Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Prisma x Liquefacere fines

von Tsubaki
GeschichteMystery, Freundschaft / P12 / Gen
01.12.2017
06.12.2018
95
91.211
6
Alle Kapitel
32 Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
05.12.2017 908
 
Abschnitt 13 - lp


Der dreiste Dieb war flink auf den Beinen, aber Jane reagierte sofort. Sie lief ebenfalls los – allerdings nicht, ohne sich dabei noch ihre zweite Tasche zu schnappen. Schließlich wollte sie jetzt nicht auf einen Schlag alles los sein, was sie hatte. Es hatte nur einen kurzen Moment mehr eingenommen die Tasche noch mit sich zu reißen, aber jetzt konnte sie nichts mehr von der Verfolgung des Diebes ablenken. Wendig wie ein Wiesel huschte sie ihm zwischen den Menschen nach.
Der Abstand wurde ein kleines bisschen geringer, als der Junge jemanden anrempelte. Und dann noch ein bisschen. Jane versuchte mehr Geschwindigkeit rauszuholen und wäre beinahe ebenfalls gegen eine verdutzte Frau gestoßen, die vor der Auslage eines Uhrengeschäfts stand. Gerade noch rechtzeitig gelang es ihr einen Schlenker zu machen und strauchelnd bahnte sie sich dann weiter ihren Weg. Ob sie das Zeit gekostet hatte? Schwer zu sagen. Vielleicht war es auch nur Einbildung, dass jede Bewegung, bei der man Abbremsen musste, um nicht völlig angehalten zu werden, einen Unterschied beim Abstand zwischen Dieb und Verfolger machten. Vielleicht aber auch nicht. Jedenfalls war der größte Trumpf die Ausdauer. Es kam darauf an, wer von ihnen beiden länger durch halten würde.
Der Junge schien gute Chancen zu haben, denn er sah noch immer nicht außer Atem, sondern nur gestresst aus, wie Jane bei flüchtigen Blicken auf sein Gesicht feststellte.
Sie hingegen litt unter Kälte und Lauf. Ihr Atem ging schwer. Eisig drang die Luft in ihre Lunge ein und breitete sich dort geschwind aus, so als wollte sie sich für längere Zeit dort einnisten. Es war nicht gut bei diesem Wetter durch den Mund einzuatmen, aber es ließ sich nicht vermeiden. Auch die Schneeflocken stachen kalt in ihr Gesicht und zerschmolzen dort zu frostigen Stellen, die sofort von anderen überlagert wurden und an Bedeutung verloren. Immerhin schneite es gerade nur ganz sacht. Aber die wenigen feuchten Flocken taten ihren Zweck und machten alles noch viel komplizierter. Alles in Allem war es keine gute Idee hier und jetzt einen Sprint hinzulegen. Aber Jane wollte den Kerl nicht einfach damit davon kommen lassen. Das Brodeln der Erregung trieb sie weiter an und sie unterstand sich, jetzt aufzugeben.
Plötzlich geschah etwas, womit Jane beim besten Willen nicht gerechnet hatte. Eine Frau schlug ihr eine Einkaufstüte ins Gesicht und alles wurde erst gelb und dann schwarz vor ihren Augen.
Jane prallte zurück und federte den Schwung der Einkaufstüte ungelenk ab. Als sie mit den Armen ruderte und versuchte zu begreifen, was gerade passiert war, erwischte sie mit ihrer eigenen Tasche eine andere Frau am Bein und zerstreute außerdem den Inhalt der kleinen Handtasche auf dem Boden. Die Betroffene schrie sofort hysterisch auf und Jane drehte sich verwirrt und schwer atmend zu ihr herum.
Auch der Junge, der mit Janes Tasche unterm Arm einen erheblichen Vorsprung gewann, blickte bei dem Geschrei zurück. Sein hämisches Grinsen, war auf diese Entfernung sogar noch gut zu erkennen und Jane, die eben noch hektisch versucht hatte die Situation zu klären, nahm wieder Fahrt auf. Doch im nächsten Moment war sie es, die grinste. Der Junge hatte sich gerade wieder umgedreht, um den Weg vor sich im Blick zu behalten, da rutschte er plötzlich aus und fiel mit rudernden Armen rücklings zu Boden. Janes Tasche lag nun unbewacht neben ihm. Das war die Chance.
Hastig rief Jane der Frau, die am Boden saß und verzweifelt schnatternd den Inhalt ihrer Handtasche wieder zusammen sammelte ein: „Entschuldigung“ zu und lief dann schnell zu der anderen Unfallstelle.
Dort rappelte sich der Junge gerade mit etwas schmerzverzerrtem Gesicht wieder auf und griff nach der Tasche.
Jane war allerdings nur noch ein paar Schritte von ihm entfernt und rief: „Die gehört mir!“ Was der Junge ja schlecht bestreiten konnte.
Mit sehr unzufriedener Miene traf der Junge nun auch blitzschnell seine Entscheidung. Die prustende, aber doch sehr energetische Jane war nur noch wenige Meter von ihm entfernt und das Gebiet hier war vom Frost rutschig, wie er eben festgestellt hatte. Anscheinend waren das genug Gründe, um die Tasche aufzugeben, denn er blickte unterm Trab zu seiner Verfolgerin und warf sie anschließend gezielt mit seiner Beute ab.
Jane fing und kam abrupt zum Stehen, um den Schwung auf dem rutschigen Untergrund noch abzufedern. Hier war es tatsächlich ziemlich glatt. Es wurde wahrscheinlich Zeit, dass mal jemand Salz oder Kies streute, aber Jane war froh, dass es bisher keiner getan hatte. Wahrscheinlich hatte sie nur so ihre Tasche zurück erobern können.
Triumphierend und völlig außer Atem blickte sie dem Jungen hinterher, der eben um die nächste Straßenecke verschwand. Nach wie vor schien er es recht eilig zu haben.
Jane hingegen hatte jetzt Zeit. Sie nahm sich einige Minuten, um wieder zu Atem zu kommen, öffnete dann ihre Maronitüte – in der sich leider nicht mehr der volle Inhalt befand, wie sie feststellen musste – und aß, was noch über geblieben war. Leider waren es nicht nur zahlenmäßig weniger geworden, sondern mittlerweile auch noch kalt. Es war also eine ziemlich schwierige Angelegenheit die Schalen vom Essbaren zu trennen. Aber jetzt konnte sie sich das ja leisten. Die Taschen hatte sie sicherheitshalber zwischen die Beine geklemmt und behielt die Umgebung beim Essen kritisch im Auge. Sicher war sicher.
Anschließend schlenderte sie die nächstbeste Straße entlang, um sich – mit beiden Taschen fest im Griff – wieder auf ihren eigentlichen Weg zu begeben. Die Suche nach der WG.

Würfeln:

1 = Abschnitt y6

2, 3, 4, 5 und 6 = Abschnitt lg
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast