Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Prisma x Liquefacere fines

von Tsubaki
GeschichteMystery, Freundschaft / P12 / Gen
01.12.2017
06.12.2018
95
91.211
6
Alle Kapitel
32 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
10.12.2017 996
 
Abschnitt 40 - sa


Die geheimnisvolle Frau bot Jane auffordernd ihre Hand dar. Eine freundliche Geste. Aber ihre Augen waren ganz und gar nicht freundlich.
Jane zögerte. Sie konnte sich einfach nicht des Eindrucks erwehren, das etwas passieren würde, wenn sie der Frau ihre Hand gab. Heute war alles möglich. Sie würde heute sogar glauben, wenn jemand ihr gegenüber treten und behaupten würde, er sei der Weihnachtsmann. Und das, obwohl sie natürlich schon längst aus dem Alter raus war, in dem man an den Weihnachtsmann glaubte.
Diese Frau konnte zwar sowieso nicht der Weihnachtsmann sein, aber vielleicht war sie ja auch so eine Geisterfrau wie vorher oder sogar noch Schlimmeres.
Langsam rang sich Jane zu dem Entschluss durch, der Frau die Hand nicht zu geben. Sie musste nicht unbedingt wissen, ob man durch sie hindurch greifen konnte. Doch wie sollte sie das Gespräch wieder geschickt davon weg lenken?
„Trau dich ruhig“, sagte die Frau mit zuckersüßer Stimme. Doch Jane schauderte nur.
„Ach, ich glaube es auch so“, versuchte sie möglichst beiläufig anzumerken. In Plauderstimmung, so wie man mit guten Freunden redete. Scherzhaft, aber ernst. Doch auch wenn sie sich das versuchte immer weiter bewusst zu machen, war sie wohl nicht sonderlich überzeugend.
„Du vertraust mir also nicht“, sagte die Frau in dem weißen Gewand und ließ die Hand langsam wieder sinken. Dafür schlich sich ein breites Grinsen auf ihre Mundwinkel und sie sagte: „Das freut mich aber überhaupt nicht.“ Und Jane glaubte es sofort.
Ein Frösteln lief ihr über den Rücken, als die Frau die andere Hand zum Himmel empor hob. Was hatte sie vor?
Sie musste nicht lange warten, bis sie es heraus fand. Mit einer flinken Geste beschwor die Frau einen ballen wirbelnder Schneeflocken direkt über sich in der Luft zusammen. Sie brausten und bildeten Formationen, von einem pfeifenden Wind angetrieben. Doch im Grunde blieb es immer ungefähr der gleiche Ball, der nur hin und wieder in die eine oder andere Richtung ausschlug.
Jane schnappte entsetzt nach Luft. Woher waren sie gekommen? Die Schneeflocken waren nicht vom Himmel gefallen, sondern aus dem Nichts aufgetaucht. Auf Kommando! Diese Frau musste eine Hexe sein!
„Was tun Sie da?“, rief Jane entsetzt aus, da ihr nichts Besseres einfiel. In ihrem Kopf schwirrten zu viele Fragen, um sie zu sortieren. Sie gaben sich Mühe, das gleiche Schauspiel zu veranstalten, dass das Wetter direkt vor ihren Augen widerspiegelte. Sie stellten sich dabei allerdings nicht besonders geschickt an, denn dieses unmögliche Schauspiel, war nicht zu übertreffen und noch nicht mal nach zu ahmen. Es war einfach unglaublich.
Und leider auch beängstigend. Denn die Schneewolke über dem Kopf der sonderbaren Frau, war zwar weiß und sah unschuldig aus, spiegelte aber gewiss die Stimmung der Frau da, die womöglich in ihrem Stolz verletzt war. Jedenfalls war ihr Blick kalt wie Eis und ihre Macht augenscheinlich zu groß für den menschlichen Verstand.
