Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Prisma x Liquefacere fines

von Tsubaki
GeschichteMystery, Freundschaft / P12 / Gen
01.12.2017
06.12.2018
95
91.211
6
Alle Kapitel
32 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
05.12.2017 1.556
 
Abschnitt 14


Janes Blick wanderte von einem zum anderen. Sie war tatsächlich endlich angekommen, aber trotzdem fühlte es sich immer noch eher an, als wäre sie bei Freunden zu Besuch. Der einzige Aspekt, der auf „zu Hause sein“ schließen ließ war, dass sie sich unheimlich gern hinlegen würde, um vor dem merkwürdigen Tag zu flüchten, den sie hinter sich hatte. Aber die beiden Mädchen, die sie an der Tür überfallen hatten, ließen ihr keine Wahl. Sie wollten sie unbedingt dazu überreden, mit ihnen Werwolf zu spielen.
„Also gut“, gab Jane nach.
Und schon hatte Kiki sie am Arm gepackt und zog sie mit sich. Wenn ihren neuen Mitbewohnern so viel daran lag mit ihr Werwolf zu spielen, dann würde ihr Abend wenigstens gesellig enden. Besser als die Kälte draußen und es bot ihr die Möglichkeit die Leute noch besser kennen zu lernen. Kiki und Alexa kannte sie zwar schon, ebenso wie einige andere, aber sie war noch nicht allen Bewohnern der WG begegnet, bei ihrem ersten Besuch hier.
Sie war daher sehr gespannt, als Kiki sie in das gemütlich eingerichtete Wohnzimmer brachte. Auf dem Boden lagen Kissen und Polster und alle saßen im Kreis um einige Teller, die wirklich mit sehr hübschen Plätzchen bedeckt waren. Es waren nicht nur die normalen Weihnachtssterne und Tannenbäume als Formen, sondern auch Pokemon und Pokebälle, was Jane im ersten Moment doch überraschte, obwohl sie wusste, dass alle Bewohner Pokemonfans waren. Die liebevoll verzierte Glasur gab dem Ganzen noch einen ganz speziellen Touch.
Als Alexa merkte, dass ihr Blick auf den Kekstellern hängen geblieben war, sagte sie: „Die hat Anika gebacken. Leider kann sie grad nicht dabei sein, aber ich soll schöne Grüße ausrichten.“
Wie auf’s Stichwort hielt ihr eines der Mädchen, die auf dem Boden saßen einen Plätzchenteller entgegen. Jane suchte sich eines heraus und bedankte sich fröhlich. Das Plätzchen schmeckte genauso gut, wie es aussah und wenn der Abend so blieb, bereute Jane es ganz und gar nicht, mit zur Werwolfrunde gegangen zu sein.
„Setz dich her“, wies Kiki sie an und klopfte auf das Kissen schräg gegenüber von ihr. Sie selbst hatte sich bereits wieder hingesetzt und hielt einen Stapel Spielkarten in der Hand.
„Wer macht den Spielleiter?“, fragte sie in die Runde und wandte die Karten dabei hin und her.
„Wollen wir nicht erst nochmal eine Vorstellungsrunde machen, bevor wir unsere neue Mitbewohnerin so überfallen?“, stellte Tim eine Gegenfrage in den Raum, statt zu antworten.
„Wäre bestimmt sinnvoll“, stimmte ihm ein anderes Mädchen zu und fing dann auch gleich an sich vorzustellen. „Mein Name ist Mona. Ich bin 18 und eines der jüngeren Mitglieder hier.“
„Und ich bin die Jüngste und heiße Kaya“, warf das Mädchen schräg gegenüber ein.
„Ich bin Tim“, machte der einzige Junge in der Runde weiter und dann ging es reihum. Mona, Kaya, Tim, Lena, Kiki, Ellen, Alexa und die beiden Zwillinge Ruby und Yana. Jane war sich nicht sicher, ob sie sich gleich alle Namen merken würde, obwohl sie ja schon ein paar gekannt hatte. Bei all dem Trubel wäre das sicher kein Wunder.
Nachdem die Vorstellungsrunde nun beendet war, begann auch gleich von Neuem die Diskussion darum, wer den Erzähler übernahm. Es dauerte aber nicht lange einen zu finden, Kiki, Alexa und Tim hatten sich alle drei bereit erklärt und die erste Runde würde erstmal Kiki übernehmen.
Als Kiki die Karten verteilt hatte, stellte Jane fest, dass sie der Amor war. Es lag also in ihrer Hand, welche Leuten in dieser Runde gemeinsam als Liebespaar spielen würden. Wen sollte sie nehmen?
„So, wir befinden und hier in einem kleinen Schreiberlingsdorf“, begann Kiki, „in dem Autoren, Charaktere und Pokemon miteinander leben. Leider mussten die Dorfbewohner allerdings die Entdeckung machen, dass ein Werwolf unter ihnen weilt.“
„Du meinst dann wohl ein Wolwerock“, verbesserte Alexa.
„Nein, den würde man doch sofort erkennen“, gab Kiki zurück und blieb bei ihrer Version.
„Dann ein Mensch, der sich immer nachts in ein Wolwerock verwandelt?“, schlug Kaya vor und diesmal nickte Kiki.
„Okay, ein Mensch, der sich jede Nacht in ein Wolwerock verwandelt.“
„Ich wette es ist Tim“, warf Alexa lachend ein.
„Warum das?“, fragte Jane und versuchte dem Gespräch zu folgen.
„Wir haben gestern auch Werwolf gespielt und Tim war alle drei Runden Werwolf“, erklärte Ellen hilfsbereit.
„Nicht immer diese Vorurteile“, beschwerte sich nun auch Tim über den unbegründeten Verdacht.
„Aber sie hat recht, wenn sie sagt, dass du verdächtig bist“, gab Lena Alexa recht und das, obwohl Tim ihr Freund war. Das erntete natürlich auch gleich einen weiteren Kommentar von Tim und Kaya sprach sich ebenfalls für Tims Unschuld aus. Die Zwillinge unterhielten sich in ihrer Ecke eben mit Ellen und Mona schüttelte murmelnd den Kopf über die Gruppe. Jane versuchte einfach dem Ganzen irgendwie zu folgen.
Schließlich griff Kiki ein und sagte laut: „Ihr könnt noch niemanden verdächtigen, wenn noch nicht mal jemand angegriffen wurde.“ Das stimmte. „Daher trifft es sich gut, dass die Nacht in unserem kleinen Dorf nun hereinbricht.“, fuhr sie fort und vernuschelte dabei das letzte Wort ein wenig.
„Vorsicht, die Nacht bricht ein“, kommentierte Kaya noch, schloss aber dann die Augen. Kiki musste bei dem Kommentar lachen, versuchte aber gleich wieder einigermaßen ernst zu werden. Das war auch nötig, denn Tim begann sogleich demonstrativ laut zu schnarchen und Alexa redete im „Schlaf“ merkwürdiges Zeug vor sich hin. Kiki wies sie beide mit beiläufigen Bemerkungen zurecht und Mona murmelte:„Diese Chaoten“, bevor endlich Ruhe einkehrte.
Wobei wirkliche Ruhe wahrscheinlich noch ein gutes Stück stiller war. Aber immerhin lies sich die Nacht einigermaßen reibungslos durchspielen und Jane wählte Ellen und Ruby zum Liebespaar, denn beide waren ihr bisher relativ vernünftig vorgekommen. Vielleicht lag das aber auch nur daran, dass sie sehr still ihr gegenüber gewesen waren und im Gegensatz zu den anderen daher eher zurückhaltend wirkten. Auch Rubys Schwester Yana hatte noch kaum etwas in Janes Anwesenheit gesagt. Aber das konnte ja noch werden. Alle anderen wirkten eher überdreht, was den Empfang der Neuen betraf.
Umso überraschter war Jane, als der Erzähler wieder den Tag einleitete und bekannt gab, dass sie in einer Blutlache gefunden worden war.
„War für ein freundlicher Empfang“, murmelte Jane scherzhaft, woraufhin sie sofort lautes Gelächter erntete. Und Alexa erklärte ihr, dass sie ja nicht gestorben war, sondern nur angekratzt und damit erstmal unverdächtig – denn die Werwölfe durften sich nicht selbst angreifen. Es war also durchaus eine nett gemeinte Geste, sie in der ersten Nacht anzugreifen. So begründet klang das tatsächlich nachvollziehbar.
Und so folgte auch gleich eine angeregte Diskussion, wer etwas gegen Jane haben konnte – obwohl Alexa doch gerade gesagt hatte, dass es sicher nett gemeint war.

