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Schwarze Liebe

von Liaya
GeschichteMystery / P18 / Gen
29.11.2017
08.05.2018
34
122.437
6
Alle Kapitel
59 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
11.12.2017 5.056
 
Guten Abend, ihr Lieben!  :-)
Wie versprochen, folgt hier der weitere Verlauf der Story.
Ich kann euch sagen, dieses Kapitel zu verfassen ist mir damals äußerst schwer gefallen. Ich hab getippt, gelöscht, wieder getippt .... bis es so geworden war, dass es einigermaßen nachvollziehbar wurde. Hoffe, ihr könnt es nachvollziehen. Die Handlungen der beiden, meine ich.
Hier geht es nun um Chiakis Geschichte. Wie und Warum er zu Sindbad wurde.
Viel Spass beim Lesen und vielen vielen Dank an alle, die diese Story verfolgen :)

Glg
Liaya

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Kapitel 12- Schwere Stunden

Sie saß auf seiner Couch und beobachtete ihn, während er den Tisch deckte. Unfähig sich zu bewegen und unfähig etwas zu sagen. Sie war seit einer halben Stunde wach, hatte die Nacht auf seiner geräumigen Polstermöbel verbracht und jetzt wusste sie nicht, was weiterhin passieren sollte. Deshalb hockte sie nun seit ihrem Aufwachen ihre angewinkelten Beine eng umschlungen einfach nur da und beobachtete ihn stumm.
Ihr Gesichtsausdruck war blass, versteinert und emotionslos.
Chiaki unternahm einen Versuch, sie freundlich zu begrüßen nachdem sie aufgestanden war, scheiterte aber kläglich.
Sie redete nicht. Und hatte das ihrem Gesichtsausdruck nach auch nicht vor in absehbarer Zeit.
Deshalb beschloss er, sie noch etwas in Ruhe zu lassen. Zumindest solange er noch mit dem Frühstückmachen beschäftigt war.
Als er gerade dabei war, den vollen geflochtenen Korb mit Brötchen und Croissants auf dem Tisch abzustellen, bemerkte er aus den Augenwinkeln, dass Marron ein Päckchen Zigaretten auf seinem Couchtisch neugierig fixierte.
Sie schien zu zögern, ob sie danach greifen sollte oder nicht.
Er ließ den Blick nicht von ihr ab und wartete ab, was sie tun würde.
Und dann wanderte ihre zittrige Hand zum Päckchen. Sie machte sie auf und war gerade dabei, eine herauszuziehen.
Er seufzte.
"Das würde ich an deiner Stelle lassen. Das ist keine gute Idee, glaub mir", sagte er ernst und fixierte sie.
"Woher willst du schon wissen, was gut und was nicht gut für mich ist?" Ihr Ton war passiv, sie würdigte ihn keines Blickes.
Er setzte sich neben sie, hielt aber eine Distanz ein, um ihr nicht zu nahe zu treten. Er wusste, dass er jetzt bei ihrem derzeitigen Zustand äußerst vorsichtig sein musste.
Mit ihr musste gesprochen werden aber sehr behutsam. Die Situation war sehr angespannt, er fühlte sich, als ob er auf einer Flamme saß. Eine Flamme, die momentan noch leicht brannte. Würde er ein falsches Wort oder eine falsche Tonart wählen, würde er damit Benzin ins Feuer gießen und die Flamme auf Hochtouren entzünden und das durfte er nicht. Sein Vorgehen verlangte Fingerspitzengefühl von ihm.
"Marron, ich meine es wirklich ernst. Rauchen ist keine Lösung. Das..."
"Ach ja? Du tust es aber anscheinend. Dir hilft es doch oder?"
Sie schluckte und schaute voller Bitterkeit auf das gefüllte Päckchen.
Chiaki nahm es ihr vorsichtig aus der Hand und legte es wieder auf seinen Platz zurück.
"Nein, ich rauche nicht. Um ehrlich zu sein, liegt es schon seit geraumer Zeit hier. Du kannst gerne nachzählen, wenn du willst, sie sind alle vollzählig"
Sie hob ihren Kopf an und blickte Chiaki leer an. "Wieso hast du sie denn sonst hier?"
"Weil... um daran erinnert zu werden, dass es das Letzte sein wird, was ich in meinem Leben tun werde. Wenn es irgendwann mal so weit sein sollte, dass ich nach einem Glimmstängel greifen sollte, dann werde ich wissen, dass es endgültig vorbei ist mit mir. Sie liegen nur zur Abschreckung hier. Ich hab nicht vor, jemals in meinem Leben zu rauchen".
