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Bolianisches Girlanden Bohei

von Dahkur
OneshotHumor, Liebesgeschichte / P12 / MaleSlash
Hugh Culber Paul Stamets
24.11.2017
24.11.2017
1
3.618
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Dieses Kapitel
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24.11.2017 3.618
 
Ich habe das erste Kapitel jetzt um den Anfangsteil erweitert, den ich aufgrund der Wortbeschränkung des unten erwähnten Wettbewerbs hatte streichen müssen. Das zweite dazugehörige Kapitel muss ich als eigene Geschichte hochladen ("Kinder der Sonne"), weil ich gerade gesehen habe, dass ich einmal auf "fertiggestellt" Geschichte nicht erweitern kann. Die beiden Szenen gehören zusammen mit zwei anderen (von denen ich die zweite hier nicht posten kann, weil es sich um eine PWP-Szene handelt) zu dem losen 4-Teiler, wie Stamets und Culber sich kennengelernt haben. Der PWP-Teil ist als zweites Kapitel der Geschichte "Eine Liebeserklärung" auf TrekNation (link in meiner Bio) hochgeladen - falls es jemanden interessiert ;) .

Gekürzt war das erste Kapitel mein Beitrag zur ersten Runde von "Mach was draus! 4" https://forum.fanfiktion.de/t/49805/1

Aufgabe war es, eine Abkürzung neu zu interpretieren (ich habe BGB gewählt), optional war der Zusatz, dass sich für genau eine Person am Ende alles zum Guten wendet.

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Es gab Tage, an denen wünschte man sich, gar nicht erst aufgestanden zu sein.

Heute war einer davon.

Paul Stamets, Grundlagenforscher der Biophysik von Pilz-Myzelien, dessen bisherige Veröffentlichungen bereits die Aufmerksamkeit der technischen Abteilung der Sternenflotte erregt hatten, schlug die Hände über dem Kopf zusammen. Seine Mitarbeiter konstruktiv auf Fehler hinzuweisen, war nicht seine Art. Höflichkeit hielt Stamets für eine überflüssige Zeitverschwendung.

„Das sind die Daten von gestern!“ Er warf der  Biologiestudentin das Datenpadd hin, so dass diese Mühe hatte, es aufzufangen, bevor es über den Tischrand schlitterte. „Damit kann ich nichts anfangen.“

„Es sind die Ergebnisse der neuen Kultur von heute“, wagte die junge Frau aufzubegehren.

„Dann haben Sie eben die Kulturen vertauscht. Wo haben Sie eigentlich Ihren Kopf?“ Er kniff die Augen zusammen und bedachte die Studentin mit einem Blick, als ob er eine unerwünschte Bakterienkolonie auf seinen Myzeliumkulturen musterte. Seine emotionale Kälte verfehlte selten ihr Ziel, so auch dieses Mal nicht. Wer für Paul Stamets arbeitete, arrangierte sich früher oder später damit, dass es Situationen gab, in denen man einfach mit dem Kopf nickte und ihn danach einzog.

„Ich werde die Testreihen noch einmal überprüfen, Sir.“

Ihm entging der sehnsüchtige Blick zur Uhr nicht, doch er ignorierte ihn. „Ich bitte darum!“

Mit frustriertem Kopfschütteln wandte sich der Mykologe wieder seinem Bildschirm zu und vertiefte sich in die Wachstumsparameter seiner Prototaxitis stellaviatori Stämme, augenblicklich die lästige humanoide Präsenz ausblendend. Leider boten die Kurven der nachmittäglichen Beprobung keine Entlastung seines, von der ihm umgebenden Unfähigkeit gequälten, Geists.

„Paul …“

Stamets‘ Kopf schoss in die Höhe, die Augen zu Schlitzen geformt, die Zunge bereit, den ungebetenen Besucher mit eisigem Zynismus einzufrieren, bevor ihm aufging, dass keiner seiner Mitarbeiter auch nur im Traum wagen würde, ihn beim Vornamen zu nennen.

Hendrik Straal, sein Forschungspartner, und wahrscheinlich der einzige Mensch, dem Stamets eine intellektuelle Gleichstellung zugestand, eilte bewaffnet mit einem Daten-Pad in das Büro. „Stamm an056z ist in Stagnation.“ Straal wedelte mit dem Tablet, als er sich dem Schreibtisch seines Kollegen näherte.

„Ich hab’s gerade auf dem Schirm.“ Stamets schwenkte den Monitor ein wenig zur Seite, so dass Straal die Anzeige ebenfalls verfolgen konnte. „Heute ist definitiv der Wurm drin.“ Er knurrte leise. „Ich habe wirklich keine Lust, jeden einzelnen Medienzusatz überprüfen zu lassen, nur um am Ende festzustellen, dass irgendein Trottel zu dämlich war, die Vorschriften richtig zu lesen.“ Er warf Straal einen genervten Blick zu. „Ich glaube, ich fange gleich mit der Durchsicht der Laborbücher an.“

Sein Kollege seufzte. Straal besaß ein offenes, freundliches Gesicht, was Stamets den Vorteil verschaffte, dass ihre Mitarbeiter sich wann immer möglich an den dunkelhaarigen Kollegen wandten und ihn in Ruhe ließen. Für Stamets‘ Empfinden ging Straal viel zu umsichtig mit Unfähigkeit um. „Paul, die Leute geben ihr Bestes. Wenn sie Fehler machen, dann nur, weil sie sich von dir unter Druck gesetzt fühlen.“

„Ach?“ Stamets schenkte seinem Kollegen einen missbilligenden Blick. „Ich erwarte von ihnen nicht mehr als ich von mir selbst erwarte.“

„Da liegt das Problem.“ Straal griff an ihm vorbei und änderte ein paar Eingaben auf Stamets‘ Terminal. Die Wachstumskurven bauten sich neu auf, blieben jedoch immer noch weit hinter der erwarteten Entwicklung zurück. „Niemand kann mit dir mithalten. Du kannst deine Maßstäbe nicht an andere anlegen.“

„Du kannst mit mir mithalten“, gab Stamets verteidigend zurück. Er schob Straals Finger beiseite und variierte nun die Zusammensetzung der Atmosphäre im Inkubator. Auch hier ergab sich keine Verbesserung.

„Dr. Stamets …!“

„Was?!“, herrschte der Mykologe zur Tür hinüber.

Die dort stehende Mitarbeiterin zuckte nur kurz zusammen, hielt jedoch tapfer die Stellung. „Heute ist BGB. Kann die Labormannschaft zeitig Schluss machen?“

„Und wenn heute XYZ wäre, bleiben Sie hier und machen Ihre Arbeit! Raus!“ Er widmete sich wieder dem Monitor. Aus dem Augenwinkel konnte er sehen, wie Straal Handzeichen in Richtung der Mitarbeiterin machte. Er musste gar nicht aufsehen, um zu wissen, dass sein Kollege ihr signalisierte, dass er gleich mit ihr sprechen würde, um die Wogen zu glätten, die Stamets aufgewühlt hatte.

„Die jungen Leuten im Labor sprechen schon den ganzen Tag vom Festival“, warf Straal ein.

„Kein Wunder bekomme ich nur beschissene Daten von denen!“ Stamets schloss die Datei mit einem wütenden Fingerdruck. Er lehnte sich mit vor der Brust verschränkten Armen in seinem Sessel zurück und musterte Straal mit einem Seufzen, das die Ungerechtigkeit des gesamten Universums zum Ausdruck brachte. „Manches Mal habe ich das Gefühl, dass außer uns beiden niemand auch nur einen Bruchteil davon versteht, was wir hier eigentlich machen.“

„Dr. Stamets …“

Er gab seinem Sessel einen Schubs, um ihn sich zu der erneuten Störung herumdrehen zu lassen. „Was ist denn jetzt schon wieder? Man sollte meinen, Sie haben nichts zu tun!“

Dieselbe Mitarbeiterin wie wenige Minuten zuvor stand bereits wieder in der Tür. Das musste er ihr lassen. Sie war eindeutig mutig. „Draußen steht ein gutaussehender Offizier …“

Geschlagen von der Uneinsichtigkeit der Welt riss Stamets die Arme in die Höhe. „Um Himmels Willen, dann schnappen Sie sich eben Ihren gutaussehenden Gigolo und gehen Sie auf Ihr dämliches Fest! Aber wundern Sie sich nicht …“

„Er ist nicht mein Gigolo. Er möchte zu Ihnen“, bemerkte die junge Frau, wobei Stamets sich des Gefühls nicht erwehren konnte, dass ihr Tonfall ein wenig unwirsch wurde. Aber er konnte sich auch irren, da er sich mit den feineren Nuancen der Kommunikation nicht wirklich auseinandersetzte.

„Und warum, um alles in der Welt, erwähnen Sie dann sein Aussehen?“

„Weil es nun mal eine Tatsache ist, dass der Typ heiß aussieht.“

Stamets erhob sich und strebte zur Tür. „Eine völlig irrelevante Tatsache“, rügte er seine Mitarbeiterin. Zu Straal gewandt fügte er hinzu: „Normalerweise kündigt es die Flotte an, wenn sie einen ihrer Aufpasser schicken. Was soll dieser unangekündigte Aufmarsch? Das ist der Nagel auf meinem Sargdeckel für diesen fürchterlichen Tag.“

Straal zuckte mit den Schultern, als er sich ebenfalls in Bewegung setzte.

* * *

Lieutenant Dr. Hugh Culber, Mitarbeiter des medizinischen Corps der Sternenflotte, versuchte, die Nervosität nicht die Oberhand gewinnen zu lassen. Er befand sich in einem kleinen Besucherwartezimmer des biophysikalischen Instituts, einem Prestigeprojekt der technischen Abteilung des Oberkommandos. Die junge Frau, bei der er sein Anliegen vorgetragen hatte, hatte ihn gebeten sich zu setzen, während sie die von ihm gesuchte Person verständigte. Doch der Arzt war zu nervös, und so verbrachte er die wie eine kleine Ewigkeit erscheinende Wartezeit mit Bewegung.

Es war jetzt beinahe einen Monat her, dass er den Astromykologen Paul Stamets zufälligerweise auf einem Kongress auf Alpha Centauri kennengelernt und mit ihm eine Nacht verbracht hatte. Der spröde Wissenschaftler hatte die Begegnung offensichtlich als One-Night-Stand abgehakt, denn er war am nächsten Morgen ohne ein Wort des Abschieds abgereist. Doch Culbers Beharrlichkeit hatte die Adresse des Mannes in Erfahrung gebracht, und sie hatten seit dem ein paar Subraum-Nachrichten ausgetauscht, von denen auch Stamets angetan zu sein schien. Das hatte den Mediziner zu seinem nächsten Schritt ermutigt, den er nicht mit Stamets besprochen hatte. Der musste vor vollendete Tatsachen gestellt werden, alles andere war wie ein ungebremster Aufprall mit dem Kopf auf eine Wand.

Als sich die Türen zum Labortrakt öffneten, atmete er tief durch und bereitete sich auf die Begrüßung vor. Zwei Männer mittleren Alters in Laborkitteln betraten den Besucherbereich. Der eine, der Culber zumindest vom Aussehen her unbekannt war, hatte dunkles Haar, dunkle Augen und ein freundliches, rundes Gesicht. Der andere wirkte mit seinem kantigen, ausgeprägten Kieferknochen, dem hellblonden Haar, den farblosen Wimpern und Augenbrauen und der nahezu weißen Haut eher wie aus Eis gemeißelt. Leider änderte die Miene, die deutlich genervte Missbilligung ausdrückte, rein gar nichts an diesem ersten Ausdruck. Zu Culbers Leidwesen war dies der Mann, wegen dem er hergekommen war.

„Was willst du denn hier?“ Stamets‘ Brauen zogen sich über der Nasenwurzel zu einem Dreieck der Ablehnung zusammen. Die Augen nahmen den gequälten Ausdruck an, den Culber so gar nicht mochte. „Als man mir gesagt hat, dass jemand von der Sternenflotte hier ist, dachte ich, dass sie einen unangekündigten Wachhund zur Überprüfung unseres Fortschritts geschickt haben. Aber bisher nahm ich an, dass du in der medizinischen Abteilung arbeitest.“

„Ich freue mich auch, dich zu sehen, Paul.“ Sämtliche Gründe, warum seine Idee eines Überraschungsbesuchs eine gute gewesen sein sollte, verzogen sich unauffindbar in die Schatten seines Bewusstseins.

Der dunkelhaarige Mann, der Stamets begleitete, hob bei der Nennung des Vornamens überrascht die Augenbrauen, was Culber dazu veranlasste, sich ihm zuzuwenden. „Hugh Culber, medizinisches Corps der Sternenflotte.“ Er streckte die Rechte aus. „Darf ich annehmen, dass Sie Dr. Hendrik Straal sind, Pauls Arbeitskollege?“

„Das dürfen Sie.“ Das Lächeln des anderen Mannes wirkte einladend. „Sie sind der Arzt, den Paul auf der Konferenz getroffen hat?“

Nun war es an Culber, die Augenbrauen überrascht zu heben. „Paul hat von mir gesprochen?“

Stamets, der den freundlichen Austausch der beiden Männer unwillig beobachtet hatte, winkte ab. „Ein-, zweimal vielleicht.“

Straal hielt die Hände so, dass nur Culber sie sehen konnte. Er spreizte alle zehn Finger, schloss die Hände zu Fäusten und spreizte die Finger erneut, während er unauffällig zu seinem Kollegen hin nickte.

Culber versuchte, ein neutrales Gesicht zu behalten, doch innerlich jubilierte er. „Die gesamte Stadt ist geschmückt. Das BGB ist in vollem Gange. Ich dachte, wenn ich schon mal hier bin, kann ich dich ausführen“, kehrte er auf Stamets anfängliche Unfreundlichkeit zurück.

„Keine Zeit. Ich muss arbeiten.“

Der Arzt seufzte lautlos. Der Abend versprach ausgesprochen vergnüglich zu werden.

„Natürlich hat Paul Zeit“, sprang Straal in die Bresche und boxte seinen Kollegen in den Oberarm. „Wir müssen die Testreihen morgen früh ohnehin nochmal neu ansetzen. Das jetzt über’s Knie zu brechen hat keinen Zweck. Wenn du als Boss mit gutem Beispiel vorangehst, kann ich auch den anderen für das Festival frei geben. Sie haben es sich verdient.“

„Was haben die schon getan, um einen freien Abend zu verdienen?“, fauchte Stamets. „Die haben bereits meinen gesamten Tag mit ihrer Unfähigkeit ruiniert! Das waren die falschen Testreihen und die falschen Daten und …“

„Paul!“

Die beiden Wissenschaftler starrten sich einen Moment schweigend an. Culber konnte nicht umhin, Straals Standhaftigkeit zu bewundern.

Es war schließlich Stamets, der den Blick abwandte. „Meinetwegen“, knurrte er. „Ich hol meinen Mantel.“

Sobald der Mykologe außer Hörweite war, packte Straal Culber am Arm. „Sorgen Sie bloß dafür, dass er bessere Laune kriegt!“, raunte er ihm zu. „Der ist heute unausstehlich.“ Er blickte sich rasch zur Tür um, um sicher zu gehen, dass Stamets noch nicht wiederkam. „Lassen Sie sich nicht einschüchtern. Er mag Sie, ganz gleich, was er gleich wieder poltert. Ich habe ihn noch nie so viel über ein Lebewesen sprechen hören, das nicht ins Reich der Pilze gehört …“ Er ließ Culber los und trat einen Schritt zurück, als Stamets zurückkehrte. Der trug nun einen leichten Sommermantel, doch sein Gesichtsausdruck hatte sich nicht im Mindesten verbessert.

„Bringen wir es hinter uns!“

Culber schenkte Straal noch einen letzten Blick, den dieser mit einem Augenrollen quittierte, dann beeilte er sich, mit Stamets‘ weit ausholendem Schritt mitzukommen.

Der Wissenschaftler sprach kein Wort, während sie die hellen Korridore des Instituts entlang eilten. Erst als sie das Gebäude verlassen hatten und die kühle Nachtluft ihre Lungen füllte, schien er sich wieder daran zu erinnern, dass er nicht alleine war.

„Ich dachte, du bist auf Alpha Centauri?“

„Ich …“ Es erschien Culber im Moment nicht ratsam, den wirklichen Grund seines Hierseins zu nennen, nicht bei Stamets‘ offensichtlicher Laune. Also flüchtete er in eine Notlüge: „Ich habe beruflich hier zu tun, und da dachte ich mir, ich überrasche dich.“

„Ich mag keine Überraschungen.“

„Ich habe es gemerkt.“

Sie schwiegen weiter, während sie eine kurze Stichstraße hinabgingen. Diese öffnete sich in eine breite Promenade, die sich für heute Nacht in ein Lichtermeer verwandelt hatte. Soweit das Auge nach rechts und links reichte, war die breite Straße mit Lampions und Girlanden überspannt. Gewagte Konstruktionen aus einem leichten, seidigen Material flatterten und wirbelten in zwei bis drei Metern Höhe im Luftzug strategisch platzierter Gebläse. Es wirkte, als ob die seidenen Gebilde knapp über den Köpfen der Gäste ein Eigenleben führten.

