Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Prisma x Liquefacere fines

von Tsubaki
GeschichteMystery, Freundschaft / P12
01.12.2017
06.12.2018
95
91.211
6
Alle Kapitel
32 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
02.12.2017 755
 
Abschnitt 02


Die Spielfiguren des Schicksals sind also alle schon auf dem Weg zur Erde. Und dahin wollen wir uns nun auch begeben. In die die Welt der Menschen.

***


Weiß schimmernd brach sich das Licht der Straßenlaternen im Schnee und gab der Kreuzung ihr ganz eigenes Leuchten. Der Weg war in alle vier Himmelsrichtungen platt getreten von augenscheinlichen hunderten von Fußspuren. Das rege Gedränge, was hier von früh bis spät herrschte, ließ sogar vermuten, dass dieser Eindruck nicht übertrieben war.
Auch jetzt huschten die Menschen noch hektisch an der jungen Dame vorbei, die stehen geblieben war und so die Szene genau unter die Lupe nehmen konnte. Einige waren schwer bepackt mit Tüten und hatten auch nach Ladenschluss ihre Eile nicht abgelegt. Andere wiederum knabberten an glasierten Äpfeln am Stil und schlenderten eher durch die Fußgängerzone. Sie hatten es nicht eilig, sondern waren zum Entspannen hierher gekommen. Auch wenn die Läden schon geschlossen hatten und der nächste Weihnachtsmarkt noch ein Stück entfernt war, gab es keinen Grund für sie, sich durch irgendetwas stressen zu lassen. Sie beschäftigten sich lieber mit ihren eigenen Dingen.
Eine Gruppe Mädchen kicherte lautstark, als sie an Jane vorbeigingen und sie konnte gerade so aufschnappen, dass sich das Gespräch wohl um einen Jungen drehte. Als sie den Dreien für einen Moment nachblickte, wurde sie allerdings beinahe von einem Mann in schwarzem Mantel angerempelt und wich hastig zur Seite.
Eigentlich war sie nur stehen geblieben, um sich zu orientieren, aber die Szene hatte zu sehr zur Recherche eingeladen. Alle Orte, an denen es von Menschen wimmelte, luden sie dazu ein. Wahrscheinlich war das der Grund, warum sie sich verlaufen hatte. Denn auch wenn sie es bei der letzten Kreuzung noch nicht wahrhaben wollte, konnte sie jetzt nicht mehr leugnen, dass sie keine Ahnung hatte, wo sie sich befand. Mut zureden brachte da auch nichts. Ihre Arme wurden langsam schwer von der Schlepperei und als sie das letzte Mal hier gewesen war – wobei sie nicht mal wusste, ob sie an dieser Kreuzung überhaupt jemals zuvor gewesen war – hatte noch kein Schnee gelegen. Es war nicht mehr als einen Monat her, aber dieses Jahr war der Wintereinbruch unverhofft plötzlich gekommen und hatte große Massen weißer Schneekristalle über der Stadt ausgeschüttet. Der November war schon ziemlich düster gewesen. Zumindest war das Janes Eindruck gewesen, denn sie hatte Abends nicht mehr vor die Türe gehen wollen. Die Häuser waren von so dicken Nebelschwaden umschlungen gewesen, dass sie sich nicht sicher war, ob sie sich noch zurecht finden würde. Ende November hatte der nächtliche Nebel sich dann ganz plötzlich verflüchtigt und war einem Schneesturm gewichen, der die Straßen, Dächer und Laternen weiß färbte.
Jetzt begann es auch gerade wieder ganz leicht zu schneien. Die zusammengeschobenen Schneeberge, die überall den Rand der Wege zierten, waren dem Wetter wohl noch nicht genug. Fast als würde die Wetterfee sagen ‚Die letzten Jahre haben wir so viel gespart, dass wir die Welt dieses Jahr in eine weiße Kugel verwandeln können!‘
Jane musste schmunzeln bei dem Gedanken. Doch sie musste zugeben, dass der Schnee nicht nur Schönheit, sondern auch Kälte mit sich brachte. Sie hob die Hände ans Gesicht und hauchte warme Luft auf ihre Fingerspitzen. Diesen Winter würde sie definitiv keine fingerlosen Handschuhe mehr anziehen. Aber wer hätte denn damit rechnen können, dass sie noch einen so weiten Weg zurück legen musste? Laut vorheriger Routenplanung waren es 3 Minuten Fußweg... Das wäre wirklich zu schaffen gewesen, auch mit fingerlosen Handschuhen und Gepäck. Doch jetzt stand sie da – mitten im Gedränge der namenlosen Gesichter des Adventsrauschs – und hatte keine Ahnung, wohin sie sich wenden sollte.
Ungeschickt fischte sie ihr Handy aus der Tasche und hätte es dabei beinahe fallen gelassen, so wenig Gefühl hatte sie mittlerweile in ihren Händen. Zum Glück bekam sie es jedoch noch zu fassen und blickte erleichtert auf das Display. Es war schon eine Stunde nach ihrer geplanten Ankunftszeit in der WG. Ob sie anrufen sollte? Ihre neuen Mitbewohner würden sie vielleicht auslachen, wie sie sich auf der kurzen Strecke verlaufen hatte können. Das sprach dagegen, schließlich wollte sie sich nicht gleich ein schlechtes Standbein verschaffen. Andererseits könnte sie hier auch noch länger herumirren, wenn sie sich einfach für einen Weg entschied.
Ihr Blick wanderte zurück auf die Straßen und half ihr gerade noch rechtzeitig einem rennenden Kind auszuweichen. Sollte sie sich nicht doch ihren Weg durch die Straßen suchen?

In der WG anrufen: Abschnitt 05

Dort entlang gehen, wo die meisten Menschen hingehen: Abschnitt 03

Jemanden suchen, den du nach dem Weg fragen kannst: Abschnitt 04
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast