Irrwege denkender Köpfe

KurzgeschichteDrama / P12
30.11.2017
30.11.2017
1
2005
 
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Mein Beitrag zum Wettbewerb Mach was draus! Nr. 4
Aufgabe: Eine neue Bedeutung für eine der beiden Abkürzungen finden: 1. BGB, oder 2. IDK
Zusatzvorgabe: Für einen der Protagonisten muss sich plötzlich alles zum Guten wenden.

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Irrwege denkender Köpfe

Talis zitternde Finger senkten sich auf die Schriftzeichen ihrer Laptoptastatur und verharrten für einen Moment darauf, bis sie sich zögerlich in Gang setzten und erst Buchstaben dann Wörter auf dem Bildschirm erscheinen ließen. Während sie mit nervösen Blicken die Ergebnisse der Suchanfrage überflog, zeigte sich ein zurückhaltendes Lächeln auf ihren Lippen. Sie schloss die Augen, ließ ihren Kopf nach hinten gegen die Wand sinken und atmete erleichtert aus. „Ein paar Tage drüber sind normal.“ Ein paar Tage drüber waren normal. Kein Grund zur Beunruhigung.

„Tali-Lali?“ Mit dem Handrücken streichelte er im Vorbeigehen sanft über ihre Wange, wie als versuche er, sie durch diese bloße Berührung in den Moment mit ihm zurückzuholen. „Hm?“ Sie hielt kurz inne - in ihrem geschäftigen Treiben unterbrochen - ihren selbstgenähten Rucksack in der einen, einen Stapel Prospekte in der anderen Hand. „Was wünscht du dir am allermeisten auf der Welt?“ Er saß auf dem Bett, die Beine überschlagen, sein Blick fixierte sie intensiv, lauernd, grüblerisch. Verständnislos runzelte sie die Stirn. Sie hatte sich bereits wieder von seiner Berührung gelöst, ging im Zimmer umher und steckte zielstrebig dieses und jenes in ihre Tasche. „Gerechtigkeit, denke ich“, antwortete sie ein wenig selbstgefällig, als läge das auf der Hand, als müsse er ihre Antwort schon kennen. Er nickte langsam. „Ja“, murmelte Marlon. „Ja“, wiederholte er. „Gerechtigkeit ist eine gute Sache. Aber ist sie das aller wichtigste?“ Er beugte sich vor und griff halb spielerisch, halb ernst, nach ihrem Arm, als sie sich anschickte in ihre Stiefel zu schlüpfen. „ Was ist mit Liebe? - Ich finde, es ist Liebe.“ Sie verdrehte die Augen.

Tali kniete auf dem Boden, sie war allein. Ihr Oberkörper war vornübergebeugt, ihre Stirn berührte die kalten, blauen Badezimmerfliesen. Sie wimmerte. In ihrer Hand hielt sie ein kleines schmales Gerät, ähnlich groß wie ein Kugelschreiber, auf dessen Display sich deutlich ein violetter Streifen vor einem weißen Hintergrund abzeichnete. Unvermittelt hob sie den Kopf. Sie setzte sich ruckartig auf, drückte den Rücken durch, ballte die Faust fest um den kleinen Gegenstand in ihrer linken Hand und schleuderte ihn dann in einer schnellen, plötzlichen Bewegung mit aller Kraft gegen die Wand. Der Schwangerschaftstest zersplitterte. Ein winziges Plastikteil flog davon und landete in der anderen Ecke des Raumes. Schwer atmend, als wäre sie eine weite Strecke gerannt, stand sie auf. In ihrem Gesicht war das Entsetzen zu lesen, doch sie hatte aufgehört zu weinen. Wie ein Schlafwandler bewegte sie sich mechanisch, behutsam. Ein Schritt, dann zwei. An der Wand bückte sie sich und griff nach dem kaputten Test. Sie las ihn auf und drehte ihn um, sodass das Display nach oben zeigte. Es war ein Sprung darin, aber die Linie – das Zeichen dafür, dass sie tatsächlich schwanger war – war noch immer zu sehen. Erschöpft ließ sie sich zurück zu Boden sinken und drückte geistesabwesend den Schwangerschaftstest an ihre Brust. Ihre Mundwinkel zuckten. Sie lächelte fast.

Marlon rückte das Kissen ein winziges Stückchen nach links, um die schlafende Tali besser betrachten zu können. Er fand, sie sah friedlich aus. Mit der Fingerspitze zeichnete er die weichen Konturen ihrer Kinnlinie nach, fuhr die gewundene Form ihrer Ohrmuschel entlang, bis zu ihrem Haaransatz. Der entschlossene Ausdruck, der ihr Gesicht für gewöhnlich ausmachte - und ebenso zu ihr gehörte, wie ihre entschiedene (ein wenige sture, aber liebenswürdige) Art, die Dinge in die Hand zu nehmen - war einer schlichten Ruhe gewichen. Er wünschte sich, er könnte in ihrem Kopf sein und an dieser Ruhe teilhaben. Er wünschte sich, sie würde ihn ansehen so wie er sie ansah. Er wünschte sich, sie würde so denken wie er dachte.

Talis zitternde Finger fanden kaum die richtigen Buchstaben auf ihrer Laptoptastatur. Ständig vertippte sie sich, löschte die Zeichen und begann von vorn. Hin und wieder unterbrach sie ihre Tätigkeit, hob den Ärmel an die Augen und wischte sich unwirsch die Tränen aus dem Gesicht. Sie hatte seit Jahren nicht geweint. Sie konnte sich nicht erinnern, wann sie sich jemals so gefühlt hatte wie jetzt. Noch nie war ihr derart die Kontrolle entglitten. Es war, als wäre etwas ganz schrecklich aus dem Ruder gelaufen, obwohl sie weiterhin glaubte das Steuer fest in Händen zu halten. Es war absurd. Noch nie war sie so überzeugt gewesen das richtige zu tun, während es sich gleichzeitig so falsch anfühlte. Was für ein dummes, dummes Gefühl. Sie musste ihrem dummen Herzen einbläuen was richtig war. Sie musste sich selbst beweisen, dass sie das richtige tat, damit ihr Gehirn sie gar nicht erst austricksen konnte. Bilder flimmerten über den Bildschirm. Handfeste Zahlen und Fakten. Nach ein paar Stunden war das blöde Gefühl tatsächlich fürs Erste ruhiggestellt. Sie hatte sich wieder im Griff und fasste einen Plan was nun zu tun war.

Sie saßen am Frühstückstisch. Marlon hatte den obligatorischen Sonntag-Morgen-Kaffee aufgesetzt, dessen Duft ihr in die Nase stieg und eine plötzliche Übelkeit auslöste, als hätte ihr jemand in die Magengrube geschlagen. Aber sie bezwang den Drang sich zu übergeben und schluckte. „Tali? Ist alles in Ordnung?“ Es war unheimlich wie gut er sie kannte. „Alles gut“, log sie. „Ich bin nur in Gedanken.“ Er musterte sie konzentriert, als versuche er ein kompliziertes Rätsel zu entschlüsseln. „Was für Gedanken?“, fragte er. Sie antwortete nicht sogleich. Es war bereits entschieden: Sie würde es ihm nicht erzählen. Sie hatte sich bereits entschieden, dass sie das Kind nicht bekommen würde. Auch wenn sie wusste, dass er sie unterstützen würde und dass er ein wundervoller Vater wäre - aber es spielte keine Rolle. Ihr Gesicht blieb eine Maske. Sie grinste. „Wie gut, dass meine Gedanken nur mir allein gehören.“

„Sie müssen hier unterschreiben.“ Die Sprechstundenhilfe reichte ihr ein Klemmbrett mit einem kurzen Schriftstück darauf:

Unterziehen Sie sich diesem Eingriff aus freien Stücken?
Haben Sie jemanden, der Sie nach dem Eingriff nach Hause bringt?
Sind Sie sich Ihrer Entscheidung zu 100% sicher?

Ja - Nein - Ja. Ihre Gedanken begannen wie wild in ihrem Kopf zu dröhnen: Sie dachte an das Plüschtier in ihrer Handtasche - ein kleines flauschiges Häschen mit rosa Näschen und aufgesticktem rosa Herzen - das sie vor einer halben Stunde auf dem Weg hierher in einem Babywarengeschäft gekauft hatte. Warum, konnte sie sich selbst nicht erklären. Was hatte sie sich dabei gedacht? Am liebsten wäre sie aufgesprungen, um es auf der Stelle in die Mülltonne zuwerfen. Nein - Nein - Nein. Warum sollte ihr  Kind es gut haben? Warum hatte ihr  Baby ein Recht zu leben? Was für ein Leben wäre das? - Sie war überzeugt davon, dass die Zukunft größere Probleme bereithielt als die Menschheit zu lösen in der Lage war. Sie wollte kein Kind in diese Welt setzen. Warum hatte sie  das Recht eine glückliche Mutter zu sein. Ihr ging es gut, weil es anderen schlecht ging. Vier bis fünf Bäume wurden gefällt für den Windel-Verbrauch eines einzigen Kindes. Sie hatte es recherchiert. Es gab keine Alternative. Ihr Kind würde unausweichlich aufwachsen. Es würde konsumieren. Es würde Schuld auf sich laden, bevor es eingeschult wäre. Sie würde Schuld auf sich laden, weil sie es einem solchen Leben ausgeliefert hätte. Wer konnte schon sagen, ob es mehr Glück als Leid erfahren würde? Sie konnte es nicht fragen, ob es überhaupt geboren werden wollte. Wenn sie ehrlich war: Sich Kinder zu wünschen war egoistisch. Sie wünschte sich ein Kind, um ihre eigenen Bedürfnisse zu stillen. Sie sehnte sich danach bedingungslos geliebt zu werden, sich gut zu fühlen, nicht alleine zu sein, wenn sie alt war; etwas von sich selbst in dieser Welt zu hinterlassen, wenn sie starb. - Ein Kind kostete Geld. Dieses Geld sollte sie lieber in Projekte investieren, die es sich zur Aufgabe gemacht hatten den leidenden Menschen auf dieser Welt zu helfen - oder nicht? – aber das Häschen in ihrer Tasche - Sie streichelte mit den Händen sanft ihren Unterlieb - das kleine Würmchen in ihrem Bauch -

