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Prisma x Liquefacere fines

von Tsubaki
GeschichteMystery, Freundschaft / P12 / Gen
01.12.2017
06.12.2018
95
91.211
6
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03.12.2017 1.041
 
Abschnitt 03


Mit einem letzten Blick auf das Display entschloss sie sich, besser nicht in der WG anzurufen. Auch wenn die Leute auf den ersten Blick nett gewirkt hatten, wollte sie nicht riskieren, dass sie sich über sie lustig machten. Da kam sie lieber noch etwas mehr zu spät. Vielleicht fiel es den anderen ja gar nicht auf. Wenn sie so waren, wie die meisten der an ihr vorbei hechtenden Menschen, dann hatten sie sicherlich genug mit ihren eigenen Angelegenheiten zu tun und ein, zwei Stündchen Verspätung fielen ihnen gar nicht ins Auge, wenn sie es nicht selbst waren, die zu spät kamen.
Entschlossen begann Jane also die Straße entlang zu stapfen. Jeder Schritt den sie tat knirschte unter ihren Füßen und trat den Schnee noch ein bisschen platter. Hier waren anscheinend noch nicht so viele Menschen entlang gegangen. Ob es klug war, diesen Weg zu nehmen?
Erneut blieb sie stehen und beschloss es mit dem Herdeninstinkt der Menschen zu versuchen. Sie blickte zurück auf die Kreuzung und sah, dass die meisten Menschen nach links gingen. Vielleicht lag dort der nächste Weihnachtsmarkt? Immerhin gab es ja Leute, die Weihnachtsmarkthopping lustig fanden. In dieser Gegend wäre das zumindest auch eine Möglichkeit. Ob es aber wirklich zum nächsten Weihnachtsmarkt ging, konnte sie nur herausfinden, wenn sie den Menschen folgte. Vielleicht brachte es sie ja auch an der angesteuerten Adresse oder zumindest an einem bekannten Straßennamen vorbei. Nach irgendeinem Prinzip musste man sich ja schließlich für einen Weg entscheiden. Also drehte Jane ab und folgte den kleinen Menschengrüppchen die beleuchtete Straße hinab.
Es war ein gutes Gefühl, sich zwischen den vielen Lichtern zu bewegen, die zur Adventszeit die Straßen zierten. Mit grünen Flaum behängte Bänder, die von weitem beinahe aussahen wie langgezogene, herabhängende Tannenzweige, waren zwischen den Häusern und Laternen quer über die Straße gespannt. In ihrer Mitte hing jeweils ein großer, leuchtender Stern und zeigte Jane den Weg. Denn kaum hatte sie ein Exemplar hinter sich zurück gelassen, erschien weiter vorne auch schon das Nächste in ihrem Blickfeld. Es war eine große, belebte Straße die sie da hinauf ging und die schon bald in einem Platz endete, der mit verstreuten Ständen übersät war. Ein Weihnachtsmarkt.
Hier herrschte noch mehr Getümmel als auf den Straßen zuvor, aber der Markt war schön übersichtlich gestaltet und so fiel Janes Blick auf die unterschiedlichsten Verkaufsstände. Es gab mehrere Möglichkeiten, wie sie durch den Markt hätte gehen können, aber eigentlich hatte sie wenig Lust mit ihrem ganzen Gepäck jetzt durch einen Weihnachtsmarkt zu bummeln. Es war unbestreitbar eine schöne Atmosphäre, aber Jane wollte lieber am Rand entlang gehen und sich die Straßennamen ansehen. Also bog sie wieder links ein und ging den Platz entlang.
Hier am Rand war weniger los. Nur einige Menschen hatten sich mit Glühwein oder Maroni hinter einen Stand gestellt, um nicht im Weg zu stehen, während sie sich mit Essen und Trinken aufwärmten.
Unweigerlich glitt Janes Blick zu den besagten Essensständen, von denen die Leute in ihrer Umgebung gekommen waren. Etwas zu Essen konnte sie eigentlich auch gut gebrauchen. Etwas Warmes.
Ihre Finger waren schon ganz steif gefroren und die Glieder schmerzten jedes Mal, wenn sie ihr Gepäck anders griff. Vielleicht sollte sie doch eine kleine Pause einlegen und sich erstmal aufwärmen. Die zierlichen Flocken, die sacht vom Himmel fielen und die Wölkchen, die Janes Atem bildete, sprachen zwar dagegen, dass man sich zu dieser Zeit im Freien aufwärmen könnte, aber die Erinnerung an warme Maroni sagte da etwas anderes.
Und die Erinnerung übernahm auch gleich die Kontrolle über Janes Füße, die einen neuen Weg einschlugen. Er führte sie weg von den Straßen, die alle in diesem Platz mündeten, hin zu dem verlockendem Duft und dem Getümmel der Stände.
Sie hatte ihr Ziel schon beinahe erreicht, da rempelte sie ein kleines Kind an. Jane fiel eine Tasche aus der Hand und sie seufzte leise, als sie wieder danach griff. Das Kind war ebenfalls stehen geblieben nach dem Zusammenstoß, beachtete Jane aber nicht weiter. Weder entschuldigte es sich, noch würdigte es die junge Frau noch eines Blickes.
Jane hingegen sah zu ihm hinüber, nachdem sie sich wieder aufgerichtet und den größten Teil des Schnees von ihrem Gepäck geschüttelt hatte.
Das kleine Mädchen sah völlig schockiert aus, als hätte es etwas wirklich Unglaubliches gesehen. Und das war bestimmt nicht der kostümierte Weihnachtsmann, der eben ein Stück weiter vorne vorbei gegangen war, mit einer Gruppe interessierter Kinder hinter sich. Nein, dieses Kind hatte etwas Anderes entdeckt und Jane fragte sich, was es wohl war.
Sie folgte der Blickrichtung des Kindes mit den Augen und suchte die Umgebung ab. Etwas Sonderbares, was aus der Reihe stach, konnte Jane allerdings nicht entdecken.
Jetzt stieß die Mutter des Kindes ebenfalls zu der Kleinen und fragte etwas ärgerlich: „Wo treibst du dich schon wieder herum? Du sollst doch nicht einfach weglaufen!“
„Aber Mama, ich habe eben ein Fabelwesen gesehen“, verteidigte sich das Mädchen.
„Ein Fabelwesen?“, fragte die Mutter mit einer schon etwas sanfteren Stimme, die aber jedem Erwachsenen verriet, dass sie dem Mädchen keinen Glauben schenkte.
Ihre Tochter überhörte diesen Unterton jedoch und beteuerte: „Ja, ein Fabelwesen! Es war groß und hatte Fell.“
„Fell? Du meinst bestimmt das Rentier, dass der Weihnachtsmann dort drüben mitgebracht hat. Komm, wir gehen wieder rüber.“
„Nein, nein, ein Rentier ist doch kein Fabelwesen“, rief die Kleine aufgebracht. „Und außerdem war das ein verkleideter Esel“, fügte sie schmollend noch hinzu und versuchte ihre Mutter in die Richtung zu ziehen, in die sie vorher gedeutet hatte. Diese bewegte sich allerdings keinen Millimeter von der Stelle und zog schließlich die Tochter ihrerseits zurück zwischen die Stände.
Jane hatte das Gespräch interessiert verfolgt. Sie hatte allerdings auch nichts sehen können, in der Richtung, in die das Mädchen unbedingt hatte gehen wollen. Bevor sie es jedoch als kindliche Fantasie abstempeln konnte, fiel ihr etwas auf, was für die Geschichte des Mädchens sprach. Wahrscheinlich hatte es sich keinesfalls um ein richtiges Fabeltier gehandelt, aber zwischen den vielen kreuz und quer gehenden Profilabdrücken menschlicher Stiefel, konnte Jane einzelne Pfotenabdrücke ausmachen. Ein Tier war also tatsächlich hier gewesen. Und wie es schien, war es zu einer Tür gelaufen, wie Jane nach ein paar automatischen Schritten feststellte. Und die Tür war nur angelehnt.

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