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Prisma x Liquefacere fines

von Tsubaki
GeschichteMystery, Freundschaft / P12 / Gen
01.12.2017
06.12.2018
95
91.211
6
Alle Kapitel
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Dieses Kapitel
1 Review
 
04.12.2017 705
 
Abschnitt 08:


Jane zögerte kurz, ging dann aber auf die Aufforderung ein. Ohne den Blick von der Frau abzuwenden griff sie nach ihrem Gepäck und damit beim ersten Versuch ins Leere. Als sie es dann doch zu fassen bekam, ging sie mit langsamen Schritten und wegen dem tobendem Schnee leicht gesenktem Kopf, auf die fremde Frau zu, die sehr zufrieden wirkte. Aber Jane vertrieb das merkwürdige Gefühl und schüttelte sich innerlich. Das war eine ganz normale Frau. Bestimmt trug sie nur Kontaktlinsen. Doch der Anblick der beinahe leuchtenden Augen, der großen, hängenden Ohrringe, dem lockigem schwarzen Haar und den um sie herumtanzenden Schneeflocken, die für einen gebührenden Auftritt sorgten, war trotzdem sehr beeindruckend. Zumindest das ließ sich nicht leugnen.
„Hallo“, grüßte Jane die Frau und versuche möglichst locker zu bleiben. „Können Sie mir vielleicht sagen, wie ich zur Tintenallee komme?“
„Aber natürlich kann ich das“, schnurrte die Frau lächelnd. „Ich bin extra hier, um dich zu deinem neuen zu Hause zu bringen.“
„Tatsächlich?“, fragte Jane überrascht. Niemand hatte ihr gesagt, dass sie abgeholt werden würde. Und dann noch an so einem Ort? Hatte sie sich etwa doch nicht so weit verlaufen?
„Ein gutes Stück bist du schon falsch gelaufen, aber in 5 Minuten sollten wir es zur Tintenallee schaffen“, erklärte die Frau von allein, als hätte sie Janes Gedanken gehört.
„Wohnen Sie auch in der Schreiberlings-WG?“, hakte Jane laut weiter nach.
„Oh nein, ich nicht. Ich wohne zwar auch mit einer Schreibbegabten unter einem Dach, aber ich selbst schreibe nicht. Ich lese eher.“ Sie zwinkerte und fuhr dann fort: „Aber es ist mein Beruf Leuten zu helfen.“
„Tatsächlich? Was sind Sie denn von Beruf?“, fragte Jane nun nicht nur verwirrt, sondern auch ein wenig misstrauisch.
„Das weißt du nicht?“, fragte die Frau entsetzt und warf ihr einen tadelnden Blick zu. „Mein Name ist doch weit und breit bekannt!“
Jane musterte sie genauer. Selbst wenn es der Name sein sollte, das Gesicht kam ihr jedenfalls nicht bekannt vor. Es war ein hübsches Gesicht, aber sie erinnerte sich nicht, es je in der Zeitung, im Fernsehen oder sonst irgendwo gesehen zu haben.
„Tut mir leid, ich erkenne sie nicht“, sagte Jane daher höflich, da die Frau immer noch auf die Erkenntnis zu warten schien. Die Atmosphäre war merkwürdig angespannt. Und auch als die Frau leise schnaubte, sich dann aber fasste und wieder zu lächeln begann, wurde sie nicht lockerer.
„Sind wir bald da?“, fragte Jane daher hastig und unterbrach aus Versehen den Versuch der Frau ihren Namen groß zu präsentieren. Trotzdem bekam sie eine relativ freundliche Antwort.
„Nur noch da vorne um die Ecke, dann an zwei Querstraßen vorbei und in der dritten links einbiegen. Dann sind wir so gut wie da.“
„Ah, vielen Dank, ich denke das finde ich auch allein. Ich möchte also nicht weiter ihre Zeit stehlen“, wiegelte Jane sie übertrieben höflich ab.
Der Blick der Frau wurde etwas seltsam. Dann sagte sie: „Ich habe alle Zeit der Welt, Süße. Zeit spielt für mich überhaupt keine Rolle. Für dich hingegen...“, sie brach den Satz ab und blickte auf eine herabfallende Schneeflocke, als wäre sie auf einmal von ihrem Anblick verzaubert. Anmutig hob sie die Hand und fing eine auf, die sofort darauf zerschmolz. Diese Geste hatte etwas wahrhaft Theatralisches und Jane schauderte für einen kurzen Moment. Dann traf der Blick der Frau wieder auf ihren und das Lächeln war süß wie Zuckerguss, als die schmalen Augen sie allzu vertraulich fixierten.
„Auf Wiedersehen“, brachte Jane perplex hervor, als die Augen sich noch weiter verengten. Sie riss die Hand zum Gruß nach oben und mit ihr die Tasche darin. Diese hatte so fiel Schwung, dass sie gegen die Frau stieß. Oder nein. Sie war durch sie hindurchgegangen... oder?
Jane machte einen Schritt zurück und versuchte sich zu sammeln. Doch vor ihren Augen verblasste die Frau und auch das intensive Rot ihrer Augen wurde immer schwächer, bis sie die Augen schließlich ganz schloss und damit die warnende Farbe vor ihr verbarg.
„Wenn wir uns das nächste Mal begegnen: Mein Name ist Morgana Frey“, hauchte ihr der Wind noch entgegen, als er die schemenhafte Gestalt mit einem Schlag mit sich nahm. Diesmal war sie wirklich verschwunden.

Weiter zu Abschnitt 15


(Applaus für den Gastauftritt ;3)
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