Es wurde eine lange Runde mit vielen Beschuldigungen und viel Gelächter in der letztlich das Liebespaar gewann. Und Tim war tatsächlich ein Werwolf gewesen, wie sich heraus stellte. Nun übernahm er die Rolle des Spielleiters und richtete gerade die Karten her, während Jane die Runde kurz verließ, um auf die Toilette zu gehen.
Im Gang war es viel ruhiger als im Wohnzimmer, aus dem immer noch schallendes Gelächter erklang. Janes Wangen waren ganz rot und sie fühlte sich ziemlich wohl in dieser ausgelassenen Gesellschaft. Doch eine kleine Pause tat trotzdem gut. Also blieb Jane kurz am Fenster im Gang stehen und blickte nach draußen, bevor sie zurück zu den anderen ging.
Die Nacht wäre wohl dunkel gewesen, wenn da nicht der weiße Schnee wäre, der diesmal in sehr sanftem Rhythmus vom Himmel fiel und das Licht der nächsten Straßenlaterne genauso auffing, wie die Lichter der umstehenden Häuser. Es brannte tatsächlich noch in einigen Fenstern Licht. Die Nacht lud wohl dazu ein länger wach zu bleiben. Jane konnte das nur all zu gut verstehen. Und wenn sie jetzt so nach draußen blickte, wirkte es auch viel ruhiger und harmonischer. Fast, wie eine Einladung noch einen kurzen Spaziergang zu machen. Doch Jane hatte nicht vor, dieser Einladung zu folgen. Für heute war sie genug draußen gewesen. So dachte sie zumindest – bis sie auf einmal ein Poltern und Rumpeln ganz in ihrer Nähe hörte.
Irritiert lief Jane die Treppe nach oben und sah den Ursprung des Lärms. Sie konnte allerdings kaum glauben, was ihre Augen da sahen. Ein schwarzer Vogel lag mitten im Flur, direkt neben einem halb geöffneten Fenster. In seinem Schnabel hatte er ein dunkles, ausgebeultes Bündel, das klimperte, als der Vogel wieder auf die Füße kam. Feindselig fixierte er das Mädchen und gab einen verstimmten Laut von sich, ohne sein Bündel dabei loszulassen. Dann flog er auf und mit einem sehr waghalsig wirkenden Manöver aus dem Fenster. Der Beutel prallte dabei mit einem lauten Geräusch, dass dem Gepolter von eben doch sehr ähnlich war, gegen die Scheibe – aber es gelang dem Vogel aus dem Fenster zu fliegen.
Und kaum war er fort, wusste Jane nicht mehr, ob sie geträumt hatte oder das wirklich passiert war. Nicht nur, dass sie eben einen Vogel wie einen Einbrecher mit Beute hatte davon fliegen sehen, nein! Es hatte sich ganz offensichtlich auch noch um ein Kramurx gehandelt! Aber gab es die denn?
Ein Ruck durchfuhr ihren vor Staunen erstarrten Körper und sie rannte die Treppe hinunter zur Eingangstür. Vielleicht war der Vogel ja noch irgendwo da draußen.
Sie warf sich ihren Mantel über, riss die Tür auf und lief in die verschneiten Straßen, die sie gerne empfingen.

Würfeln:

1, 3 und 5 = Abschnitt y6

2, 4 und 6 = Abschnitt c6
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast