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.*~°~*. Weihnachten mit Eddy und Zino

von - Leela -
CrossoverFreundschaft / P12 / Gen
01.12.2017
26.12.2017
26
57.385
 
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14.12.2017 5.701
 
Anm. d. Aut.: Achtung, Spoiler zu dem Film »Willy Wonka und die Schokoladenfabrik« mit Gene Wilder.


.~*~.
.~* Donnerstag *~.
.~* 14. Dezember 2017 *~.
.~* Adventskalendertürchen 14 *~.

Süßer Weihnachtsskelevisionabend

„Ich glaube, ich habe einen Nutzen für diese albernen Weihnachtsmützen gefunden.“ Zino drehte eine rote Mütze mit weißem Rand und weißem Bommel in den Händen.
      Eddy sah ihn erstaunt an. „Tatsächlich?“
      „Ja. Du sagtest ja, wer unter einem Mistelzweig steht, darf geküßt werden.“ resumierte der Gayaner gedankenvoll.
      Eddy nickte.
      „Der Mistelzweig muß aber nicht unbedingt an einer Tür hängen!“ erinnerte sich der Blonde.
      „Genau, das ist egal.“ bestätigte Eddy.
      Zino lächelte, pflückte sich einen Mistelzweig von einer Tür und befestigte ihn an seiner Mütze.
      Eddy grinste, als sein Freund die Mütze probehalber aufsetzte. „Super! – Aber dann mußt du aufpassen, daß Tracy dich nicht erwischt!“
      Das Lächeln schwand etwas, als Zino die Mütze absetzte. „Das werde ich, keine Sorge!“ Dann stellte er die Ohren wieder aufmerksam auf. „Was machen wir denn heute?“
      „Heute machen wir etwas tolles!“ verkündete Eddy. „Das ist auch schon Tradition, zumindest bei mir. Heute machen wir einen Skelevision-Abend. Ich möchte mit dir einen absolut tollen Film gucken, der zwar eigentlich nicht richtig etwas mit Weihnachten zu tun hat, aber irgendwie gut in die Zeit paßt, finde ich. Er heißt »Willy Wonka und die Schokoladenfabrik«. – Ähm, mittlerweile weißt du ja, daß das Skelevision keine Mikrowelle ist, oder?“
      Er sah einen Augenblick in die stumme Miene seines Freundes, über der gefühlte drei bis fünf Fragezeichen aufploppten, und winkte ab. „Vergiß es!“ Er erinnerte sich noch gut an Zinos erste Erfahrung mit dem Skelevisionprogramm – ausgerechnet einer Werbung für einen Pastaauflauf, und sah im Geiste noch seinen Freund vor der Scheibe sitzen und versuchen herauszufinden, wo er den Kasten aufmachen konnte. Inzwischen hatten sie aber schon ein paar Filme zusammen gesehen, und so hatte Eddy ihn langsam an das Thema »Fernsehen« und »bewegte Bilder« herangeführt. Er war sich sicher, daß Zino, wenn sie zum Schokoladenfluß in dem Film kamen, nicht seine Badesachen herausholen würde.
      Das Skelevision kam ein Stück näher und richtete sich in einem guten Blickwinkel aus, als es merkte, daß es losgehen sollte.
      Der brünette Ghostbuster hatte schon alles vorbereitet und auf dem Couchtisch eine große Schüssel mit Keksen und eine Kanne Kakao bereitgestellt. Als er Zino eine der Wolldecken gab, mit denen sie es sich auf dem Sofa richtig kuschelig machen konnten, erklärte er: „Der Film ist ein absoluter Klassiker. Die Hauptrolle spielt Gene Wilder, ein richtig toller Schauspieler – ich wette, als Willy Wonka wird er dir gefallen.“
      Zino hatte neugierig zugehört und setzte sich aufgeregt zu ihm. Die beiden machten es sich mit ihren Wolldecken auf dem Sofa gemütlich, und Eddy startete den Film. Doch es dauerte gerade mal bis zum Vorspann, bis Zino sich mit großen Augen und begeistertem Lächeln wieder aufsetzte. „Woah! Ist das viel Schokolade!“
      „Naja, das ist eben eine Schokoladenfabrik!“ meinte Eddy. „Natürlich gibt es da viel Schokolade!“
      Zino ließ sich überwältigt auf dem Sofa zurückfallen. „Wow!“
      Eddy reichte ihm kommentarlos mit einem Lächeln die Schale mit den Schokoladenkeksen.
      Sein Freund lächelte ebenfalls verlegen und nahm sich einen.
      Indessen begann der Film, und Eddy und Zino tauchten ein in Charlies Welt, der, während die anderen Kinder sich im Candyshop die Süßigkeiten und Wonka-Schokolade schmecken ließen, tapfer seine Zeitungen austrug, um sich etwas Geld zu verdienen.
      Als der Junge auf dem Skelevisionschirm an einem großen Tor stehenblieb, wurde Zino aufmerksam. „Ist das die Wonkafabrik?“ In dem Augenblick leuchteten nacheinander die großen Buchstaben W-O-N-K-A auf dem Fabrikgelände auf.
      Eddy lächelte. „Frage geklärt?“
      Zino schmunzelte verlegen.
      Gerade wurde Charlie von einem Mann angesprochen, der mit Blick auf die Fabrik einen seltsamen Vers aufsagte.
      „Das klingt aber unheimlich.“ kommentierte Zino. „Wie eine Geisterfabrik.“
      „Oh, sprich bitte jetzt nicht von Geistern…“ meinte Eddy gequält. „Ich habe Feierabend!“
      „Ja, aber wenn keiner reingeht, und keiner rauskommt, und trotzdem Schokolade produziert wird…“
      „So weit habe ja selbst ich noch nie gedacht.“ stöhnte Eddy.
      Zino quittierte es mit einem entschuldigenden Lächeln und konzentrierte sich wieder auf den Film.
      Als Charlie nach Hause zu seiner Familie kam, setzte Zino sich irgendwann nachdenklich auf. „Sag‘ mal, können wir Charlie nicht welche von unseren Schokoladenkeksen abgeben?“ fragte er mit betroffen hängenden Ohren.
      Eddy seufzte leicht. Er wußte, daß Zino es ernst meinte – so verinnerlicht hatte er das Prinzip »fernsehen« noch nicht. „Zino, das würde ich wirklich gerne, aber das hier ist ein Film! Das geht nicht! Das ist… einfach nur eine Geschichte.“
      „Das ist aber eine traurige Geschichte…“ wandte der Gayaner ein.
      „Warte es mal ab.“ empfahl Eddy. „Wir sind ja erst am Anfang.“
      Ruhig geworden lehnte sich Zino wieder an, und irgendwie wurde Eddy das Gefühl nicht los, daß er nicht mehr bei den Schokoladenkeksen zugreifen mochte. Ebenso nachdenklich lauschte er, als Charlies Großvater Joseph von der Fabrik erzählte. „Kein Wunder, daß der Herr Wonka keinen mehr in seine Fabrik reinläßt, wenn ihn alle nur betrügen wollen. Das klingt ja, als hätten nur Schnurks für ihn gearbeitet!“
      „Naja, zumindest wußte er nicht mehr, wem er noch trauen kann, fürchte ich.“ bestätigte Eddy. Als er zu Zino herübersah, wurde er das Gefühl nicht los, daß der Gayaner sich nicht entscheiden konnte, mit wem er mehr Mitgefühl haben sollte – Charlie, oder Willy Wonka.
      Zumindest aber, als sie Charlie in die Schule begleiteten, wurde es lustig, und die Szene stimmte sogar Zino wieder fröhlich – bis die Verkündung über das Wonka-Gewinnspiel kam. Als von den fünf goldenen Tickets berichtet wurde, die in den Schokoladentafeln versteckt waren, flogen seine Ohren nach oben. „Gibt es die Tickets wirklich?“
      Eddy biß die Zähne zusammen. „Es gibt nicht einmal die Wonka-Schokolade wirklich! Leider…“ An dieser Stelle war er sich sicher, daß Jake stolz auf ihn wäre – denn normalerweise war er es, der von der Schokoladenfabrik träumte und sich vorstellte, es gäbe sie wirklich. Nie hatte er gedacht, daß er einmal so rational sein könnte, in diesem speziellen Fall aber wollte er Zino keine Hoffnungen machen, die sich nicht erfüllen ließen. Dafür war ihm sein Freund doch zu wichtig.
      Zino schien sich indes an das, was Eddy ihm über das fernsehen erklärt hatte, zu erinnern und verinnerlichte gerade etwas geknickt, daß es weder Hoffnung auf Wonka-Schokolade, noch auf eines der Tickets für ihn gab.
      In der Geschichte ging es nun turbulent weiter, und bald schon wurde der erste Gewinner bekanntgegeben: Augustus Gloop.
      Zinos Miene rutschte in Entsetzen ab, als er den übergewichtigen Jungen zusammen mit seinen Eltern an dem überladenen Essenstisch sitzen und ohne jede Manieren vor sich hinmampfen sah. „Der hat das aber nicht verdient! Der ist ja schlimmer als Bramph!“
      Eddy zog leicht die Luft ein. Wie sollte das noch werden, wenn er die anderen Kinder kennenlernte…?
      Dazwischen aber gab es erst einmal ein schönes Ereignis: Charlies Geburtstag, und wie Zino bereits geahnt hatte, bekam er eine Tafel Wonka-Schokolade geschenkt. Eddy konnte die Anspannung auf dem Platz neben sich förmlich spüren, als Zino mit Charlie mitfieberte – ebenso wie die Enttäuschung des Gayaners sich merklich entlud, als Charlie kein goldenes Ticket fand. Eddy hielt kurz die Luft an. Er wußte, wie die Geschichte weiterging, und konnte sich vorstellen, wie begeistert sein Freund über den nächsten Ticketgewinner sein würde.
      Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten, als Zino Veruca Salt kennenlernte. Mit einem Mal hatte Eddy das Gefühl, Zino wolle in das Skelevision springen. Wie aus einem Reflex heraus legte er seinem Freund die Hand auf den Arm.
      „Das ist jetzt nicht wahr!“ Der blonde Gayaner mußte sich schwer unter Kontrolle halten. „Warum kriegen immer solche Kinder die Karten?“
      „Weil es sonst langweilig würde!“ kommentierte Eddy. „Entspann dich!“
      Fast ein wenig schmollend lehnte Zino sich wieder zurück. „Eigentlich müßte man dieser Veruca das Ticket wegnehmen und es Charlie geben!“ beharrte er.
      Eddys Seitenblick zu seinem Freund zeigte ihm, daß der Blonde die Arme verschränkt hatte und bedauerte, daß er nicht eingreifen konnte. „Die Welt ist nicht immer gerecht. Aber manchmal rächt es sich.“ versuchte er, Zino zu trösten. Innerlich hoffte er, Zino würde sein Gemüt noch unter Kontrolle halten können, bis sie in der Fabrik anlangten.
      In der nächsten Szene wurde der Computer vorgestellt, der angeblich die Standorte der letzten goldenen Tickets bestimmen konnte. Hier wurde Zino wieder wachsam. „Geht das wirklich?“
      „Keine Ahnung!“ kommentierte Eddy.
      „Aber du kennst doch den Film!“
      „Deswegen weiß ich es trotzdem nicht.“ Eddy deutete zum Bildschirm. „Schau mal zu!“
      Als der Erfinder des Computers versuchte, den Computer zu bestechen, der sich beharrlich weigerte, die Antwort herauszugeben, weil das Betrug wäre, spielten Zinos Ohren gedankenvoll. „Hm, okay, ich weiß, was du meinst…“
      Eddy grinste. „Du willst auch wissen, wo die letzten drei goldenen Tickets sind, stimmt’s?“
      „Na klar!“ gab der Gayaner unumwunden zu.
      ‚Dann paß mal auf…‘ dachte Eddy bei sich und atmete leicht durch.
      Gespannt verfolgte Zino die nächste Szene. Als Violet Beauregard als Gewinnerin vorgestellt wurde, deren erklärter Lebensinhalt das Kaugummikauen war, blieb er relativ gelassen. „Naja, sie hat es wenigstens eher verdient als die anderen beiden Gören.“
      Eddy konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Um klare Worte war Zino jedenfalls nicht verlegen.
      Mittlerweile fiel dem Gayaner schon zum dritten Mal der Mann in dem Anzug auf, der sich noch vor der Kamera die Kinder griff und mit ihnen etwas flüsterte. „Was ist das denn für eine unheimliche Gestalt?“ bemerkte er skeptisch.
      „Komm mir jetzt nicht wieder mit Geistern!“ wich Eddy der eigentlichen Frage aus.
      „Nein, aber der führt doch bestimmt nichts gutes im Schilde!“
      „Also, zumindest halten wir mal fest, es ist kein Schnurk!“
      Die beiden lachten herzlich.
      Dafür drehte Zino auf, als der vierte Gewinner, ein Junge namens Mike Teevee, vorgestellt wurde. „Whoa, wie ist der denn drauf?“
      „Tja, das sind die negativen Seiten des fernsehens…“ kommentierte Eddy. „Also nimm dir bitte nicht Mike zum Vorbild, wenn wir einen Film schauen…“
      Zino ließ leicht die Ohren hängen. Er wußte, daß Eddy auf die Situationen anspielte, wenn er kurz davor stand, durch die Scheibe mitten in’s Geschehen zu springen. Aber immerhin war er noch nie auf die Idee gekommen, mit einem Spielzeugrevolver auf den Bildschirm loszugehen. Eddy sah ihm an, daß er alles andere als zufrieden darüber war, daß dieses unmögliche Kind eines der Tickets bekommen hatte.
      Dafür fieberten sie bei jeder Wonka-Schokolade, die Charlie öffnete mit, daß er doch noch ein Ticket bekam. Um so größer war die Enttäuschung, als der fünfte Gewinner der Tickets ausgerufen wurde. Zino ließ sich mit einem tiefen, resignierten Seufzen auf dem Sofa zurückfallen. „Das darf doch nicht wahr sein. Damit hätte ich jetzt nicht gerechnet!“
      „Tja, manchmal kommt es eben doch anders als man denkt…“ kommentierte Eddy nur.
      Dafür durften sie Charlie ein weiteres Mal in die Schule begleiten. Dort wurde dieses Mal Prozentrechnung durchgenommen. Der Lehrer erklärte anhand von einer bestimmten Menge Wonkatafeln, wie Prozentrechnung funktionierte.
      „Das habe ich irgendwie nie verstanden.“ sinnierte Zino.
      „Was hast du daran nicht verstanden?“ erkundigte sich Eddy.
      „Na, wie das mit den Prozenten funktioniert! Ich meine, wenn man zehn Teile von hundert nimmt, hat man zehn Prozent. Aber wieso sind bei tausend plötzlich hundert Teile zehn Prozent?“
      „Na, das ist doch ganz einfach…“ begann Eddy, als der Film aber bereits weiterging, brach er schnell ab, indem er sagte: „Das erkläre ich dir noch mal in Ruhe.“
      Gerade fand Charlie auf seinem Heimweg ein Geldstück und lief los, um sich davon Schokolade zu besorgen.
      „Schade, daß es keine goldenen Tickets mehr gibt.“ meinte Zino enttäuscht.
      „Ja, wirklich ein Jammer…“ Eddy versuchte, sich nichts anmerken zu lassen – bis auf der Straße beim Zeitungsstand bekanntgegeben wurde, daß der letzte Fund ein Betrug gewesen war.
      Zino schnappte entgeistert nach Luft. „Aber dann…“
      Eddy schmunzelte. „Gibt es noch ein Ticket!“
      Als Charlie die Tafel öffnete, spannte Zino sich gleich mit an. „Diesmal muß es was werden! Diesmal muß es einfach!“ Als das Gold um die Schokolade herum aufblitze, flogen Zinos Ohren aufgeregt nach oben. „Ja! Ich hab’s doch gesagt!“ Förmlich erleichtert sank er an die Sofalehne zurück. Als die Menge auf Charlie einstürmte, setzte er sich aber gleich angespannt wieder auf. Eddy konnte ihm förmlich ansehen, daß er gerne mit einem ‚To The Rescue‘ in den Bildschirm gesprungen wäre.
      Charlie konnte sich aber selbst helfen und rannte nach Hause – bis er dem mysteriösen Mann begegnete, der Zino schon vorher unangenehm aufgefallen war. Als sich herausstellte, daß es sich um Wonkas Konkurrenten Slugworth handelte, der durch die Kinder an ein Geheimnis aus der Fabrik herankommen wollte, ging Zino ein Licht auf. „Der glaubt doch wohl nicht, daß er damit durchkommt!“
      „Abwarten!“ bemerkte Eddy. „Du hast ja gesehen, wie die Kids kreuzweise drauf sind!“
      Zino zog ein Schmollen und machte es sich wieder auf dem Sofa unter seiner Decke gemütlich. Zumindest konnte er jetzt erst einmal die Szene genießen, in der Charlie nach Hause kam, und seiner Familie stolz das goldene Ticket zeigte. Der Junge durfte die Wonka-Fabrik besuchen, und jemanden aus seiner Familie mitbringen! Zino und Eddy tauschten ein Lächeln, als Großvater Joseph zum ersten Mal nach zwanzig Jahren aus seinem Bett aufstand, um Charlie zu begleiten. Die beiden konnten nicht anders und klatschten ab.
      Einen Tag in der Geschichte weiter war es endlich für Charlie und Großvater Joseph soweit: Sie standen vor der Wonkafabrik und warteten zusammen mit vielen anderen Leuten darauf, daß sich die Tore öffneten – nach langer Zeit zum ersten Mal wieder.
      „Okay, jetzt kommt der wirklich spannende Teil!“ verkündete Eddy. „Und bitte versprich mir, daß du gleich nicht ausflippst!“
      Zino warf Eddy einen merkwürdigen Seitenblick zu, wie eine Mischung aus den Gedanken ‚Was denkst du von mir?‘ und einem neugierigen ‚Okay, ich versuche, mich zu beherrschen‘.
      Die Spannung stieg nicht nur vor den Wonkatoren, sondern auch vor dem Skelevision. Als Willy Wonka aus seiner Fabrik kam, hielt Zino ebenso den Atem an wie die Menge. „Oha. Der sollte vielleicht mal einen Nachfolger für die Fabrik suchen, wenn er so schlecht zu Wege ist…“ kommentierte er.
      Eddys Kopf flog entgeistert herum. Er hielt kurz den Atem an und bemühte sich, nichts dazu zu sagen. Immerhin war er sich sicher, daß Zino den Film nicht kennen konnte…
      Als Wonka eine elegante Rolle machte und so seine Scharade auflöste, löste sich allerdings auch Zinos Skepsis in einem erleichterten Lächeln auf. Die fröhliche Miene wich allerdings bald schon leichter Frustration, als Wonka die unmöglichen Kinder in Empfang nahm, bevor er endlich zu Charlie kam. „Der Arme. Er hätte sich das Recht vorbehalten sollen, ein Kind aus den fünf Gewinnern auszusuchen…“
      „Ach, so wird es doch viel spannender.“ kommentierte Eddy.
      „Na, du bist ja nett!“ Zino lehnte sich wieder zurück, als die kleine Gruppe den Weg in die Fabrik antrat. Das nächste, was den Blonden begeisterte, waren die Kleiderhaken in der Empfangshalle der Fabrik. Als die Hände an den Wänden nach den Hüten und Mänteln griffen und diese festhielten, setzte er sich begeistert wieder auf. „Das kriegt Boo doch sicher auch hin!“
      „Ja, schlag ihm das mal vor!“ Eddy grinste. „Der Film dürfte eine wahre Quelle der Inspiration für ihn sein.“
      Zino sah ihn atemlos an. „Meinst du, er kann die ganze Fabrik nachbauen…?“
      „Sieh dir den Film bis zu Ende an und sag‘ du es mir!“ Eddy lächelte bestechend. „Wenn er das hinkriegt, dann möchte ich mir das aber auch angucken.“
      „Na, klar!“ Zino wandte sich wieder aufmerksam dem Bildschirm zu, als die Kinder den Vertrag unterzeichneten, den Wonka ihnen gerade in groben - sehr groben - Zügen vorgestellt hatte. „Na, da würde ich mich auch absichern.“ kommentierte er leise.
      Kurz darauf entführte Willy Wonka seine Besucher in die Welt seiner Schokoladenfabrik – oder zumindest versuchte er es, denn im Augenblick steckten er und die zehn Gäste in einem engen Raum fest, der nur eine Tür besaß. Als der Fabrikbesitzer zur gleichen Tür wieder hinausging, durch die sie auch hineingekommen waren, hatte sich die Umgebung aber verändert.
      Zino stellte die Ohren auf. „Ist das so ähnlich wie euer Skelevator?“
      Eddy sah ihn verblüfft an. Warum war er noch nie auf den Gedanken gekommen? Zino schaltete schnell! „Naja, in dem Falle wäre es eher ein Wonkavator.“ bemerkte er, ohne zu viel vorwegnehmen zu wollen.
      Wonka führte seine Gäste nun durch den immer enger werdenden Korridor bis hin zu einer kleinen Tür, an der er ein Musikschloß mit einer kleinen Melodie öffnete.
      „Das kriegt Boo aber sicher hin!“ war Zino sich sicher. „So ein Schloß hätte ich auch gerne.“
      Eddy stellte sich derweil im Geiste vor, wenn er Tracy damit beauftragen würde, all diese Erfindungen nachzubauen. Der Gorilla würde ihm den Vogel zeigen, da war er sich sicher!
      In dem Augenblick öffnete Wonka das Tor zur Fabrik – und Eddy hatte das Gefühl, Zino unterlag einem Kulturschock. Als der Gayaner die Welt aus reinem Zucker- und Schokoladenwerk sah, die Bäume mit den Süßigkeiten, die Lutscher, Zuckerstangen und Fliegenpilze aus eßbarer Creme, hing er förmlich gebannt mit einem weltenentrückten Blick und einem seligen Lächeln an der Szene, so daß das Skelevision vorsichtshalber einen halben Schritt zurücktrat.
      „Ist das nicht großartig?“ freute sich Eddy.
      „Wow! Das ist das wundervollste Land, das ich je gesehen habe!“ Zinos Stimme war atemlos.
      „Naja, es ist kein Land, es ist nur eine Fabrik!“ erinnerte Eddy. „Aber das reicht ja schon.“
      Zinos Blick verklärte sich mit einem Mal vollends, und hatte Eddy geglaubt, es wäre kaum noch möglich, ihn mehr zu faszinieren, belehrte Willy Wonka ihn eines besseren. Der Gayaner starrte auf die kleinen Tassen, die Blüten gleich aus den Büschen wuchsen, und die man pflücken, austrinken und anschließend aufessen konnte. „Aww, solch einen Tassenbusch möchte ich auch haben…“
      Eddy lachte. Innerlich versuchte er zu reflektieren, ob er beim ersten Mal auch so reagiert hatte, als er den Film gesehen hatte. Er erinnerte sich nur, daß Jake auch seine liebe Last mit ihm gehabt hatte – und bisweilen heute noch hatte. Allerdings war es genauso schön, mal jemand anderem beim staunen zuzusehen. Allein dafür hatte es sich gelohnt, den Film ausgerechnet mit Zino zu schauen.
      Das nächste Mal kam Eddy in den Genuß, als Wonkas kleine Arbeiter, die Oompa Loompas, ihren ersten Auftritt hatten. Fasziniert beobachtete Zino, wie sie dem Schokoladenfluß Zucker und Sahne beimischten. Als Wonka seinen Gästen die Geschichte der Oompa Loompas erzählte, und welchen Gefahren sie in Loompaland ausgesetzt gewesen waren, kippten ihm aber betroffen die Ohren ab. „Ich mag Willy Wonka!“ bekannte er. „Ich hätte die Oompa Loompas auch gerettet.“
      „Und ich würde gerne mal wissen, wie so ein würmelnder Knit und diese ganzen anderen Tiere aussehen, die in dem Land leben.“ sinnierte Eddy.
      „Da wäre ich aber vorsichtig, wenn die so gefährlich werden können, daß sie ganze Oompa Loompas ausrotten. – Whoa!“ Der letzte erschrockene Ausruf galt Augustus, der gerade in den Schokoladenfluß gefallen war. Zino hielt den Atem an, und seinem Blick nach zu urteilen, wußte er nicht, ob er begeistert und geschockt sein sollte. „Gütiges Gaya! So etwas ist mir in einem von Leelas Drabbles auch mal passiert!“
      Eddy sah ihn ungläubig an. „Was?“
      „Ja! Ich hatte sie um ein Schokoladendrabble gebeten, und sie hat mir gleich einen ganzen Pool voll Schokolade präsentiert… Da ist es mir ähnlich gegangen…“
      Eddy mußte mitfühlend schmunzeln, als er Zinos hängende Ohren betrachtete. „Sie hat es bestimmt nur gut gemeint.“
      „Naja, das meint Willy Wonka ja auch. Man muß nur aufpassen, daß man nicht gleich kopfüber da reinstürzt! Aber ich glaube, ich habe es nicht so verdient wie Augustus…“
      „Ich glaube, du bist auch besser wieder aus der Situation rausgekommen.“ war Eddy sich sicher und deutete zum Bildschirm, wo Augustus gerade durch eine große Röhre bis in den Raum für kandierte Früchte geschossen wurde.
      Willy Wonka nahm es gelassen, was Zino mit grimmiger Zustimmung bedachte. Mit einer kleinen Flöte rief er einen der Oompa Loompas zu sich. Als die aufgeregte Misses Gloop von einem Oompa Loompa aus der Halle geführt wurde, hob sich Zinos Stimmung sichtlich. Offenbar bekam das erste Kind die Quittung, die es verdiente. Wonka nahm indes unbeeindruckt den Rest der Gäste mit zum Fluß, wo die nächste Etappe der Führung starten sollte.
      „Wow!“ Eddy hatte gewußt, daß Zino das Boot begeistern würde, und so kam es auch. Der Gayaner stellte euphorisch lächelnd die Ohren auf. „Das ist ja toll! Ein Boot, das über einen Schokoladenfluß fährt!“ Als das Boot Fahrt aufnahm, steigerte sich Zinos Begeisterung synchron dazu. „Das möchte ich auch unbedingt mal ausprobieren!“ bekannte er von Herzen.
      „Ich eher nicht!“ gestand Eddy offen, dem vom zusehen schon schwindelig wurde.
      Als das Boot abrupt zum stehen kam, brauchte Zino einen ganzen Moment lang, bis er verinnerlicht hatte, daß die Fahrt vorbei war. „Das ging ja schnell…“
      Wonka führte die kleine Gruppe nun in den Erfinderraum. Nicht nur die Besucher der Fabrik sahen sich genau um, auch der Gayaner ließ den Blick aufmerksam durch den Raum schweifen.
      „Also, bei Boo gefällt es mir besser.“ bemerkte Zino, als er das Chaos betrachtete, in dem Wonka seine neuesten Experimente durchführte.
      „Na, was für ein Kompliment.“ lächelte Eddy.
      Zino verfolgte wachsam, was in dem Raum vor sich ging, bis sie zu der Maschine kamen, auf die Slugworth die Kinder angesetzt hatte: Die Maschine, welche die »Everlasting Gobstopper« produzierte, hinter dessen Geheimnis er kommen wollte. So weit, hinter das Geheimnis zu kommen, kamen Eddy und Zino aber gar nicht. Als die Maschine loslegte, war es plötzlich vorbei mit Zinos Ruhe, und zu Eddys Überraschung sprang der Gayaner mit einem Aufschrei auf und verschanzte sich mit angespannt nach unten gekippten Ohren hinter dem Sofa. Der Brünette sah verwundert zu ihm herunter. „Ist alles in Ordnung?“
      „Was, um Gayas Willen, ist das denn für ein monströses Ding…?“ hauchte Zino.
      Eddy wußte nicht, ob er lachen oder die Augen verdrehen sollte. „Das ist eine Süßigkeiten-Maschine. Komm wieder hoch, die tut dir nichts!“
      Zino kam sehr zaghaft hinter dem Sofa hervor und setzte sich erst wieder gemütlich, als die Szene mit der Maschine vorbei war – wirkte aber deutlich mißtrauischer und wachsamer als vorher.
      Wonka gab gerade jedem der Kinder einen Gobstopper und nahm ihnen das Versprechen ab, mit niemandem darüber zu reden. Zinos mißtrauischer Blick sagte bereits, daß er befürchtete, daß das nicht gut enden konnte. Wonka aber reichte das Versprechen und nahm die Gruppe mit zu der nächsten Maschine.
      Zino schien sich innerlich auf alles mögliche vorzubereiten, nach dem zuvorigen Schock. Die Kaugummimaschine schien ihm ebenfalls suspekt, offenbar war die aber erträglicher für ihn als die Gobstopper-Maschine. Wonka erklärte gerade für seine Gäste, daß diese Maschine einen Kaugummi herstellte, der ein komplettes Dreigängemenü enthielt. Als Violet das Kaugummi-Menü ausprobierte, musterte Zino sie nachdenklich. „Hey, das ist eine großartige Idee!“
      „Solange es funktioniert.“ kommentierte Eddy leise. Er hatte kaum ausgesprochen, als das Dessert in dem Dreigängemenü fehlschlug, und Violet zu einer Blaubeere wurde.
      Zinos Blick war an Skepsis nicht zu überbieten. „Okay. Das ist nicht wirklich möglich, oder?“
      „Du scheinst gerade das Prinzip von »fernsehen« zu verstehen.“ schmunzelte Eddy.
      Fasziniert beobachtete Zino, wie Violet von den Oompa Loompas aus dem Raum gerollt wurde, und ihr Vater ihr aufgeregt nachlief. „Ich mag die Oompa Loompas!“
      „Oompa Loompas sind cool!“ bestätigte Eddy. „Hier, guck mal!“
      Willy Wonka führte die Leute gerade durch einen Korridor, wo er ihnen seine Früchte-Tapete vorstellte, die man ablecken konnte, und welche einem immer genau das Aroma der jeweiligen Frucht lieferte, an der man leckte.
      „Aw, so eine Tapete möchte ich auch zu Hause haben!“
      „Du hörst dich an wie Veruca.“ lachte Eddy.
      „Was? Das tue ich nicht!“ entrüstete sich Zino.
      „Doch! So viel wie du schon die ganze Zeit haben wolltest…“
      „Ja, aber ich fordere es nicht so überheblich ein!“ setzte Zino dagegen. „Wenn ich es nicht kriege, geht für mich keine Welt unter!“
      „Ist ja gut!“ lachte Eddy. „Was machst du eigentlich, wenn in der Fruchttapete auch Mangos dabei sind?“
      Zino stockte sichtlich geschockt. „Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht…“
      „Ich meine ja nur. Nicht, daß du versehentlich eine erwischst!“ schmunzelte Eddy, der genau wußte, daß Mangos bei Zino mindestens ebenso »hoch« im Kurs standen wie Bananen bei ihm.
      Die Tour durch die Fabrik ging inzwischen weiter, und die Gruppe landete in einem weiteren Raum, der mit einem Haufen Blasen gefüllt war, die stark an Seifenblasen erinnerten. Rasch erklärte Willy Wonka, daß hier Luftballonlimonade hergestellt werden sollte, das Verfahren aber noch nicht ausgereift war. Zu Zinos heller Freude blieben Charlie und Joseph zurück, um die Limonade auszuprobieren, und es dauerte nicht lange, bis die beiden so leicht waren, daß sie vom Boden abhoben. Jetzt kehrte die Begeisterung in seine Miene zurück. „Hey… So etwas bräuchte ich auch!“
      Eddy räusperte sich leicht und sah unbeteiligt in den Raum, was sein Freund quittierte, indem er verlegen die Ohren abkippte. Er wagte es nicht mehr, etwas dazu zu sagen, bis sie zu Willy Wonka aufgeschlossen hatten, der bereits mit den anderen verbliebenen Gästen in einem großen Raum stand, wo er seine »Goldenen Gänse« präsentierte, die riesige Schokoladeneier legten.
      Hier bekam Veruca ihren Auftritt, den Zino schon Momente zuvor erwartet hatte. Als das Mädchen den ganzen Raum verwüstete, spannte sich der Gayaner erneut an – und Eddy konnte es verstehen. An dieser Stelle war er auch manches Mal gewillt, in das Skelevision zu springen und dem Kind Manieren einzuprügeln.
      Als Veruca in den Müllschacht fiel, hörte Eddy links von sich einen verbissenen Jubelschrei.
      Eddy biß sich kurz auf die Unterlippe und konnte sich dann nicht verkneifen zu fragen: „Kein ‚To The Rescue‘…?“
      Zino ließ gedankenvoll die Ohren hängen. „Naja, in echt würde ich sie schon retten. Aber verdient hat sie es nicht!“ stellte er klar.
      Eddy grinste in sich hinein.
      Als nächstes führte Willy Wonka die Besucher zum Wonkamobil.
      „Was ist das denn für eine tolle Maschine?“ staunte Zino. „Die sieht ja aus, als könnte die von Boo sein!“
      „Aber vor der Gobstopper-Maschine Angst haben!“ kommentierte Eddy.
