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Die neue Krähe

von samphira
GeschichteSchmerz/Trost, Übernatürlich / P18 / Gen
OC (Own Character)
27.11.2017
06.12.2017
18
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27.11.2017 1.268
 
Tief in Gedanken versunken geht Lumi die Friedhofswege entlang, als sie plötzlich bemerkt, dass sie sich in einem sehr alten Teil befindet, der an den nahegelegenen Wald grenzt.
Die Grabsteine hier sind umgestoßen und auf den Gräber wuchert Unkraut.

Lumi schaut sich um.
Sie weicht erschreckt einige Schritte zurück, weil auf einen alten, verdorrten Baum hunderte von Krähen sitzen.
Diese schweigen, doch ein paar beobachten die junge Frau stumm.

Plötzlich schwebt eine ganz dicht über den Kopf des Mädchens hinweg. Ängstlich beobachtet Lumi die Krähe.
Diese hat ein blauschwarzes Gefieder und schaut die junge Frau aus klugen Augen an.

“Kannst du mir vielleicht helfen?“, fragt Lumi aus einem Impuls heraus.
Der Vogel schaut sie nur weiterhin mit klugen Augen an.

“Verdammt, ich lese wirklich zu viel“, stellt Lumi fest,“ jetzt rede ich sogar schon mit Vögeln. Ich muss verrückt sein.“

„Vielleicht durcheinander, aber nicht verrückt“, meint plötzlich eine Männerstimme hinter ihr.
Sofort wirbelt die junge Frau herum.

Ein Mann, in einen schwarzen Staubmantel gehüllt, lehnt an einem Baum. Sein Gesicht liegt im Schatten.

“Woher wollen Sie wissen, dass Sie verrückt sind?“, fragt er interessiert, “mit Vögeln reden zeichnet kein Wahnsinn an, außerdem sind das Krähen.“

„Ich weiß“, meint Lumi leicht wütend,“ ich bin nicht dumm.“

„Das habe ich nicht gesagt.“

„Ich habe die Krähe um Hilfe gebeten, weil sie mich an eine Geschichte erinnert hat, die ich vor Kurzem gelesen habe.“

„Warum brauchen Sie Hilfe?“, dabei lehnt sich der Mann nach vorne.
Sein Gesicht ist bleich, fast weiß, mit zwei schwarzen Linien um die Augen und einer um den Mund.
Die Maske der Ironie, denkt Lumi.
Es wird von hellbraunen Haaren umrahmt, die in dem Mädchen den Wunsch wecken, mit beiden Händen hindurch zufahren.

“Wegen zwei Morden“, spricht Lumi leise.

„Und warum soll die Krähe helfen können?“, fragt der Mann kritisch, “die Polizei ist mit Sicherheit schon an dem Fall dran.“

„Sie haben aber weder Hinweise auf den Täter noch auf irgendein Motiv“, platzt Lumi wütend heraus, “die haben sogar mich verdächtigt.“

„Weshalb?“

„Ich fand den ersten Toten.“

„Dieses Ereignis beschäftigt einen Menschen zwar sehr stark, aber nach mehreren Jahren hat er es vergessen.“

„Die beiden Morde geschahen nach dem gleichen Prinzip.“

„Ich verstehe immer noch nicht, wie die Krähe helfen soll. Die Polizei hat bestimmt schon Spuren, denen sie nachgehen kann.“

„Was macht Sie so sicher, dass ich nicht die Nächste bin“, meint Lumi zerknirscht, mit Tränen in den Augen, “die Beiden waren meine Klassenkameraden. Ist es denn so sicher, dass ich morgen noch am Leben bin? Ich habe Angst, darum bat ich den Rabenvogel aus einem Impuls heraus um Hilfe. Wiedersehen!“

Mit diesen Worten dreht sich das Mädchen um und rennt, die Tränen unterdrückend, heim.
Dort lässt Lumi diesen über die riesige Enttäuschung freien Lauf.
Nach einigen Minuten hat sie sich in einen traumlosen Schlaf geweint.

Am nächsten Tag ist der Teufel los. Paul Renbach wurde ebenfalls getötet.

Die Polizei bittet alle jungen Leute, niemand Fremden ins Haus zu lassen oder am besten bei Freunden und Familien wohnen, bis der Täter geschnappt wurde.

Auf der anschließenden Beerdigung überlegt Lumi.

Bin ich die nächste?
Wer steckt dahinter?

Tief in Gedanken versunken, achtet die junge Frau erneut nicht auf den Weg und landet prompt an der Stelle, wo sie gestern die Begegnung hatte. Diesmal aber wartet der Mann mit einer einzelnen roten Rose auf Lumi.

“Es tut mir leid, dass ich Ihnen so zugesetzt habe“, antwortet er mit Anteilnahme in der Stimme, als er der jungen Frau vorsichtig die Rose gibt, „es scheint tatsächlich so zu sein, dass die Polizei keine Ahnung hat.“

„Das habe ich aber gestern schon gesagt“, erinnert Lumi den Mann.

Ein leichtes Lächeln umspielt seine Lippen.

„Wissen Sie denn, wer dahinter stecken könnte?"

"Nein", antwortet Lumi traurig.

Ash verspürt den Wunsch, eine Hand an ihre Wange zu legen, um diese junge Frau zu trösten, doch unterdrückt diesen sofort im Keim.
Dafür aber schlägt er ihr etwas vor: „Ich könnte versuchen, etwas herauszufinden. Sie sollten nach Hause gehen und versuchen, diesen erneuten Verlust zu verarbeiten."

"Sie sind nicht mein Therapeut!", zischt Lumi erbost über seine letzten Worte, „vielleicht gehe ich ja auch selbst auf Suche nach den Schuldigen, weil ich überhaupt keine Lust mehr habe, dass alle denken, ich sei schwach. Ich habe weder Ihr Mitleid nötig noch Ihre Hilfe!"
Mit diesen Worten wendet sich die junge Frau mit mühsam zurückgehaltenen Tränen ab und geht hochmütigen Schrittes davon.

Als Lumi die Tür zu ihrer Wohnung öffnet, schließt sie kurz die Augen.
In voller Montur lässt die junge Frau sich auf ihr Bett fallen und weint aus Wut und Trauer.

Plötzlich schreckt Lumi hoch, weil ein Schatten auf das offene Fenster fällt. Leicht verwirrt schaut sie sich im Raum um und sieht eine Krähe auf den Tisch sitzen.

Genau diese habe ich doch um Hilfe gefragt, überlegt die junge Frau, als ihre Augen in die goldbraunen des Rabenvogels blicken.

„Ich wollte Sie weder beleidigen noch traurig machen", entschuldigt sich eine Stimme vom Fenster her.
Lumi schaut sich ganz vorsichtig um und sieht Ash auf den Fensterrahmen hocken.

"Nein, nein, ist schon gut, ich bin nur etwas geschafft wegen dem Ganzen", erklärt sie müde, „ich hätte Sie nicht anschreien sollen. Mir tut es leid."

Ash lächelt dem Mädchen ermunternd zu und schwingt sich mit einer geschmeidigen Bewegung in das Zimmer.

„Wie wäre es mit einem Vorschlag", fragt er sie, „Sie bleiben hier, in Ihren vier Wänden, und ich könnte mich bei den Tatorten umsehen, weil es sein kann, dass die Polizei irgendetwas übersehen haben könnte."

"Die Idee ist gut", findet Lumi, „aber was ist für den Fall, wenn plötzlich jemand auftaucht und fragt, was Sie hier suchen?"

Sie macht sich Sorgen um mich, stellt Ash verblüfft fest, doch ignoriert das warme Gefühl, welches bei dieser Feststellung entstanden ist, sofort.

„Keine Angst", beruhigt er die Fragestellerin, „ich werde erklären, dass mich jemand aus dem Umfeld der Opfer als Privatdetektiv engagiert hat."

Lumi nickt gedankenverloren.

Ash bemerkt, dass sie sehr hübsch in seinen Augen ist und irgendetwas an sich hat, was man einfach mögen muss.
Genau wie Sarah.
Sofort wendet er sich mit gequälten Blick von der jungen Frau ab, welche von der Krähe neugierig angeschaut wird.

„Was ist, wenn ich die Nächste bin?"

Ihre Stimme ist kaum mehr als ein leises Flüstern, doch Ash hört die verborgene Angst trotzdem heraus.
Er steigt vorsichtig auf den Fensterrahmen und meint: „Die Krähe wird auf Sie aufpassen. Wenn etwas sein sollte, dann holt sie Hilfe."

Nach diesen Worten schwingt er sich katzenartig aus dem Fenster und lässt sich zwei Stockwerke tief fallen.
Er blickt nach oben und sieht das Gesicht von Lumi, was zuerst entsetzt, jetzt erleichtert zu ihm herunter schaut.

"Wie heißen Sie eigentlich?"

"Ash Corven."

"Ich bin Lumi S. Mantenom."

Der Mann nickt ihr kurz zu und wendet sich um, wobei er dann die Straße entlang davongeht.

In ihrer Wohnung dreht Lumi sich ebenfalls um und fragt die Krähe, welche sie wieder mit klugen Blick bedacht, ob sie etwas essen wolle.
Der Vogel krächzt zustimmend, wovon Lumi ein Lächeln über das Gesicht huscht. Als die junge Frau dem Rabenvogel ein Stück Brot gegeben hat, sagt sie: „Ich heiße Lumi Sara Mantenom."

Die Krähe unterbricht kurz ihre Mahlzeit, um das Mädchen anzuschauen. Kurz krächzt sie leise, bevor sie weiter frisst.
Lumi lächelt und streicht ganz sacht über das blauschwarze Gefieder, bevor sie sich fürs Bett fertig macht.

Die Krähe weiß, wer ich bin, kommt ihr der Gedanke, als die junge Frau einschläft.
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