Sie nickte melancholisch, atmete lange aus und schüttelte ihren Kopf. "Chiaki, was mach ich hier eigentlich? Ich meine, ich sollte wirklich nach Hause gehen. Warum sitz ich hier bei dir?"
"Weil du gestern einen Schock erlitten hast. Und weil du momentan viele Fragen hast, auf die du dir keinen Reim zusammenbasteln kannst. Deshalb bist du hier. Und ich glaube, es ist besser, wenn du erstmal frühstückst. Das kurbelt den Kreislauf an und gibt dir Energie, dich von deinem Schock zu erholen. Dir fehlt es momentan an Kraft, also solltest du besser etwas essen", nickte er ihr mit einem Lächeln zu.
"Ich hab kein Appetit"
"Das ist mir klar. Dann muss ich dich eben zum Essen zwingen. Du musst! Dein Körper braucht Kraft!" Damit stand er vom Sofa auf, nahm ihre Hand und zog sie hoch.
"Hey! Was soll das?", fauchte sie ihn an.
"Du wirst essen. Wenn es sein muss, werde ich dich füttern. Glaub mir, wenn ich will, kann ich ganz schön hartnäckig sein. Und ich rate dir lieber nicht, mich dazu zu treiben. Ich lass nicht locker", grinste er und tippte ihr mit seinem Zeigefinger auf ihre Nasenspitze, um sie etwas aufzuheitern. Wider Erwarten zeigten seine Worte tatsächlich Wirkung.
"Schon gut, ich werde Nahrung zu mir nehmen, wenns denn sein muss. Als ob du denkst, dass ich mich von dir füttern lasse! Ich bin doch kein kleines Kind!", zischte sie und ging auf den Tisch zu, um Platz zu nehmen.
"Na also, geht doch", lächelte er und nahm ihr gegenüber Platz. Nach anfänglichem Zögern begann sie sich ein Croissant mit Marmelade zu bestreichen und schob es anschließend in den Mund.
Sie kaute an dem Stück und schluckte es hinunter. Ohne jeglichen Appetit. Und genauso tat sie es mit dem Rest des Kaffeestückchens.
Das Frühstück verlief ansonsten sehr schweigsam.
Irgendwann räumte er den Tisch ab; sie sah ihm still dabei zu und hatte das Gefühl, dass sie in einem Traum war. Alles lief an ihr vorbei. Wie im Film. Sie wollte ja endlich aufwachen aus ihrem Tiefschlaf -aus dem Koma, aber sie fühlte sich schlapp, kraftlos.
Chiaki war es zu viel geworden. Er schaute sie an, wandte den Blick wieder von ihr ab und tat es wieder.
Dann verließ er irgendwann das Wohnzimmer, öffnete die Balkontür und verschwand für einige Minuten nach draußen.
Er musste sich kurz fassen, brauchte eine Nachdenkpause. Und musste einfach mal durchatmen.
Als er wieder hereinkam, ging er sprachlos an der Brünetten, die stumm mittlerweile wieder auf dem Sofa saß, vorbei und steuerte sein Schlafzimmer an.
Nach wenigen Minuten erschien er wieder.
"Okay. Ich ertrag das eiserne Schweigen nicht mehr länger. Es reicht. Das muss aufhören. Komm, steh auf, zieh das an". Er warf ihr eine schwarze Winterleggings, ein weißes Shirt und eine schwarze Lederjacke mit Innenfutter auf den Platz neben ihr hin. "Wir müssen reden. Aber nicht hier", sagte er ernst und schaute sie eindringlich an.
Die Angesprochene riss ihre Augen auf und betrachtete perplex die Kleidung. "Wo willst du denn hin? Und warum soll ich bitte das hier anziehen? Das..." Sie hob mit einem angewiedertem Blick die Lederjacke hoch und musterte diese.  "Das ist nicht mein Stil. Ich trage keine Lederkleidung. Und woher hast du Damenklamotten überhaupt?"
"Keine Sorge, die sind neu. Ich finde schwarz ziemlich sexy. Und ich denke, dass die Kleidung dir ausgezeichnet stehen wird. Außerdem wird schwarz dich in Zukunft begleiten. Jeanne trägt schwarz weiß. Du kannst dich nicht dagegen wehren. Schließlich hat Jeanne sich ihre Farbe bereits gewählt" Er zwinkerte ihr zu.
"Komm zieh dich um, bitte. Wir fahren an einen Ort, wo die Geschichte Sindbads begonnen hat. Dort werde ich dir alles erzählen"
Sie schluckte. In ihr wehrte sich alles, diese Garderobe anzuziehen.
Aber sie war momentan nicht Herr über sich selbst. Sie wusste nicht, was sie tun sollte. Wusste nicht, was richtig und was falsch war. Und sie wusste nicht, wem sie vertrauen konnte. Konnte sie ihm trauen? Konnte sie sich selbst trauen? Die Welt war nicht mehr dieselbe.
Sie atmete durch, blickte in seine Augen - verdammt! Er war ein Lügner aber diese Augen, seine Augen strahlten immer noch Wärme aus. Sie wollte ihm ja trauen, wollte ihm folgen aber....
Sie ballte ihre Fäuste, schloss hoffend ihre Augen und versuchte auf ihr Bauchgefühl zu hören.
Dann öffnete sie sie wieder und nickte ihm zu. "Also gut. Ich geh mich umziehen. Es fällt mir zwar ziemlich schwer aber ich werde dir folgen. Lass uns reden. Ich bin bereit, dir zuzuhören"
Er nickte und wartete geduldig in der Diele auf sie.

Die Fahrt führte sie weit hinter Tokio hinaus. Unruhig starrte Marron aus dem Fenster des Wagens. Draußen lag Schnee. Sie liebte Schnee. Wäre sie in einer anderen Situation gewesen, würde sie die Märchenlandschaft um sie herum genießen. Die verschneiten Straßen, die weißen Bäume....
Schnee hatte etwas Magisches an sich. Doch angesichts der Umstände war sie zu mehr als nur beobachten nicht fähig gewesen.
Nach fast einer Stunde Fahrt hielt Chiaki an einem Berg an und parkte den Wagen.
Er drehte den Autoschlüssel und stellte den Motor ab. "Wir sind da", bemerkte er und stieg aus. Sie tat es ebenfalls und blickte sich in der Gegend um.
Links war eine Brücke, die aller Wahrscheinlichkeit nach hinauf zum Berg führte. Rechts war nur die Waldstraße. Wohin sie führte, wusste sie nicht. Noch nie in ihrem Leben war sie außerhalb Tokios gewesen.
"Na komm, wir müssen hier lang", weckte Chiaki sie aus ihren Gedanken auf und deutete mit einer Kopfbewegung Richtung Brücke.
Etwas hilflos nickte sie.
Da stand sie - mitten im Nirgendwo und war kurz davor die Wahrheit über denjenigen, in den sie sich heimlich verliebt hatte - sie gestand es sich mittlerweile ein- zu erfahren. Wollte sie das alles überhaupt?
Unwillkürlich schüttelte sie den Kopf. Ja, sie wollte es. Aus diesem Grund waren sie schließlich hier. Sie war schon zu weit gegangen, um Kehrt zu machen. Also musste sie jetzt die Wahrheit wissen. Sie hoffte es zumindest, dass er ihr diese erzählen würde.
Sie hörte, wie der Schnee unter ihren Füßen knirschte, als sie die Brücke passierten und anschließend die Treppen hinaufstiegen. Die Brünette kam nicht umhin, sich einzugestehen, dass sie die Stille um sich herum und das Knirschen des Schnees genoss. Wenigstens das kleine Etwas bereitete ihr Freude.
Als sie oben ankamen, erhaschte Marrons Blick eine Hütte. Sie stand einsam und von aller Menschenseele verlassen da und doch wirkte sie einladend auf sie. Schon von draußen sah man ihr an, dass es innen gemütlich sein musste.
Chiaki führte sie zur Tür und zog einen Schlüssel hervor, mit dem er den Eingang freimachte.
Verwundert zog Marron ihre Augenbrauen hoch. "Du hast einen Schlüssel für diese Hütte?"
Er lächelte. "Ja, sie gehört mir. Ich hab sie von einem Immobilienhändler abgekauft. Das war vor etwa zwei Jahren gewesen. Hin und wieder wenn ich meine Ruhe brauche, ziehe ich mich hierhin zurück"
"Oha, das muss doch sehr teuer gewesen sein", stellte sie erstaunt fest.
"Nicht der Rede wert. Ich hatte das Geld damals und wusste sowieso nicht, wohin ich es investieren sollte. Also dachte ich nicht lange nach und kaufte das Häuschen, nachdem ich es in einer Internetanzeige fand"
Damit riss er das Thema ab und bat sie, hereinzutreten.
Sie staunte nicht schlecht. Das Haus war innen tatsächlich so, wie sie es irgendwann mal im Internet auf Bildern gesehen hatte. Sein äußerst geräumiger Innenraum beinhaltete einen großen, ovalen Eßtisch aus Holz, ein riesiges Bett, auf welchem Platz für mindestens drei Personen war, wenn nicht mehr. Dazu gab es einen Kamin aus einer Steinmauer rundherum, Sitzbänke und Fellteppiche auf dem Boden. Ihr blieb die Sprache weg. Hier herrschte wirklich eine Traumatmosphäre. Sie musste ihm in der Tat Recht geben. Hier konnte man vom Rest der Welt abschalten.
"Du bist die Erste, die ich hierhergeführt habe. Nicht einmal mein Vater weiß etwas von diesem Ort", gestand er ihr.
Sie öffnete den Mund, wollte etwas sagen, spürte aber gleich, dass ihr immernoch die Worte fehlten.
"Machs dir gemütlich. Ich gehe Holz für den Kamin holen. Bin gleich wieder da". Damit ließ er sie kurz in diesem großen Raum allein.
Etwas unsicher blieb sie kurz auf der Stelle stehen, ließ ihren Blick im Raum schweifen und erspähte einen Schaukelstuhl mit Lammfell. Da ihr dieser Platz in der Ecke gemütlich erschien, beschloss sie, sich dort niederzulassen.
Noch immer spürte sie eine Anspannung in ihrem Inneren. Sie konnte sich nicht beruhigen. Als sie die Augen schloss, flimmerten plötzlich Bilder vor auf ihr. Zuerst sah sie Yamato, der sie betäubt und entführt hatte, dann Chiaki, der sich vor ihren Augen in Sindbad verwandelt hatte und als Letztes sich selbst als Jeanne. Ihr Körper begann unkontrolliert zu zittern. Eine Eiseskälte lief ihr den Rücken herunter. Ihr war schlecht. Schlagartig erhob sie sich von ihrem Platz, griff sich an den Hals, führte ihre Hand weiter abwärts, bis sie ihr Kreuz ertastete. Sie nahm die Kette ab und legte sie in ihre offene Hand.
Ängstlich starrte sie das Accessoir an. Ihr Atem stockte. Bilder ihrer eigenen Verwandlung kamen in ihr hoch.
Und Schreie. Yamatos Gebrüll, Chiakis laute Rufe, die vergeblich versuchten, sie aus ihrer Starre letzte Nacht zu befreien und seine Anweisungen, sich in Jeanne zu verwandeln.
Diese Stimmen...Yamatos und Chiakis Stimmen klangen zur gleichen Zeit in ihren Ohren. Wild durcheinander hallten sie und wurden immer lauter.
Sie hatte das Gefühl, verrückt zu werden und presste sich die Hände auf die Ohren.
Marron öffnete den Mund, wollte schreien, erblickte aber in jenem Moment Chiaki, der mit einer Ladung Holz in seinen Armen hereinkam.
Er brauchte nicht lange, um festzustellen, dass die Brünette kurz vor einem Nervenzusammenbruch stand.
Schnell legte er den Brennstoff neben dem Kamin ab und ging auf sie zu.
"Marron, ist alles okay?"
Chiaki schloss sie in seine Arme und hielt sie fest.
Sie drückte ihre Stirn gegen sein Schlüsselbein. "Ich... ich weiß nicht. Chiaki, ich hab das Gefühl, dass ich langsam wirklich verrückt werde".
Er spürte ihr Zittern und strich ihr beruhigend über den Rücken.
"Tsch..."
Und dann kamen sie. Liefen unkontrolliert über ihre Wangen. Sie wollte nicht weinen. Nicht vor ihm. Aber sie konnte es nicht aufhalten. Alles in ihr zog sich zusammen und sammelte sich zu einer heftigen Welle, die zu stoppen unmöglich war.
Sie wollte schlucken, ließ aber stattdessen ein lautes Schluchzen raus und vergrub beschämt ihr rosa gewordenes Gesicht in seiner Jacke.
Ihre Hände krallten sich in seinen Rücken fest.
Immer wieder strich er ihr über den Hinterkopf.
"Chiaki.... es .... es tut mir leid, dass ich..."
Er schüttelte den Kopf und hielt sie noch fester in seinen Armen.
"Nicht doch. Es ist alles gut! Lass es raus. Unterdrück es nicht. Wein dich aus, diese Emotionen müssen raus gelassen werden. Du hast in der Tat viel zu viel durchgemacht in den letzten Tagen".
Marron nickte, schniefte und ließ sich ein Taschentuch von ihm geben.
Langsam, nach einer Weile beruhigte sie sich wieder, putzte ihre Nase und atmete sehr tief durch.
Als sie sich mehr oder weniger wieder im Griff hatte, ließ der Blauhaarige sanft von ihr ab und sorgte für Wärme in diesem eiskalten Raum. Behutsam stapelte er das Holz im Kamin, legte einige Stücke Grillanzünder in die Zwischenräume und entfachte ein Brennen.
Dann griff er sich zwei Fellteppiche und schob sie vor den Kamin.
"Komm, setz dich. Gleich wird es richtig gemütlich hier", forderte er sie freundlich auf.
Sie nickte und gesellte sich zu ihm. Einige Minute herrschte Stille. Nur das Knacksen und Knistern des Holzes war zu hören.
Chiaki schien in Gedanken versunken zu sein, beobachtete abwesend das Feuer und räusperte sich nach einer Weile.
Vollkommen für sie unerwartet begann er in einem ruhigen Ton schließlich zu erzählen.
"Ich erinnere mich an diesen Tag, als ob es gestern gewesen wäre".
Sie blinzelte, hob ihren Kopf und sah ihm von der Seite in die Augen.
Er starrte die Flammen an und setzte seine Erzählung fort.
"Ich war achtzehn Jahre alt, genau wie du jetzt. Hatte frisch die Schule beendet und einen Studiumplatz bekommen. Noch dazu war eine Wertpapieranlage, die mein Vater für mich getätigt hatte, als ich noch ein Kind war, fällig geworden. Die Summe war enorm. Ich lebe immer noch von ihr und es reicht noch für mindestens fünf, sechs Jahre. Aber das ist nicht relevant für dich. Darum geht es nicht. Ich fühlte mich damals so richtig gut. Hatte Geld, einen Studienplatz, ein großes Apartment für mich allein - na ja, fast für mich allein, und hab das Leben so richtig genossen. Ich fühlte mich gut, unglaublich gut. Das Leben war geil, um es auf den Punkt zu treffen. Ich konnte tun, was ich wollte. Schon damals schmiedete ich Pläne, die perfekte Frau für mich zu finden, mit ihr irgendwann eine Familie zu gründen und glücklich zu leben"
Marron riss ihre Augen auf und kicherte.
"Wieso lachst du? Hab ich was falsches gesagt?",wunderte er sich leicht grinsend.
"Na ja, um ehrlich zu sein, irgendwie passt das nicht zu dir. Ich meine eine Familie gründen und so", gestand sie immer noch lächelnd.
"Was? Wieso denn?"
"Na weil...weil du auf mich ganz anders wirkst. Ich halte dich für einen Playboy. Meiner Meinung nach bist du einer, der Frauen anmacht und sie ins Bett mitnimmt"
Er grinste und ließ einen lauten Pfeifer los. "So denkst du also über mich. Interessant"
Beschämt drehte sie ihren Kopf von ihm weg und spielte nervös mit einem Teppichfusel.
"Na es ist doch so oder?"murmelte sie.
"So war ich aber nicht immer". Seine Stimme wurde wieder ernst.
"Damals hatte ich nicht an Sex gedacht. Ich hatte wie gesagt andere Pläne im Kopf. Bis...."
Er seufzte, haderte mich sich selbst.
Sie schaute ihn wieder an. "Bis?"
Sein Kopf war zwar Richtung Flammen gedreht aber sein Blick ging ins Leere.
Es tat immer noch weh, sich in die Vergangenheit zurückzuversetzen.
An jenen bestimmten Moment erinnert zu werden, schmerzte ihn. Riss in ihm eine Wunde auf, über die er längst ein Pflaster überklebt hatte.
Er schluckte, räusperte sich und setzte wieder an.
"Nun, ich hab ja eben erwähnt, dass ich nicht alleine gelebt habe. Ich hatte eine Schwester. Eine Halbschwester. Meine Mutter hatte sie in die Ehe mit meinem Vater eingebracht. Er zog sie auf, wie sein eigenes Kind. Sie war zwei Jahre alt, als ich auf die Welt kam. Meine Mutter starb an Leukämie, als ich sieben war. Das war der erste Schock für mich. Ich dachte damals, dass ich es nicht verkraften würde. Ja..... auch Jungs hängen an ihrer Mutter",gestand er lächelnd.
"Wow, das hätte ich nicht gedacht. Ich meine, dass deine Mum....", gestand sie mit einem traurigen Blick.
"Ja, das kam in der Tat plötzlich. Jedenfalls für mich. Damals dachte ich, dass ihre Krankheit nur vorübergehend wäre. Dass sie eben die benötigte Zeit im Krankenhaus verbringen würde und sich wieder erholen würde. Nun, das war nicht der Fall. Sie starb an einem sonnigen Herbstmorgen. Mein Vater hielt sich einigermaßen in den Händen, da er mit ihrem Tod gerechnet hatte. Trotz aller Hoffnungen und trotz der Liebe, die er für sie empfunden hatte, nahm er den harten Schicksalsschlag tapfer entgegen und war für uns da. Für dieses Verhalten bewundere ich ihn bis heute. Er nahm sich viel Zeit für mich und meine Schwester und redete mit uns, wenn wir ihn brauchten. Für meine Schwester war es ebenfalls ein schwerer Schlag. Aber auch sie verkraftete ihn mehr oder weniger gefasst. Sie war neun Jahre alt zu dem Zeitpunkt. Der Tod meiner Mutter, unserer Mutter, ließ sie erwachsener werden. Spürbar.
Dann vergingen einige Jahre. Mit Mitte 17 zog ich mit meiner Schwester aus dem Elternhaus aus. Wir verstanden uns gut und teilten uns das Apartment, in dem ich jetzt lebe. Sie studierte Kunst; zeichnen war schon immer ihre Leidenschaft. Wir unternahmen viel gemeinsam. Von meinem Vater hatte ich mich allerdings damals distanziert, da ich mit seiner Lebensweise nicht klargekommen bin.
Er suchte nach einer neuen Partnerin für sich"
Chiaki seufzte und machte eine Pause.
"Aber das ist doch...", begann Marron mitfühlend.
"Ganz normal. Ja ich weiß. Ich verstehs ja auch. Das war aber nicht das Problem"
"Sondern?"
"Er datete Frauen. Eine nach der anderen. Er schlief sich durch. Und macht es bis heute noch. Er sucht nicht. Jedenfalls tut er es längst nicht mehr. Er genießt es, Frauen auszunutzen!"
Marron nickte und biss sich auf die Unterlippe. Sie überlegte sich ihre Frage zwei Mal, ehe sie sie ihm stellte.
"Aber tust du denn nicht dasselbe? Du sagtest doch, dass du..."
Er schwieg sich aus. Sie hörte seine Verzweiflung trotz seiner Verschwiegenheit und atmete angespannt.
Eigentlich war es ein Schock für sie,aus seinem Mund zu hören, dass er schon mit mehreren Mädels geschlafen hatte. Indirekt hatte er es ja gestanden. Und drückte sich zudem vor einer Antwort jetzt. Damit war für sie schon alles gesagt.
Insgeheim hatte sie gehofft, dass sie die Einzige für ihn wäre. Und die Erste. Sie kam sich dämlich vor. Wie eine Erstklässlerin. Sie war naiv und wollte das, was die ganze Zeit ziemlich offensichtlich war, nicht wahrhaben. Nicht akzeptieren. Weil sie hoffnungslos in ihn verschossen war.
Erbittert schloss sie ihre Augen und schluckte.
"Nicht mehr", sagte er schließlich und ließ sie überrascht aufblicken.
"Aber weiter im Text. Ich hatte damals wie gesagt, so gut wie den Kontakt zu meinem Vater abgebrochen und lebte mit meiner Schwester. Es lief alles gut. Bis zu einem gewissen Zeitpunkt. Diese Nacht werde ich nie vergessen"
"Was ist passiert?". Sie stellte die Frage wispernd. Ein Blick in seine finsteren Augen, ließ sie Schlimmes erahnen. Unbewusst fing sie mit ihrem Kreuz in der Hand zu spielen an.  Ihm entging diese Tat nicht.
"Sie... eine ihrer Freundinnen hatte Geburtstag und lud ihre gesamte Clique zum Feiern ein. Bevor Chisato- so hieß sie, meine Schwester, allerdings zu der Party an jenem Abend losfuhr, wartete sie in unserer Wohnung auf eine andere Freundin aus der Clique. Zusammen glühten sie zu Hause etwas vor. Nicht viel. Ich hab sie damals gewarnt, sie solle es lieber lassen, da sie noch fahren wollte. Sie beruhigte mich aber wieder, meinte, dass ein Glas Champagner nichts ausrichten werde. Nun, da auf sie sonst immer Verlass war und sie zudem in der Tat kaum Alkohol trank, besänftigte ich damals meine Sorge um sie. Ein fataler Fehler, wie ich später feststellen musste. Ich durfte sie nie fahren lassen. Nie!" Er schlug mit der Faust auf den Teppich ein.
Bewahrte aber ansonsten weiterhin seine Fassung, in dem er ruhig weitererzählte.
"Sie sind also irgendwann beide losgefahren. Sie hatte ein eigenes Auto und saß selbst am Steuer. Dann ging alles ganz schnell. Nach etwa einer halben Stunde erhielt ich einen Anruf von einem befreundeten Polizisten meines Vaters. Sie waren gerade 15 km gefahren und stießen mit einem anderen Wagen zusammen. Meine Schwester übersah eine rote Ampel. Der andere Wagen raste gegen ihre Fahrertür an einer Kreuzung. Alle Unfallbeteiligten überlebten mit schweren Verletzungen. Nicht jedoch Chisato. Für sie gab es keine Chance. Sie hatte einen schnellen Tod erlitten"
Marron stand vor Schock der Mund offen. Vehement schüttelte sie den Kopf. "Wie schrecklich! Das ist einfach unglaublich! Mir fehlen die Worte"
"Ja, mir auch. Bis heute kommt mir das wie ein Traum vor. Aber wie auch immer. Ich erzähle dir die Geschichte, damit du nachvollziehen kannst, wie es dazu kam, dass ich Sindbad wurde"
Die Brünette nickte bedauernd und hörte weiter zu.
Er streckte seine Beine aus, ließ seinen Nacken knacksen, um etwas lockerer zu werden und fuhr mit seiner Hand über sein Gesicht.
"Apropos die Kleidung, die du gerade trägst, habe ich damals für sie gekauft. Ihr habt die gleiche Größe. Leider kam sie nicht mehr dazu, sie anzuprobieren. Behalte sie ruhig. Sie steht dir ausgezeichnet.
Nun....
Als ich die Nachricht erfuhr, brach für mich die Welt zusammen. Nichts war mehr wie vorher. Ihr plötzlicher Tod riss mir den Boden unter den Füßen weg. Tage, Wochen vergingen, in denen ich mit keinem ein Wort gesprochen habe. Ich hab mich damals in meiner Wohnung eingeschlossen. Wollte selbst meinen Vater nicht um mich herum haben. Und das Schlimme war, ich konnte niemanden außer mir selbst die Schuld geben für ihren Tod. Ich hätte sie mit allen Mitteln aufhalten sollen. Doch ich tat es nicht. Irgendwann wurde mir bewusst, dass ich nichts hätte ausrichten können in der Situation. Sie wäre trotzdem gefahren. Aber das ändert nichts. Sie ist gestorben und wird nicht mehr lebendig werden.
Um einen Ort der Ruhe für mich zu haben, kaufte ich damals diese Hütte. Fern von der Stadt. Abseits der Welt. Wenn es mal wieder so weit ist, dass ich nachdenken muss, fahre ich hierher in die Berge.
An einem dieser Tage, als ich wieder an Chisato denken musste, fuhr ich hierhin. Ich war fertig mit meinen Nerven, mit mir selbst und hatte das Gefühl, nicht mehr leben zu wollen. So sehr ich es versuchte, ich sah keinen Sinn mehr, ohne sie weiter zu existieren"
Sie sah ihn entsetzt und erschrocken zugleich an und begann zu zittern. Innerlich.
"In dieser einen Nacht kam er", sprach Chiaki weiter.
"Derjenige, der aus mir Sindbad machte. Wie aus dem Nichts erschien er.
Er bewahrte mich sozusagen vor dem Abgang. Vor dem bitteren Schlussstrich. Er machte mir einen Vorschlag. Ich sollte Menschen, die besessen waren, befreien"
"So wie Yamato? War auch er bessesen?",kombinierte Marron sein Gesagtes.
"Ja, genau! So wie Yamato", sagte der Blauhaarige ruhig.
"Aber... aber warum? Wieso werden Menschen auf einmal besessen? Wie kommt es dazu?"
"Das hat verschiedene Gründe. Wenn sie von irgendetwas enttäuscht werden und unbändige Wut in sich verspüren oder auch Hass, dann bedienen sich schwarze Mächte dieser Personen. Man nennt sie Dämonen. Ich vertreibe diese Dämonen aus den Opfern und lasse sie wieder sie selbst werden. Dieses Kreuz" Er zog es unter seinem Hemdkragen hervor und wedelte damit "hab ich damals erhalten. Genau wie du, verwandele auch ich mich mit dessen Hilfe. Zwei Jahre lang kämpfte ich allein gegen die Dämonen. Mittlerweile sind es zu viele geworden, die ich einfangen muss. Und genau aus diesem Grund brauche ich dich, Marron. Wir müssen gemeinsam kämpfen. Ich werde dich ausbilden. Vorausgesetzt du nimmst diese Aufgabe an"
Sie schluckte, starrte in die Leere.
"Du kämpfst also gegen Dämonen, weil du glaubst, dich damit vom Tod deiner Schwester ablenken zu können? Hast du deswegen diese Aufgabe angenommen?"
Er senkte seinen Blick. "Anfangs ja. Durch diese Herausforderung hab ich mich tatsächlich abgelenkt. Heute jedoch nicht mehr. Ich liebe diesen Nervenkitzel. Ich brauch ihn. Und last but not least - irgendjemand muss diese Aufgabe schließlich erledigen", zwinkerte er ihr zu.
Sie erhob sich und begann langsam und nachdenklich in Kreisen herumzulaufen.
Ihre Stimme wurde entschlossener und fester. "Seit wann? Seit wann hast du den Entschluss getroffen, dass du mich als deine Partnerin brauchst? Hast du .... Sag mir bitte, hast du unser Treffen geplant? Hast du mich für deinen Plan ausgenutzt? Und überhaupt Warum ICH? Woher wusstest du von mir?"
In diesem Moment interessierte es sie nicht, wer sein Boss war. Sie wollte es nicht wissen. Die Brünette zählte eins und eins zusammen und ging davon aus, dass Chiaki selbst beschlossen hatte, dass er eine Partnerin benötigte. Mit ihrem Tunnelblick dachte sie nicht an jene Möglichkeit, dass der Boss sie ausgesucht haben könnte.
Sie war wütend und fixierte mit ihren funkelnden Augen Chiaki.
Er seinerseits wollte ihr ebenfalls nicht mehr, als nötig war, berichten.
Zu viele Informationen wären in der aktuellen Situation womöglich schädlich für sie.
"Marron, hör zu. Ich werde dir bei Zeiten erzählen, wie es zu unserer Begegnung kam. Aber nicht heute. Ich möchte dich nicht anlügen und werde es auch nicht tun. Bitte vertrau mir. Ich bitte dich. Ich brauche wirklich deine Unterstützung".
Die Brünette war fassungslos und ließ ein entsetztes Lächeln aus "Also hab ich Recht? Es war geplant?! Unsere Begegnung, der Sex, alles.... ich war nur ein Teil eines perfiden Plans?"
Er seufzte. "Marron..."
Sie schüttelte ihren Kopf immer und immer wieder. "WAR ICH DAS? Sag es mir!"
Sie war kurz vor den Tränen. Ballte ihre Fäuste, um so noch einigermaßen an Haltung zu bewahren.
Chiaki erhob sich jetzt auch und stellte sich vor sie.
"Du wolltest wissen, was ich für dich empfinde, weißt du noch?", drängte er sie.
"Was tut das denn jetzt zur Sache?!", fragte sie perplex.
"So Einiges. Ich ging bewusst dieser Frage aus dem Weg. Und weißt du, warum? Ich weiß nicht, wie es ist, in jemanden verliebt zu sein. Ich kenne dieses Gefühl nicht. Aber je mehr Zeit ich mit dir verbringe, je mehr ich dich sehe, desto mehr spüre ich, dass ich deine Nähe brauche. Ich denke oft an dich, mache mir Sorgen um dich. So ein Gefühl hatte ich bisher nie erlebt. Ich kann dir nicht sagen, ob ich mich in dich verliebt habe, dabei weiß ich, sehe dir an, dass du es dir wünschst. Aber dafür kann ich dir sagen, dass ich mich nach dir sehne. Sehr sogar. Ich genieße es bei dir zu sein. Ich liebe dein Lächeln, den Duft deiner Haare, deine Berührungen....
Marron, es ist mir gleich, wie du dich entscheidest. Ich will nur, dass du eins weißt. Entscheidest du dich gegen Jeanne, werde ich trotzdem weiterhin zu dir kommen wollen. Bitte, lass mich..."
"Schluss jetzt! Hör auf! Hör. Auf!", befahl sie ihm schreiend.
Er stockte.
"Ich hab genug gehört! Sag nichts mehr. Ich fahre nach Hause. Selbst. Mit dem Taxi. Bitte bestell mir eins nach unten zur Straße. Ich kenne diese Adresse nämlich nicht. Und begleite mich nicht. Ich will jetzt lieber alleine sein"
Er machte eine Faust, schlug sich sachte damit gegen seine Stirn und gab nach.
Er hatte keine Wahl. Sie ließ sie ihm nicht.
Chiaki griff nach seinem Handy und wählte die Nummer eines Taxiunternehmens an.
Als er mit dem Telefonat fertig war, verließ sie stumm die Hütte und wanderte zielstrebig und eilig nach unten.
Wütend auf sich selbst kniff er seine Augen zusammen und krallte seine Hand so fest in die Haare, dass es schmerzte.
Sein Atem stockte.
Er hatte keine Hoffnung, dass er sie jemals wiedersehen würde....

To be continued....
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