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.*~°~*. Weihnachten mit Eddy und Zino

von - Leela -
CrossoverFreundschaft / P12 / Gen
01.12.2017
26.12.2017
26
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23.12.2017 5.762
 
.~*~.
.~* Samstag *~.
.~* 23. Dezember 2017 *~.
.~* Adventskalendertürchen 23 *~.

Am Kamin

Heute blieb Zino über Nacht, und das diesmal vollkommen geplant, und nicht aus einer selbst verschuldeten Not heraus geboren, wie nach dem mißglückten Besuch des Weihnachtsmarktes.
      „Ich finde es so toll, daß ich bei euren ganzen Weihnachtstraditionen dabei sein darf!“ erklärte er freudig, als er sich mit seiner Tasche bei Eddy im Zimmer auf dem Schlafsofa einquartierte.
      „Na, wenn du etwas über Weihnachten lernen willst, dann mußt du ja auch viel mitbekommen!“ lächelte Eddy. „Komm, wir müssen uns beeilen, Jake und Tracy sind bestimmt schon bald fertig!“
      Tatsächlich hatten sich die beiden bereits im Wohnbereich eingefunden, als Eddy und Zino endlich dazukamen. Tracy setzte sich mit einem Buch in den Sessel am Kamin, während sich die drei Jungs in ihren Schlafanzügen zu ihm gesellten. Jake verteilte die Becher mit dem heißen Kakao, und Eddy stellte eine riesige Schüssel mit Geisterkeksen zwischen sie. „Die passen ganz gut zu der Geschichte.“ erklärte er.
      Zinos Ohren spielten aufgeregt, als er die Mürbeteigkekse in Geisterform mit dem weißen Zuckerguß und den lustigen Gesichtern betrachtete. „Wird das so eine richtige Geistergeschichte?“
      „Gewissermaßen…“ bestätigte Jake.
      „Eine richtige Weihnachts-Geistergeschichte!“ ergänzte Eddy und fing sich damit einen Schlag von Jake ein.
      „Verrate nicht zu viel!“ Der blonde Teamführer, der an diesem Abend wieder zum kleinen Jungen mutierte, der gespannt seinem Mentor lauschte, gab eine Wolldecke an Zino weiter und kuschelte sich in seine weitere.
      Eddy hatte sich seine Playboyhäschenwolldecke mitgebracht und machte es sich zwischen den beiden gemütlich.
      Tracy blätterte einen Augenblick versonnen durch das Buch.
      Eddy, Jake und Zino postierten sich mit Keksen, Kakao und Wolldecken zu seinen Füßen und sahen gebannt zu ihm hoch.
      Der Gorilla rückte sich die Brille zurecht und räusperte sich leicht. „Die Geschichte heißt: »Eine Weihnachtsgeschichte«. Von Charles Dickens.“ begann er, und hatte damit gleich die Aufmerksamkeit der Jungs. „Die Geschichte beginnt in einem alten Warenhaus. Das Schild über der Tür verkündete »Scrooge and Marley«, doch das war schon seit sieben Jahren nicht mehr aktuell, seit Jacob Marley in jenem Jahr am Weihnachtsabend verstorben war.“
      Eddy hörte neben sich ein Seufzen und sah zu Zino herüber.
      „Das ist aber traurig, direkt am Weihnachtsabend zu sterben.“ kommentierte der Gayaner.
      „Tja, das kann man sich leider nicht aussuchen.“ bemerkte Jake.
      Tracy ließ sich nicht beirren und erzählte weiter: „Seit dem Tag führte Ebenezer Scrooge den Laden allein weiter. Er hatte genau einen Angestellten – Robert Cratchit, der an seinem Tisch saß und sich die Seele aus dem Leib fror. Einen Kamin gab es auch, doch brauchte er nicht einmal daran zu denken, diesen einzuheizen. Denn sein Arbeitgeber, Mister Scrooge, war selbst dafür zu geizig, ein Schäufelchen Kohle zu investieren.“
      „Was sind denn das für Arbeitsbedingungen?“ rief Zino entsetzt. „An seiner Stelle würde ich mir einen neuen Job suchen!“
      „Tja, das ist nicht immer so ganz einfach!“ erklärte Jake. „Gerade in der Zeit, in der die Geschichte spielt, konnte man sich nicht einfach so einen neuen Job suchen. Da war man froh über das, was man hatte.“
      „Das ist aber nicht gerade viel.“ beharrte Zino. „Bei dem Scrooge holt er sich ja den Tod! Kein Wunder, daß sein Partner gestorben ist.“
      „Es wird noch besser…“ kommentierte Eddy leise.
      Plötzlich klopfte es, und Zino brauchte einen Augenblick, bis er begriff, daß es Tracy gewesen war, der an die Holzvertäfelung des Kamins neben sich geklopft hatte. „Es klopfte an der Tür des Warenhauses, und herein kamen zwei Männer. ‚Bitte, wir sammeln Spenden für die Armen und Bedürftigen. Hätten Sie vielleicht eine kleine Gabe für uns?‘ bat einer der Männer. ‚Ich habe jeden Tag eine Gabe für euch!‘ fuhr Scrooge auf. ‚Das ganze Jahr über! Wozu zahle ich Steuern? Das muß doch wohl reichen! Guten Tag!‘ Damit warf er die beiden Herren wieder aus dem Laden heraus.“
      „Der ist aber unfreundlich!“ bemerkte Zino betroffen. „Kauft da überhaupt einer ein, wenn der so drauf ist?“
      „Naja, wenn’s um’s Geld machen geht, weiß er sich bestimmt zu benehmen.“ mutmaßte Eddy.
      „Scrooge hatte sich mit einem leisen ‚Unverschämtheit!‘ auf den Lippen gerade zu dem armen Bob Cratchit umgewandt, dessen zögerlicher Blick verriet, daß er gerne von seiner wenigen Habe etwas gespendet hätte, als es ein weiteres Mal klopfte.“ Tracy pochte wieder zur Untermauerung gegen die Holzvertäfelung. „Dieses Mal betrat ein fröhlicher Mann mittleren Alters den Laden. ‚Guten Abend, Onkel, und Merry Christmas!‘ begrüßte er den Älteren freudig. ‚Ich wollte dich zu unserem Weihnachtsfest einladen!‘ ‚Dein Weihnachtsfest kannst du dir sonstwo hinstecken!‘ erwiderte Scrooge und machte eine wegwischende Geste. ‚So ein Humbug!‘“
      Jake sah Eddy erstaunt an. „»Sonstwo hinstecken«? Hat Scrooge das schon immer so gesagt?“
      „Ich glaube, Tracy hat das ein bißchen modern angepaßt.“ schmunzelte Eddy.
      „‘Aber Onkel, an Weihnachten sollte doch die Familie zusammenkommen und fröhlich sein!‘ beschwor ihn sein Neffe Fred. ‚Humbug, sage ich!‘ wiederholte Scrooge. ‚Und jetzt geh‘, bevor ich mich vergesse!‘ Fred, der die Ausbrüche seines Onkels kannte, seufzte leicht. ‚Ich wünsche dir trotzdem frohe Weihnachten. Und du bist uns jederzeit herzlich willkommen!‘ sagte er, bevor er den Laden verließ.“
      „Der ist echt nett.“ meinte Zino. „Schade, daß er so einen griesgrämigen Onkel hat.“
      „Ich glaube, er macht sich da nichts draus.“ sinnierte Eddy. „Er versucht halt jedes Jahr sein bestes, und kann zumindest nicht behaupten, daß er nicht alles gegeben hätte.“
      „Bob Cratchit sah verstohlen zur Uhr. Doch seine Hoffnung, heute pünktlich - oder gar etwas eher - gehen zu können, war vergebens. Gerade am Weihnachtsabend bot es sich an, noch so viel Geld zu machen, wie es die armen Seelen, die noch rasch ein Weihnachtsgeschenk brauchten, zuließen. Wenigstens dafür war dieses sonst sinnlose Fest gut, meinte Scrooge. Es war bereits zwei Stunden nach Feierabend, als Scrooge ihn endlich aus seiner Arbeit, und ohne auch nur einen Weihnachtsgruß, entließ. Der Warenhausbesitzer schloß sorgfältig die Tür ab und ging nach Hause.“
      „Na, hoffentlich ist es da genauso kalt wie im Warenhaus!“ schoß Zino heraus, so daß Jake und Eddy nicht anders konnten, als zu lachen.
      „Als Scrooge bei seinem Haus ankam und den Schlüssel in’s Schloß steckte schreckte er plötzlich zurück. Hatte er da gerade das Gesicht seines verstorbenen Partners Marley in dem Türknauf gesehen?“
      „Moment mal!“ hakte Jake nun doch vehement ein. „War das nicht der Türklopfer?“
      Tracy schien auch gerade gemerkt zu haben, daß er sich verlesen hatte. Er räupserte sich leicht. „Diesmal ist es der Türknauf!“ erklärte er bestimmt. Ohne auf die entgeisterte Miene seines blonden Schützlings zu achten, las er weiter: „Scrooge sah noch einmal genauer hin, doch das Gesicht war verschwunden. ‚So ein Humbug!‘ kommentierte er leise für sich. Ein Brandy würde die Sache schon richten, war er sich sicher, und trat in die trostlose, ungeschmückte Wohnung ein.“
      „Trostlose, ungeschmückte und kalte Wohnung!“ ergänzte Zino verbissen.
      Tracy schmunzelte. „Er beschloß, heute früh zu Bett zu gehen. Morgen war zwar der zweite Weihnachtstag, aber dennoch würde er früh wieder im Warenhaus sein, und hoffentlich war Bob Cratchit pünktlich! Ihn scherten keine Feiertage, sein Warenhaus hatte trotzdem geöffnet, damit er davon profitieren konnte, das einzige Warenhaus zu sein, das in der ganzen Stadt geöffnet hatte.“
      Zino folgte der Ausführung nachdenklich. „Dumm ist es ja eigentlich nicht!“ bemerkte er.
      „Bob Cratchit wird es trotzdem nicht begeistern.“ warf Eddy ein.
      „Naja, dieser Scrooge kann den Laden ja alleine aufmachen, wenn er sich nichts aus Weihnachten macht!“ meinte Zino. „Dann haben wenigstens die anderen Leute etwas davon.“
      „Tja, damit wird er sich wohl kaum zufrieden geben!“ seufzte Jake.
      Tracy wartete, bis die Jungs mit ihrer Diskussion fertig waren und las weiter: „Gerade hatte Scrooge sich schlafen gelegt, als er ein unheimliches Geräusch vernahm. Ein Stöhnen und Kettenrasseln. Scrooge schreckte auf und lauschte. Es konnte nur ein Einbrecher sein – so wie es klang, ein Strafgefangener. Er sprang aus dem Bett und bewaffnete sich mit dem erstbesten, was er fand - eine Kohlenzange - und stellte sich aufmerksam neben seinem Bett in Position.“
      Bei der aufregenden Erzählung spannte sich Zino unwillkürlich an.
      Eddy blieb relativ gelassen und hatte die Arme um die angezogenen Beine gelegt. „Schon erstaunlich, wie man mit so jemandem mitfiebern kann. Er hat’s doch nicht besser verdient!“
      „Naja, aber stell dir mal vor, dir würde das passieren…“ hauchte Zino.
      „Jetzt bitte kein »To The Rescue«.“ kam es von links von Jake.
      Tracy erzählte indes weiter: „Die Ketten schleppten sich die Treppen hoch, und das Stöhnen wurde lauter. Scrooge bereitete sich darauf vor, daß der Angreifer gleich versuchen würde, die Tür einzuschlagen. Zu seinem Entsetzen aber schob sich schon bald eine geisterhafte Gestalt direkt durch die Tür in sein Schlafzimmer.“
      Zino hielt mitten im Kekseessen gespannt inne.
      Jake und Eddy, die die Geschichte bereits kannten, blieben gelassener. Dem Teamführer fiel allerdings auf, daß Tracy seine Freude hatte – für ihn war es immerhin etwas besonderes, daß er jemandem vorlesen durfte, der die Geschichte noch nicht kannte.
      „Zu Tode erschrocken wich Scrooge zurück, als die beleibte, in Ketten gelegte Geistergestalt näherkam. Die Erscheinung blieb in der Mitte des Raumes stehen und ächzte schwer unter dem Gewicht der Ketten, die mit allem möglichen behangen waren: Truhen, Geldkassetten und Geldbörsen, und allerlei schwerem Zeug, das man aus dem Geschäftsleben kannte. Als Scrooge nun genauer hinsah, erkannte er in dem Geist seinen alten Partner Marley wieder. ‚Ebenezer!‘ sprach der Geist von Marley ihn an. ‚Was willst du von mir?‘ jammerte Scrooge und versuchte, noch weiter zurückzuweichen.“
      Jake lehnte sich zu Eddy rüber. „Wenn wir die Geschichte mal als Theaterstück aufführen, spielt Zino Scrooge! Das macht er schon ganz gut.“
      Eddy sah zu dem Gayaner rüber, der unwillkürlich selbst so weit zurückgewichen war, wie der Kamin es zuließ, und schmunzelte.
      „‘Ich bin gekommen, um dir eine Chance zu offerieren. Nutze sie, wenn dir mein Schicksal erspart bleiben soll!‘ sprach Marley seinen Partner an. ‚Von welchem Schicksal sprichst du?‘ fragte Scrooge vor Angst schlotternd. ‚Siehst du diese Ketten hier?‘ erwiderte Marley und rasselte mit den langen schweren Ketten, die um seinen ganzen Körper gewickelt waren und bis weit über den Boden reichten. ‚Jedes Glied habe ich mir selbst geschmiedet, mit meiner Gier und meiner Habsucht, Arroganz und Selbstsüchtigkeit. Und nun bin ich dazu verdammt, auf Erden zu wandeln, um meine Schuld abzugelten, doch das kann ich nicht, denn Geister können nichts gutes mehr für die Menschen tun.‘“
      Zino hielt den Atem an. „Das passiert, wenn man so selbstsüchtig ist?“
      „Vielleicht schon.“ meinte Jake. „Sinnbildlich paßt das jedenfalls gut zusammen.“
      „Na, davor brauchst du zumindest keine Angst zu haben!“ Eddy legte dem Gayaner eine Hand auf den Arm. „So nett und zuvorkommend, wie du immer bist.“
      Automatisch hob Zino die Schüssel mit den Keksen hoch und bot sie Eddy an.
      „‘Dieses Schicksal habe ich mir selbst zuzuschreiben.‘ erklärte Marley seinem verschreckten Partner. ‚Aber für dich ist es noch nicht zu spät! Du kannst dein Schicksal noch ändern!‘ ‚Ändern? Was meinst du mit ändern?‘ fragte Scrooge. ‚Siehst du diese Kette hier? So eine hast auch du!‘ erklärte Marley. ‚Vor sieben Jahren, als ich starb, waren unsere Ketten gleich lang. Mittlerweile ist deine aber schon ein ganzes Stück länger und schwerer geworden!‘ Scrooge schauderte. ‚Was kann ich tun?‘ ‚Heute Nacht werden dir drei Geister erscheinen!‘ erklärte Marley.“
      „Wurden die drei Geister auch gebustet?“ Zino sah die Freunde mit aufgeregtem Lächeln und spielenden Ohren an.
      Die drei Ghostbuster stockten, bis sie gedanklich zu ihm aufgeholt hatten.
      „Nein.“ erklärte Jake. „Damals gab es das Gewerbe noch gar nicht.“
      „Hör dir die Geschichte einfach an, dann verstehst du die Zusammenhänge.“ empfahl Eddy.
      Jetzt noch gespannter blickte der Gayaner zu dem Gorilla auf.
      „‘Sie werden dir etwas zeigen.‘ fuhr Marley fort. ‚Doch liegt es an dir zu erkennen, was sie dir offenbaren. Wenn du bereit bist, dein Leben zu ändern, kannst du dein Schicksal in die Hand nehmen, und einen anderen Weg gehen als ich. Entscheide weise…‘ Mit einem Ächzen verblaßte die Gestalt. Das Rasseln der Ketten klang noch in Scrooges Ohren, als Marley gar nicht mehr zu sehen war. Er fror – gar nicht einmal wegen der Kälte, sondern viel mehr fröstelte ihn aufgrund der sonderbaren Erfahrung, und verkroch sich in seinem Bett. Er lauschte in die Stille, und nach einigen Augenblicken war er sicher, daß er nur schlecht geträumt hatte.“ An dieser Stelle machte Tracy eine Pause.
      Die Jungs atmeten durch, und Jake und Eddy konnten nicht verbergen, daß auch sie einmal mehr unter Anspannung gestanden hatten.
      „Ich glaube, ich mache noch einmal Kakao!“ verkündete Jake und stand auf.
      Dankbar reichten die anderen ihm ihre leeren Becher.
      „Tracy liest echt gut!“ sagte Zino leise zu Eddy. „Man fühlt sich gleich, als wäre man selber in die Geschichte verwickelt. Ich habe ihn noch nie so viel sprechen hören!“
      „Tracy redet nur, wenn er es für wirklich notwendig erachtet.“ erklärte Eddy. „Ich glaube, für ihn ist es anstrengender als für uns, weil er sich unsere Sprache erst aneignen mußte. Aber die Weihnachtsgeschichte liest er jedes Jahr. Das läßt er sich nicht nehmen.“
      „Dann muß das für ihn wirklich notwendig sein, daß er für euch die Geschichte vorliest.“ stellte Zino treffend fest.
