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Prisma x Liquefacere fines

von Tsubaki
GeschichteMystery, Freundschaft / P12 / Gen
01.12.2017
06.12.2018
95
91.211
6
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Dieses Kapitel
1 Review
 
07.12.2017 1.450
 
Abschnitt 24


Als Jane am nächsten Tag von der Sonne wach gekitzelt wurde, fiel es ihr sehr schwer aus den Federn zu kommen. Sie war noch ziemlich müde. Wahrscheinlich hätte sie wirklich schnell schlafen gehen sollen, aber das war jetzt auch nicht mehr zu ändern. Für gewöhnlich hätte sie sich auch nochmal umdrehen können und weiter dösen, aber sie hatte sich für heute etwas vorgenommen, also konnte sie jetzt nicht ihre Müdigkeit siegen lassen. Sie wollte doch unbedingt an ihrer neuen Geschichte arbeiten. Dann würde sie auch offiziell dazu gehören. So war sie bisher nur ein Möchtegern. Zumindest war das ihre persönliche Sicht der Dinge. Das Mädchen namens Ellen hatte ihr zwar gestern noch versichert, dass hier dazu zu gehören absolut nichts damit zu tun hatte, wie viel man schrieb, aber ihr eigenes Zugehörigkeitsgefühl sagte da etwas anderes. Außerdem war Motivation ja nichts Schlechtes.
Also schwang sie sich aus dem Bett, streckte sich herzhaft und musterte ihr neues Zimmer. Es war kleiner als ihr Altes, dafür aber hell. Etwas karg war es allerdings noch. Auf dem Tisch stand bisher bloß ihr Deo. Ansonsten waren ihre persönlichen Sachen noch gut verstaut und warteten darauf ausgepackt zu werden. Es gab also genug zu tun.
Mit ein paar geschickten Handgriffen suchte sie sich Klamotten aus ihrer Tragetasche und schlürfte anschließend damit ins Bad. Sie rechnete damit, dass sie vielleicht warten müsste, aber zu ihrem Erstaunen stand die Tür sogar offen.
„Hallo?“
Vorsichtig streckte sie den Kopf in die Tür und checkte den Raum.
Das Bad war tatsächlich leer. Also machte sie einen Schritt hinein und legte ihre Sachen ab. Dann griff sie nach der Türklinke und wollte sie gerade zuziehen, als sie hastige Schritte hörte. Ohne groß drüber nachzudenken streckte sie den Kopf also nochmal in den Flur. Dort sah sie Tim, der ihr den Rücken zuwandte.
„Guten Morgen“, rief sie, aber er reagierte nicht. Und nicht nur das, auf einmal war er spurlos verschwunden.
Jane blinzelte und blickte in beide Richtungen und fragte sich, ob Tim irgendwo um die Ecke gebogen oder in einer Tür verschwunden war. Doch irgendetwas störte sie an diesem Gedanken. Vielleicht war es das leise Zischen, das sie zu hören glaubte.
Vorsichtig ging sie aus dem Bad in die Richtung, in der sie Tim gesehen hatte. Sie setzte dabei jeden Fuß vorsichtig vor den anderen und schlich ganz automatisch, obwohl es ihr unsinnig erschien. Aber sie wollte das Zischen nicht übertönen, wenn es denn wirklich da war. Doch schon allein ihr Herzschlag reichte dafür aus, als ihr Körper die Anzeichen deutete und daraus las, dass die Situation jeden Moment gefährlich werden könnte. Zwar wäre das für jeden um Jane herum nicht nachvollziehbar gewesen, aber die Instinkte funktionierten eben manchmal sehr sensibel, auf die einfachsten Verhaltensmuster und Ahnungen. Jane fiel es daher schwer ihren Herzschlag wieder zu beruhigen und den Atem zu regulieren. Sie versuchte bewusst ein und aus zu atmen, konnte sich aber nicht richtig darauf konzentrieren, denn alle Aufmerksamkeit galt dem Verschwinden von Tim und ihrer Umgebung. Der Gang wurde für diese wenigen Schritte zur ganzen Welt und schien unheimlich ungewohnt.
Durch diese intensive Wahrnehmung viel Jane aber auch sofort auf, als vor ihr etwas wirklich Merkwürdiges zu entdecken war. Ein Loch im Boden. Kein normales Loch, so wie man es mit Schaufeln grub oder mit zerbrochenen Holzdielen oder Ähnlichem. Es sah eher nach einem Loch aus, dass sich über den unversehrten Boden gelegt hatte. Zumindest hatte Jane den Eindruck, als sie sich bückte und die bunt schimmernde Scheibe auch von der anderen Seite betrachtete. Sie lag nur ein, zwei Zentimeter über dem Boden. Aber sie führte nicht in den Boden hinein, wie Jane im ersten Moment geglaubt hatte. Die Mitte des schillernden Etwases hatte darauf hingedeutet. Der Rand war bunt und beweglich, während es darin dunkel war und tief nach unten zu gehen schien.
Der andere Grund, warum Jane die Scheibe für ein Loch hielt war wohl, dass Tim genau hier verschwunden war.
Jane blieb wie angewurzelt stehen bei diesem Gedanken. Dann schauderte sie mit verzögerter Reaktionszeit. Sie warf dem Loch noch einen letzten Blick zu, dann sah sie im Gehen, wie es langsam kleiner wurde und als sie mit ihren Sachen über dem Arm wieder aus dem Bad gelaufen kam, war es bereits verschwunden.
Jane fragte sich, ob das alles wirklich passiert oder nur durch ihre Fantasie zu erklären war. Sie beschloss doch nochmal eine Runde zu schlafen. Das schien ihr jetzt das einzig Sinnvolle zu sein.

Also legte sie sich noch einmal hin und als sie wieder aufwachte, war die Erinnerung so verschwommen und die Umgebung so normal, dass es nur ein Traum gewesen sein konnte. Oder?
Nein, sie durfte jetzt nicht schon wieder daran zweifeln. Alles war normal. Alles war gut. Sie war angekommen und ihr eigenes Zimmer wartete darauf eingerichtet zu werden. Ebenso wollte ihre Geschichte geschrieben werden. Also trottete sie ins Bad, machte sich frisch und saß auch schon vor ihrem Laptop. Diesmal war nichts Merkwürdiges passiert unterwegs, aber Jane hatte sich dabei ertappt, wie sie den Boden nach der Stelle abgesucht hatte. Dort war allerdings nichts zu sehen. Und vermutlich war auch nie etwas gewesen, sagte sie sich immer wieder. Sie würde einfach später Lena fragen, wo Tim war, dann würde sich sicherlich alles schnell aufklären. Doch jetzt war erstmal Schreibzeit angesetzt.
Sie streckte sich noch einmal und machte es sich dann in ihrem Bett gemütlich, den Laptop auf dem Schoß. Vorerst war das die beste Lösung. Und sie wusste auch schon, was sie schreiben wollte. Die Gedanken schwirrten durch ihren Kopf und wollten angeordnet werden.
Routiniert begann Jane zu tippen.
Doch das Blatt blieb weiß.
„Jetzt reicht´s aber“, schnaubte Jane mehr ungläubig, als wirklich entrüstet.
„Das ist doch jetzt nicht wirklich wahr“, murrte sie weiter. „Sag bloß, mein Laptop ist kaputt...“ Sie begann schneller zu tippen. Irgendwas. Es war ganz egal, Hauptsache etwas kam zu Papier. Und zu ihrer großen Verwunderung erschien auch etwas auf dem Bildschirm. Die Buchstabenfolge: strpagefaloseminde...
Jane hörte auf zu tippen. Sie beruhigte sich wieder, löschte den Unsinnssatz und begann von Neuem mit ihrem Manuskript.
„Alles begann mit“, murmelte sie ihre Gedanken mit und flog mit den Fingern flink über die Tastatur. D-i-e-s-e-r, suchte jeder Finger einzeln, als hätten sie ein Eigenleben. Doch dann verweilten die Finger mitten in der Luft. Unschlüssig, verdutzt, ärgerlich. Und schon begannen sie wieder zu tippen. Doch diesmal wild drauf los. Ohne jeden Sinn dahinter. Auf dem Papier kam zu Protokoll: gsasdönöiweln. Das war jedoch das Einzige, was dort stand. Und Jane hatte kein einziges Mal die Löschtaste gedrückt, geschweige denn eine entsprechende Tastenkombination. Doch das Programm nahm anscheinend nur noch Unsinnssätze an. Was war nur geschehen?

Just in diesem Moment klopfte es überschwänglich an ihrer Tür, die fast im gleichen Moment noch aufschwang. Alexa steckte den Kopf ins Zimmer. Im Schlepptau hatte sie Lena, die etwas entschuldigend zu Jane blickte. Beide sahen aber unübersehbar gut gelaunt aus.
„Hallo Jane. Wir wollten dich fragen, ob du mit uns einkaufen gehen willst“, fiel Alexa mit der Tür ins Haus, wie sie es eben schon beinahe bildlich getan hatte.
„Wir wollen noch etwas Backen und haben nicht alles da dafür“, erklärte Lena etwas ruhiger.
„Ja, Kiki hat uns eine Liste geschrieben. Sie und ein paar andere haben auf dem Dachboden etwas entdeckt und daher möchte Kiki jetzt Seelenkuchen backen.“, erläuterte nun Alexa die Situation weiter und sprach das Wort ‚Seelenkuchen‘ dabei sehr betont und langgezogen aus.
„Seelenkuchen?“, griff Jane den unüberhörbaren Hinweis auf, „Was ist das?“
„Das erklären wir dir unterwegs“, wiegelte Lena ab und deutete auf die Liste. „Möchtest du denn mitkommen?“
Jane zögerte. Ihr Blick fiel auf den Unsinnssatz auf ihrem Laptop.
„Oder bist du gerade in einer kreativen Phase und kannst nicht unterbrechen?“, hakte Alexa nach.
„Wir haben sie schon unterbrochen“, merkte Lena an.
„Nein, davon kann nicht die Rede sein“, gab Jane unnormal gedehnt zur Antwort. Die beiden Mädchen horchten auf und Lena fragte: „Aber...?“
Jane schwieg einen Moment, dann fragte sie: „Du weißt nicht zufällig, wo sich Tim aufhält?“
„Er ist in der Arbeit, schätze ich“, meinte Lena freundlich.
„Am Samstag?“, fragte Jane noch nicht überzeugt.
„Ja, am Samstag“, bestätigte Lena. Sie wirkte völlig normal als sie das sagte. Es gab also keinen Grund zu zweifeln. Warum tat Jane es dann trotzdem?
Im nächsten Moment wusste sie, warum.
Mitten im Zimmer erschien ein kleiner schillernder Punkt, der rasch wuchs und plötzlich zu einem Tor herangewachsen war. Und es sah dem Loch von heute morgen erschreckend ähnlich. Noch dazu, schienen die Muster einen unentwegt in ihren Bann zu ziehen. Sie luden dazu ein Tim zu folgen. Doch wohin?

Durch das Tor gehen: Abschnitt 8j

Besser anders versuchen etwas herauszufinden: Abschnitt 30
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