Moment landete etwas auf ihr, sprang anschließend zur Seite und zwang sie damit, wieder an die Tat, wenigen Augenblicke zuvor, zurück zu denken.
Ein dunkles Gesicht tauchte vor ihrem auf und starrte sie tadelnd an.
„Du kannst da doch nicht einfach blauäugig sitzen bleiben!“

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