      „Für uns!“ korrigierte Jake und drückte Zino seinen Becher in die Hand. „Für dich ja genauso.“ Er setzte sich wieder an Eddys Seite, damit die Geschichte weitergehen konnte.

Tracy blätterte um, und als alle bereit waren, begann er, weiterzulesen. „Kaum war Scrooge wieder in friedlichen Schlummer gesunken, wurde seine Nachtruhe auf’s neue gestört. Benommen richtete er sich auf und sah eine Gestalt vor seinem Bett stehen. Er versuchte, den Blick zu schärfen, doch er konnte in dem merkwürdigen Wesen nicht eindeutig ausmachen, was es war – es war wie Kind und Greis in einem. ‚Ich bin der Geist der vergangenen Weihnacht!‘ stellte sich das Wesen mit sanfter Stimme vor.“
      Zino hielt nachdenklich inne und schaute den Geisterkeks an, den er sich gerade genommen hatte.
      „Naja, so ein Geist ist das nicht.“ kommentierte Eddy leise.
      „Der Geist reichte Scrooge die Hand. ‚Ich nehme dich jetzt mit auf eine Reise!‘ Noch im Nachthemd stand Scrooge neben ihm, als sich plötzlich die Umgebung veränderte. Die Straßen flogen an ihnen vorbei. Scrooge erinnerte sich an diese Gegend. Es war die Gegend in der er aufgewachsen war, und es mußte auch die Zeit sein, als er ein Kind gewesen war. Der Geist führte Scrooge zu seinem Elternhaus, wo gerade Weihnachten gefeiert wurde, doch Scrooge war nicht dabei. Der Warenhausbesitzer schluckte. Er wußte, wie es weiterging. Tatsächlich führte der Geist ihn weiter zu seiner alten Schule. Während alle anderen Kinder über die Weihnachtsferien nach Hause zurückkehrten, saß Scrooge traurig und allein über ein paar Büchern in dem kalten Unterrichtsraum, von seinem Vater verstoßen, der ihm den Tod seiner Mutter nicht verzeihen konnte.“
      „Ooh… Das ist aber traurig.“ ließ sich Zino betroffen vernehmen. „Kein Wunder, daß er so geworden ist.“
      „Wart’s mal ab!“ meinte Eddy leise und nickte zu Tracy hoch.
      „Die Szene änderte sich wieder.“ las der Gorilla weiter vor. „Diesmal standen sie vor einem Kaufhaus. »Fezziwig’s« stand über der Ladentür, und durch das Fenster konnte man die prächtige Betriebsweihnachtsfeier sehen, der auch Scrooge fröhlich beiwohnte. Mister Fezziwig, bei dem Scrooge in die Lehre gegangen war, ließ sich nicht lumpen, und hatte für seine Angestellten wie jedes Jahr ein großes Weihnachtsfest organisiert.“
      „Daran könnte Scrooge sich mal ein Beispiel nehmen!“ kommentierte Zino verbissen. „Immerhin hat er nur einen Angestellten, so teuer dürfte das für ihn nicht einmal werden!“
      „Naja, zu irgendwas muß der Weihnachtsgeist ja gut sein!“ Eddy handelte sich schon den zweiten Rippenstoß von Jake ein.
      Tracy versuchte, die Störung zu ignorieren und las unbeeindruckt weiter: „Das Fest bei Fezziwig war prächtig. Es gab Braten und Kuchen, Kartoffelklöße und Saucen, frisches Gemüse und Bananenpastete…“
      Eddy stutzte merklich. „Moment mal! In der Weihnachtsgeschichte von Charles Dickens kommt keine Bananenpastete vor!“
      Tracy rollte die Augen. „Man darf ja wohl noch etwas Abwechslung reinbringen!“
      „Abwechslung?“ Eddy lachte auf. „Mit einer Bananen-Pastete? Das ist nicht dein Ernst! Warum würde es mich nicht wundern, wenn Scrooge gleich auch noch ein Gorilla ist?!“
      „Eddy!“ ließ sich Jake vernehmen. „Komm mal wieder runter! Jetzt laß Tracy seine Bananenpastete. Das tut in der Geschichte ja nichts zur Sache!“
      „Vielleicht gab es die Bananenpastete ja auch, und wurde in der Aufzählung nur nie erwähnt!“ warf Zino ein.
      Tracy grinste, dankbar und triumphierend. Dann las er weiter: „Als Scrooge die Szene betrachtete, legte sich ein versonnener Ausdruck auf seine Miene. Doch da führte der Geist ihn bereits weiter, und an die nächste Szene erinnerte er sich nur allzu gut. Der Geist zeigte ihn zusammen mit einer Frau – die Frau, die er geliebt hatte. Doch er hatte die Liebe zu ihr mit seiner Liebe zum Geld getauscht. Gerade verkündete Belle ihm, daß sie mit jemandem, der so geworden war wie er, so habgierig und herzlos, nichts zusammenbleiben wollte.“
      „Das kann ich verstehen.“ bemerkte Zino. „Mit so jemandem kann man auch nicht zusammenleben.“
      „Scrooge beschwor sein früheres Ich, ihr nachzugehen, doch der junge Scrooge ließ sie gehen, und so verblaßte die Szene recht rasch vor seinen Augen.“
      „Also, spätestens da hätte er merken müssen, daß etwas querläuft, wenn er sie wirklich geliebt hätte!“ beharrte Zino.
      „Besser späte Einsicht, als keine…“ bemerkte Eddy.
      „Ja, und was nützt ihm das jetzt?“ warf Jake daraufhin ein.
      „Paßt auf!“ verschaffte Tracy sich wieder Aufmerksamkeit. „Erschüttert versuchte Scrooge, die Szene festzuhalten und streckte die Hand nach seiner Liebsten aus, doch er griff nur in’s Leere, und sie war fort. ‚Okay, das reicht!‘ flehte er den Geist an. ‚Ich will nach Hause!‘ ‚Willst du sie nicht wiedersehen?‘ fragte der Geist in gespieltem Erstaunen. Er ließ Scrooge keine Wahl und nahm ihn mit zu dem Haus, durch dessen Fenster man seine Belle an der Seite eines anderen Mannes mit ihrer jungen Familie ein fröhliches Weihnachten feiern sehen konnte. Scrooge sank vor dem Geist auf die Knie und flehte: ‚Genug! Ich will nach Hause! So laß mich doch endlich gehen!‘ Und der Geist tat ihm den Gefallen, und entließ ihn aus seiner Obhut, in sein kaltes Schlafzimmer.“
      Eine Sekunde der Stille hing in der Luft, bis die drei Jungs synchron den angehaltenen Atem entweichen ließen.
      „Wow!“ Zino atmete tief durch. „Also, so ganz schlecht kann er ja doch nicht sein!“
      „Ja, die Erkenntnis kommt nur ein bißchen spät.“ meinte Jake, der sich ein wenig entspannter in der Pause in den Schneidersitz setzte.
      Eddy stand derweil auf und nutzte die Gelegenheit, um im Bad zu verschwinden. Auch Tracy stand kurz auf und ging in die Küche.
      „Und wie gefällt dir die Geschichte bis jetzt?“ erkundigte sich Jake.
      „Spannend!“ erklärte Zino. Seine Ohren spielten aufgeregt. „Ich bin gespannt, wie es weitergeht.“
      Jake grinste. „Naja, zwei Geister haben wir noch vor uns!“
      „Scrooge auch!“ stellte Zino treffend fest. „Ähm, besser wird es wahrscheinlich nicht, oder…?“
      Jake zuckte die Schultern und grinste lediglich. „Das wirst du schon sehen.“

Als Tracy zu den drei Jungs zurückkehrte, die sich wieder am Fuße des Erzählersessels eingefunden hatte, brachte er den Amaretto für die dritte Runde Kakao mit.
      „Oha, Tracy scheint der Meinung zu sein, daß wir das gleich brauchen.“ kommentierte Eddy.
      „Gehört das nicht zu der Weihnachtstradition?“ erkundigte sich Zino neugierig.
      „Nope. War spontane Idee.“ erklärte Tracy und schenkte den Jungs einen guten Schuß in den Kakao ein, bevor er sein eigenes Amarettoglas fast bis zum Anschlag füllte. Mittlerweile hatten sich die Geisterkekse schon um einiges dezimiert, und Eddy hatte vorsorglich eine Packung Zimtsterne aufgemacht und zugeschüttet.
      Tracy begann derweil das nächste Kapitel. „Scrooge hatte seine Erschütterung über das vergangene erlebte noch nicht verwunden, als er eine weitere Gestalt in seinem Schlafzimmer ausmachte.“
      „Was zu erwarten war.“ kommentierte Jake leise und nahm sich einen Zimtstern.
      „Das Wesen, das sich ihm nun präsentierte, war groß und kräftig und wohlbeleibt. ‚Ich bin der Geist der gegenwärtigen Weihnacht!‘“ las Tracy mit seiner volltönenden Stimme.
      Die Jungs hielten den Atem an. Eddy bemerkte, wie Zino nach dem Dematerialisator tastete, der für alle Fälle in ihrer Nähe lag.
      „‘Ich nehme dich jetzt mit auf eine Reise in die diesjährige Weihnacht.‘ erklärte der Geist. ‚Nein, danke, kein Bedarf.‘ kommentierte Scrooge. ‚Ich weiß, wie Weihnachten dieses Jahr aussieht, ich habe es ja direkt vor der Haustür.‘ Doch der Geist hörte nicht auf ihn, sondern packte ihn am Kragen seines Nachthemdes, und schon bald fanden sie sich vor einem Haus wieder, das Scrooge gerade mal von weitem kannte. Das unscheinbare, graue Haus schmiegte sich zwischen die anderen kleinen armen Häuser der Stadt, und war dem Warenhausbesitzer nie sonderlich aufgefallen. ‚Was wollen wir hier?‘ fragte er verwirrt. ‚Traurig, daß du das nicht weißt!‘ bemerkte der Geist.“
      Zino spitzte aufmerksam die Ohren. „Cratchits Haus?“
      Jake sah ihn entgeistert an. Eddy schmunzelte indes. Seit er mit Zino zusammen »Willy Wonka und die Schokoladenfabrik« geschaut hatte, wußte er, daß Zino in solchen Dingen unheimlich gut schaltete. Vermutlich hatte sich das Schicksal von Bob Cratchit schon so in seinem Heldenbewußtsein eingebrannt, daß er sofort die Assoziation herstellte. Eddy war schon froh, daß Zino nicht auf die Idee gekommen war, Bob etwas von den Geisterkeksen anzubieten – aber so weit war ihm zumindest das Prinzip des lesens wohl bekannt, um zu wissen, daß das nicht ging.
      Tracy bestätigte indessen Zinos Annahme. „Als sie durch das Fenster sahen, sahen sie die Familie seines Angestellten Bob Cratchit Weihnachten feiern. Es war eine kärgliche Feier, denn die Familie hatte wenig Geld, und doch freuten sich alle über das, was sie hatten. Vor allem freuten sie sich, daß sie einander hatten, Bob Cratchit und seine Frau, und ein paar Kinder, die sich ihre Fröhlichkeit nicht nehmen ließen. Das Paar stieß sogar auf Scrooge an – es war immerhin Weihnachten!“
      „Eine schöne Geste.“ befand Zino nachdenklich. „Schade, daß er das nicht mitkriegt.“
      „Aber das tut er ja!“ erinnerte Eddy.
