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Prisma x Liquefacere fines

von Tsubaki
GeschichteMystery, Freundschaft / P12 / Gen
01.12.2017
06.12.2018
95
91.211
6
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09.01.2018 996
 
Abschnitt 81 - l11


„Nein, danke. Ich muss mich nicht ausruhen“, sagte Jane und versuchte sich nicht anmerken zu lassen, dass ihre Glieder sehr wohl nach Ruhe trachteten. Ihre Arme waren schwer, aber Jane spannte sie an, um das Gefühl zu überdecken. Die Entschlossenheit hielt währenddessen die müden Augenlider in Zaum.
„Lieber möchte ich jetzt mit Ihnen spielen“, meinte Jane und versuchte ein Lächeln zu Stande zu bringen.
„Fein!“, rief die Schneekönigin beinahe glaubhaft begeistert aus. Ihr Gesicht spiegelte nun jugendlichen Eifer wieder und Jane glaubte ihr sogar, dass sie sich wirklich freute – doch ihre Züge waren nach wie vor so kalt und falsch, wie Janes schiefes Lächeln. Sie spielten bereits jetzt ein Spiel. Ein Theaterstück wahrscheinlich und Jane hoffte, dass es sich um eine Komödie handelte und sich nicht als Tragödie entpuppte.
„Ich weiß auch schon ein gutes Spiel, für den Anfang!“, meinte die Schneekönigin lächelnd und bisher schienen Janes Aussichten diesbezüglich gut zu stehen. Doch das konnte sich schnell ändern.
Jane schluckte ihre Bedenken herunter und fragte: „Welches denn?“
Die Schneekönigin beugte sich minimal nach vorne und sagte charmant: „Weißt du, welche Zeit wir haben?“
Jetzt war Jane doch etwas verwirrt.
Unsicher antwortete sie: „Winter...?“
„Genau. Winter. Die Zeit, in der die Grenzen miteinander verschmelzen. Die Grenzen, zwischen Realität und Wirklichkeit und die Grenzen zwischen den Welten. Es gibt nämlich nicht nur das, was du alltäglich nennst. Nicht nur das, was du zu kennen glaubst, ist Wirklichkeit. Jedes Jahr werden die Grenzen zu den anderen Welten dünner, wenn die Eisschicht auf den Seen dicker wird. Die Gegebenheiten werden verschoben und die Karten neu gemischt.“ Sie lachte leise und verbesserte sich dann: „Eigentlich stimmt das nicht ganz. Es gibt für uns keine Spielkarten. Wir Wesen aus der Geisterwelt würfeln lieber.“
Wesen aus der Geisterwelt? Auch wenn Jane nicht ganz begriff was die Königin ihr da erklärte oder zumindest nicht sicher war, ob sie das Richtige zu verstehen glaubte, hatten ihre Augen sich nach und nach geweitet. Hieß das etwa, dass diese absurden Erscheinungen und unerklärlichen Phänomene jedes Jahr durch die winterlichen Gassen strichen? Wie hatte sie ihnen dann bis jetzt entgehen können?
„Dieses Jahr ist jedoch besonders“, sagte die Schneekönigin in einem vertraulich süßen Tonfall. Dann wurde sie wieder ernster und fügte hinzu: „Aber das muss uns beide nicht stören. Wer sonst noch alles unterwegs ist, ist nicht wichtig, solange du nur zu mir gekommen bist und nicht in die Hände irgendeines Anderen. Du bist ein braves Kind.“
Jane verkniff sich, etwas dazu zu sagen, dass sie kein Kind mehr war. Aber das Gestalten unterwegs sein sollten, die normalerweise nicht unterwegs waren, interessierte sie sehr wohl. Ob es sie mehr störte, als die restliche Gesellschaft, von der die Schneekönigin da gesprochen hatte, war jedoch schwer zu sagen, denn sie wusste nicht, wer gemeint war und wie sie sie auseinander sortieren konnte – die Informationen waren einfach zu vage gehalten. Und abgesehen davon war sie ja eben der Schneekönigin in die Fänge gegangen und hatte ansonsten nur eine Ahnung davon erhascht, was sonst noch Ungewöhnliches auf den Straßen unterwegs war.
