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Hello Again

GeschichteLiebesgeschichte / P18 / Het
Dirk Matthies Regina Küppers
27.11.2017
27.08.2020
43
100.579
7
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Dieses Kapitel
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27.08.2020 4.358
 
Betthovens 9.Symphonie drang leise aus dem Lautsprecher und Regina Matthies hielt den Wagen an einer roten Ampel.

„Mama, warum hörst Du immer so langweilige Musik?“, kam die Stimme ihrer Tochter vom Rücksitz.

Regina seufzte und rollte mit den Augen.

„Weil sie mich beruhigt“, antwortete sie wahrheitsgemäß.

„Papa hört viel coolere Sachen als Du. Stones oder Diep Pörpel“, maulte Emma von hinten und schaute aus dem Fenster.

Regina atmete tief aus und schaute in den Rückspiegel um dort den Blick ihrer Tochter aufzufangen. Braune Augen blickten sie vorwurfsvoll an. Sie kannte diesen Blick nur zu gut.

„Und warum bist Du dann nicht mit Papa gefahren heute morgen?“, fragte sie genervt.

„Weil der Conny noch in den Kindergarten fahren musste und dann wäre ich doch zu spät gekommen“, antwortete ihre Tochter und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Emma, Dein Bruder heißt Konstantin“, sagte Regina tadelnd, da Emma ihren Bruder grundsätzlich nur mit Conny ansprach.

„Aber Papa sagt doch auch immer Rübchen zu Dir!“, gab Emma erstaunt zurück und Regina schnappte nach Luft.

„Nein, das tut er nicht“, gab sie zurück und versuchte sich, die Verunsicherung nicht anmerken zu lassen, allerdings hatte sie ihre Rechnung ohne ihre Tochter gemacht.

„Macht er wohl! Abends im Bett!“, berichtigte Emma sie und begegnete ihrem Blick triumphierend im Rückspiegel.

Regina schluckte und beschloss, nicht weiter darauf einzugehen. Sie würde Dirk sagen, dass er sich mit dem Kosenamen zurückhalten sollte. Abends. Im Schlafzimmer.  

Regina schaute aus dem Fenster und nahm jetzt erst wahr, was sich über Nacht auf der Kreuzung verändert hatte. Sie glaubte,  ihren Augen nicht zu trauen, als  auf einmal ein Kleinlaster über die Kreuzung rollte. Die LKW-Plane war komplett mit dem Konterfei ihres Mannes bedruckt! Ihr Herz fing an zu klopfen, sie riss verwundert die Augen auf und fragte sich, ob sie halluzinierte.

„Mama...“, ertönte es aufgeregt vom Rücksitz.

„Warum ist Papa da auf dem Auto?“, fragte Emma neugierig und spielte mit ihrem Plüschpferd.  

„Ich habe keine Ahnung, mein Schatz“, gab Regina verwirrt zurück und starrte die LKW-Plane an.

Sie schaute abermals ihre Tochter im Rückspiegel an. Emma war gerade in die Schule gekommen und trug heute einen dunkelblauen Cord-Trägerrock und eine weiße Bluse. Sie hatte braune Augen und lange dunkle Haare, die sie ihr heute Morgen zu Zöpfen geflochten hatte. Die Lütte starrte konzentriert aus dem Fenster und schaute sich den LKW an, der direkt vor ihnen auf der Kreuzung stand und auf dessen Plane ein überlebensgroßes Porträt ihres Vaters zu sehen war. Emma grinste und fand es scheinbar lustig.

Der Lastwagen verließ die Kreuzung und verschwand im Verkehr. Die Autofahrer  hinter Regina fingen an, aggressiv zu hupen, die Ampel war längst auf grün umgesprungen. Sie ließ die Kupplung kommen, gab Gas und überquerte schließlich die Kreuzung, an sich selbst zweifelnd und fragte sich, was das für ein seltsamer Scherz war

Nachdem sie Emma zur Schule gefahren hatte, fuhr sie zur Wache, aber es wurde nicht besser. Die halbe Stadt war mit dem Konterfei ihres Mannes tapeziert! Sie hatte ihn an allen Ecken gesehen. Auf dem LKW, an Plakatwänden und auf Aufstellplakaten. Über Nacht waren sie überall in der Stadt aufgestellt worden. Nicht nur Emma war verwirrt, sie war es auch. Was auch immer hier vor sich ging, es erfüllte sie nicht eben mit Freude... sie musste ihren Mann dringend zur Rede stellen, sobald er ankam. Sie überlegte kurz, ihn anzurufen, aber er wäre sicherlich auch gleich hier.

Paul Dänning, Hannes Krabbe und Daniel Schirmer schauten neugierig aus dem Fenster. Frau Küppers gesellte sich unauffällig dazu, als sie den Wachraum betrat. Schirmer kaute konzentriert auf seinem Stift herum, während Krabbe auf das Schild deutet, das direkt vor dem Gebäude angebracht wurde. Auch hier war Dirk Matthies in Übergröße abgebildet.

„Heute morgen hing das einfach so da“, sagte er.

„Einfach so?“, wiederholte sie skeptisch und kniff nervös die Augen zusammen.

„Hmmm“ machte Dänning gedankenversunken und nickte.

Dirk parkte seinen Wagen vor der Wache und er stieg aus, ohne das Plakat direkt neben ihm überhaupt zu bemerken.

„Da kommt Dirk“, kommentierte Krabbe überflüssigerweise.

Er und seine Kollegen zogen stirnrunzelnd ab, zurück an ihre Plätze, wobei sich natürlich niemand die Diskussion zwischen der Chefin und Dirk entgehen lassen wollte. Hannes Krabbe spitzte die Ohren, als Dirk den Wachraum betrat.

„Moin“, sagte Dirk laut als er die Wache betrat und schaute seine Frau an.

„Moin“, gab sie zurück und konzentrierte sich zunächst auf die Post in ihren Händen.

„Das ist ja mal ´ne interessante Überraschung mit den Plakaten. Hast du eine Kampagne gestartet?“, fragte sie interessiert und schaute zu ihm herüber.

Er blickte sie verwundert an, als spräche sie plötzlich russisch oder japanisch.

„Was für ein Plakat?“, fragte er überrascht.

Sie deutete mit dem Kopf auf das Plakat vor dem Eingang. Er folgte ihrem Blick und musste zwei Mal hinschauen, als er das Plakat sah.

„Das ist ja mal interessant“, gab er von sich.

Sie runzelte die Stirn.

„Heißt das, Du hast auch keine Ahnung, was hier läuft?“, fragte sie dann.

„Nee“, gab er leise zurück und wich ihrem Blick aus.

„Ich erfrag´ mal die Firma, die die aufgestellt hat, den Auftraggeber“, schaltete sich Daniel schließlich ein.

„Machen Sie das!“ forderte sie ihn auf und ging in ihr Büro.

***


Während der allmorgendlichen Dienstbesprechung war Regina Küppers-Matthies kurz davor, zu explodieren.

Sie wandte sich an ihre Mitarbeiter:

„Frau Lüders und eine ihrer Tänzerinnen wurden mehrmals aufgefordert, Schutzgeld zu zahlen. Das erste Mal vor über sechs Wochen!“

Sie schaute Krabbe an.

„Wieso wissen wir davon nichts?“

Sie blickte ihren Mann böse an, er schaute zunächst in eine andere Richtung, erwiderte schließlich aber trotzig ihren Blick.

„Also in dem Bericht steht, dass diese Tänzerin und Frau Lüders ihre Aussage beim LKA aus Angst zurück genommen haben. Ohne Zeugen konnten die die Ermittlungen natürlich nicht fortsetzen“, berichtete Krabbe.

„Danach habe ich nicht gefragt, Herr Krabbe“, gab seine Chefin zurück.

„Bringen Sie mir die Akte König!“ forderte sie ihn anschließend auf.

Krabbe tat, wie ihm geheißen und marschierte sofort los um die Akte zu holen.

Plötzlich meldete sich Dänning zu Wort: „ Das ist doch lächerlich!“ er fuchtelte hilflos mit den Armen. „Die zieh´n ihre Aussage zurück und hängen Dirk dafür hin?“ fragte er dann.

Sie schaute Dirk an. Wütend.

Er holte tief Luft. Wich ihrem Blick wieder aus.

„Wie wäre es, wenn Du mal was dazu sagst? Wieso hast Du keine Kenntnisse von dem Vorfall?“ fragte sie dann und starrte auf ihren Monitor.

„Du bist unser Milieuermittler“ sagte sie ironisch.

„Oder nicht?“ Der Sarkasmus in ihrer Stimme war kaum noch zu übertreffen.

„Ja, ist mir wohl so durchgerutscht“, gab er kleinlaut zurück und wich ihrem Blick wieder aus.

„Durchgerutscht?“ wiederholte sie und schaute ihn ungläubig an.

„Wie ist das möglich? Die Plakate, der Vorwurf der Untätigkeit...“, zählte sie auf.

„Weißt Du, was das bedeutet?“, fragte sie und beantwortete ihre Frage gleich selbst: „Das bedeutet, dass wir Aufgrund Deiner Untätigkeit die Presse, das Präsidium und jede Menge Ärger am Hals haben“ Sie schnappte nach Luft.

„Laut Dienstordnung müsste ich einen Beamten, der derartig im Fadenkreuz steht, sofort in den Innendienst versetzen“, sagte sie dann.

„Dienstordnung?“, fragte er irritiert.

„Ich erwarte, dass Du schleunigst was in der Sache unternimmst, bevor sie aus dem Ruder läuft“, redete sie ihm ins Gewissen.

Sie beugte sich vor und schaute ihm in die Augen. „Hier geht es um nicht weniger als die Ehre der Polizei!“

***


Sie hatte ihren Mann und Paul Dänning zu Ingrid Lüders in den Club geschickt, aber sie hatten nichts herausbekommen. Die Lüders hatte sich zwar zu der Plakataktion bekannt, aber sie ließ auch weiterhin verlauten, dass Dirk von den Schutzgelderpressungen durch König wusste und nichts unternommen hatte.

Es ließ ihr keine Ruhe. Also fuhr sie später auch noch mal zur Lüders. Als sie die Wahrheit von der Clubbesitzerin erfuhr, zog es ihr regelrecht den Boden unter den Füßen weg. Dirk Matthies, ihr Mann, hatte Schutzgeld kassiert? Das konnte  nicht wahr sein! Sie hatte ihn immer für loyal und gradlinig gehalten und immer ein bisschen zu ihm aufgeschaut und jetzt das? Jedes Vertrauen in ihr war dahin. Ihre Gefühle gerieten ins Wanken und sie war sehr wütend. Es war als hätte ihr jemand den Boden unter den Füßen weggezogen. Alles, woran sie glaubte, war plötzlich in Gefahr.

***

Es war schon spät und sie wollte eigentlich nach Hause. Das Kindermädchen hatte Emma und Konstantin abgeholt, aber die Kinder  musste langsam ins Bett und das machte sie eigentlich lieber selbst. Sie seufzte. In seinem Büro brannte noch Licht, also war er auch noch nicht nach Hause gefahren. Sie riss die Tür auf und klopfte nicht mal an. Machte er schließlich auch fast nie. Und sie hatte jetzt einfach keine Nerven auf Höflichkeitsfloskeln.

Sie begann ohne jede Begrüßung und ging ihn wütend an: „ Hast Du je Ermittlungen in Sachen Schutzgeld verschleppt oder vorsätzlich verschleiert oder in irgendeiner Form selbst davon profitiert?“ sie schrie schon fast und ihre Stimme wurde immer lauter.

Seine stoische Gelassenheit machte es noch schlimmer!

„Schutzgelderpressung hat es auf dem Kiez immer gegeben“, antwortete er unschuldig und überlegte.

Dann fuhr er fort: „Natürlich gab´s da auch mal Angebote“, gab er dann zu, als wäre es das normalste der Welt.

„Die Du selbstverständlich abgelehnt hast!“ sagte sie erbost.

„Naja, vielleicht...“, stammelte er. „Man muss das von Fall zu Fall...“ er verhaspelte sich. „Manchmal musste man das ja auch mal auseinanderklamüsern“, antwortete er ausweichend.

Sie starrte ihn mit offenem Mund an. In was war ihr Mann da verwickelt?

„Ich muss nach Hause. Die Kinder müssen ins Bett und Lilly möchte sicher auch irgendwann mal Feierabend machen“, sagte sie tonlos und verließ fast fluchtartig sein Büro, unfähig einen klaren Gedanken zu fassen. Sie holte ihre Tasche aus ihrem Büro und verließ ohne ein weiteres Wort den Wachraum. Er sah ihr hinterher und fühlte sich schlecht, weil er sie angelogen hatte. Er hoffte, sie würde ihm verziehen, wenn sie die Wahrheit erfuhr.

***


Sie schloss die Schlafzimmertür hinter sich und ignorierte ihren Mann so gut, sie konnte. Das hatte sie den ganzen Abend gemacht. Sie hatte erst Emma und dann Konstantin ins Bett gebracht und als Dirk schließlich auch nach Hause kam, ging sie ihm aus dem Weg. Sie wusste nicht, wo er sich in der Zwischenzeit herumgetrieben hatte. Vielleicht war er im Büro und hatte Überstunden gemacht oder auf seinem Boot oder vielleicht auch bei der Lüders? Es war ihr egal. Redete sie sich zumindest ein.  Sie war sauer und das sollte er auch merken! Sie schob die Bettdecke beiseite, setzte sich auf ihre Betthälfte und zog den Morgenmantel aus. Darunter trug sie ein schlichtes weißes Nachthemd. Sie legte den Morgenmantel beiseite und krabbelte unter die Decke, drehte ihm abweisend den Rücken zu.
Sie löschte das Licht, Dirk seufzte in die Dunkelheit hinein.

„Och, Rübchen...“, begann er leise und fast schon verzweifelt.

„Nichts, „och Rübchen“, entgegnete sie giftig.

Er runzelte die Stirn und rückte etwas näher an sie ran.
Sie atmete tief aus und rollte die Augen.

„Es tut mir leid, aber ich kann Dir im Moment nicht mehr sagen“, begann er vorsichtig.

Sie drehte sich um und funkelte ihn an in der Dunkelheit an.

„Die Lüders hat mir auch nichts gesagt, weißt Du, wie das für mich aussieht?“ sie schnappte nach Luft.

Er dachte nach und seufzte.

„Was verschweigst Du mir? Hast Du Dich schmieren lassen?“, fragte sie leise und suchte eine Antwort in seinem Gesicht.

„Verdammt, ich bin Deine Vorgesetzte!“, die ballte die Hände zu Fäusten und ließ sie wütend auf die Bettdecke niedersausen.

Er schüttelte den Kopf und schloss die Augen. Dann rückte er noch ein Stück an sie heran.

„Vielleicht rufst Du morgen doch mal den Polizeipräsidenten an?“ sagte er  hoffnungsvoll.

Sie zog eine Augenbraue hoch. Er lächelte schief und kuschelte sich an sie.

Sie seufzte. Wenn das nur so einfach wäre.

„Ich hoffe, Du hast einen guten Grund für all das, was Du gerade tust. Und ich hoffe, es kostet Dich nicht Deinen Kopf“, sagte sie schließlich. „Und auch nicht meinen“, fügte sie hinzu.

„Hab ich“, sagte er leise.

„Könne wir das Thema jetzt vielleicht lassen?“ er grinste verschmitzt.

„Und dann?“ fragte sie.

„Naja... ich wüsste da was“, sagte er  leise.

„Und Du glaubst, damit kannst Du mich vom eigentlichen Thema ablenken?“, fragte sie aufgebracht.

„Es kommt auf einen Versuch an, oder?“, gab er grinsend als Antwort.

Sie rollte mit den Augen.

„Die Kinder?“, fragte sie alarmiert.

„Ich war vor ner Viertelstunde bei den Kindern. Emma schläft tief und fest und Conny auch“, berichtete er und grinste.

„Soso“ gab sie mit einem Schmunzeln zurück.

Er nickte unschuldig.

„Alles wird gut!“, sagte er, beugte sich zu ihr und küsste sie.

Für einen Moment blieb sie regungslos, aber schließlich gab sie nach und erwiderte den Kuss. Es wurmte sie zwar, dass sie nicht wusste, was vor sich ging, aber sie kannte ihn. Für alles, was er tat, hatte er gute Gründe. Sie würde schon noch herausfinden, was los war.

Er ließ seine Hand unter ihre Decke wandern und zog sie näher an sich heran. Regina gab ihren Widerstand gänzlich auf. Während sie sich küssten, ließ sie ihre Hände unter sein Shirt gleiten. Er machte sich einen Moment von ihr los und zog das Shirt aus. Ihre Hand wanderte über seine Brust. Er fing an, die Knöpfe ihres Nachthemdes zu öffnen, das ihr schließlich ein Stück über die Schulter rutschte. Er küsste sie wieder und sie erwiderte den Kuss. Jetzt deutlich fordernder und leidenschaftlicher. Dirk atmete schneller, sie fühlte, dass er erregt war. Seine Hand wanderte unter ihr Nachthemd.

„Papa!“, Emmas Ruf hallte durch die ganze Wohnung.

Regina ließ sich frustriert in die Laken fallen und rollte mit den Augen. Er schmunzelte und zuckte entschuldigend mit den Schultern, suchte nach seinem Shirt und zog es über. Die eben noch präsente Erregung war so schnell verschwunden, wie sie gekommen war. Er küsste sie auf die Nasenspitze und stand aus dem Bett auf.

„Bin gleich wieder da“, flüsterte er heiser. Als er die Schlafzimmertür erreichte, rief Emma noch mal.

„Papa, ich glaube, da ist ein Monster unter meinem Bett!“ Sie klang verängstigt.

„Prinzessin, da ist bestimmt kein Monster“, gab er zurück ,“aber dein Papa ist bei der Polizei und hat schon ganz andere Monster vertrieben“, fügte er hinzu.


Nach einer Viertelstunde kam er wieder. Sein Töchterchen schlummerte tief und fest nachdem er unter das Bett und in den Schrank geschaut und ihr versichert hatte, dass dort keine Monster waren. Er betrat leise das Schlafzimmer, schaute zum Bett und stellte fest, dass sein Rübchen längst eingeschlafen war. Er seufzte.

Als er sich wieder hinlegte, betrachtete er seine Frau. Sie sah so friedlich aus im Schlaf und dabei war sie im Moment so sauer auf ihn. Es tat ihm wirklich leid. Sie musste unbedingt mit dem Polizeipräsidenten telefonieren, damit sich der Irrtum schnellstmöglich aufklärte.

***


Am nächsten Morgen war er schon früh ins PK 14 gefahren. Das Kindermädchen hatte Conny in den Kindergarten gebracht und Regina Emma zur Schule,  und sie hatte Glück gehabt, dass die Presse ihr nicht schon vor der Schule aufgelauert hatte. Sie hatte es noch bis zur Arbeit geschafft, aber dort wurde sie belagert und mit Fragen bestürmt. Sie betrat den Wachraum und ignorierte abermals Daniel Schirmers Bitte, sie möge doch den Polizeipräsidenten zurückrufen.

Sie schaute sich um und fragte fast panisch „Wo ist mein Mann?“

Währenddessen saß Dirk in seinem Büro und packte einen Karton mit all seinen Habseligkeiten. Als er das Foto von sich und Ellen betrachtete, dass vor einer halben Ewigkeit aufgenommen wurde, seufzte er. Es war ein anderes Leben und lange her. Aber er hatte sich in all den Jahren niemals etwas zu Schulden kommen lassen, soviel stand fest!

Seine Frau klopfte wieder nicht an. Stattdessen riss sie die Tür auf, ohne eine Antwort abzuwarten und fauchte ihn an: „Wie kommt es, dass die Öffentlichkeit ständig etwas über unsere Interna...“ sie verstummte mitten im Satz, als sie sah, dass er seine Sachen packte.

„Das kann doch wohl nicht Dein Ernst sein!“, entfuhr es ihr.

„Was geht hier vor?“, fragte sie unfreundlich und schaute ihn skeptisch an.

In ihrem Kopf arbeitete es. Was hatte er vor? Und warum? Ihr Herz raste und sie hatte Probleme, einen kühlen Kopf zu bewahren.

Dirk widmete sich weiter seinem Karton und schaute bewusst weg. Er hatte Angst, dass sie seine Maskerade durchschauen würde, wenn sie ihm nur zu tief in die Augen sah. Sie waren schließlich seit sechs Jahren verheiratet. Da kannte man sich recht gut.

„Nein“, sagte sie fassungslos, bemüht darum, dass ihre Stimme nicht zitterte. „Mehr kannst Du dazu nicht sagen!“

Ohne ein weiteres Wort verließ sie sein Büro. Dirks blick fiel wieder in die Kiste und ein letztes Mal auf das Foto mit Ellen, dann schloss er den Karton.

Als der Ford Explorer vom Parkplatz vor dem PK14 fuhr, schaute sie ihm nach und fragte sich, ob das ein Abschied für immer werden würde. Sie erkannte ihren Mann nicht mehr und sie hatte keine Ahnung, was hier gespielt wurde. Seine Worte hallten in ihrem Kopf wider und sie wusste nicht, was sie davon halten sollte. Er konnte doch nicht einfach gehen, egal welchen Mist er gebaut hatte. Und was hatte das für ihre Ehe zu bedeuten? Sie atmete tief durch. Jetzt war sie auf sich alleine gestellt in diesem ganzen Chaos und musste herausfinden, was los war. Warum die Lüders ihren Mann so an den Pranger stellte und welche Rolle König dabei spielte...

***
Frau Küppers hätte es in ihrem Beruf nicht so weit gebracht, wenn sie nicht alles hinterfragen würde. Und sie hinterfragte vor allem eines – das seltsame Verhalten ihres Mannes. Er war abends nicht nach Hause gekommen, hatte nicht auf ihre Nachrichten reagiert und sie war sich ziemlich sicher, dass er auf der Repsold geschlafen hatte. Sie hatte es ihren Kindern erklären müssen und war ziemlich in Erklärungsnot gekommen. Konstantin begriff die Zusammenhänge noch nicht, aber als die Sechsjährige schließlich eine Diskussion mit ihr entfachen wollte, hatte sie behauptet, dass ihr, dass ihr Vater eine Nachtschicht einlegen musste.
Manchmal fragte sie sich, woher ihre Tochter diesen Dickkopf hatte.

Regina machte kein Auge zu. Nach der schlaflosen Nacht in einem einsamen Bett war ihr ein Verdacht gekommen.
Er wollte ihr keine Rede und Antwort stehen, also nahm sie die Sache selbst in die Hand und stattete Ingrid Lüders einen weiteren Besuch ab. Die Nachtclubbesitzerin knickte irgendwann ein und fühlte sich schuldig. Regina hatte ihr irgendwann aus lauter Verzweiflung und sehr unprofessionell gestanden, dass diese Sache über ihren Kopf hinaus wuchs und ihre Ehe inzwischen auf dem Spiel stand. Das hatte die Lüders überzeugt und schließlich gestand sie das falsche Spiel, dass sie mit Dirk Matthies spielte um König zu überführen. Regina konnte es nicht fassen und sie fragte sich, wie man auf so eine völlig verrückte Idee kommen konnte! Manchmal war Dirk Matthies einfach nicht bei Trost!Sie musste ihn zur Rede stellen. So konnte es nicht weitergehen!

Sie hatte Emma von der Schule abgeholt, weil ihr Kindermädchen einen blödsinnigen anderen Termin hatte und fuhr mit ihrer Tochter zum Bootsanlieger.

Dirk starrte auf seine alte Mütze. Die grüne, die er so lange getragen hatte, bis die blauen Uniformen kamen. Na gut, getragen hatte er sie eher selten, aber sie hatte eben Symbolcharakter. Er schaute auf und sah seine Frau und Tochter über den Steg laufen. Emma kam ihm entgegengerannt und warf sich überschwänglich in seine Arme.

„Papa!“, sie gab ihm einen Kuss.

„Heute musst Du aber keine Nachtschicht machen, oder?“, fragte sie und schaute ihn mit ihren großen braunen Augen unschuldig an.

Er schaute irritiert zu Regina, die keine Miene verzog. „Nein, Prinzessin, heute Abend nicht!“, sagte er vorsichtig und drückte sie.

„Da bin ich beruhigt“, sagte die Lütte und stellte sich auf die Zehenspitzen. „Einer muss doch Zuhause die Monster jagen“, sagte sie dann beiläufig.

„Ich glaube, Mama fand das nicht so toll, dass Du heute Nacht nicht nach Hause gekommen bist“, flüsterte sie ihm ins Ohr und er musste sich ein Grinsen verkneifen. Er zog ganz vorsichtig an einem ihrer beiden geflochtenen Zöpfe.

„Prinzessin, mach Dir doch mal einen Kakao in der Kombüse“, schlug er dann vor.


Sie nickte. „Ich seh schon, Du willst mit Mama alleine reden“, sprach sie, nickte und verschwand im Wohnraum des Schiffes.

Als die Kleine im Inneren verschwunden war, begrüßte sie ihn unfreundlich.

„Hallo Dirk“, sagte sie. „Ich nehme an, die Lüders hat längst angerufen?“, fragte sie dann und baute sich vor ihm auf. Sie warf ihm einen bösen Blick zu.

„Ich hätte nicht übel Lust, Dich in der Elbe zu versenken“, zischte sie böse und er zuckte zusammen.

„Plakate aufstellen, sich öffentlich beschuldigen zu lassen, so zu tun als hätte man selbst jede Menge Dreck am stecken“, fuhr sie fort. „Stell Dir mal vor, wie Deine Kinder sich fühlen müssen, wenn das Gesicht ihres Vaters über die ganze Stadt verteilt ist“, gab sie zu bedenken. Er seufzte. Daran hatte er gar nicht gedacht.

Er hörte ihr zu und schaute ihr tief in die Augen.

„Du hast diesen ganzen Ausnahmezustand mit Lüders und ihrer Tänzerin von Anfang an geplant!“, sagte sie ihm auf den Kopf zu.

Er atmete tief und wich ihrem Blick aus.
Dann schaute er wieder die Mütze in seinen Händen an und schluckte.

Er begann langsam: „Als ich die getragen hab, vor 25 Jahren auf Streife“, er schaute auf und sprach weiter. „ Da war König noch ´n kleines Licht, und trieb Gelder ein für andere Leute“, er schaute sie an.

„Aber schon damals war so ´ne Aura um ihn von Angst und Gewalt“, sie hörte ihm zu und runzelte nachdenklich die Stirn.

„Ich bin alt geworden“, gab er zu und schaute wieder auf seine Mütze.

Sie seufzte.

„Vielleicht bin ich schon zu alt“, er schaute sie jetzt direkt an und sie erwiderte seinen Blick. Er schaute kurz zur Seite. Emma war immer noch im Wohnraum verschwunden.

„Aber wenn ich jetzt den ganzen Scheiß hinschmeiße, dann muss doch mehr überbleiben, als nur das hier“, überlegte er und hob die Mütze, ohne ihren Blick loszulassen.

Sie holte tief Luft.

„Du hast und allen die ganze Zeit was vorgespielt!“ stellte sie dann fest.

„Weißt Du, was passiert,  wenn dieser bodenlose Plan scheitert?“, sie flüsterte fast.

Er wich ihrem Blick für einen Augenblick aus und schaute schließlich wieder nach oben. Ihre Blicke trafen sich.

Er schaute sie an. „Ich krieg das schon hin“, sagte er zuversichtlich und ging einen Schritt auf sie zu.

Ihr Blick drückte Besorgnis aus. Sie wollte etwas entgegnen, als Emma wieder vor ihr stand und ihre Eltern neugierig betrachtete.

„Papa kommst Du wieder mit uns nach Hause?“, fragte die Kleine und schaute ihn an.

Er schaute erst Regina an, bevor er eine Antwort gab.
Sie nickte.

„Ich glaube schon“, sagte er betrübt.

„Das ist gut“, entgegnete die Kleine. „Mama hatte schon richtig schlechte Laune“, verriet sie dann.