      Zino ließ die Ohren hängen. „Das war etwas anderes. – Oh, die Maschine ist aber noch etwas überholungsbedürftig…“ bemerkte er, als plötzlich überall Schaum herausspritzte und die Insassen unter sich begrub.
      „Meinst du nicht, das ist so gewollt?“ grinste Eddy.
      „Na, was hätte das denn für einen Sinn? Hey, was passiert denn jetzt?“ völlig verblüfft beobachtete Zino, wie die lokartige Maschine hinter einem schmalen Pfeiler verschwand, und mit Zeitverzögerung auf der anderen Seite wieder zum Vorschein kam. Eine Weile betrachtete der Blonde ausdruckslos die nun wieder saubere Maschine und die frisch gewaschenen Insassen, bis er kapierte, was da gerade passiert war. „Das ist großartig!“
      Eddy warf ihm einen leicht süffisanten Seitenblick zu. „Frag‘ doch mal Boo, ob er so etwas bauen kann.“
      In Zinos Augen leuchtete es. „Das mache ich!“
      Eddy schmunzelte. Das würde Zinos besten Kumpel sicher freuen…
      Willy Wonka lieferte auch prompt die Erklärung auf die Frage, worum es sich bei dem Phänomen handelte, das die Gäste gerade durchlaufen hatten: „Shawaknow!“
      „Wonkawash!“ haute Zino raus ohne nachzudenken, noch bevor Wonka selbst erwähnte, daß das »Wonkawash« rückwärts hieß.
      Eddy fiel bald die Kinnlade runter.
      Als Wonka ihn bestätigte, meinte Zino nur: „Sag‘ ich doch!“
      Eddy war mit staunen noch nicht fertig. „Wie bist du so schnell darauf gekommen?“
      Zino sah etwas verlegen zu Boden. „Na, für irgendwas muß meine Lese-/Sprachschwäche doch gut sein…“
      Der brünette Ghostbuster sah ihn nachdenklich an. Er erinnerte sich, daß Zino gerne Buchstaben verdrehte, ohne es zu merken – daß es dazu führte, daß er ein verdrehtes Wort aber sofort verstand, hatte er nicht erwartet. Beeindruckt wandte er sich wieder dem Bildschirm zu.
      Jetzt begleiteten sie die letzten Fabrikbesucher zur Wonkavision. Gerade erklärte Willy Wonka, wie es funktionierte, eine große Tafel Wonka-Schokolade in den Fernseher zu senden. Mit einem Mal beobachtete Zino das Geschehen auf eine gedankenvolle Art konzentiert.
      Eddy warf ihm einen forschenden Seitenblick zu. Gerade beschloß Mike Teevee, sich als erster Mensch von der Wonkavision in den Fernseher senden zu lassen – und kam einen Augenblick später, ebenso wie die Tafel Schokolade zuvor, verkleinert in dem Gerät an.
      Plötzlich war Zino sehr nachdenklich. Nach einem Augenblick konnte er nicht mehr anders, als sich, ohne den Blick vom Bildschirm abzuwenden, zu Eddy herüberzulehnen und zu fragen: „Ähm, das Wonkavision, das hat nicht zufällig etwas mit dem Protonplasmatransporter von Icely zu tun… oder?“
      Eddy hielt sprachlos inne. So weit hatte er noch gar nicht gedacht. „Öhm, nein, ich glaube nicht. Ich meine…“ Er räusperte sich leicht. „Naja, das Prinzip ist schon recht ähnlich, aber ich glaube nicht, daß es etwas miteinander zu tun hat…“
      Zino musterte die Szene deutlich argwöhnisch. „Das kommt mir gerade mächtig vertraut vor…“
      Plötzlich spürte Eddy ein seltsames Gefühl in der Magengegend, und er konnte nicht anders, als seinem Kumpel beruhigend die Hand auf den Arm zu legen.
      Die Geschichte ging aber auch schon weiter, und so wurde Zino schnell von seinen eigenen Erlebnissen mit dem Protonplasmatransporter abgelenkt.
      Der Gayaner löste sich von seinen Gedanken und konzentrierte sich wieder auf Charlie, der gerade mit seinem Opa und Wonka den letzten Teil der Fabrik verließ. Als Wonka sich recht schnell und kurz angebunden von den beiden verabschiedete und in seinem Büro verschwand, stutzte er genauso, wie die beiden letzten Besucher der Fabrik. „Was war das denn…?“
      „Schnell abgehandelt, würde ich sagen.“ bemerkte Eddy leichthin.
      „Aber das kann doch nicht das Ende sein!“ schoß Zino bestürzt heraus.
      Das gleiche schien sich auch gerade Großvater Joseph zu denken, denn gerade durften sie zusammen mit ihm das Büro betreten, wo er für seinen Enkel versuchte, dessen Gewinn einzufordern.
      Zinos Blick schweifte konfus durch den Raum, bis er bemerkte, was dort seltsam war. „Aber, da ist ja alles nur halb!“ stellte er fest. „Guck mal, eine halbe Uhr, und eine halbe Lampe, und sogar ein halber Kalender…“
      „Und eine halbe Tapete!“ ergänzte Eddy, der vermutete, daß das Zino gar nicht so bewußt war – da jede zweite Bahn fehlte, hätte man das noch einem extravaganten Stil zuschreiben können.
      Beklommen beobachtete Zino nun, wie Wonka Joseph zurechtwies und erklärte, daß Charlie keinen Gewinn zu erwarten hatte, da er sich nicht an die Regeln des Vertrages gehalten hatte. „Die Luftballonlimonade.“ kommentierte er so schnell, daß Eddy erneut staunte. Er selbst hatte sich beim ersten gucken nicht einmal so schnell daran erinnert gehabt, daß Charlie und sein Großvater tatsächlich eine Verfehlung begangen hatten – Zino jedoch hatte die Verbindung sofort hergestellt.
      ‚Okay. Er ist nicht umsonst Gayas Nationalheld. Er hat einen Blick dafür!‘ stellte er für sich fest, und fügte für sich noch an: Nein, Zino war eines sicherlich nicht: Dumm. ‚Wenn er jetzt noch das Geheimnis von Slugworth vorher rausfindet, gebe ich auf.‘ dachte der Mollige bei sich.
      Gerade ließ Charlie seinen aufgebrachten Großvater stehen, der drauf und dran war, Slugworth das Geheimnis seines Konkurrenten in die Hände zu spielen, und gab Mister Wonka traurig den Gobstopper zurück.
      Zino ließ die Ohren hängen. „Das hätte ich jetzt auch gemacht…“
      ‚Dann hättest du jetzt die Schokoladenfabrik.‘ dachte Eddy schmunzelnd bei sich. In seine Gedanken hinein drehte sich Willy Wonka zu Charlie um, um ihm die freudige Botschaft zu verkünden, daß er den Test bestanden hatte. Und als er den vermeintlichen Mister Slugworth als seinen Mitarbeiter enttarnte, der die Scharade mit ihm zusammen durchgeführt hatte, um die Kinder zu testen, konnte er genießen, wie Zino die Kinnlade herunterfiel. Zumindest das war ihm noch vergönnt!
      Zino war noch nicht über die Szene hinweg, als Wonka bereits mit Charlie und seinem Großvater zum Wonkalift ging. „Das ist gar nicht so dumm!“ überlegte der Gayaner.
      „Willy Wonka ist alles andere als dumm!“ bestätigte Eddy.
      „Ja, aber so etwas abzuziehen… Das ist ja schon richtig ausgefeilt!“
      „Dafür weiß er jetzt, daß er Charlie vertrauen kann!“ bemerkte Eddy, und kommentierte auf die aktuelle Szene bezogen: „Schau mal, der Wonkavator!“
      Zinos Ohren stellten sich abrupt auf. Gerade erklärte der Fabrikinhaber, daß der Wonkavator in alle Richtungen fahren konnte, die es gab – oder auch nicht gab. Als Willy Wonka drauf und dran war, den Fahrstuhl direkt durch das Fabrikdach zu jagen, ließ Zino allerdings abermals die Ohren hängen. „Manchmal ist er aber auch unberechenbar…“
      „Meinst du nicht, er weiß, was er tut?“ lächelte Eddy. In seine Worte hinein war das krachen des Glasdaches zu hören, und Zino biß die Zähne zusammen.
      „Nicht immer…“ Als er es wagte, die Augen wieder zu öffnen, hielt er jedoch den Atem an. Eddy stellte fasziniert fest, daß er die Ohren seines besten Freundes noch nie so viel in Bewegung gesehen hatte, wie bei diesem Film. Gerade stellte Zino sie wieder begeistert auf. „Wow! Was für eine Aussicht!“
      „Da kriegen mich keine zehn Geister rein!“ schwor Eddy.
      „Naja, dafür kannst du es ja von hier aus genießen!“ behauptete Zino.
      „Prime Evil sei Dank!“ bestätigte Eddy.
      Doch Willy Wonka hatte noch mehr zu bieten, und als er Charlie verkündete, daß er die Schokoladenfabrik bekommen würde, und er mit seiner ganzen Familie sofort einziehen konnte, hatte er Zino soweit, daß dem Gayaner gerührt die Tränen in den Augen standen. Als sein Freund sich ein seelenvolles „Aww…“ vernehmen ließ, konnte Eddy nicht anders, als ihm einen faszinierten Blick zuzuwerfen.
      Eine Weile ließen sie den Abspann noch auf sich wirken, in dem der Wonkavator über die Stadt flog, bis der Film endgültig zu Ende war.
      „Der Film ist echt toll!“ meinte Zino begeistert, als das Skelevision sich abschaltete.
      „Den kannst du jetzt jedes Jahr mit uns gucken, wenn du willst.“ schaltete sich Skeli in die Unterhaltung ein. „Ich mag den Film nämlich auch.“
      „Oh, jaah…“ strahlte Zino.
      „Es gibt noch eine neuere Verfilmung der Geschichte, mit Johnny Depp in der Hauptrolle.“ erklärte Eddy. „Der ist auch toll, aber ich glaube, den gucken wir nächstes Jahr, sonst verwirre ich dich jetzt nur.“
      Zinos Ohren spielten leicht, als versuche er, seine Neugierde vor Eddy zu verbergen. „Okay…“
      Eddy atmete durch. Er sah sich gerne beide Filme hintereinander an, aber es war vielleicht besser, wenn Zino bis dahin noch ein bißchen Erfahrungen mit dem fernsehen sammelte, bevor er die gleiche Geschichte in zwei verschiedenen Versionen verfilmt mit ihm zusammen sah, und ihn ganz durcheinanderbrachte. „Aber ich kann dir das Buch mitgeben!“ fiel ihm plötzlich ein. „Falls du die Geschichte mal lesen willst. Das ganze basiert nämlich auf einer Geschichte von Roald Dahl.“
      Zinos Ohren stellten sich auf. „Oh, ja!“
      „Gut, dann suche ich es dir nachher raus.“
      Die Spannung, die den Film über geherrscht hatte, verlor sich in der lauschigen Atmosphäre, die sich anschloß. Die Keksschüssel zwischen sich gestellt und sich die Hände an den Kakaobechern wärmend gingen sie in den gemütlichen Teil des Abends über, bei dem sie über Schokoladenfabriken und phantastische Welten philosophierten.
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