Und als wäre das nicht schon unglaublich genug, zerplatzte das Gebilde aus lebendig scheinenden Flocken auf einmal und gab den Blick auf noch etwas unerwarteteres frei. Nicht etwa den Weihnachtsmann, aber dafür ein weiteres Pokemon. Diesmal so nah, dass es gar keine Verwechslung sein konnte. Außerdem gab es mit Sicherheit keine Tiere, die aussahen wie zu groß geratene Schneeflocken. Pokemon hingegen schon. Vor Jane schwebte ein Frigometri. Eine sehr passende Begleitung, für diese Frau.
„Ist es nicht wunderschön?“, fragte die Frau an Jane gewandt. Die Antwort wartete sie jedoch nicht ab. „Und es ist nicht nur schön, sondern auch stark. Ich rate dir also, mir ohne Widerworte zu folgen.“
Mit diesen Worten drehte sie ab und ging die Straße entlang. Dann blieb sie jedoch abrupt stehen und drehte sich erneut Jane zu.
„Gib mir deine Hand“, forderte sie wieder lächelnd auf. Das Frigometri schwebte direkt über ihr und flog noch ein Stück näher an Jane heran.
Diesmal blieb ihr keine Wahl. Die Hand wanderte wie von selbst zu der Frau und wie Jane es erwartet hatte, blieb das nicht ohne Folgen. Der Griff der eisigen Hand war fest und die Kälte, die von ihr ausging breitete sich in ihrer eigenen Hand aus. Von dort kroch sie den Arm hinauf und fras sich in die Knochen, bis Jane schließlich völlig davon ausgefüllt war.
„Na siehst du“, sagte die Frau lächelnd und nun augenscheinlich wieder besser gelaunt. „Ist doch gar nicht so schlimm.“
Jane hingegen war sich nicht sicher, ob sie dem zustimmen konnte. Doch jetzt gingen ihre Knochen sowieso von ganz allein hinter der Frau her, bis sie erneut etwas merkwürdiges wahrnahm. Jane durchtrat eine Art unsichtbare Luftblase. Dahinter verbarg sich etwas märchenhaftes. Ein Schlitten vor den vier Rentiere gespannt waren. Jane staunte.
Die Frau sah das und meinte: „Ein Transportmittel, wie es der Schneekönigin gebührt.“
„Sie sind die Schneekönigin?“, fragte Jane fassungslos. Eigentlich hatte sie schon damit gerechnet, aber es zu hören und bestätigt zu bekommen, war dann doch etwas Anderes. Trotzdem glaubte es Jane auf Anhieb. Sie hatte mehr als genug Beweise geliefert bekommen.
Jetzt hielt ihr die Schneekönigin erneut die Hand hin und setzte sich selbst mit einer unheimlichen Anmut in den Schlitten. Jane folgte der Aufforderung völlig ohne ihr eigenes Zutun und stieg ebenfalls auf.
Die Schneekönigin drehte sich ihr zu und lächelte beinahe fröhlich. Nur ihre Augen sagten wie immer etwas Anderes. Sie blieben kalt und ungerührt, wie spiegelglatte Eisseen, die niemals schmolzen.
Die Augen blieben auch auf Jane gerichtete, aber mit der Hand gab die Schneekönigin dem Frigometri ein Zeichen. Im nächsten Moment hatte es sich wieder in Pulverschnee verwandelt, der in der Luft zu verpuffen schien. War es etwa eine reine Einbildung gewesen oder konnte die Schneekönigin auf diese Art ihre Pokemon herrufen? Jane wusste es nicht, aber sie war entsetzt und fasziniert zugleich. Wobei das Entsetzen eigentlich überwog.
Der Schneekönigin fiel das aber entweder nicht auf oder sie ignorierte es gekonnt.
„Sag, willst du mit mir spielen? Mir ist immer so langweilig und ich hatte schon lange keine Gesellschaft mehr.“, kam nun eine ebenfalls unerwartete Anfrage der Königin.

Weiter zu Abschnitt k8 (31)
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast