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Prisma x Liquefacere fines

von Tsubaki
GeschichteMystery, Freundschaft / P12 / Gen
01.12.2017
06.12.2018
95
91.211
6
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Dieses Kapitel
2 Reviews
 
08.12.2017 941
 
Abschnitt 31 - k8


Die Schneekönigin sah Jane mit einem spielerischen Grinsen an. Doch wie mochte es wohl werden, wenn Jane nein sagte? Sie hatte bereits festgestellt, dass diese Frau auf emotionaler Ebene nur die Kälte beherrschte, ja vielleicht sogar nur diese kannte. War es da klug sie zu verärgern? Oder klug mit ihr mit zu gehen? Das war schwer abzuwägen.
Doch bevor Jane eine Antwort geben konnte, geschah etwas Unerwartetes. Mit schnellen Schritten kam eine junge Frau die Straße entlang geschlendert und erreichte die Luftblase, die auch Jane durchschritten hatte, ohne aufgehalten zu werden. Sie glitt mühelos hindurch und stand dann direkt vor dem Schlitten.
Jane sah sie an und das Mädchen sah den Schlitten fassungslos an, der aus dem Nichts aufgetaucht sein musste, für sie. Und auch die Schneekönigin änderte langsam ihre Sichtrichtung.
Allerdings nicht ohne noch: „Überleg es dir“, zu wispern. Dann empfing sie den Neuankömmling mit einem abschätzigen Blick.
„Du störst“, sagte sie ganz offen.
„Oh“, war jedoch das Einzige, was die Frau zu antworten vermochte. Sie wusste ganz offensichtlich noch immer nicht genau, wie sie reagieren und was sie von dem Anblick halten sollte.
Jane wusste, wie es ihr gehen musste. Natürlich hätte der Schlitten auch eine Attrappe sein können, aber es sah einfach alles zu mystisch aus dafür. Besonders die Schneekönigin selbst.
Dann sagte die Schneekönigin allerdings einigermaßen schnippisch: „Ist das ein Weihnachtsmann-Fan-Gewand?“, und bezog sich dabei auf den Nikolausumhang des Mädchens. Das Kostüm war nicht perfekt, aber doch eindeutig als Nikolaus zu erkennen, wie Jane fand. Der Bischofsstab gab einen deutlichen Hinweis.
„Ich stelle einen Nikolaus dar“, bestätigte die junge Frau nun Janes Vermutung.
„Nun, dann hast du doch bestimmt nichts dagegen, uns allein zu lassen“, sagte die Schneekönigin, ohne wirklich darauf einzugehen. Ein Bezugsfehler, wie man in der Schule so schön sagen würde.
Die Frau ging allerdings nicht weg. Vielleicht irritierte sie Janes starrer Blick, denn diese litt schon wieder unter einem erschreckenden Grad an Vereisung. Es war, als wäre die Laune der Schneekönigin auf sie übergesprungen – denn diese war offensichtlich kälter geworden. Die Schneekönigin war also auch zu Gefühlsabstufungen in der Lage und sie wurde nicht gerne gestört, wie es aussah.
Vielleicht war es aber auch die Schneekönigin selbst, deren Anblick die Frau dazu bewegt hatte, sich nicht von der Stelle zu bewegen.
Doch nicht nur Jane, sondern auch die Umgebung veränderten sich mit samt der Laune der eisigen Hoheit. Ein Schneesturm zog auf. Erst war es nur eine Hand voll Flocken, die in Reigen um die Schneekönigin zu tanzen begann, dann wurden es immer mehr. Und es waren große, dicke Flocken, die dazu in der Lage waren, sie hinter einem getupften Vorhang zu verbergen.
Schließlich gingen sie dazu über die junge Frau in ihre Mitte aufzunehmen und mit einem spielerischen Tanz zu umhüllen.
„What´s that?“, fragte die Frau in dem Nikolauskostüm noch schockierter als vorher schon.
„Nur ein kleiner Tanz, der dir dargeboten wird“, sagte die Schneekönigin. „Freue dich darüber und geh mit ihnen. Sie werden dir den Weg in eine ganz andere Welt zeigen.“
Das verschmitzte Grinsen um ihre Mundwinkel kehrte zurück. Dieses Schauspiel gefiel ihr.
Die junge Frau versuchte verzweifelte die Schneeflocken von ihren Augen weg zu halten und noch etwas zu sehen, aber alles um sie herum wurde immer körniger.
Jane betrachtete das aus glasigen Augen und spürte, wie der Zauber, der sie einfror, wieder schwächer wurde. Die Kraft der Schneekönigin richtete sich jetzt auf ein anderes Ziel. Oder lag es allein an ihrer Launenhaftigkeit? Jane war es egal, aber wie sie da so saß, kam ihr schließlich ein Wort über die Lippen. Ein einzelnes, verirrtes Wort, welches das Nikolausmädchen aufhorchen ließ.
„Brauchst du Hilfe?“, fragte sie. „Will sie dir etwas tun?“
Die junge Frau sah selbst sehr unsicher und in einer nicht sehr aussichtsreichen Lage aus, aber man sah ihr an, dass sie ihren Mut zusammen nahm und sich sammelte. Und im nächsten Moment durchbrach sie die weiße Wand vor ihren Augen und stürzte ohne wirklich etwas zu sehen nach vorne. Den Bischofsstab hatte sie dabei nach vorne gerichtet, wie eine Angriffswaffe und der Nikolausmantel wehte wie ein sonderbares Heldencape hinter ihr her – zerzaust von den Winden des Schneetreibens.
Jane war sich sicher, dass sie mehr von dem Geschehen sehen konnte, als die Nikoläusin selbst, aber sie bewunderte, was diese sich wagte, während sie spürte, wie die eisige Kälte wieder aus allen Poren kroch und sich in ihr ausbreitete. Und auch die Schneekönigin sah für einen kurzen Moment unzufrieden aus. Zumindest schien es Jane so. Dann sah sie jedoch nur noch das strahlende Lächeln auf ihrem Gesicht, bevor die Königin die Hand ausstreckte und einen kleinen Gegenstand dem Mädchen entgegen hielt.
Im nächsten Moment war das Schneetreiben verschwunden. Und mit ihm das Nikolaus-Mädchen. Nichts deutete noch daraufhin, dass sie eben noch hier gewesen war. Nichts, außer vielleicht der kleine Gegenstand in der Hand der Schneeköngin. Denn als sie sich wieder zu Jane umdrehte, konnte sie im Inneren der Schneekugel ein wildes Schneegestöber erkennen – und ein winziges Männchen mit Nikolausumhang, das mitten drin saß.
„Nun?“, fragte die Schneekönigin wieder zuckersüß. „Jetzt sind wir wieder ungestört. Möchtest du mir nun die Freude machen und mit mir spielen? Ich hatte schon so lange niemanden mehr, mit dem ich spielen konnte.“
Jane schluckte. Was meinte diese Frau bloß mit „spielen“? Und wieso wollte sie nur mit ihr spielen und hatte das Nikolausmädchen unbedingt loswerden wollen? Lag da ein tieferer Sinn dahinter? Aber vielleicht waren das alles gar nicht die Fragen, die jetzt zählten. Entscheidend war wohl einzig und allein die Antwort, die sie der Schneekönigin gab und was sie danach erwarten würde.

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