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Prisma x Liquefacere fines

von Tsubaki
GeschichteMystery, Freundschaft / P12 / Gen
01.12.2017
06.12.2018
95
91.211
6
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07.12.2017 778
 
Abschnitt 23


Die beiden Mädchen rüttelten vergeblich an der Tür, während der Werwolf sich mit bedrohlicher Schnelligkeit durch den Raum bewegte.
„Sie klemmt“, rief Lynn entsetzt und ließ dabei den Türrahmen nicht los.
„Es muss gehen!“, entgegnete Jane, doch auch sie konnte am Eisenring nichts ausrichten.
Der Werwolf war schon direkt vor ihnen.
Aber bevor sie die rauen Klauen des Ungeheuers zu spüren bekamen, verlor dieses auf einmal das Gleichgewicht und rutschte gegen die Wand. Aber auch Jane und Lynn hatten Mühe an der gleichen Stelle zu bleiben. Zu ihrem Glück waren sie allerdings beide fest an die Tür gekrallt und es gelang ihnen daher einigermaßen Haltung zu bewahren.
Der ganze Raum bewegte sich und ruckelte, als würden sie sich in einem Fahrstuhl befinden, der auf einmal aus der Halterung geraten war und jetzt mit samt seiner Last hinunter fiel. Jane wurde etwas schlecht bei diesem Gedanken, aber das Gefühl nach unten zu sausen, war unverkennbar. Sie versuchte einen Blick auf das Fenster zu erhaschen, aber alles bewegte sich so unkontrolliert, dass sich nicht genau steuern ließ wohin der Kopf fiel und was in ihr Blickfeld geriet.
Das ging allerdings nicht nur ihr so. Der Werwolf wurde wild hin und her geschleudert und Lynn bekam eine von Janes Taschen gegen das Bein. Als sie einen quiekenden Laut von sich gab, verwandelte dieser sich noch währenddessen in Erstaunen und sie prallte gegen Jane, als die Holztür mit Schwung in ihre Richtung aufging und die Mädchen zu Boden katapultierte.
Sie brauchten einen Moment, um zu begreifen, was geschehen war, aber dann war der Fluchtweg wie mit roter Leuchtschrift markiert und beide versuchten wackelig auf die Beine zu kommen. Leider glichen diese Versuche den unbeholfenen Bemühungen von Menschen in einem Rummelplatz-Fahrgeschäft. Sie rappelten sich auf und fielen auch schon wieder hin. Sie würden definitiv einige blaue Flecken einkassieren, aber wenn das alles war, womit sie rechnen mussten, hatten weder Jane noch Lynn etwas einzuwenden.
Als Lynn sich gerade wieder an der Tür hochzog, gab es einen kräftigen Schlag, der ganz schön auf die Knie ging und das Ruckeln hatte ein Ende.
„Hat es aufgehört?“, fragte Jane fassungslos.
„Ich glaube schon“, antwortete Lynn und klang ebenso unsicher.
Doch dann fiel den beiden der Werwolf wieder ein und sie stürzten auf die Tür zu, hechteten unbeholfen hindurch und knallten sie fest hinter sich zu. In das nachhallende, dumpfe Geräusch des Knalls mischte sich ein mechanisches Klicken. Die Tür hatte sich verriegelt. Für Jane und Lynn einzig ein erleichterndes und damit unüberhörbares Geräusch. Auch wenn es nun erneut keinen Weg zurück gab.
Vor ihnen befand sich die Freiheit, auch wenn diese tatsächlich etwas ungewöhnlich aussah. Aber nach dieser ereignisreichen Fahrt erstaunte sie das auch nicht mehr.
Als sie den neuen Raum betraten, traten ihre Füße in weichen Schnee, der wie Puderzucker über eine Süßigkeitenlandschaft gestreut war. Am Rand des beschaulichen Weges vor ihnen standen riesenhafte Zuckerstangen und das Häuschen, auf das er zuführte, hätte auch ein Lebkuchenhäuschen sein können, wenn man ein Auge zudrückte. Tatsächlich hatte es aber keine Mandeln auf den Fensterläden und auch jegliche Zuckergussverzierung fehlte. Es sah nur so vertrauenerweckend und gut erhalten aus, dass soetwas in der jetzigen Zeit bestimmt keinen Platz mehr gehabt hätte. Es war geradezu niedlich. Und nicht nur das machte den einladenden Eindruck aus – der einzige Weg führte auch genau dorthin.
Jetzt wusste Jane, was Lynn vorhin mit erschreckend unwirklich gemeint hatte. Es sah hier eher aus wie in einem Disneyfilm. Oder Nein. Wie in einer Schneekugel.

***


Währenddessen trug sich nicht weit entfernt etwas Sonderbares zu. Das hieß natürlich, nicht weit entfernt mit den Koordinaten. Die waren schlichtweg dieselben. Aber Höhenmeter trennten sie viele voneinander.
Hoch oben – noch über der Wolken und damit außerhalb des Schneesturms – flog ein Schlitten ganz aus Eis wie auf unsichtbaren Kufen durch die Lüfte. Gezogen wurde er von vier Rentieren, deren Hufen silbrig glitzerten, während sie geräuschlos und immer im gleichen Takt dahin glitten. Ihre Herrin, die Schneekönigin ließ sie hier Kreise ziehen.
„Wo ist sie denn nur gelandet?“, murmelte die anmutige Stimme vor sich hin, während sie hinunter blickte, in die weiße Welt.
„Ich schätze wir müssen landen“, sagte sie dann zu ihrem Gespann.
Was sie suchte, war aus dieser Entfernung selbst mit ihren geübten Augen nicht zu sehen. Sie konnte ja nicht wissen, dass die Schneekugel nicht einfach auf die Straße gefallen war, sondern die Fensterscheibe eines jungen Mädchens passiert und damit einen riesigen Haufen Scherben in ihrem Zimmer verstreut hatte. Die Schneekugel selbst, war allerdings heil geblieben. Und sie bot für den Moment zwei verirrten Wanderern ihren Schutz. Doch gleichzeitig war sie nur ein neues Gefängnis. Ein Spielzeug der Schneekönigin eben.

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