Jane schob den Gedanken, dass womöglich auch schlimmere Gestalten auf der Jagd nach ihr gewesen waren, hastig zur Seite.
„Was ist denn dieses Jahr anders als sonst?“, fragte sie dann vorsichtig nach.
„Oh, nichts weiter“, sagte die Schneekönigin. „Es sind nur Gestalten unterwegs, die ich früher noch nie getroffen habe.“
„Und wen haben sie in den vorherigen Jahren getroffen?“, fragte Jane mit zittriger Stimme und ohne vorher zu überlegen weiter nach. Sie wusste zwar, dass das Gespräch keineswegs so entspannt war, wie es zu sein schien, aber die augenscheinlich lockere Atmosphäre verleitete sie dazu zumindest ihrer Neugier weiter nach zu geben.
Doch die Schneekönigin schien die Offenheit Janes nicht zu begrüßen, denn sie blickte sie lange schweigend an. Ihr Blick war intensiv und Jane hatte das Gefühl, als würde die eisige Frau sie mit ihren Augen durchdringen. Als würde sie in ihr nach Informationen suchen, um ihr Verhalten zu ergründen.
Jane schauderte bei dem Gedanken und fragte sich gleichzeitig, wie sie darauf kam. Diese Vorstellung war doch sehr abstrakt.
Schließlich sagte die Schneekönigin: „Ich denke, wir sollten jetzt lieber spielen. Bevor uns die Zeit doch noch davon schmilzt. Ich hoffe, es ist dir recht, dass ich das Spiel schon gewählt habe.“
Mit mulmigen Gefühl in der Magengegend nickte Jane. Wie hätte sie auch nein sagen können? Einen schlechteren Zeitpunkt auf eine solch provisorische Frage provokant zu reagieren, gab es wohl kaum.
Allerdings hatte Jane ein anderes Anliegen, dass sie dringend noch ansprechen wollte, bevor es dafür vielleicht zu spät war.
„Eine Bitte hätte ich allerdings“, platzte Jane also heraus und war selbst überrascht, wie gehetzt ihre Stimme klang.
„Die wäre?“, fragte die Schneekönigin jedoch völlig gefasst und unbeeindruckt nach.
„Das Mädchen... von vorhin“, brachte Jane hervor und fühlte, wie ihr auf einmal heiß wurde in ihrem Mantel. „Wenn ich gewinne, können Sie es bitte frei lassen?“
Jane hätte sich auf die Zunge beißen können, als die Worte endlich ausgesprochen waren. Sie hatte sie ganz und gar nicht wie eine Bedingung aneinander gereiht. Eher wie eine Eventualität, die die Königin nicht weiter zu beachten brauchte, wenn es ihr nicht passte.
„Das wäre mir wichtig!“, setzte Jane also schlagartig noch eins drauf. Diesmal war ihre Stimmlage mutiger gewesen und Jane hoffte, dass das Eindruck machte.
Doch auch diesmal war die Schneekönigin ungerührt und zupfte nachdenklich ein paar Kristalle an ihrem Ärmel zurecht.
Dann sagte sie langsam: „Ich denke, das wird sich machen lassen.“ Sie blickte auf und meinte lächelnd: „Wenn es dir Spaß macht... Ich werde auf jeden Fall Spaß haben.“
Jane wollte erleichtert ausatmen, aber die Erleichterung blieb ihr im Hals stecken. Sie stand zu sehr unter Spannung, denn sie zweifelte nicht daran, dass die Aussage der Schneekönigin der Wahrheit entsprach und eher einer für Jane ungünstigen Prophezeiung glich.
Und wenn sie Bedingungen setzte, welche würde dann die Schneekönigin ins Spiel bringen?

Würfeln:

4 und 6 = Abschnitt l12

1, 2, 3 und 5 = Abschnitt m12
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