Hello Again

GeschichteRomanze / P18
27.11.2017
13.03.2020
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27.11.2017 1.287
 
Tanja Sommer ehemals König konnte es nicht fassen. Das erste Mal seit so vielen Jahren wieder in Hamburg und dann kam ihr Gepäck abhanden!  Wobei es schon fast peinlich war, dass sie als ehemalige Polizistin sich den Koffer hatte klauen lassen! Sie hatte sich nur kurz umgedreht und war an ihr Handy gegangen und dann war der Koffer weg!  Irgendwie wurde sie das  Gefühl nicht los, dass die Stadt ihr damals übel genommen hatte, dass sie damals abgehauen war.  Was für ein Unsinn,  dachte sie bei sich und schüttelte den Kopf. Nur weil ihr jemand am Flughafen den Koffer geklaut hatte, war das noch lange kein schlechtes Omen. Sie würde im Hotel einchecken und dann die nächste Polizeiwache aufsuchen um den Diebstahl zu melden. Für die Versicherung. Ihre Handtasche hatte sie schließlich noch. Es hätte schlimmer kommen können.  Und zum Glück gab es  in Hamburg einige Polizeiwachen. Sie musste also nicht zwangsläufig mit der einen in Berührung kommen...

Sie steuerte ihren Leihwagen zum das Hotel, dass ihr die Sekretärin gestern morgen noch gebucht hatte und langsam bekam sie ein mulmiges Gefühl.  Sie kannte die Gegend hier zu gut, nur mit der Straße hatte sie nicht viel anfangen können. Es schien, dass sie näher dran war, als ihr lieb war.   Unter allen Hotels in Hamburg hatte die Sekretärin ihrer Kanzlei ausgerechnet das herausgesucht, was um die Ecke vom PK14 war! Sie schüttelte den Kopf und schluckte. Warum hatte sie nicht vor der Reise noch mal auf ihre Unterlagen geschaut und um eine Stornierung gebeten? Sie seufzte und rollte mit den Augen. Dann würde sie eben doch hier ihre Anzeige zu Protokoll geben. So schlimm würde es schon nicht werden.

Sie parkte den Wagen direkt vor der Wache und atmete hörbar aus. Ein seltsames Gefühl beschlich sie. Eine Mischung aus Nostalgie und Vertrautheit, gemischt mit Unbehagen und Neugier. Sie fragte sich, was sich in all den Jahren wohl verändert hatte und was noch so war, wie sie es in Erinnerung hatte. Und wer wohl noch da war? Sie überlegte, während sie den Wagen ausmachte. Rolf war wohl inzwischen in Pension, aber was war zum Beispiel mit Lothar und Dietmar, mit Henning oder mit Harry? Darüber, ob Dirk noch da war, wollte sie sich gar keine Gedanken machen. Er war damals einer der Gründe, warum sie gegangen war. Und seitdem hatten sie nie wieder miteinander gesprochen. Seinen Wagen hatte sie draußen zumindest nicht gesehen. Nicht, dass sie danach Ausschau gehalten hätte – das redete sie sich zumindest ein.
Plötzlich war die Erinnerung wieder präsent:

„Wie lange fahren wir jetzt zusammen? Und wie oft haben wir  uns in die Augen geschaut?
Und was hast du gewollt? Dirk ich bin nicht nur ´n Kollege, ich bin auch ´ne Frau!“

Sie seufzte.

Als sie das Gebäude betreten wollte, stutze sie, denn das Schild wies die Wache als Polizeikommissariat aus. Das war früher nicht so gewesen. Sie fragte sich, wer jetzt wohl die Leitung innehatte und hatte gar nicht gemerkt, dass sie vor dem Gebäude angehalten hatte.

Tanja atmete tief ein und ging hinein. Damals – ein anderes Leben vor so vielen Jahren. Als sie den Wachraum betrat, musste sie grinsen. Soviel hatte sich in all der Zeit nicht geändert. Alles sah noch so aus, wie früher. Überwiegend das gleiche alte abgewetzte Mobiliar, allerdings waren die Wände in der Zwischenzeit wohl gestrichen worden und statt dem grün und gelb dass sie noch in Erinnerung hatte, war jetzt alles in grau und blau gehalten. Es war schon relativ spät, sie hatte den letzten Flieger genommen und außer einem einzelnen Wachhabenden war niemand mehr da. In Bogners ehemaligem Büro brannte noch Licht. Sie konnte durch den geöffneten Rolladen eine Frau in ihrem Alter am Schreibtisch erkennen. Sie musste schmunzeln, wenn sie sich vorstellte, dass ihre ehemaligen Kollegen jetzt mit einer Frau als Chefin klarkommen mussten.  Wobei sie fast sicher war, dass niemand mehr von damals hier war. Es wirkte alles so verlassen.
Der Wachhabende trug die dunkelblaue Polizeiuniform der Hamburger Polizei , es entlockte ihr ein Lächeln. Die hatte sie gar nicht mehr getragen. Das Namensschild auf dem Hemd wies ihn als „Krabbe“ aus. Sie musste grinsen. Mit dem rötlichen Haar sah er auch aus wie eine Krabbe, wie eine sehr große Krabbe. Er kam zum Thresen und wandte sich an sie.

„Moin! Was kann ich denn für sie tun?“, fragte er interessiert.

„Ja, guten Abend...“ begann sie fast zögerlich. „Mein Name ist Sommer“, sagte sie.
„Ich möchte Anzeige erstatten, man hat mir meinen Koffer gestohlen am Flughafen“, berichtete sie dann.

Es fühlte sich seltsam an, auf der anderen Seite der Theke zu stehen. Sozusagen als Kunde. Sie war schon soviele Jahre keine Polizistin mehr, aber hier und jetzt war es ein sehr seltsames Gefühl.  

„Oh, das ist ja wirklich ärgerlich, aber das passiert oft“, sagte er freundlich und griff nach ein paar Formularen. „Dann würde ich Sie bitten, das hier einmal auszufüllen“, er reichte ihr einen Kugelschreiber und sie begann, zu schreiben.

Fast mechanisch. Irgendwann gab sie ihm die ausgefüllten Forumulare und den Kugelschreiber zurück.
„Handynummer ist auch drauf?“ fragte er schließlich um sicher zu gehen.

Sie nickte.

„Ja gut“, er schaute noch mal über die Unterlagen. „Wenn noch etwas ist, melden wir uns“, sagte er dann.

Sie nickte.

„Danke. Ich bin noch mit Montag in der Stadt“, fügte sie dann hinzu.

Jetzt nickte er. Sie war schon im Begriff zu gehen, als sie innehielt und ihn anschaute.

„Sagen Sie, ist Dirk Matthies noch hier?“ fragte sie dann und bemühte sich um einen neutralen Tonfall.

Er schaute sie an und blickte über ihren Kopf hinweg auf die Uhr an der Wand.

„Nein, tut mir leid, der ist nicht mehr hier“, antwortete er dann.

„Schade“, entgegnete sie enttäuscht.

Sie hatte es ja gewusst! Sie drehte sich um, murmelte ein „Schönen Abend noch“, und war auch schon wieder draußen.

Sie hörte nicht, dass Hannes Krabbe ihr noch nachrief, dass Dirk schon Feierabend gemacht hätte, aber morgen wieder da sei.

Sie kletterte hinter das Steuer ihres Wagens und legte den Kopf gegen die Kopfstütze. Ein Teil von ihr hatte gehofft, ihn wieder zu sehen. Ein anderer nicht. Wie es im Leben immer so war mit dem Für und dem Wider.

Für einen Augenblick gab sie den Erinnerungen freien Lauf und sah ihn wieder im Tümpel vor sich stehen, damals, als sie ihm eröffnete, dass sie gehen würde. Weil sie noch mal was erleben wollte und weil er sich nicht entscheiden konnte.

„Ich weiß was ich will...“, hatte er gestammelt. „Ich will, dass Du bleibst! Ich bin zwar nur ´n Bulle, aber...“ er machte eine Pause, zuckte mit den Schultern und sah sie hilflos an. „und manchmal ´n ziemlicher Ochse, aber ich habe relativ breite Schultern und die sind immer für dich da!“

Sie hatte gelächelt, obwohl ihr zum Weinen war.

„Du bist schon ein relativ starker Typ“, hatte sie gesagt.

Er hatte sie gefragt, ob sie nach München gehen würde. Sie war sich noch nicht sicher wohin. Letzlich war sie erst nach Mecklenburg gegangen und dann nach Berlin, aber das wusste er nicht.

„Ich weiß es auch noch nicht sicher“, hatte sie geantwortet und dabei liefen ihr die Tränen über die Wangen. „Aber ich muss hier noch mal raus.“

„Du willst alles aufgeben?“, fragte er.

„Ja“, nickte sie.

„Aber warum jetzt?“ seine Augen blickten traurig.

„Weil ich jetzt noch jung genug dafür bin. Sonst ist der Zug irgendwann abgefahren“, hatte sie geantwortet.

Das war zwar nur die halbe Wahrheit, aber in dem Augenblick wollte sie den Rest nicht mehr mit ihm ausdiskutieren.

Sie seufzte und startete den Motor. Sie hatte eine Anzeige erstattet und jetzt würde sie ins Hotel fahren. Und die restliche Woche würde wie im Fluge vergehen, da war sie sich ganz sicher. Und zwar ohne Dirk Matthies!
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