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Prisma x Liquefacere fines

von Tsubaki
GeschichteMystery, Freundschaft / P12 / Gen
01.12.2017
06.12.2018
95
91.211
6
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03.12.2017 758
 
Abschnitt 04


Jane seufzte und schob sich dann entschlossen weiter die Straße nach vorne. Sie hatte eine junge Frau ins Visier genommen, die sie nach dem Weg fragen könnte. Doch diese verschwand in einem Hauseingang und als Jane dort ankam, klickte die Tür mit einem lauten Geräusch vor ihr ins Schloss. Sie würde also jemand anderen fragen müssen. Aber was machte das schon aus? Es gab doch genug Menschen hier in den Straßen. Die meisten sahen zwar nicht so aus, als könnten sie ihr weiterhelfen, aber irgendjemand würde den Weg schon wissen. Auch in Straßen, die bei Besuchern sehr begehrt waren, fand sich hin und wieder ein Einheimischer. Denn wenn hier niemand wohnen würde, dann wären die Straßen nicht so lebendig. Dann wären es eher Freilufteinkaufszentren. Und diesen Eindruck machte diese Gegend dann doch nicht.
Jane ließ den Blick über die umstehenden Leute schweifen und machte eine Frau aus, die ganz allein zu sein schien. Zwar wirkte sie nicht so, als würde Jane gerne mit ihr Kaffeetrinken gehen, aber aus irgendeinem Grund machte sie den Eindruck, sich hier auszukennen. Vielleicht lag es daran, dass sie keine Knabbereien in den Händen hielt oder mit Tüten und Weihnachtsschmuck beladen war. Die typischen Anhaltspunkte der Besucher, die nur zu ihrem Vergnügen durch die Straßen tingelten, fehlten ihr.
Als Jane entschlossen auf sie zu ging, wurde das Schneegestöber auf einmal stärker und sie musste für einen kurzen Moment die Augen schließen. Dann hob sie den Kopf wieder und wollte weiter gehen. Aber als sie den linken Fuß angehoben hatte, hielt sie abrupt inne. Wo wollte sie überhaupt hin? Da drüben stand niemand mehr. Wo war die Frau hin? Irritiert suchte Jane die Schneewolken um sie herum ab.
Auf einmal kam ihr die Straße wesentlich lebendiger vor, als eben noch. Nur konnte sie sich diesen Eindruck nicht erklären. Um sie herum war keine Menschenseele mehr zu erblicken. Nur der Schnee bildete Wölkchen und formte Figuren. Und war da nicht eben eine faustgroße Schneeflocke vorbei gezischt?!
Jane stellte wie in Zeitlupe ihre Sachen ab und rieb sich über die Arme. Sie fror. Und das nicht nur, wegen des Schneegestöbers. Die Umgebung war ihr nicht mehr geheuer. Sie konnte kaum bis zum nächsten Haus sehen und die Landschaft schien sich mit einer anderen zu mischen. Einen solchen Schneesturm hatte sie wirklich noch nie erlebt. Was war das für ein merkwürdiger Effekt, den die Schneewolken erzielten. Ihre Fantasie musste wirklich mit ihr durchgehen. Sie wollte weg von hier, aber sie konnte sich nicht bewegen. Ihr Körper begann zu zittern und Jane wusste nicht, ob sie sich über diese kleine Bewegung jetzt freuen sollte oder eher nicht.
Doch auf einmal hörte sie ein helles Lachen direkt hinter sich. Ihr war, als würde dieses Geräusch den Zauber brechen, obwohl immer noch wild hin und her eilende weiße Punkte um sie herum tanzten. Als sie reflexartig herumfuhr, um zu sehen, wer oder was hinter ihr war, stellte sie erleichtert fest, dass sie ihren Körper auch wieder bewegen konnte. Und der Schneesturm schien in dieser Richtung sogar etwas sanfter zu sein. Zumindest konnte sie die Hauswand hinter der jungen Frau recht deutlich erkennen. Aber sie sah noch etwas. Die Frau hatte rote Augen. Oder waren sie rosa? Jedenfalls sah ihr einladendes Lächeln dadurch nicht mehr ganz so charmant aus. Unwillkürlich kam Jane der Gedanke, dass es sich um eine Falle handeln konnte. Vielleicht lag es nur daran, dass in dieser Nacht, in dieser gruseligen Stimmung, alles vorstellbar war, aber vielleicht war auch wirklich etwas dran. Jedenfalls fand Jane die Frau mittlerweile unheimlich. Dabei war sie sich fast sicher, dass es die gleiche Gestalt war, auf die sie vor dem Einbruch des Schneesturms zugegangen war. Nur hätte sie schwören können, dass die Augen da noch normal ausgesehen hatten. Zwar konnte sie es nicht mit Sicherheit sagen, aber sie tippte auf blaue Augen. Zumindest waren sie nicht so eindrucksvoll und wesentlich heller gewesen. Das hieß natürlich, wenn es sich überhaupt um dieselbe Frau handelte.
„Fürchtest du dich?“, fragte diese belustigt. „Glaub mir Mäuschen, das ist berechtigt – aber ich bin nicht die Gefahr.“ Der wissende Blick war irritierend. Aber konnte es sein, dass die Frau die Wahrheit sprach? Wusste sie vielleicht mehr, als bloß den Weg? Aber selbst wenn sie nur den Weg zur WG wusste, wäre das schon eine große Erleichterung. Immerhin war es hier draußen mittlerweile wirklich unheimlich geworden und Jane verspätete sich immer mehr.
„Komm her“, forderte die Frau mit den seltsamen Augen sie auf.

Der Aufforderung folgen: Abschnitt 08

Zurückweichen und einen anderen Weg suchen: Abschnitt 09

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