Windows "Blue Screen"

KurzgeschichteRomanze / P12
Victoria Zorro
24.11.2017
26.12.2017
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Victoria starrte auf ihren Bildschirm. „NEIN, das hier, das kann NICHT SEIN!“

Ann, ihre Kollegin, kam zu ihr hinüber. „Was regt dich denn auf?“

„Schau, hier.“

„Ich sehe nur, dass dein PC nicht mehr geht“.

„Sag das nicht, das weiß ich selber. Schau her. Was siehst du?“

„Dein Computer ist abgestürzt“.

„Nein, das meine ich nicht. Schau hier- der Blaue Bildschirm. Microsoft sagte, das neue Windows stürzt nicht mehr ab und erst recht nicht mit einem Blauen Bildschirm“.

Ann zuckte hilflos mit den Schultern. „Und was kann ich da jetzt tun?“

„Nicht du!“ Tom hatte ihre Unterhaltung zufällig mit angehört und ging zu ihnen herüber. „Ich denke, das ist die Zeit für unseren Superhelden!“

„Oh nein, Tom“ lachte Ann. „Nicht ausgerechnet er“.

Victoria war verwirrt. „Von wem redet ihr?“

„Du bist erst zwei Wochen in unserer Firma, daher kannst du das nicht wissen. Superheld oder Supermann das ist Diego, unser Computer Nerd. Wir nennen ihn manchmal so. Erinnerst du dich an ihn?“

Sie nickte. Natürlich. An diesen Mann würde sie sich immer erinnern. Dieser Mann mit dem seltsam verstrubbelten Haar und der unmöglichen und hässlichen Brille erinnerte sie manchmal mehr an einen Jungen als an einen Erwachsenen. Er war höflich aber auch furchtbar langweilig. Immer wenn man sich mit ihm unterhalten wollte hieß es, sich nach wenigen Minuten über Computer und Onlinespiele zu unterhalten. Aber er war nun einmal der Spezialist für das Netzwerk und die PCs in der Firma.

Sie griff nach ihrem Telefon.

„Wähle 4535, das ist seine Nummer. Die Nummer von Supermann“ witzelte Tom.

„Hör auf, das ist nicht lustig“ sagte Ann genervt.

Victoria wählte also. Nach 4 Freizeichen hörte sie ein „Diego, ja?“

„Ähm... Diego, hier spricht Victoria. I weiß nicht ob du dich an mich erinnerst. Ich bin deine neue Kollegin“.

„Ja, ich denke schon. Warum rufst du mich an?“ murmelte er.

„Diego, mein Computer geht nicht. Ich habe einen Blauen Bildschirm“.

„Nein, kann nicht sein. Neues Windows, keine Blue Screens”.

“Also, was habe ich gesagt?“ flüsterte Victoria triumphierend den anderen zu.

Ann nahm das Telefon. „Nein, Diego, das hier ist ein Blauer Bildschirm“.

„Ich brauche bitte das Telefon“ rief Victoria und nahm es Anne wieder weg. „Entschuldige bitte, Diego, ich bin wieder dran“.

„Ok“ antwortete Diego. „Wann hast du das letzte Mal deine Daten gesichert?“

„Oh… was meinst du?“

Der Mann an anderen Ende seufzte. „Ok, ich sehe, ich muss kommen. Ich bin hier gerade in der Cafeteria. Ich komme in ein paar Minuten“ und brach das Gespräch ab.

„Warum ist er nicht in seinem Büro?“ wunderte sich Victoria.

„Ich weiß es nicht, das ist eben Diego. Ich denke, er war wieder die ganze Nacht wach und holt sich als erste Mahlzeit erst mal einen Schokoriegel oder so etwas“ erklärte Tom. „Er hat sein Telefon vom Büro auf sein Handy umgeleitet“.

‚Schokoriegel statt etwas Richtiges zum Essen? Dieser Typ ist seltsam‘ dachte sich Victoria.

Seltsam oder auch nicht, es ging nicht lange und Diego erschien. Seine Brillengläser waren nicht dick – nur warum um alles in der Welt trug er eine solch hässliche Brille mit einem furchtbar altmodischen Gestell? Kein Wunder, dass ihn alle „Superheld“ oder „Supermann“ nannten, als sei er Clark Kent.

„Hallo“ grüßte er. Ohne die anderen anzusehen, starrte er auf den Monitor.

„Wie ich gesagt habe – Blue Screen“ erklärte Victoria.

Zuerst antwortete der „Junge“ nicht, dann sagte er: „Ich glaube nicht, dass das ein Blauer Bildschirm ist. Oder zumindest nicht das gleiche Blau das MS bisher verwendet hat. Ich denke es hat einen Grünstich, oder?“

‚Blöder Witz‘ dachte Victoria und schaute auf Tom und Ann. Beide waren immer noch ernst. Hieß das, Diego hatte keinen Scherz gemacht? Das musste doch ein Witz sein, oder?

Ok, dann machte sie eben einen. „Diego, du solltest dir eine neue Brille kaufen. Eine Brille die dir die richtigen Farben zeigt“.

„Du hast recht“ antwortete er allen Ernstes. Victoria vermutete, dass er ihr nicht wirklich zugehört hatte. Er schaute auf den Monitor und schwieg.

„Diego…“

„Hm?“

„Diego, kannst du mir helfen?“

„Ja, ich denke schon.“.

Sie lächelte. Tom und Ann schauten Diego interessiert an.

„Du weißt, was das ist, hier?“ wollte der Computerexperte wissen.

„Ja natürlich, das ist der An- und Ausschalter von meinem PC. Warum fragst du mich so etwas Dummes?“

„Weil er die Lösung deines Problems ist. Halte ihn einige Sekunden gedrückt, dann geht der Computer aus. Danach, kannst du ihn wieder anschalten und deine Arbeit fortsetzen“.

Victoria antwortete nicht. Endlich brachte sie wieder ein Wort heraus: „Du veräppelst mich, oder? DU bist unser IT Spezialist und DU sagst mir, alles was ich tun kann ist, den PC auszuschalten? Nichts anderes? Kein Kniff, kein Trick, nichts?“ Sie wurde zunehmend lauter vor Wut.

Diego vermied es, ihr direkt in die Augen zu schauen und blickte stattdessen auf die Wand. „Nein. Da du aber vorher keine Sicherung gemacht hast, musst du alle deine Dateien von heute neu schreiben“.

Tom lachte. „Entschuldige bitte, Vic. Das ist eben Diego. Du weißt schon, unser Held, oder?“

Diego ignorierte seine Worte. „Ok, ich muss zurück in mein Büro. Ich habe eine Menge Arbeit, weil unser Chef, Herr Miller, möchte, dass ich unser Sicherheitssystem nochmals überprüfe“.

„Ist es wegen diesem geheimnisvollen Internetraub? Ich sah es heute Morgen im Fernsehen“.

„Oh“ fragte Victoria besorgt. „Davon habe ich nichts mitbekommen. Was ist passiert?“

Tom lachte. „Eine sehr merkwürdige Geschichte, fast ein wenig wie Robin Hood. Ihr habt doch sicher schon von Carter, dem Multimillionär, gehört.  Dieser Mann mit den dubiosen Geschäften. Gestern wurde eine rätselhafte Abbuchung von seinem Onlinekonto registriert. 100.000 Dollar verschwanden, und keiner weiß wie und warum das geschehen ist.

„100.000 Dollar! Ich glaube nicht, dass das für einen solchen Mann wie ihn wirklich viel Geld ist“ erklärte Diego. „Aber egal, Miller hat Sorge, dass so etwas auch unserer Firma passieren könnten. Auch wenn ich nicht glaube, dass das bei uns passieren wird“.

„Carter. Es gab einige Gerichtsverfahren gegen ihn letztes Jahr“ erinnerte sich Tom.

„Ja. Und letzte Woche dann das Urteil. Alles was er getan hat, war gesetztes konform“ antwortete Ann.

„Das Recht zu haben, etwas zu tun heißt nicht, dass es richtig ist, es zu tun. Unsere Welt ist manchmal so krank“ sagte Victoria traurig.

„Nimm dir das nicht so zu Herzen. So wie ich erfahren habe, gab es zur gleichen Zeit eine großzügige Spende für ein Kinderkrankenhaus. Online und anonym. Die Leute sind nicht so schlecht, wie du denkst“ beruhigte sie der Nerd.

„Nein, Diego, du verstehst nicht. Ich denke Victoria gefällt es, dass jemand Geld von diesem Multimillionär gestohlen hat“ erklärte Tom.

„Ach ja? Dann sage mir bitte eins, Victoria: Bewunderst du diese Person, die das Geld gestohlen hat?“ fragte Diego und starrte sie an.

„Hm. Ja... Nein… natürlich nicht… was soll die Frage?“

„Natürlich tut sie das“ lächelte Ann.

Diego schaute sie immer noch an. „Möchtest du ihn denn treffen?“ wollte er wissen.

Victorias Kopf wurde knallrot. Nein!“

„Das heißt ‚Ja‘“ lachte Ann.

Tom war mit dem Verlauf des Gesprächs nicht einverstanden. „Und was jetzt? Jetzt hat ein anderer Mann das Geld. Das macht keinen Unterschied. Das Geld gehört immer noch nicht den Leuten, die es verdient und bitter nötig hätten“.

„Das weiß keiner. Aber ich muss jetzt wirklich wieder an meine Arbeit. Victoria, noch eine letzte Frage?“

„Ja, was ist?“

„Gehst du heute Abend zu dieser „Emmas Fasent“ Party?“ fragte er. Wieder starrte er sie an.

„Natürlich“ antwortete sie überrascht.

„Warum fragst du?“ wunderte sich Ann. „Möchtest du uns heute Abend begleiten?“

„Ähm, nein. Ich war nur neugierig. Ich mag solche Partys nicht, weil ich nicht tanzen mag. Das ist für mich der blanke Horror“.

„Du bist so wie die meisten Männer“ seufzte Victoria. „Am besten ist es für Frauen immer noch, alleine oder mit einer anderen Frau zu tanzen, wenn sie nicht ständig jemand haben möchten, der auf Ihre Schuhe tritt“.

„Aber du tanzt gern, oder?“ Diego war heute wirklich neugierig.

„Ja, sicher. Ich entspanne mich dabei und gebe mich dem Rhythmus hin“ erklärte sie.

„Und natürlich mag sie es auch, während dem Tanzen in den starken Armen eines Mannes zu liegen“ grinste Ann.

„Ann, höre bitte auf. Ich sagte gerade schon, dass die meisten Männer NICHT tanzen können“.

„Naja, wenn du tanzen willst, da gibt es ein gutes neues Computerspiel in dem du virtuell tanzen kannst. Du tanzt da mit verschiedenen… oh ich sehe gerade, es interessiert euch nicht so wirklich“. Diego verstummte. „Apropos, ich muss jetzt wirklich in mein Büro zurück. Bis dann. Tschüss“.

Schnell machte er sich davon und schloss die Türe hinter sich.

Victoria war verwirrt. „Was um alles in der Welt… ich verstehe das nicht!“

„Mach dir nichts draus, das ist typisch Diego. So ist er eben. Vergiss es einfach... Er ist ein Computernerd und überhaupt nicht an uns Frauen interessiert. Ich denke, wenn es möglich wäre, ein Date mit einem Computer zu haben und ihn zu heiraten, würde er das tun“ lachte ihre Kollegin.

„Ein seltsamer Mensch, ja das ist er“.

„Komm, wir sollten weiterarbeiten, damit wir pünktlich zu unserer Feier gehen können heute Abend“.

Emma in Süddeutschland geboren und zog später in die Mitte Deutschlands. Seit einigen Jahren schon lebte sie in den USA. Sie war Eigentümerin von „Emmas Tanzlokal“. Diese Tanzstätte hatte eine kleine Bar und bot einfache Gerichte an.

Emma wollte den Amerikanern einige Bräuche aus Deutschland näherbringen, wie sie immer sagte. So startete sie jedes Jahr ihre deutschen Faschingsaktivitäten, immer nach Halloween. Es gab einfache Maskenbälle, die mit den Halloweenparties große Ähnlichkeit hatten. Oder sie veranstaltete sehr spezielle Abende, bei deinen sie Kostüme (‚Häs‘) aus der „Schwäbisch- Alemannischen Fasnet“ (Süddeutschland) zeigte oder etwas über den Kölner Karneval erzählte. Sie betonte immer, sie wollte etwas von der deutschen Kultur näherbringen, aber hauptsächlich war es für sie eine gute Gelegenheit, Feste auszurichten und Geld zu verdienen.

Die Party, die Victoria mit ihren Arbeitskollegen besuchen wollte, war eine von den recht gewöhnlichen Feiern.

Victoria wusste nicht, ob sie mit ihrer Arbeit fertig werden würde. Sie war über ihren Computerabsturz sehr verärgert und würde deshalb viel Arbeit haben.

Sie seufzte und schaltete ihren PC wieder an.

In diesem Moment klingelte ihr Telefon. Es war ein interner Anruf.

„Ja, hier spricht Victoria?“

„Äh, ja, hier ist Diego. Ich konnte einige deiner heutigen Dateien auf dem Server finden. Sie sind leider nicht alle auf dem aktuellen Stand, mache sind eine Stunde alt oder älter. Manche konnte ich leider auch nicht wiederherstellen. Aber das dürfte dir helfen. Ich schicke sie dir per Mail. Tschau“.

Victoria war nicht wenig überrascht hatte sie doch den Eindruck gehabt, dass er sich nicht wirklich für ihr Problem interessiert hatte. „Dank Diego…. Diego?!“ Aber der Mann hatte bereits aufgelegt, ohne ihre Antwort abzuwarten.

Die Frau schüttelte den Kopf. Ein seltsamer Mann war er... ein sehr seltsamer.



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Um acht Uhr abends wartete Victoria, die Piratin, vor dem Eingang von „Emmas“ auf Tom und Ann. Zehn Minuten später, kamen die zwei.

„Hey, Victoria, schön dich schon wieder zu sehen. Können wir reingehen?“ Tom sah wie ein Cowboy aus und Ann hatte sich als Katze verkleidet.

Im Gebäude angekommen, unterhielten sie sich mit einigen Freunden, tranken an der Bar und tanzten. Heute gab es kein offizielles Programm, so konnten sie tun, was ihnen gerade in den Sinn kam.

Victoria war froh, sich endlich entspannen zu können. Es war sehr viel Arbeit gewesen, auch wenn Diego ihr die Dateien wie versprochen noch geschickt hatte. Sie war deshalb müde und sich sicher, vor Mitternacht diesen Ort wieder zu verlassen.

Und wie sie an diesem Nachmittag vorhergesagt hatte, tanzte sie entweder alleine oder mit Ann. Eine kleine Band spielte und sie waren wirklich gut, da für jeden Geschmack etwas dabei war: Musik zum alleine Tanzen, zu zweit, langsam, schnell, Fox, Slow Foy, Disco, Walzer und anderes.

Immer wieder jedoch hatte sie ein seltsames Gefühl. Fast so, als beobachte sie jemand. Natürlich war das Unsinn. Denn immer, wenn sie sich umschaute, konnte sie keinen sehen, der das tat. Alles nur Einbildung, sonst nichts.

Nach einigen Drinks musste sie dringend auf die Toilette. Ann flirtete gerade mit einem Cowboy (nein, es war nicht Tom), so ging sie also alleine.

Und sie hatte wirklich Glück. Keiner sonst war auf der Damentoilette. Wann hatte sie das zuletzt erlebt? Musste wirklich schon lange her sein.

Sie war gerade auf dem Rückweg, als ihr ein Mann entgegenkam. Er schwankte und grölte, bis er vor ihr stand.

„Hey, schöne Frau. Wie geht’s?“ stammelte er.

„Oh nein“ Der war wirklich betrunken. Victoria wollte rasch an ihm vorbeigehen, aber da packte er ihren rechten Arm. Verängstigt versuchte sie, ihn loszuwerden. „Lass mich in Ruhe“ rief sie. „Loslassen, fass mich nicht an!“

Der Atem des Mannes stank voller Whiskey. „Oh nein, Lady. Ich lasse dich nicht los, ganz im Gegenteil. Wir beide werden sicher gleich viel Spaß haben“.

Sie versuchte vergeblich, sich loszureißen und von ihm wegzulaufen. Der Mann amüsierte sich über ihre erfolglosen Versuche und lachte laut.

„Hört sofort auf, diese junge Dame zu belästigen“. Plötzlich war eine dunkle Stimme zu hören. Eine dunkle Gestalt kam aus dem Schutz der Schatten und näherte sich den beiden.
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