Die Ärztin unterbrach ihre wirren Gedanken: „Ich benötige noch die Bescheinigung Ihrer Schwangerschaftskonfliktberatung.“ Zerstreut kramte sie einen Moment lang in ihrem Rucksack. Ihre Hände fuhren fahrig an den Knöpfen ihres Mantels entlang. Halb nervös, halb gedankenverloren.

Marlon hörte das Klirren der Schlüssel, das Aufschwingen der Tür, kein Grußwort. Er merkte schon an den Geräuschen ihrer Schritte im Flur, dass etwas nicht stimmte. „Tali?“ Er horchte. Rasch erhob er sich. Beunruhigt. Öffnete die angelehnte Zimmertür. Sie hatte das Licht nicht angeschaltet. Er sah ihre dunkle Silhouette zusammengekauert an der Wand, den Mantel hochgeschlagen, die Knie an die Brust gezogen. „Tali?“ Er hörte sie schluchzen. Ihm wurde bewusst, dass er sie noch nie hatte weinen sehen. Hatte sie nicht ein einziges Mal überhaupt traurig erlebt. „Was ist passiert?“ Sofort war er bei ihr, ging auf die Knie, legte seine Arme um sie und hielt sie fest. Sie konnte nicht reden. Behutsam zog er sie auf seinen Schoß, flüsterte ihr beruhigende Worte ins Ohr und wiegte sie wie ein Baby. „Sch“, machte er. „Es ist alles gut.“ Die Finger seiner linken Hand vergruben sich wie von selbst in ihrem Haar und begannen sanft und beruhigend über ihren Schopf zu streichen. Den anderen Arm hatte er um ihren Leib geschlungen. Sie hatte den Kopf in seiner Brust vergraben und schluchzte heftig, sodass ihr ganzer Körper unter seiner Umarmung bebte. Tränen, die nicht aufhören wollten, hinterließen nasse Flecken auf seinem T-Shirt. Er konzentrierte sich auf seinen Atem. Sog die Luft lange und tief ein und stieß sie ebenso langsam und bedächtig aus, in einem immer gleichen, ruhigen Rhythmus. Lange saßen sie so da, im dunklen Flur, stumm und still wie Staturen, bis Talis Atem sich irgendwann wie von selbst dem Seinen angepasst hatte und ihr Zittern schließlich abgeebbt war. „Ich liebe dich“, hauchte er und beugte sich vor. Seine Lippen berührten ihr Haar. Tali reagierte nicht. Sie war an ihm heruntergerutscht, hatte sich auf dem Boden zusammengerollt und ihren Kopf in seinen Schoß gebettet. Er betrachtete ihre Konturen, ein verletzliches schwarzes Häufchen.
Tali war nicht verletzlich, nicht schwach, weinte nie, verlor nicht die Kontrolle. Es erschreckte ihn, sie so zu sehen. Aber gleichzeitig war er auf seltsame, perfide Art und Weise froh. Er dachte daran, dass ihr Drang alles unter Kontrolle zu halten, sie davon abhielt sich fallenzulassen. Das erste Mal, seit er sie kannte,  war diese Distanz verflogen. Er war ihr noch nie so nah gewesen wie jetzt. Vielleicht – so dachte er – vielleicht wäre sie endlich in der Lage ihn zu lieben wie er sie liebte. Auch wenn sie ihm leid tat. Auch wenn er ein schlechtes Gewissen dabei hatte: Was immer es war, dass sie so aufgewühlt hatte, er war von ganzem Herzen dankbar dafür.
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