Nichts als die Wahrheit

von Caligula
OneshotFamilie / P12
30.11.2017
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*Nichts als die Wahrheit*

Die Welt war ein grausamer Ort. Jeden Tag berichteten die Medien von all den Gräueltaten zu denen Menschen nur imstande waren. Ein junger Mann, der sich vor einen Zug stürzte; eine Flugzeugentführung; das Attentat auf einen Politiker; dutzende Opfer bei einem Bombenanschlag; der Krieg im nahen Osten, der tausenden Unschuldigen die Heimat, wenn nicht gar das Leben kostete; ein vergewaltigtes und ermordetes Mädchen; Steuern hinterziehende Politiker; Messerstechereien zwischen Jugendlichen auf dem Schulhof; ein durch Alkohol am Steuer verursachter Autounfall mit Totalschaden. Jeden Tag geschahen diese Dinge und man selbst las morgens die Zeitung oder schaute abends im Fernsehen die Nachrichten und dachte sich: wie schrecklich, ohne dass man einen Gedanken daran verschwendete, dass man selbst zu den Unglücklichen gehören könnte, denen diese schrecklichen Dinge widerfuhren. Auch Tom hatte so gedacht. Wie jeder Durchschnittsbürger hatte er sich in einer völlig unbegründeten Sicherheit gewogen. Und nun saß er hier; geknebelt, die Hände gefesselt, die Augen mit einem Tuch verbunden, vollkommen orientierungslos in der Gewalt eines Menschen, dessen Motive und Absichten er nicht kannte. Zum ersten Mal hatte Tom Angst um sein Leben.
„Sitzt du auch bequem, Tom?“, fragte sein Entführer mit von Spott durchtränkter Freundlichkeit. Er war männlich, jünger als Tom, aber ihm nicht bekannt. Fieberhaft dachte er darüber nach wer einen Groll gegen ihn hegen könnte, doch die einzigen beiden Menschen  die ihm einfallen wollten, hätten nicht den Atem etwas Derartiges zu inszenieren. Und wozu auch? Sie mussten nichts tun, um ihm das Geld aus der Tasche zu ziehen und was konnten sie sich sonst von einer Entführung erhoffen? Oder wollten sie ihn am Ende nur leiden sehen? Er schüttelte diesen lächerlichen Gedanken ab.
Schließlich wurde ihm grob der Knebel aus dem Mund genommen. „Wer sind Sie?“, verlangte Tom sogleich mit unerschrockener, autoritärer Stimme zu wissen. So leicht würde ihn niemand klein kriegen!
„Ein Freund“, antwortete der Fremde gelassen.
„Nicht mein Freund.“
„Abwarten.“
„Und was bezwecken Sie damit? Wer hat Sie beauftragt?“
„Ganz ruhig, Tom... Du wirst schon noch früh genug erfahren was ich bezwecke und bald schon wird dir auch aufgehen, warum du mich beauftragt hast.“
„Ich soll-“, wollte Tom losplatzen, beherrschte sich aber im letzten Moment. Dieser Typ wollte ihn doch bloß provozieren! Gleichzeitig machte Tom die Befürchtung Angst, dass sein Entführer geistig nicht zurechnungsfähig war. Wessen Gnade war er hier bloß ausgeliefert?
„Na na, nicht aufregen, ja?“, bat der Entführer mit zuckersüßer Stimme und legte Tom einen Finger auf die verbissen zusammengekniffenen Lippen. Er widerstand dem Drang, zuzubeissen; es hätte diesen Mistkerl ja doch nur amüsiert, wie er verzweifelt und ohne jede Chance versuchte, die Kontrolle zu gewinnen. Er würde sich hier sicher nicht zur Witzfigur machen.
Die Schritte des Entführers entfernten sich und Panik machte sich in Tom breit. Was passierte jetzt? Wurde er zurückgelassen? Für wie lange? „Hey!“, brüllte er, erhielt jedoch keine Antwort. Stattdessen kehrte der Entführer kurze Zeit später zurück und dem Klang verschiedener Schritte nach zu urteilen, hatte er Gesellschaft mitgebracht. Ein Stuhl wurde gerückt und Tom konnte hören, wie eine weitere Person erstickte Laute von sich gab; vermutlich war sie ebenfalls geknebelt. Ein weiteres Opfer.
„Ist ja gut, jetzt kannst du dich ausheulen so viel du willst“, sagte der Entführer und befreite seine zweite Geisel von ihrem Knebel. Das Schluchzen der Frau ließ es Tom eiskalt den Rücken runterlaufen.
„Anna?!“, rief er fassungslos und ihr abruptes Verstummen ließ keinen Zweifel daran, dass er sich nicht verhört hatte. Er schämte sich, dass er schon im Begriff gewesen war, seiner Frau die Entführung anzuhängen, statt sich zu sorgen, dass ihr ebenfalls etwas zugestoßen sein könnte.
„Tom!“, schluchzte sie erleichtert. Es musste Jahre her sein, dass sie sich dermaßen über seine Anwesenheit gefreut hatte. „Tom! Wo sind wir hier? Hat er dir etwas getan? Bist du verletzt?“
„Beruhige dich, alles wird gut“, sprach Tom eindringlich auf seine aufgelöste Frau ein. Zwar wusste er nicht, wie er dieses Versprechen wahr machen sollte, aber als Mann und Familienoberhaupt war es wohl seine Aufgabe in Momenten wie diesen die Führung zu übernehmen und zumindest vorzugeben, die Kontrolle zu haben, um seine Familie zu schützen.
„Wo sind wir? Was ist denn bloß los?“, brabbelte sie schniefend weiter.
Ihr Entführer tat einen schweren Seufzer. „Ist das nicht offensichtlich, liebste Anna? Ihr seid entführt worden. Lasst eure Fantasie spielen - was könnte das hier schon für ein Ort sein? Kahler Raum, billige Stühle, nackte Glühbirne und keine Fenster, damit niemand eure Schreie hört.“
„Was haben Sie vor? Woher kennen Sie uns?“, ergriff Tom wieder das Wort.
„Ich? Überhaupt nichts hab ich vor“, wehrte der Entführer locker ab. „Ihr werdet das schön selbst machen. Und 'kennen' wäre nun wirklich zu viel gesagt, Tom. Dafür bin ich umso gespannter euch nun kennenzulernen.“
„Bitte... bitte töten Sie uns nicht“, flehte Anna unter Tränen und entlockte ihrem Entführer ein ungläubiges Lachen.
„Na, da ist die Fantasie jetzt aber ein bisschen mit dir durchgegangen, Annalein.“
„Und was erwarten Sie jetzt von uns?“, wollte Tom angriffslustig wissen.
„Na, zunächst einmal“, setzte der Entführer an, ging ein paar Schritte, näherte sich - und schlug unvermittelt zu. Vor Schreck hatte Tom aufgeschrien und seine Wange brannte, dort wo die flache Hand dieses Bastards ihn erwischt hatte.
„Tom!“, rief Anna entsetzt.
„Du bist wahrlich ein beschissener Ehemann, Tom, aber du bist ein noch weit beschissenerer Vater. Wie kann es sein, dass sich hier noch niemand nach unserem kleinen Felix erkundigt hat?“
Sein vorwurfsvoller Ton traf Tom noch härter als sein Schlag. Musste er sich wirklich von diesem Wichser Belehrungen anhören?
„Felix?“, fragte Anna ängstlich ins Leere, auf der Suche nach ihrem einzigen Sohn.
„Er ist hier, er hat aber offensichtlich keine Lust mit euch zu reden“, übernahm es ihr Entführer zu antworten. „Ich kann es ihm nicht mal verübeln.“
„Felix!“, rief Tom in herrischem Tonfall. „Sag gefälligst etwas, damit wir wissen, dass es dir gut geht, verdammt!“
„Wie gut soll es mir gehen mit verbundenen Augen und gefesselten Händen?“, kam es patzig von dem Teenager zurück.
„Bist du verletzt?“, wollte Anna wissen. Felix stieß bloß genervt den Atem aus.
„Niemand ist verletzt“, klärte der Entführer auf. „Jedenfalls nicht durch meine Hand...“
„Was soll das heißen, du Arschloch?!“, donnerte Tom, dem langsam aber sicher der Geduldsfaden riss. Dieser Typ mit seiner ruhigen Stimme und vagen Andeutungen ging ihm mächtig auf den Sack, außerdem musste er für seine Familie den Starken markieren. Warum waren sie alle drei entführt worden? Welchen Sinn hatte diese Entführung?
„Mäßige dich, Tom, sonst fängst du dir gleich noch eine.“
„Bitte... was wollen Sie von uns?“, schluchzte Anna.
„Ach, Anna...“ Wieder bewegte sich der Entführer im Raum und Tom war sich sicher, dass er zu seiner Frau gegangen war. Ihr gekeuchtes 'Nein' ließ ihn rot sehen.
„Fass sie gefälligst nicht, du verfluchter Bastard!“, brüllte er ungehalten und kämpfte instinktiv und doch vergebens gegen seine Fesseln an.
„Oh bitte, deinen Sohn fasse ich viel intimer an und das stört dich überhaupt nicht“, wagte dieser Hurensohn patzig zu erwidern. Seine Offenbarung ließ Toms Herz einen Schlag aussetzen. Doch ehe er seinem Zorn weiter Luft machen konnte, fuhr der Entführer selbstgefällig fort: „Du fasst regelmäßig deine Sekretärin an und Anna darf sich auch nicht darüber beschweren. Und Anna fasst diesen Kellner an und du hast es nicht mal geahnt.“
Tom hatte ihn anbrüllen und seine Affäre mit Anette bestreiten wollen, doch wieder verschlug ihm dieser Wichser die Sprache. Wenn er von Anette wusste, war seine Behauptung bezüglich Anna dann auch wahr? Ging sie ihm fremd? Und von was für einen Kellner sprach er überhaupt? „Ah... dieses schuldbewusste Schweigen, diese angenehme Stille“, seufzte der Entführer zufrieden. „Aber bitte, sprecht euch aus. Ihr wisst, dass ihr Redebedarf habt.“
Was glaubte dieser Typ, dass sie jetzt ihre familiären Probleme vor ihm ausdiskutierten? Als ob sie keine anderen Sorgen hätten! Und doch, obwohl sein größte Sorge sein sollte, wie er seine Familie heil hier raus bekam, nagte der Gedanke an ihm, dass seine Frau ihn betrog. Nie hatte er diese Möglichkeit ernsthaft in Betracht gezogen; er hatte sie immer für zu feige gehalten.
„Warum genau lasst ihr euch eigentlich nicht scheiden?“, durchbrach Felix plötzlich die Stille in trotzigem Tonfall.
„Das ist nun wirklich nicht der richtige Zeitpunkt, um-“, setzte Tom schon an, wurde aber von seinem Sohn unterbrochen: „Es ist ja nie der richtige Zeitpunkt. Ist das euer Problem?“
„Pass auf wie du mit mir redest, Freundchen!“, drohte Tom in die Richtung, aus der er Felix' Stimme vernahm.
Der stieß ein humorloses Lachen aus. „Oder was, Tom?“
„Werd bloß nicht frech, Junge!“
„Hört auf“, flehte Anna kraftlos. „Wie könnt ihr in so einer Situation noch streiten?“
„Ach was, ist doch ganz nett, dass er mal gezwungen ist mit uns zu reden“, gab Felix amüsiert zurück.
„Was soll das heißen? Ich bin derjenige, mit dem man nicht reden kann? Ganz schön freche Behauptung von jemandem, der sich kaum zuhause blicken lässt und sich wenn schon in seinem Zimmer verkriecht!“, erboste sich Tom. Er mochte kein Mustervater sein, aber er musste sich noch längst nicht alles von diesem verzogenen Rotzlöffel gefallen lassen.
„Oh, aber sicher kann man mit dir reden, Tom“, machte Felix ein überraschendes Zugeständnis. Doch seine vor Sarkasmus triefende Stimme ließ bereits erahnen, dass er seine Worte nicht ernst meinte. „Nur dass du halt lieber die Fäuste sprechen lässt.“
„Ich hab dich nie geschlagen!“, wetterte Tom entrüstet. Gut, es war gelogen. Hin und wieder hatte er die Geduld verloren, aber welchem Vater passierte das bitte nicht? Er war jedenfalls weit davon entfernt, sein Kind zu misshandeln.
„Ja sicher, und vor allem hast du Anna nie geschlagen.“
Tom stockte. Fernab der heimischen vier Wände fühlte er sich plötzlich schuldig. Es war eine Alltäglichkeit in ihrem Haus, über die niemals gesprochen wurde, weil sie genau wussten, dass es eigentlich nicht in Ordnung war. „Red nicht von Dingen, von denen du keine Ahnung hast.“
„Glaub mal, ich hab genug Ahnung. Was denkst du denn, warum ich so selten zuhause bin? Vielleicht weil ich nicht hören will, wie du rumbrüllst und alles und jedem die Schuld dafür gibst, dass du dich scheiße fühlst. Vielleicht weil ich nicht sehen will, wie Anna, grün und blau geprügelt, auf eurem sogenannten Ehebett sitzt und sich die Augen aus dem Kopf heult.“
Tom wollte ihn einmal mehr zur Ruhe ermahnen, als ihn Annas neuerliches Schluchzen innehalten ließ. Wenn er so darüber nachdachte, sah er sie nie weinen. Seit Jahren trat sie ihm betrunken und betäubt gegenüber, versuchte keine Schwäche zu zeigen, wenngleich Tom ganz genau wusste, was er ihr mit seiner Art, seiner Behandlung und seiner Affäre zumutete. Schleichend wurde sein Schuldgefühl jedoch von Wut verdrängt, als ihm wieder in den Sinn kam, dass er freilich nicht der Einzige war, der ihr Familienleben mit Füßen trat.
„Ich wollte nicht, dass du das alles mitkriegst, Felix...“, schluchzte Anna. „Ich hab immer versucht...“
„Oh bitte“, seufzte Felix resigniert. „Dass bei euch schon lange nichts mehr rund läuft, ist doch wohl echt nicht zu übersehen. Es wäre mir auch egal, wenn es dich nicht so kaputt machen würde.“
„Mein Kleiner...“
„Du kleiner Feigling brauchst gar nicht so zu tun, als würdest du überhaupt keine Schuld tragen!“, wurde sie barsch von Tom unterbrochen. „Glaubst du, deine ständigen Eskapaden zehren nicht an unseren Nerven?“
„Ich bin in einem schwierigen Alter“, rechtfertigte sich Felix patzig.
„In deinem Alter hab ich...“
„Erspar es mir! Keinen interessiert wie es damals im ersten Weltkrieg war! Die Zeiten haben sich geändert, okay? Deal with it!“
„Pass auf was du sagst!“
„Bitte!“ Annas schriller Schrei brachte Vater und Sohn zum Verstummen. „Müsst ihr denn immer schreien und brüllen?“, fragte sie erschöpft. Es war eine rhetorische Frage. „Wir sind eine Familie, verdammt... Warum können wir uns nicht einfach vertragen?“
„Das ist eine ausgesprochen gute Frage“, mischte sich ihr Entführer mit amüsierter Stimme nach einer halben Ewigkeit wieder ein. Tom hatte kurzzeitig vergessen, dass er da war und sie festhielt. Er schritt an Tom vorbei in die Mitte des Kreises; zumindest stellte er sich vor, dass sie in einem verfluchten Sitzkreis saßen, wie in einer schlechten Selbsthilfegruppe.
„Macht dir das Spaß, du Bastard?!“, spie Tom giftig.
Der Entführer schnaubte. „Nein? Es ist wirklich nicht lustig, sondern im höchsten Maße traurig euch zu beobachten. Weißt du, Tom, ich dachte wirklich ich hätte eine furchtbare Kindheit, aber was ihr eurem Kind bietet, übertrifft wirklich alles. Ihr seid die schrecklichste Familie, die ich je gesehen habe. Aber ich glaube, das wisst ihr. Die Frage ist nur, ob es da noch Hoffnung gibt oder nicht.“
„Wie soll ich das verstehen?“
„Ihr Trottel habt jetzt die einmalige Gelegenheit euch gegenseitig alles an den Kopf zu werfen, das ihr schon seit Jahren unausgesprochen mit euch herum schleppt. Einmal im Leben hören, was die anderen von dir denken. Einmal hören, was sie an dir schätzen und an dir mögen. Einmal hören, was sie an dir stört und was sie an dir nicht mögen. Einmal im Leben sollt ihr ehrlich zueinander sein“, schloss dieser überhebliche Kerl hörbar mit einem Grinsen auf den Lippen.
„Das soll doch wohl ein schlechter Scherz sein!“
„Bist du schwer von Begriff, Tom? Ich habe doch gesagt, dass das hier alles andere als lustig ist. Und jetzt will ich keine Widerworte mehr hören. Darf ich euch höflich daran erinnern, dass ihr meine Gefangenen seid und euer Leben in meiner Hand liegt?“ Neben seinen knirschenden Schritten war nun noch ein metallisches Klicken zu hören, das Tom das Blut in den Adern gefrieren ließ. Er wagte kaum danach zu fragen, auch um seine Familie nicht weiter zu beunruhigen, doch seine Blindheit machte ihn panisch.
„Ist das... eine Waffe?“ Er schluckte, denn er war sich sicher, er kannte die Antwort.
Ihr Entführer kicherte. „Oh, doch nicht so begriffsstutzig, was? Dann schätze ich, werdet ihr jetzt kooperieren? Kommt schon, es ist gar nicht so schwer. Ladies first, Anna fängt an.“
Als Anna zögerte, fuhr Tom sie an: „Tu was er sagt, Anna!“
„Was... genau... soll ich denn...?“ Ihre Stimme zitterte vor Angst.
„Sag es ihnen einfach, Anna“, wurde sie vom Entführer ermutigt.
„Was soll ich ihm sagen?“ Sie war einmal mehr den Tränen nahe.
„Einfach alles. Hauptsache du bist ehrlich.“
„Ich, also...“
„Bist du glücklich?“, half er ihr auf die Sprünge und die Art und Weise wie dieser Fremde mit seiner Frau redete, machte Tom krank.
Anna zögerte. Schließlich seufzte sie. „Nein...“
„Warum nicht. Sag es deiner Familie.“
„Ich... wir sind eine Familie, aber wir leben alle komplett aneinander vorbei. Und das Schlimmste ist, dass ich inzwischen froh darüber bin. Denn wenn wir... wenn jeder mit sich selbst beschäftigt ist, können wir uns nicht gegenseitig wehtun. Jeden Abend hoffe ich, dass du erst nachhause kommst wenn ich bereits im Bett liege, nur um dir aus dem Weg zu gehen. Dabei weiß ich, dass du... dass du, wenn du erst spät nachhause kommst, vermutlich mit dieser Anette zusammen bist...“
„Du hast es gewusst?“, fragte Tom reumütig.
„Ich habe es zunächst nur vermutet. Aber dann hat Paul meinen Verdacht bestätigt.“
„Paul?“ Wut durchflutete Toms Adern. „Was hast du mit Paul zu schaffen?“
„Paul hat uns immer unterstützt. Er war für mich da, wenn ich jemanden brauchte.“
„Hat er dich gevögelt?“
„Tom, bitte... Muss das vor dem Jungen sein?“, flehte sie.
„Keine falsche Scheu, Anna“, mischte sich besagter Junge mit ruhiger Stimme ein. „Und ja, hat er.“
„Du und Paul?!“, fuhr Tom ungehalten aus der Haut.
„Es ist nicht mehr so zwischen uns!“, versicherte Anna. „Es war ein Fehler, ich wollte diese körperliche Beziehung nicht, bitte glaub mir, Tom! Ich habe keine Gefühle für ihn!“
„Und was ist mit diesem Kellner, von dem vorhin gesprochen wurde?“
„Er heißt Oliver...“, gab Anna zerknirscht zu. Sie hatte ein schlechtes Gewissen und augenblicklich wusste Tom, dass es mit dem Kellner anders war als mit seinem Chef.
„Hast du für den Gefühle?“, hakte er gezwungen ruhig nach.
Anna holte tief Luft, sammelte ihre Kräfte. „Oliver ist ein guter Kerl. Er ist noch so jung und voller Energie. Sieht immer das Positive. Und es tut mir gut, mit ihm zusammen zu sein. Er gibt mir das Gefühl...“
„Was?“
„Er gibt mir das Gefühl, liebenswert und begehrenswert zu sein... Etwas, das ich bei dir nicht mehr finde...“
Tom schnaubte. „Und glaubst du, du wärst die perfekte Ehefrau? Wann hattest du denn das letzte Mal ein nettes Wort oder eine Umarmung für mich übrig? Wie soll ich denn mit dir umgehen, wenn du dich jeden Tag bis zur Besinnungslosigkeit besäufst?“
„Und wer soll deine Launen nüchtern ertragen?!“
„Meine Launen?!“
„Ja, ganz genau! Du lebst nur noch für deinen Job! Außerhalb deines Büros ist mit dir doch überhaupt nichts anzufangen! Du meckerst und zeterst über alles und jeden, man kann es dir nicht recht machen! Du schreist uns an und schlägst uns! Wie kannst du dich nur deinem einzigen Kind gegenüber so verhalten, Tom?“, schluchzte sie. „Und Felix macht es dir nach. Er prügelt sich in der Schule.“
„Schieb seine Eskapaden nicht auf mich! Der Junge genießt keine Erziehung, weil du ständig zu besoffen bist oder dich mit irgendwelchen Liebhabern triffst!“, protestierte Tom.
„Ich bin keine Schlampe, Tom! Ich habe mich nur nach Nähe und Zuneigung gesehnt!“
„Und mit dieser Sehnsucht bist du nicht zu deinem verdammten Ehemann gekommen?!“
„Du gehst mir doch aus dem Weg!“
„Deine Sauferei ist auch nicht mehr als mir aus dem Weg zu gehen!“
Der Entführer machte ein zustimmendes Geräusch, als wolle er zu verstehen geben, dass er verstand. „Tom ist ein Schläger, Anna ein Säufer, ihr betrügt euch gegenseitig und Felix schneidet sich nur die besten Scheiben von euch ab. Wie könnt ihr bloß mit euch selbst leben?“, fragte er amüsiert. „Habt ihr überhaupt noch irgendetwas Nettes füreinander übrig?“
Lange Zeit war es still. Es war fast schon beschämend, dass offensichtlich niemand etwas zu sagen hatte. Tom versuchte sich an die Anfangszeit zu erinnern. Sie waren nicht dazu gezwungen worden, eine Familie zu sein; sie hatten sich dafür entschieden. Es hatte eine Zeit gegeben, als Tom und Anna sich aufrichtig geliebt hatten. So sehr, dass sie sich entschlossen hatten, gemeinsam ein Kind aufzuziehen. Was war damals anders gewesen? Tom war noch ein völlig unbekannter Redakteur gewesen. Hatte weniger verdient, dafür deutlich mehr Zeit zuhause verbracht. Mit seiner Frau. Die in seiner Abwesenheit keinen Alkohol angerührt hatte. Sie hatten miteinander geredet. Hatten sich füreinander interessiert.
„Wann ist bloß alles so schiefgelaufen...?“, sprach Anna traurig seine eigenen Gedanken aus als hätte sie diese gelesen.
„Das spielt jetzt keine Rolle mehr“, meinte ihr Entführer und klatschte voller Tatendrang einmal in die Hände. „Viel wichtiger ist doch die Frage, ob ihr zufrieden mit diesen Missständen seid? Oder ob ihr endlich den Arsch hoch kriegen und etwas daran ändern wollt?“
„Warum sollte Sie das interessieren?“, knurrte Tom erschöpft.
Ihr Entführer schnaubte. „Ich wüsste nur gerne, ob ihr irgendwas aus unserem kleinen Intermezzo hier mitnehmt.“
„Mitnehmen?“, wiederholte Tom verblüfft und hörte auch Anna kurz aufkeuchen. „Heißt das, Sie haben vor uns gehen zu lassen...?“
„Was soll ich denn mit euch anfangen? Ich denke doch, euch ist bewusst geworden, dass ihr keine angenehme Gesellschaft seid.“
„Aber... einfach so...?“
„Ich habe alles was ich wollte. Macht was draus.“
Gab dieser gestörte Freak gerade wirklich zu, dass er diese Entführung einzig und allein inszeniert hatte, um ihn und seine Familie zu dieser Aussprache zu zwingen? Weshalb sollte er das tun? Welches Interesse verfolgte er wirklich?
„Wer sind Sie?“, wiederholte Tom skeptisch die alles entscheidende Frage.
Der Entführer schmunzelte. „Ich bin V.“
Geschockt riss Tom die Augen auf. Konnte das sein? Was wollte V ausgerechnet von seiner Familie? Doch ehe er sich weiter Gedanken darüber machen konnte und ehe er diese Gedanken und Fragen, die ihm durch den Kopf schossen, aussprechen konnte, traf ihn etwas Hartes am Kopf.
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