Regina rollte mit den Augen. Es war nicht das erste Mal, dass sich ihre Tochter und ihr Mann gegen sie verschworen.

„Wenn was schiefgeht, nehm´ ich das auf meine Kappe. Aber wir kriegen König!“, sagte er leise und schenkte seiner Frau ein schiefes Lächeln. Dann ging er zu ihr und gab ihr einen Kuss. Er mochte es ganz und gar nicht, wenn sie sauer auf ihn war.

***

Dirk hatte Recht behalten. Er hatte es schon hinbekommen. Und nachdem der Spuk endlich vorbei war und Dirk es mit Pauls Hilfe geschafft hatte, König zu verhaften, lud Ingrid Lüders als Dankeschön eines Abends in die Coconutbar ein. Sie lauschten gebannt dem Gesang von Lüders, die in diesem Moment eine Amanda Lear in nichts nachstand. Ihre Version von „Follow me“ war noch tiefer und im Hintergrund bewegten sich Burlesque Tänzerinnen lasziv zur Musik.

Dirk saß neben Regina und beobachtete, wie sie zur Musik wippte. Er schmunzelte und dachte nach. Neben ihm stand Paul, der allerdings völlig auf das Bühnengeschehen und die leicht bekleideten Mädchen konzentriert war. Wie gut dass es so dunkel in der Bar war. Er ergriff ihre Hand und drückte sie. Sie schaute kurz zu ihm und lächelte ihn an. Der Spuk war vorbei und sie hatte ihm verziehen. Er war froh, dass sie schließlich doch noch mit dem Polizeipräsidenten telefoniert hatte. Er wollte nicht noch mehr Nächte auf der Repsold verbringen.
Er schaute auf die Uhr, es wurde langsam Zeit. Lilly saß sicherlich schon wie auf heißen Kohlen, was er verstehen konnte, denn es war unter doch Woche. Und sie mussten morgen auch früh raus
.
Paul schaute dem Spektakel auf der Bühne immer noch gebannt zu und konnte sich kaum losreißen von den beiden hübschen Burlesque-Tänzerinnen. Es wunderte Dirk, dass er nicht sabberte.

„Wir müssen langsam los. Das Kindermädchen will auch mal Feierabend machen“, sagte Dirk zu seinen Freund und Kollegen

„Och nö, Du“, gab Paul zurück. „Ich bleib noch ´n Bisschen“.

„Mach das“, sagte Dirk und klopfte ihm auf die Schulter.

Er legte den Arm um seine Frau und führte sie nach draußen. Die kühle Herbstluft umfing sie. Er küsste sie auf die Wange.

„Es tut mir leid, dass ich Dich angelogen habe“, sagte er ehrlich und schaute sie an.

„Es ist in Ordnung, ist ja nichts passiert und wir haben König verhaftet“, antwortete sie lächelnd.

Sie gingen händchenhaltend zu Dirks Auto. Er startete den Motor und sie fuhren fast wortlos durch die Nacht.

„Schön, dass Du wieder da bist“, sagte sie leise und legte ihm eine Hand auf den Oberschenkel. Er grinste sie anzüglich an.

„Schön, wieder da zu sein“, entgegnete er und konzentrierte sich auf den Verkehr.

Sie schaute Dirk an und war froh dass wieder alles beim alten war. Soviel Aufregung brauchte sie dann doch nicht. Und sie hätte nicht glauben können, sich so sehr in ihrem Mann getäuscht zu haben. Regina drückte Dirks Hand und schaute aus dem Fenster, betrachtete die Licher Hamburgs und es überkam sie eine tiefe Zufriedenheit.

ENDE

[Okay, das wars. Ich sitze jetzt hier mit einem lachenden und einem weinenden Auge und bin fast ein bisschen sentimental. Es fühlt sich irgendwie komisch an, dass die Geschichte jetzt wirklich fertig ist. Ich habe für den Epilog die Folge Ausnahmezustand gewählt, weil ich es einfach irgendwie gepasst hat, den Alltag der Familie Matthies hier noch mal aufzugreifen. Danke fürs Lesen und für all Eure Reviews, die mich immer wieder weitergebracht haben.]
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