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Transition

OneshotDrama, Schmerz/Trost / P12 / Het
26.11.2017
26.11.2017
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this is a gift, it comes with a price
(Florence + the Machine – Rabbit Heart)





Ein Jahr und sechs Monate auf der Flucht. Knapp einen Monat ohne ihn. Ich will mich nicht beschweren. Ich fühle mich wohl in ihrer Gesellschaft. Die Gesellschaft meiner Art. Menschlicher als der Mensch.
Und doch fühle ich mich einsam. Einsamer, verlassener als an dem Tag, an dem mir klar wurde, was ich bin. Der Tag, an dem mein Leben in Scherben ging.
Ich habe ein neues dafür bekommen, ein echtes. Und jetzt... Jetzt bin ich Leben. Es wächst in mir. Ein Wunder. Das hat meine Mutter (die eine Lüge war), immer zu mir gesagt, als ich klein war (eine Lüge), ich wäre ihr Wunder. Vielleicht war dies die einzige Aussage, der einzige Satz, der nicht gelogen war. Vielleicht ist das Erschaffen von Leben immer ein Wunder.

Ich spüre ein ganz leichtes Flattern in meinem Bauch, Schmetterlingsflügel. Ich hätte nie gedacht, dass ich jemals eine solche Liebe empfinden könnte. Und dass sie mit so viel Schmerz einhergehen würde.
Ich habe etwas verloren, dafür, dass ich etwas bekomme. Oder umgekehrt? Ich vermisse ihn.
So sehr.
Ich weine nur nachts, wenn ich alleine bin. Ich will sie nicht beschämen. Sie sind so viel stärker als ich. Ich habe nie zuvor verstanden, was es für Replikanten bedeutet, zu sein, was sie sind. Wofür sie gemacht wurden. Sklaverei. Gewalt. Missbrauch.
Ich war stolz auf die Arbeit, die wir in der Tyrell Corporation leisteten. Jetzt schäme ich mich dieses Stolzes. Es hat mich nur ein Jahr gekostet.

Sie scheinen es mir nicht übel zu nehmen, das, was ich einst war. Sie behandeln mich mit großem Respekt, fast Ehrfurcht. Ich bin ihr Wunder, eine Replikantin, die neues Leben in sich trägt.

Und er ist nicht hier.

Sie scharen sich um mich, jeden Tag, jede Woche kommen neue hinzu, sie wollen mich sehen, mich berühren. Mich beschützen.

Und er ist nicht hier.

Ich lerne bei den Arbeiten zu helfen, bei der Ernte. Ich stehe knietief im Nährschlamm und sammle die Maden ein. Es ist eine körperlich erschöpfende Arbeit, durch das ewige Bücken, aber ich werde sie machen, solange ich kann. Solange mein Körper, und der in mir, es mir erlaubt.
Manchmal sehe ich mich um, wenn ich aus den Gewächshäusern nach draußen komme, die schweren Behälter in der Hand.

Grau in grau, der Himmel, die Weite. (Hier werde ich nie die Sonne zu sehen bekommen.) Die kleinen Farmhäuser aus Blech, Barracken, die Gewächshäuser, die mit ihren Zeltdächern ein schmutziges Weiß ins Grau tupfen. Kinder, die vor ihren Behausungen im Dreck hocken, in ebenso schmutziger, verlumpter Kleidung. Sie graben mit einem hoffnungslos verrosteten Zigarrettenetui im Schlamm, suchen nach einem Schatz, lachen. Perlen aus Licht in diesem Grau.
Hierher kommen nur die Außenseiter, die Verlierer, die für weniger als einen Hungerlohn für die Wallace Corporation die Nahrung derjenigen in Los Angeles züchten, die sich nichts anderes leisten können. Hierher kommen die, die keine Arbeitserlaubnis, keine oder nur unzureichende SINs haben. Die, für die sich niemand interessiert.

Deswegen bin ich hier.

Ich weiß nicht, wie Rick Freysa ausfindig gemacht hat. Eines Abends trafen wir sie in einer Kaschemme in Chinatown. Sie trug eine getönte Brille, trotz des allumfassenden, grauen Zwielichts.
Ich weiß nicht, wie er von dem beginnenden Aufstand einer kleiner Gruppe Nexus-8 Replikanten, hier auf der Erde, erfahren hat. Besser, sagte er zu mir. Es sei besser, derlei Dinge nicht zu wissen. Ich fragte nicht weiter.
Er erzählte ihr das, was nötig war. Unsere Flucht, dass wir einen Unterschlupf bräuchten. Im Austausch für  Informationen über die Arbeit- und Vorgehensweisen der Blade Runner Unit.
Sie nahm ihre Brille ab. Dort, wo ihr rechtes Auge hätte sein sollen, klaffte eine Mulde, die mit einer dünnen, fast durchsichtigen rosa Haut überspannt war.
Ich zuckte zurück.
„Warum solltest du uns helfen?“, fragte sie Rick.
„Weil wir Hilfe brauchen. Wir brauchen einen Ort, an dem wir... an dem Rachael für längere Zeit bleiben kann.“
„Wieso?“
Er sah mich an, eine unausgesprochene Frage und ich spürte die Angst meine Kehle hochkriechen.
Vertraust du mir?
Langsam nickte ich stumm. Er sagte es ihr.
Ich werde den Ausdruck auf ihrem Gesicht nie vergessen. Unglaube zuerst, dann ein Leuchten wie ich es noch nie zuvor bei einem Menschen gesehen habe.
Sie sagte kein Wort.
Sie griff über den fettfleckigen Tisch und nahm meine Hände. Sie drückte sie, während sich ihr einziges Auge mit Tränen füllte.

Das ist jetzt knapp zwei Monate her. Seit einem lebe ich hier, auf der Farm. Arbeite. Freysa wollte nichts davon wissen, aber ich bestehe darauf. Ich will meinen Teil dazu beitragen, dafür, dass ich hier sein darf, dafür, dass ich am Leben bin, und für all das, was ihnen angetan wurde.
Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Wenn ich arbeite bis zum Umfallen, bis zur Erschöpfung, dann übernimmt mein Körper und es gibt keinen Raum mehr für die Sehnsucht nach ihm.

Abends setze ich mich zu ihnen, in die kleine Küche von Sapper. Er erzählt mir von seinem Dienst in den Off-World Kolonien, beim Militär. Er gehörte zum medizinischen Personal. Er hatte es nicht schlecht, sagt er. Aber ein sterbender Replikant erzählte ihm, dass die, gegen die sie kämpften, ebenfalls Replikanten waren, derselben Seriennummer, derselben Produktion.
Er hatte den Mann nicht retten können. Danach fragte er sich, wozu er sie überhaupt wieder zusammenflickte. Er wollte mit dem Morden an seiner Art nichts mehr zu tun haben.
„Menschen töten seit Anbeginn der Zeit Menschen. Jetzt haben sie uns erschaffen, um uns gegenseitig für ihre Interessen zu ermorden.“
Eine zeitlang wollte er nichts weiter, als durchzukommen. Bis er Freysa traf. Seitdem nimmt er hin und wieder einen von uns auf.
Er ist ein sanfter Mann, belesen. Hin und wieder wagt er sich in die Stadt, treibt alte, zerfledderte Bücher auf, die er mir mitbringt. Ich kenne derlei Bücher nur aus meinen Erinnerungen (eine Lüge), und es ist schön, sie in der Hand zu halten, in ihnen zu blättern, zu lesen. Es ist echt.
Er hat mir erzählt, dass alle Nexus-8 Replikanten eine unbegrenzte Lebensdauer haben. Ebenso wie Erinnerungen, die nicht die ihren sind. Ich fragte ihn einmal nach diesen. Doch er schüttelte den Kopf. Wir müssen unsere eigenen Erinnerungen erschaffen, sagte er.
Dafür sind wir hier.


Unsere eigenen Erinnerungen.
Ich habe inzwischen ein paar. Manche leuchten und schmerzen gleichermaßen. Wie die an unsere letzte gemeinsame Nacht.


Ich klammere mich an ihn, als würde ich sterben. Ich will nicht weinen, will stark sein. Jetzt geht es nicht mehr nur um ihn und mich. Doch ich schaffe es nicht.
„Lass mich nicht allein!“
Er hält inne, küsst meine Stirn, sieht mich an.
„Rachael.“
„Nein.“
„Rachael.“
„Nein!“
„Vertraust du mir?“ Es ist ein Ritual, ich kenne diese Frage. Und ich kenne die Antwort. Sie ist wahr, aber ich will sie ihm nicht geben. Ich weiß, ich bin unfair, gemein. Er hat alles für mich aufgegeben. Um bei mir zu sein. Um zusammen zu sein. Das war der Plan!
Ich stoße ihn von mir, schreie es ihm ins Gesicht.
Ich habe ihn verletzt, ich sehe es in seinen Augen. Er zögert, dann zieht er mich in seine Arme, drückt meinen Kopf an seine Brust. Dann spüre ich ihn weinen, leise, ganz leise.
Nun weine ich auch.
Er ist genauso verzweifelt wie ich, aber er wird sich nicht umstimmen lassen.
Diese Gewissheit lässt mich verstummen. Sie ist endgültig.
Nach einer Weile richte ich mich auf, küsse ihn. Er erwidert meinen Kuss, mit derselben Heftigkeit.
Während wir uns lieben, versuche ich mich nur auf ihn zu konzentrieren, seine Hände, seinen Geruch, seine Haut auf meiner, unseren Bewegungen. Doch alles, was ich weiß ist, dass ich ihn ab morgen vielleicht nie mehr wiedersehen werde.
Es kommt mir vor wie Verrat. Verrat an ihm, dabei ist er doch derjenige, der mich verlassen wird.



In jener Nacht verstand ich noch nicht, dass das ebenfalls Liebe bedeutet.

Wir trafen Freysa am nächsten Tag am Rande von San Diego. Nachdem ich am Morgen noch einmal geweint hatte, zog ich mich in das riesige Hotel-Badezimmer zurück. Ich hatte in den Spiegel geblickt, mir das  Gesicht gewaschen, mich zum ersten Mal seit Monaten wieder sorgfältig geschminkt, und mir geschworen, beim Abschied gefasst zu bleiben.
Den ganzen Flug über sprachen wir kein Wort. Es gab so viel zu sagen, dass wir keine Worte mehr dafür fanden. Doch er hielt die ganze Zeit über meine Hand.

Bevor wir ausstiegen, berührte er ich mich sanft an der Schulter. Dann holte er etwas aus seiner Tasche, es war ein in Stoff eingewickelter, kleiner Gegenstand. Er reichte ihn mir, ich sah in fragend an. Er nickte und ich wickelte ihn aus. Es war ein kleines Holzpferd. Echtes Holz, liebevoll geschnitzt.
„Für das Kleine.“
Ich spürte, wie sich mir die Kehle zuschnürte. Aber ich riss mich zusammen. Ich nickte, wickelte das kleine Pferd wieder ein, stopfte es in meine Tasche und wollte aussteigen. Er hielt mich zurück, beugte sich zu mir und küsste mich. Ich kämpfte mit mir. Doch dann erwiderte ich seinen Kuss. Mein ganzer Körper, all das, was mich ausmachte war in diesem Kuss, war dieser Kuss.
Ich wusste, es würde der letzte sein.
Er löste sich von mir, strich mir die dunklen Locken aus der Stirn.
„Wir werden uns wiedersehen.“
„Du weißt nicht, wo ich sein werde.“
„Ich werde dich- euch finden.“
„Wie?“
„Ich werde euch finden.“
„Ja“, sagte ich schließlich, während ich ich mich gleichzeitig fragte, warum einem Anfang immer erst ein Ende vorrausgehen musste.
Ob Liebe und Leid immer so untrennbar miteinander verbunden waren.
Ob mich beides zu einem Menschen machte.

Ich weiß es nicht. Aber hier, inzwischen, weiß ich zumindest, dass Liebe vieles bedeuten kann, dass sie auf viele Arten möglich ist.
Ich kann jemanden lieben, ohne ihn zu sehen, ohne mit ihm zusammen zu sein.
Ich kann jemanden lieben, den ich noch gar nicht kenne, der noch gar nicht auf dieser Welt ist.
Ich kann die Art lieben, wie jemand mit nikotingelben Fingerspitzen eine Zigarrette anzündet und beim Ihnalieren ein einziges Auge zukneift.
Ich kann die Art lieben, wie jemand feierlich ein fettfleckiges, zerfleddertes Buch hervorholt und mit leuchtenden Augen seinen Lieblingsabsatz heraus sucht.

Und ich habe den Widerstand, den Willen zur Freiheit lieben gelernt, mit der sich eine Person dafür einsetzt, als Mensch behandelt zu werden.

Ich spüre, wie das Kind sich in mir regt, lege die Hände auf meinen Bauch.
Ja, denke ich. Es ist den Preis wert.


~*~





Vielen Dank an die liebe Black Dove fürs erste Lesen und eine erste Einschätzung dieses kleinen Textes!
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