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Prisma x Liquefacere fines

von Tsubaki
GeschichteMystery, Freundschaft / P12 / Gen
01.12.2017
06.12.2018
95
91.211
6
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Dieses Kapitel
1 Review
 
03.12.2017 884
 
Abschnitt 05


Entschieden schob sie alle sorgenvollen Gedanken beiseite und suchte im Handyspeicher die Festnetznummer der WG raus. Bei ihrem Vorstellungstreffen hatte sie auch schon ein paar Handynummern erhalten, aber sie wüsste nicht, bei wem sie sich am ehesten melden sollte, daher war ihr die allgemeine Nummer lieber. Wer ans Telefon gehen würde, lag dann nicht in ihrer Hand.
Auf einmal fröstelte Jane und der Satz hallte unverständlicherweise in ihrem Kopf wieder. Ein kalter Wind blies ihr direkt in den Nacken und gleichzeitig peitschte das von jetzt auf gleich stärker werdende Schneegestöber ihr eisige, stechende Flocken ins Gesicht. Schnell zog sie sich die Kapuze ihres Mantels über den Kopf und ging ein paar Schritte in den Windschatten eines Hauses. Doch als sie sich ihr geschütztes Fleckchen auf dem Meer aus zusammengetretenem Schnee gesucht hatte, hörte sie deutlich eine Stimme an ihrem Ohr.
„Richtig. Das Schicksal bestimmt.“
Der kalte Rückenwind verflog wieder und Jane wand sich ruckartig um, um zu sehen, wer da zu ihr gesprochen hatte. Doch neben ihr stand niemand.
Zwei Jugendliche gingen ein Stück weiter vorne den Weg entlang und auf der anderen Straßenseite befand sich eine größere Gruppe Menschen. Keiner von ihnen war jedoch nah genug. Sie drehte den Kopf in die andere Richtung und blickte zurück. Zwei Kinder spielten Fangen, während die Eltern an einer Straßenlaterne warteten. Auch hier schien niemand verdächtig zu sein.
Jane lief noch einmal ein Frösteln über den Rücken, als sie an die Stimme zurück dachte. Dann schüttelte sie die Gedanken ab und wählte die passende Nummer aus.
Das Freizeichen erklang. Einmal. Zweimal. Dreimal.
Jane dachte schon, es würde niemand ran gehen, da hob doch noch jemand ab.
„Hallo?“, fragte eine weibliche Stimme leicht unsicher, die Jane nicht sofort zuordnen konnte.
„Hallo. Hier ist Jane, eure neue Mitbewohnerin“, meldete sie sich zu Wort und hoffe, dass die andere Person sich ebenfalls vorstellen würde.
„Ah“, hörte sie stattdessen aber nur die Erkenntnis am anderen Ende. Dann folgte eine abwartende Stille.
„Ich glaube, ich habe mich verlaufen“, kam Jane schnell zum Punkt. Ihre Worte bildeten Wölkchen in der kalten Winterluft und ihre Finger verkrampften sich.
„Kann mich vielleicht jemand abholen?“
„Äh ja...“, hörte sie das Mädchen laut überlegen „Ich schau mal, ob einer von den anderen dich holen kann. Warte.“
Dann folgte Stille. Das Telefon war allein gelassen worden und Jane kamen die Sekunden unheimlich lang vor. Sie wagte nicht das Handy vom Ohr zu nehmen, um sich die Hände anzuhauchen, also bewegte sie ihre Beine ein wenig und trat auf der Stelle hin und her. Das unterstrich ihre Situation stilistisch nur noch. Es ließ sich leicht als Ersatzhandlung für ungeduldiges Trommeln mit den Fingern deuten. Wenn nur nicht diese Kälte gewesen wäre...
„Jane?“, meldete sich wie aus heiterem Himmel eine andere, weibliche Stimme zu Wort.
„Ja?“, fragte Jane sofort hoffnungsvoll.
„Hier ist Lena. Ruby sagt, dass du dich verlaufen hast.“
„Ja, leider“, gab Jane geknickt zu. „Kannst du mich vielleicht abholen?“
„Okay, mache ich. Wo bist du denn?“ wollte Lena hilfsbereit wissen. Das Mädchen hatte schon beim Kennenlernen einen sympathischen Eindruck auf Jane gemacht. Sie schien alles im Griff zu haben in der WG und während Janes Anwesenheit war sie gleich zwei Mal um Rat gefragt worden. Dem ersten Eindruck nach ein sehr herzlicher Mensch. Jane war erleichtert.
Schnell ging sie ein paar Schritte vor, um das nächste Straßenschild erkennen zu können.
„Die nächste Straße, die quer geht heißt Lindenweg. Und hier stehe ich in der Nähe eines Schuhgeschäfts und eines chinesischen Imbissstands. Auf der anderen Straßenseite ist ein großes gelbes Haus, das sonst nicht sehr auffällig aussieht und ein Uhrengeschäft. Weißt du, wo das ist?“
Ein Murmeln erklang am anderen Ende. Dann stimmte Lena zu.
„Bleib dort bis ich komme. Deine Nummer hab ich ja.“
„Okay, bis gleich.“
Mit dem Handy verschwanden auch ihre Hände in den Jackentaschen. Hoffentlich würde Lena bald kommen. Aber immerhin war jetzt Rettung in Aussicht. Rettung und natürlich eine kuschelige Decke, eine Mahlzeit und vielleicht eine warme Dusche. Bei diesen Gedanken wurde ihr gleich ein Stück wohliger zu Mute. Sich warme Gedanken zu machen half also doch. Aber vielleicht brauchte sie es ja nicht nur bei Gedanken zu belassen. Der Imbiss war nicht weit entfernt. Womöglich hatte er ja noch offen und sie konnte sich während der Wartezeit etwas Warmes zu essen besorgen. Menschen waren momentan nur wenige in Sicht, also konnte sie sich die Zeit schlecht mit beobachten vertreiben. Aber es würden sicher bald wieder mehr werden. Trotzdem war der Gedanke an eine Mahlzeit zu verlockend, also setzte sie sich in Bewegung.
Doch auf einmal glaubte sie eine schnelle Bewegung aus dem Augenwinkel wahr zu nehmen. War da nicht etwas Dunkles entlang gehuscht? Sie blickte sich um, konnte aber niemanden entdecken. Die Straße schien ihr auf einmal so leer. Sogar die Läden machten einen unbelebten Eindruck und die Menschen um sie herum waren jetzt alle ein gutes Stück entfernt oder schon nicht mehr in Sichtweite. Waren es so schnell weniger geworden? Wo waren sie hin?
Auf der Straße konnte sie daher auf den ersten Blick niemanden entdecken, der sich da entlang gestohlen haben könnte – weder Kinder, Erwachsene noch Tiere. Allerdings stand die Tür zu einem Hinterhof offen. Vorher war sie Jane kaum aufgefallen. Aber jetzt wirkte sie erstaunlich interessant.

Nachsehen gehen: Abschnitt 06

Auf Lena warten: Abschnitt 07
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