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Prisma x Liquefacere fines

von Tsubaki
GeschichteMystery, Freundschaft / P12 / Gen
01.12.2017
06.12.2018
95
91.211
6
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1 Review
 
06.12.2017 806
 
Abschnitt 19


Wie von selbst trugen ihre Füße Jane nun in die Richtung, in der sie den Vogel verschwinden hatte sehen. Er war hinter dem Schornstein eines noch in älterem Baustil gebautem Hauses aus Janes Blickfeld verschwunden. Sie fand es sehr passend, dass es ausgerechnet ein Schornstein gewesen war, der ihr die Sicht auf das Tier geraubt hatte, bevor es ganz in der Nacht verschwunden war. Aber weit konnte es ja wohl nicht sein und auch wenn ihr die Schritte vorher noch schwerer gefallen waren, trugen sie sie jetzt mit Leichtigkeit und neuer Kraft die Straße hinauf und an dem besagten Haus vorbei.
Der Schnee wehte ihr jetzt von vorne ins Gesicht und prasselte immer wieder nasskalt auf ihre Wangen. Aber er wurde bereits weniger und Jane bedauerte das nicht. Zwar war der Vogel gerade durch den dichten Schnee so gut zu erkennen gewesen, aber gegen ein Schneegestöber anzukämpfen, war auf Dauer nicht besonders angenehm.
Akribisch suchte sie den Nachthimmel nach dem potentiellen Kramurx ab. Was wäre, wenn es wirklich ein Pokemon gewesen wäre? Das wäre wirklich ein unglaubliches Erlebnis und Jane hatte im Leben nicht damit gerechnet jemals in eine solche Situation zu geraten. Höchstens in ihren Geschichten schickte sie Charaktere aus in die Pokemonwelt. Aber dies war die echte Welt. Wie konnte es da solche erfundenen Gestalten geben? Ob der Rabe vielleicht auch nur eine Halluzination war und ebenso verschwand wie die merkwürdige Frau von vorhin, wenn sie versuchen würde, ihn zu berühren?
Erst bei dem Gedanken an die geheimnisvolle Frau fiel Jane auf, das noch etwas verschwunden war. Sie war so in ihre Gedanken vertieft gewesen, dass ihr gar nicht aufgefallen war, dass auch die Stimmen verklungen waren. Hatte sie sie erfolgreich verdrängt?
Jane war auf einmal sehr kalt. Langsam trabte sie aus und blieb stehen. Was war nur mit ihr los? Fühlte sie sich vielleicht so komisch, weil die Stimmen verschwunden waren? So einsam und leer? So leer, wie die Nacht, die still und schwarz vor ihr lag. Es hatte aufgehört zu schneien und nur die Erde war gefroren und weiß, während der Himmel wieder dunkel und unbarmherzig wirkte. Seid wann empfand sie das so? Der Schnee ging ihr auf einmal ab, wie ein guter Freund, dessen verschwinden sie eben erst bemerkt hatte.
Langsam hob sie die Hand und versuchte nach der letzten Schneeflocke zu greifen, die groß und prächtig vor ihr herab schwebte. Doch die Flocke zerfloss in ihrer Hand, noch bevor sie ihre Schönheit hätte bewundern können.
„Oh“, machte Jane unwillkürlich und blickte die leere Straße entlang.
„Was hast du?“, fragte eine klare, aber kalte Stimme, die auf einmal ganz nah wirkte. Viel näher, als die Stimmen von vorher.
Jane presste die blauen Lippen zusammen und antwortete nicht. Sie hatte sich getäuscht, es gab wohl doch noch Stimmen, die mit ihr reden wollten. Sie hatten sie nur vorübergehend in Ruhe gelassen.
„Was hast du?“, wiederholte die Stimme allerdings beharrlich. Immer noch freundlich, aber um einiges auffordernder.
„Ach nichts“, antwortete Jane völlig reflexartig.
„Es ist unhöflich jemandem den Rücken zuzuwenden, wenn du mit ihm sprichst“, erläuterte die Stimme und schickte mit diesen Worten eine höfliche Aufforderung mit, der Jane sofort reflexartig nach kam. Sie drehte sich um.
Und kaum hatte sie das getan, weiteten sich ihre Augen vor Überraschung. Hinter ihr stand ja tatsächlich jemand. Eine wunderschöne Frau in einem weißen Gewand, das aussah, als wäre es aus tausenden kleiner Eiskristalle zusammen gesetzt worden.
„Wer sind Sie?“, hauchte Jane überwältigt.
„Guten Abend“, grüßte die Frau und deutete ein Nicken an. Auf die Frage ging sie allerdings nicht ein.
Jane überfiel ein merkwürdiges Dé­jà-vu Gefühl, auch wenn diese Frau keine roten Augen hatte. Trotzdem waren ihre nicht weniger bedrohlich, wenn Jane es genauer bedachte. Sie waren auf den ersten Blick freundlich, aber eigentlich spiegelte sich nur die kalte Umgebung in ihnen. Sie waren schön, aber reglos, wie ein spiegelglatter Eissee. Diese Schönheit war nicht lebendig und kam nicht von innen heraus. Und doch war die Frau auf eine merkwürdige Art faszinierend und anziehend.
„Verschwinden Sie auch, wenn ich versuche Sie zu berühren?“, fragte Jane mit zittriger Stimme und versuchte die Hand nach ihr auszustrecken. Doch ihre Finger waren so kalt, dass Jane noch einmal zurück zuckte und einfach nur gebannt auf diesen mystischen Anblick starrte.
Die Frau lachte, bei dieser Frage, aber es war kein ausgelassenes Lachen. Jane wurde klar, wenn es eine echter Mensch wäre – wie sie selbst – wie komisch das klingen hatte müssen.
„Entschuldigen Sie“, begann Sie, „ich dachte nur Sie wären...“
„Versuch es doch“, unterbrach die Frau Janes Versuch sich zu erklären. Langsam hob sie die Hand und streckte sie dem Mädchen entgegen. Viele durchsichtig-weiße Splitter klimperten dabei sacht an ihrem Gewand entlang.
„Gib mir deine Hand und überzeuge dich selbst.“

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