      „Ja, aber das weiß Bob doch gar nicht! Er macht es sogar, ohne daß Scrooge es weiß!“
      „Ja, und er weiß auch, daß es Scrooge normalerweise überhaupt nicht geschert hätte.“ brachte Jake sich ein. „Also, warum sollte es ihn interessieren, ob er es mitbekommt? Er ist wie du: Hauptsache, die Geste zählt!“
      Zino konnte eine gewisse Verlegenheit nicht verhindern.
      Tracy las derweil weiter: „Betroffen von der Szenerie, fiel Scrooges Augenmerk plötzlich auf ein sehr kleines Kind, das sich nur mit einer Krücke fortbewegen konnte. Es war verkrüppelt und unterernährt, da die Familie nicht genug zu essen hatte, und wirkte, als würde es nicht mehr lange leben. – Zino?“ Tracy sah abrupt von seinem Buch auf, als er ein Schniefen hörte.
      Eddy stand auf und reichte seinem Freund kurz darauf die Taschentuchbox.
      Der Gayaner nahm sich dankbar ein Taschentuch und drückte die Taschentuchbox vorsichtshalber an sich, wie ein Kuscheltier, das Trost spendete.
      Tracy ließ ihm einen Moment Zeit, um sich zu fangen und las dann weiter: „Betroffen sah Scrooge den Geist an. ‚Wird der kleine Tim überleben?‘ fragte er mit zittriger Stimme. ‚Wahrscheinlich nicht.‘ erwiderte der Geist ungerührt. ‚Warum sollte er auch? Er sollte besser sterben, um die Überbevölkerung zu vermindern.‘ Als der Geist Scrooge mit seinen eigenen Worten konfrontierte, brach Scrooge verzweifelt in Tränen aus. ‚Aber man muß doch irgend etwas tun können!‘ ‚Sicher!‘ erwiderte der Geist. ‚Doch die richtige medizinische Versorgung ist teuer! – Das soll aber auch nicht deine Sorge sein, nicht wahr?‘ Ohne Scrooge Zeit zu geben, darüber nachzudenken, wechselte der Geist mit ihm den Schauplatz. ‚Nun möchte ich dir noch eine Szene der gegenwärtigen Weihnacht zeigen.‘“
      Eddy legte Zino beruhigend eine Hand auf den Rücken, der sich schniefend an sein Taschentuch klammerte. Innerlich war er gerade ganz froh, daß Tracy die Geschichte vorlas, und sie diese nicht als Film im Skelevision sahen.
      „Das Haus, vor dem sie nun standen, kannte Scrooge. Es war das Haus seines Neffen Fred. Es war prächtig geschmückt, und aus dem Inneren klang Gelächter heraus. Durch das Fenster konnten sie die Familie bei einem prächtigen Festmahl beobachten.“
      „Keine Bananenpastete!“ warnte Eddy automatisch.
      „Spare mir die Aufzählung!“ kommentierte Tracy mit einem leichten Grummeln. „Es wurden Weihnachtslieder gesungen und Spiele gespielt, und Fred konnte es sich nicht nehmen lassen, sich vor der ganzen Familie über seinen verbohrten, gierhalsigen Onkel lustig zu machen. Am liebsten amüsierte er sich über den Ausdruck »Humbug«, den sein Onkel so gerne benutzte, und erheiterte damit die ganze Gesellschaft.“
      Zino schlang die Arme um die angezogenen Beine. „Bis vor kurzem hätte ich ihm das noch gegönnt.“
      „Tja, das ist der tiefere Sinn.“ kommentierte Jake.
      „Gebrochen bat Scrooge nun auch den zweiten Geist flehentlich darum, ihn nach Hause zu bringen.“ schloß Tracy langsam das Kapitel. „Und der Geist gewährte ihm den Wunsch, und ließ ihn mit sich allein in der Kälte des Schlafzimmers zurück.“ Der animalische Erzähler machte eine erneute Pause.
      „Naja, was hat er denn erwartet?“ meinte Zino in die Stille hinein. „Das ist ja keine große Überraschung, dazu muß er nur die Augen aufmachen.“
      „Ja, aber das ist ja genau das, was er die ganze Zeit nicht gemacht hat!“ erinnerte Eddy ihn. „Sonst hätte es ja der Weihnachtsgeister nicht bedurft.“
      „Hast du noch etwas von dem Amaretto, Tracy?“ erkundigte sich Jake.
      „Ja, aber nur nach Zuteilung.“ erwiderte der Gorilla.
      Der blonde Teamführer der Ghostbuster sah ihn entsetzt an, nach dem sein Blick auf dem fast leeren Amarettoglas seines Teamkameraden geruht hatte. „Was soll das denn heißen?“
      „Habe Verantwortung für euch.“ erklärte sein Mentor wie selbstverständlich.
      „Also, das ist ja…“ Jake fehlten knapp die Worte, bevor er entrüstet aufstand. „Humbug, um es mit Scrooges Worten zu sagen! Dann besorge ich eben selbst noch etwas!“ Damit stapfte er aus dem Zimmer, und ließ einen erstaunten Eddy, Zino und Tracy zurück.

In Ermangelung des gorillagesicherten Amaretto hatte Jake aus seinem eigenen Vorrat eine Flasche Eierlikör geholt, die er sich jetzt zusammen mit seinen zwei Kameraden in der vierten Tasse Kakao schmecken ließ, peinlichst darauf bedacht, daß Tracy nichts davon abbekam.
      Der jedoch hatte ohnehin gerade sein Amarettoglas wieder aufgefüllt und nahm es so gelassen.
      Die drei Jungs stießen mit ihren Kakaotassen an, und die Geschichte ging weiter.
      „Scrooge konnte nicht schlafen. Marley hatte von drei Geistern gesprochen – und er hatte sicher nicht sich selbst mitgezählt, daher mußte noch ein Geist kommen.“ las Tracy vor.
      „Na, das ist doch logisch, wenn wir schon die Vergangenheit und die Gegenwart hatten, dann fehlt ja noch die Zukunft!“ meinte Zino.
      Jake und Eddy wechselten einen Blick und lächelten. Zino kombinierte schnell.
      „Hey, vielleicht kennt Futura den Geist ja sogar!“ fiel Zino mit einem Mal ein.
      „Den kennt sie sicher!“ bestätigte Jake lachend. „Sie kennt die Geschichte ja auch!“
      Der Gorilla räusperte sich ob der neuen Unterbrechung vernehmlich. „Es dauerte auch nicht lange, bis eine dunkle Gestalt in seinem Raum erschien, die er fast in dem schummrigen Zwielicht übersehen hatte. ‚Bist du der Geist der zukünftigen Weihnacht?‘ fragte Scrooge, doch der Geist sagte kein Wort. Eine knöcherne Hand winkte ihn nur zu sich, und Scrooge, der bereits fühlte, daß sie keinen Widerspruch zuließ, trat wie in Trance an die Seite des letzten Geistes.“
      „Das ist jetzt aber wirklich unheimlich!“ Zino fröstelte und zog die Wolldecke fester um sich.
      „Willkommen in unserem Geschäft!“ kommentierte Jake leise.
      „Der Geist führte Scrooge durch die Straßen der Stadt, und dann und wann konnte man Leute miteinander reden und tuscheln hören. Sie alle redeten von einem kürzlich Verstorbenen, der sehr reich gewesen sein soll, doch keiner barg Mitgefühl in der Stimme. Im Gegenteil, in jeder Unterhaltung wurde deutlich, daß niemand den Verstorbenen gemocht hatte. Sie freuten sich eher über dessen Tod, amüsierten sich regelrecht darüber. Betroffen lauschte Scrooge den Gesprächen. ‚Wer ist der arme Kerl?‘ fragte er, obwohl er nicht sicher war, daß er die Antwort hören wollte. Doch der Geist schwieg.“
      Die drei Jungs hielten sich gebannt an ihren Kakaotassen fest, und selbst Zino sparte sich diesmal einen Kommentar. Es war offensichtlich, um wen es sich hier handeln mußte.
      „Der Wegabschnitt endete an einem Geschäft im Armenviertel der Stadt, an dem sich die Leute scharten, und offensichtlich das Hab und Gut, das sie aus dem Haus des Verstorbenen geplündert hatten, zu Geld machen wollten. Ohne Rücksicht auf Verluste boten sie ihr ganzes Diebesgut dar – eine Frau hatte sogar das Totenhemd entwendet und bot es dem Geschäftsmann an, der ebenso wenig Skrupel hatte, es anzunehmen.“
      Zino schaute etwas skeptisch drein. „Wer kauft denn so etwas wieder? Ist das nicht eher ein Verlustgeschäft, so ein altes Totenhemd anzukaufen?“
      „Naja, frisch gewaschen und gebügelt…“ sinnierte Eddy.
      „Das kann man doch gut bei dem nächsten Gierkopf, der verstirbt, gebrauchen!“ überlegte Jake. „Dafür brauchst es nicht mal zu waschen.“
      „Jungs!“ wies Tracy sie zurecht. Mit grimmiger Miene las er weiter: „Noch während Scrooge über den armen Mann nachdachte, der hier das zeitliche gesegnet haben mochte, nahm der Geist ihn mit in den Sterberaum des Verstorbenen. Mit einer Knochenhand forderte er Scrooge auf, das Leichentuch zu heben. Hier jedoch beschlich ihn bereits die Erkenntnis, die er zuvor zu verdrängen versucht hatte und er schüttelte vehement den Kopf.“
      „Ist dir kalt, Zino? Sollen wir mal die Heizung höher drehen?“ fragte Eddy fürsorglich, als er merkte, daß der Gayaner neben ihm zitterte.
      Der schüttelte den Kopf. „Alles gut!“
      „‘Zeige mir doch einen Menschen, der echte Emotionen bei dem Tod des armen Mannes zeigt!‘ bat Scrooge. Doch alles, was der Geist ihm zeigte, war ein Ehepaar, das in Sorge um einen noch nicht zurückgezahlten Kredit bei diesem Mann war, und nun große Erleichterung über dessen Tod verspürte. Das war nicht das, was er hatte sehen wollen, und so forderte er den Geist noch einmal auf, er möge ihm jemanden zeigen, der Trauer im Angesicht des Todes verspürte. Der Geist nahm ihn mit zu der Familie Cratchit, die gerade den Tod des kleinen Tim betrauerte. Scrooge, dem Zusammenbruch nahe, hielt die Ungewißheit nicht länger aus und rief: ‚Wer, in Gottes Namen, war der unglückliche Mann?‘ Die Szene veränderte sich erneut, und der Geist nahm Scrooge mit auf den Friedhof zu einem frischen Grab. Auf dem Grabstein las Scrooge die Aufschrift, die er zwar schon vermutet, wenngleich nicht erhofft hatte. »Ebenezer Scrooge« stand dort, und alle Hoffnungen, der Geist würde ihm eine Zukunft zeigen, in der er sich gebessert hatte und Gutes für die Welt tat, löste sich in Wohlgefallen auf. Verzweifelt sank Scrooge auf die Knie.“
      „Aber das war doch von Anfang an klar!“ meinte Zino und kuschelte sich noch mehr in die Decke ein. „Was wundert er sich denn jetzt?“
      „Manchmal will man eben Dinge nicht wahrhaben.“ erklärte Jake. „Und dann läßt man selbst das offensichtliche einfach nicht zu, solange, bis es keine Möglichkeit mehr gibt, die Wahrheit zu umgehen.“
      „Und was passiert jetzt?“ Zino sah gebannt zu Tracy hoch.
      „Danke!“ kommentierte der Gorilla, der die Geschichte jetzt endlich zum Abschluß bringen durfte. „Am nächsten Morgen wachte Scrooge in seinem Bett auf, und der Zauber der Nacht war verschwunden. Aufgewühlt sprang er aus seinem Bett, erfreute sich daran, sein Haus nicht geplündert vorzufinden, schlüpfte in die Hausschuhe und lief noch im Nachthemd auf die Straße, wo er einen vorbeikommenden Jungen fragte: ‚Welcher Tag ist heute?‘ ‚Na, Weihnachtstag!‘ erklärte der wie selbstverständlich, und Scrooge erkannte, daß sich all das kürzlich erlebte, angefangen von der Erscheinung seines Partners bis hin zu den drei Geistern, in einer einzigen Nacht abgespielt haben mußte. ‚Junge, komm her!‘ bat er. ‚Kennst du die Familie Cratchit?‘ Der Junge nickte. ‚Besorge den Truthahn, der doppelt so groß ist wie Tiny Tim, aus dem Laden an der Ecke und lasse ihn umgehend hierher bringen. Für deinen Dienst wartet hier ein Schilling auf dich.‘“
      Zino schaute etwas verwirrt und hakte ein: „Was ist ein »Schilling«?“
      „Das ist eine Währung, mit der früher in England bezahlt wurde.“ erkärte Jake.
      „Ach so!“ In Zinos Blick spiegelte sich erleichterte Erkenntnis. „Ich dachte schon, das wäre ein Fisch.“
      „‘Für deinen Dienst wartet hier ein Schilling auf dich.‘“ setzte Tracy noch mal an. „‘Schaffst du es in weniger als zehn Minuten, bekommst du zwei Schillinge!‘ Der Junge starrte Scrooge entgeistert an, dann machte er sich schnell auf den Weg, bevor der Geschäftsmann es sich anders überlegte. Und tatsächlich war der Junge mit dem Ladenbesitzer und dem Truthahn innerhalb von zehn Minuten wieder da. Scrooge gab dem Jungen seinen Lohn, und dem Besitzer des Ladens einen großzügigen Betrag für den Truthahn und eine Kutsche. ‚Bringe den Truthahn zu der Familie Cratchit, aber verrate ihnen nicht, woher er kommt!‘“
      „Hey, das ist aber eine schöne Geste!“ freute sich Zino, und langsam entspannte er sich wieder etwas.
      „Das ist noch nicht alles.“ kommentierte Tracy und las weiter: „Dies getan, ließ er den beiden Spendensammlern, die am vorigen Tage bei ihm gewesen waren, eine großzügige Spende zukommen, noch bevor er sich beschwingt und Weihnachtslieder singend für seine Arbeit fertig machte. Dort erwartete er Bob Cratchit, der etwas spät dran war und sich vielmals dafür demütig entschuldigte. Der strenge Blick, mit dem Scrooge seinen Angestellten empfangen hatte, wich einer fröhlichen Miene, als er sagte: ‚Was soll‘s, heute ist Weihnachtstag! Geh‘ nach Hause zu deiner Familie, heute wird nicht gearbeitet!‘ Bob, der sich einem schlechten Scherz auferlegen wähnte, wußte gar nicht wie er reagieren sollte, als er von Scrooge förmlich aus dem Büro geschoben wurde. ‚Nun geh‘ schon! Wir sehen uns dann morgen wieder. Und ab heute gibt es mehr Gehalt! Fröhliche Weihnachten!‘“
      „Dem Frieden hätte ich auch nicht getraut!“ meinte Eddy.
      „Naja, du hättest ja auch nicht gewußt, was in der Zwischenzeit passiert ist!“ schmunzelte Zino.
      „Eigentlich ist in der Zwischenzeit nicht viel passiert, als daß Scrooge im Bett gelegen hat, oder?“ grinste Jake. „Ich meine, diese ganze Weihnachtsgeisterei, das ist ja schon ziemlich abstrakt.“
      „Abstrakt, aber wirkungsvoll!“ erinnerte Eddy.
      Tracy räusperte sich. „Geschichte ist noch nicht zu Ende!“
      „Entschuldige, Tracy!“ rief Jake schnell, und die drei wandten ihre Aufmerksamkeit wieder dem Gorilla zu.
      „Scrooge tat noch einige gute Taten mehr an diesem Tag, und am Abend nahm er die Einladung seines Neffen Fred zum Weihnachtsessen an. Alle freuten sich, Scrooge in so fröhlicher Verfassung in ihre Gemeinschaft aufzunehmen. ‚Ab sofort bin ich ein besserer Mensch, darauf gebe ich euch mein Wort!‘ erklärte er der erstaunten Gesellschaft. Und Scrooge war besser als sein Wort! Tiny Tim würde überleben, mehr noch, Scrooge war wie ein zweiter Vater zu ihm, und noch viele gute Taten würden folgen.“ Tracy klappte das Buch zu.
      Zinos Ohren standen begeistert ein Stück nach oben gekippt. „Seht ihr, dann hat es sich ja doch gelohnt, mit ihm mitzuleiden!“
      „Du gibst die Hoffnung nie auf, was?“ grinste Jake.
      „Naja, nicht sofort, jedenfalls. Und meistens passiert bei solchen Geschichten ja auch genau so etwas, sonst bräuchte man sie nicht zu schreiben.“
      „Sollte man aber. Das nennt man »Überraschungseffekt«!“ kommentierte Eddy.
      „Das ist eine tolle Geschichte!“ schwärmte Zino. „Eine richtige Geister-Weihnachtsgeschichte.“
      „Eine Weihnachsgeistergeschichte, sagte ich doch!“ triumphierte Eddy.
      Der Gorilla sah über seine Brillengläser demonstrativ zur Uhr. „Nun ist es aber Zeit zum schlafen!“ Er stand auf und machte eine wedelnde Handbewegung, mit der er die Jungs aufscheuchte. „Husch husch in’s Bett!“
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