Liebe in Frieden

von M i n a
MitmachgeschichteDrama, Romanze / P16
OC (Own Character)
25.11.2017
13.01.2019
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· „Maybe the last time.“  ·

Verdeckt von den düsteren grauen Wolkenformationen schwand das fahle Sonnenlicht an diesem späten Morgen, an dem Exton und er unvermeidlich nach New Asia aufzubrechen hatten. Einmal mehr bewies sich der stürmische Herbst zuversichtlich, die grellen Nebelschwaden im unbarmherzigen November zu vernichten, denn noch im selben Moment brach vermeintlich das gesamte Wasservorkommen des Erdballs über Likely zusammen. Begleitet vom ohrenbetäubenden Donnern zersprangen die gewaltigen Regentropfen am Panzerglas der Dachfenster über Dawson wie seiner besten Freundin, und jäh waren die Straßen vor dem Palast überflutet, was ihm kaum die Möglichkeit, zu glauben, sein Zuhause wäre je wieder zu verlassen ließ ….
Er tauchte aus dem lauen Badewasser auf. »Mann.« Annie lachte. Womöglich – oder selbstverständlich – würde ihn und seinen Onkel eine bessere Wetterlage in New Asia erwarten. Das spielte aber kaum eine Rolle, wenn man politische Gefangene aus den widerwärtig befleckten Händen verrückter Asiaten entreißen musste, dachte er sich. Zwei. Hellen Munroe und Eliseo Roberts. Zwei einfache Menschen. Es war purer Wahnsinn.
Diese beiden Namen aber alles, was zählte, wenn er nach New Asia flog und jedes ihm vor die Nase kommende Scheusal in Stücke riss. Er mochte wenig Freude an Umgang mit Frauen empfinden, mochte zu Menschen – ob Frau oder Mann – nicht tatsächlich aufsehen, aber diese Menschen in Gefängniszellen zu zwängen, ihnen unmenschliches Leid zufügen – da fing das Herz in ihm erst zu schlagen an, brüllend wie das Gewitter, das er gleich für einige lange Tage glattweg hinter sich lassen würde, und kampfbereit wie eine beschützende Mutter.
Das Herz eines Menschen. Er seufzte. »Ich will nicht hin. Was … Weißt du, was geschehen wird, wenn die wieder Töchter, Söhne Illéas entführen? Annie? Wir sind für einen Krieg nicht gewappnet.«
»Ich weiß«, meinte sie, aber er glaubte ihr eigentlich nicht tatsächlich. Nie tatsächlich. Sie war ein einfaches Mädchen, keine Kriegerin und keine der elenden Verpflichtung würdige Königin, obwohl Annie letzteres selbstverständlich auch nicht sein wollte. Nie hatte Annie Donovan es in Erwägung gezogen.
Sie war letztendlich keine Frau, die sich so etwas ansehen sollte.
Seufzend tauchte er erneut unter.
Seine beste Freundin flüsterte irgendetwas, doch er hörte nur noch der Stimme in seinem Kopf zu. ‘Geh und mach ihnen die Hölle heiß oder sei ein Baby.’
Er bildete sich – zu gerne – ein, dass Celeste dies sagte. Fast lächelnd stieg er doch aus der Wanne und glitt in den bereits vor einigen Minuten von Annie gereichten schwarzen Bademantel, einem Geschenk von Claire, deren wertvollen Geschmack niemand leugnen konnte. »Mh. Rieche ich so göttlich, die hoheitliche Pflege meines Körpers wie aller Verhüllungen dessen … oder du?«
»Arrogant.« Sie schnippte auffordernd mit den Fingern und verließ das dampfige Badezimmer. Er lachte. Reumütig und in leisester unterschwelliger Nachsicht womöglich folgte er ihr aber. Seiner besten Freundin.
»Annie.« Er lächelte.
»Das muss irgendwann aufhören«, stellte er fest.
»Was?«
»Mit dir in einem Zimmer zu sitzen und zu baden.«
»Ach was. Außerdem hast du nicht gebadet, Dawson. Du hast dich unter Badeschaum versteckt. Als beste Freundin ist es meine Pflicht und mein Recht, dir beizustehen.« Wieder lachte er. »Wie, stört es dich?«
»Nein. Ich meine nur, dass ich ein verheirateter Mann – ja, ganz recht, ein Ehemann sein werde und damit geht es nicht mehr.« Ins Bad zurückgekehrt vollendete er sein ausschweifendes Pflegeritual von der angelehnten Türe verborgen, um sich dann doch wie von der Natur – oder seinetwegen von den Eltern – geschaffen im Schlafzimmer für den wiederholten Flug in dieses Drecksloch New Asia anzukleiden. ›Mann!‹, dachte er tatsächlich. Wenn er König wäre … dann. Dann stand ihm wenigstens ein Dann frei.
Annies Lippen verließ aber ein Lachen, ehe sie ihn angrinste. »Natürlich.«
»Du glaubst nicht, dass ich heiraten werde?«, erkundigte er sich vor dem Wandspiegel verweilend, mit gewohnter Präzision seine piekfeine übliche Frisur neu legend.
»Du bist fast ein Eunuch, Dawson … Mental gesehen.« Ihre Meinung quittierte er mit einem breiten Grinsen. Seinen Wangen röteten sich aber doch, bevor er aus tiefstem Herzen heraus inbrünstig zu lachen begann. Die letzten dunkelblonden Haarspitzen in die gewünschte Richtung zupfend ging er zum letzten Schritt über. ›Annie.‹ Amüsiert saß er für wenige Sekunden unter der vorbereiteten Trockenhaube.
»Danke, Annie. Das sagst du ihr aber nicht«, erkor er lachend als beste Entscheidung aus. Stumm nickend grinste sie. »Glaub mir, ganz knapp über die Hälfte meiner Gedanken sind alles andere als enthaltsam und tugendhaft – und sie sind keine Gedanken. Sie sind … Achtung, das böse Wort folgt … Fantasien. Vollkommen vom Verstand losgelöst, Lady Donovan. Das sind keine Gedanken.« Und erneut lachte er, nun nach all den Prozeduren seiner überkandidelten hoheitlichen Pflege endlich für die Reise nach New Asia bereit. Sein Anzug saß wie immer grandios. Er seufzte.
Sie kicherte. »Du bist achtzehn, fast neunzehn und auch das ändert nichts. Du darfst Fantasien haben, Dawson Newsome. Darf ich Ihnen die Ehre erweisen, Prinz Dawson, und Ihren hochwohlgeborenen Arsch zum Sie erwartenden Flugzeug befördern?«
Schmunzelnd nickte er, sah ihr zu einem der seltenen Male endlich in die Augen. »Ja. Sie dürfen. Du sagtest ‘Arsch’. Wenn er das irgendwann einmal hört, lässt er dich nicht mehr in meine Nähe, Annie Donovan. Und das wäre doch sehr, sehr, sehr schade … – Annie Donovan«, befand Dawson mit sanftem Ton, ernst und genauso liebevoll meinend.
Sie fasste diese Feststellung, der nach sich sein Onkel nicht an ihrem Sprachgebrauch erfreuen würde – was zutraf –, nicht als einen Umstand, dem wie er es in allen Situationen seines Lebens vorlebte rigide zu begegnen war, auf. Ihr durch den Südflügel hallendes Lachen übertönte, trotz aller Zartheit, fast das Gewitter.

· · ·

Während Prinz Dawson nach New Asia aufbrach, nahm der Hofstaat in Likely die letzten Vorbereitungen für den einen Tag auf. Entschieden wurde dem Palast als künftiges Zuhause von fünfunddreißig jungen Damen nun ein letztes Mal vor Beginn der Selection der ihm gebührende Glanz verliehen und – was für den Prinzen zu Beginn den größten Wert haben würde – die Patisserie des Palastes perfektionierte fortan die Auswahl an verlockendsten Muffins samt himmlischer Cupcakes, an denen Dawson nicht einmal während des Weltunterganges bedenkenlos würde vorbeigehen können. Obenauf der „Goldene Traum“ …. Glücklicher als Erdnussbuttercreme könnte den zukünftigen König Illéas nichts machen – dies sagte sich zumindest das unersetzliche Küchenteam, das sich keinesfalls selten glücklich schätzen konnte: oft wünschte sich der junge Mann schlicht und einfach nur feine Erdnussbuttercreme. Brot ließ er sich lediglich aus Anstand heraus reichen, wie die Dienerschaft es aus Anstand heraus überging, wenn seine Mundwinkel angesichts der Brotvielfalt begeisterungslos zuckten – und selbstverständlich würde sein Onkel niemals etwas von dessen Abneigung gegen das eigene Leben erfahren, so erfolgreich Dawson es auch zu verbergen schaffte. Selbst dieses verhaltene Zucken mussten die Diener womöglich doch als Einbildung beurteilen …
Beinahe das gesamte Jahr über suchte dafür die Familie um Kronprinz Dawson – Ramona und Garvey Newsome, dessen Eltern, Königin Ilina und sein Onkel König Exton Newsome – in ganz Illéa nach den passenden fünfunddreißig jungen Damen, die dem künftigen König beweisen konnten, dass die Liebe doch etwas von Wert war.
In dem ‘geheimen’ Casting kämpften vielversprechende und allem voran liebenswerte Töchter ihres wunderschönen Königreiches darum, eine der fünfunddreißig Erwählten zu werden und die Familie entschied sich im besten Sinne, um ihrem Sohn, ihrem Neffen oder einfach ihrem Freund die Chance auf seine zukünftige Braut, seine große Liebe zu verschaffen. Die sich in die allerletzte Entscheidung einklinkende beste Freundin Dawson Newsomes, Annie, entschied sich für lediglich eine der verbliebenen Damen und sie verteidigt ihre Entscheidung mit Händen und Füßen. Ihrer Meinung nach hatte die noch sehr junge Erwählte bereits jeden bevorstehenden Kampf gegen die Engstirnigkeit ihres besten Freundes gewonnen.
Er hatte bisher nichts von dem stillen Übereinkommen der ihm wichtigsten Menschen geahnt und sobald sich das ändern würde … würde, wie seine Mutter Ramona sagte, Dawson Newsome endlich zu leben anfangen.

Damit war es besiegelt. Von Bällen und glorreichen Festen war die Rede, von schönsten Verabredungen gleichermaßen wie von den ersten sichtbaren Gefühlen für eine der Damen in dem Gesicht vom Neffen oder Sohn, während sich Vater und Onkel einmütig zusammenschlossen, um den wohlbehüteten achtzehnjährigen Prinzen durch allerhand Verantwortlichkeiten davon abzuhalten, sich zu Fragen wegen der anhaltenden höchst angenehmen Aufregung um ihn herum verführen zu lassen.
Es gab wohl keine Zeit, in der sich König Exton bereits einmal so amüsiert hatte – sobald Garvey und er spätabends beieinandersaßen. Sobald sie weit über die Vorbereitungen der Selection hinausgehende Anekdoten teilten.

Und wie süß erst die zukünftigen Prinzen und auch die Prinzessinnen sein würden …
Hier stimmten die Männer schlicht und einfach mit ihren Ehefrauen überein. Die eigenen Kinder dabei zu sehen, das Geschenk des Lebens in den Händen zu halten, war für jeden in der Familie Newsome, was man sich nur wünschen könnte.

Und so … näherte sich der Tag, an dem Kronprinz Dawson Newsomes fünfunddreißig Erwählte in den Palast reisten. Nun würden noch einundzwanzig von Vorfreude geprägte Tage vergehen, bis sich für die gesamte Familie Newsome alles veränderte. Eine von ihnen würde es sein.

Die Eine, von der er sich beweisen ließ, dass Liebe war, was niemals verging, niemals starb.
Nicht einmal mit ihm, wie Dawson dachte – sich es einredete, um sich von der echten Liebe fernhalten zu können.

Sein Onkel wusste, dass er es herausfinden würde.
Dass er mit der Selbstliebe nicht glücklich werden würde und seine Cousine, Lady Celeste Newsome, es auch nicht geworden wäre. Früher oder später, da hätte auch Celeste Newsome gefunden, was Dawson zuteilwerden, was ihm geschenkt werden sollte – König Extons Tochter hätte niemals missen wollen, dass sie als der Mensch, der sie war, geschätzt und geliebt wurde, Welten entfernt von der des Models Celeste.
Exton Newsome hoffte, dass das ihnen verbliebene Kind bis zum Tode glücklich sein würde.





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‘Maybe the last time’ ist eine Zeile aus dem Lied ‘The Last Time’ von The Rolling Stones.
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