„Okay, was ist das BGB überhaupt?“, knurrte Stamets schließlich, nachdem er sich eine Weile umgesehen hatte. Culber wollte sich einbilden, dass der blonde Mann wenigstens ein bisschen von der Atmosphäre beeindruckt war. „Im Labor haben sie heute von nichts anderem gesprochen.“ Er stockte kurzzeitig, nur um mit finsterem Blick hinzuzufügen: „Weswegen die heutigen Testreihen auch alle für die Tonne waren!“

„Hast du denn nicht nachgefragt?“ Der Arzt betrachtete den Mann überrascht von der Seite. An dessen sozialen Kompetenzen schien sich seit ihrem Kennenlernen nichts gebessert zu haben.

„Es hat mich nicht interessiert.“

„Heute Abend wird das Bolianische Girlanden-Bohei gefeiert, das …“

„Was ist denn das für ein selten bescheuerter Name?“, fuhr Stamets dazwischen. Er starrte seinen Begleiter an.

Culber amüsierte sich über die zur Schau getragene rechtschaffene Empörung - jedoch nur innerlich. „Der richtige bolianische Name ist etwas kompliziert auszusprechen, daher hat sich diese nette Abkürzung eingebürgert.“ Er schenkte ihm einen herausfordernden Blick unter gehobenen Augenbrauen. „Warum weißt du das nicht, du lebst doch hier?“

Stamets erwiderte den Blick mit Kälte. „Es hat mich nie interessiert.“

„Du lebst wirklich nur für deine Arbeit …“

„Und?“

Culber seufzte. „Versuch dich doch wenigstens heute Abend mal ein bisschen gehen zu lassen. Tu’s wenigstens für mich …“ Er beugte sich während des Sprechens vor und legte seinem unwilligen Date den Zeigefinger auf die Lippen. Er verspürte keinerlei Lust auf einen Vortrag darüber, warum es unsinnig sei, etwas für ihn zu tun.

Immerhin besaß Stamets den Anstand, tatsächlich den Mund zu halten.

Culber hob den Arm und vollführte eine kreisförmige Bewegung, welche die vor ihnen liegende geschmückte Promenade umfasste. Das Licht war romantisch, strahlte die luftig tanzenden Girlanden zauberhaft an, und die leichte Musik erhob sich gerade so über dem Pegel der Gespräche. Überall flanierten kleine Gruppen und Pärchen Arm in Arm. Die Ränder der Promenade waren mit Tischen und Stühlen gesäumt, zwischen denen bolianische Kellner mit Getränken umher eilten. Die blaue Hautfarbe dieser Spezies erzeugte einen gewissen Ruhepunkt für das Auge in all dem bunten Treiben. „Heute Abend sollen die Sorgen fort wehen wie diese Girlanden.“

Direkt am Geländer zum Kanal wurde gerade ein Tisch frei. Der Arzt packte den anderen Mann am Arm und zog ihn hinüber. „Lass uns etwas trinken und reden, Paul. Ich habe mich so darauf gefreut, dich wieder zu sehen.“ Der kleine Tisch stand direkt neben einem der Gebläse, das drei kunstvoll verflochtene Girlanden über ihren Köpfen tanzen ließ. Die grünen und gelben Farben verwandelten sich je nach Änderung des Winkels zum einfallenden Lampionlicht in wirbelnde Kaskaden von Violett. Wenn man auch nur ein wenig Sinn für Ästhetik besaß, kam man nicht umhin, von dem Schauspiel fasziniert zu sein.

Stamets beachtete es nicht einmal.

Culber wählte seufzend denjenigen Stuhl, der sich näher am Gebläse befand, um möglichen Beschwerden über störenden Lufthauch oder unpassenden Schattenwurf zuvorzukommen. Er musste eine Möglichkeit finden, diesen Griesgram aus der Reserve zu locken, sonst würde das ein sehr einseitiger und sehr frustrierender Abend werden. In seiner Vorstellung, die er sich auf dem Shuttle-Flug von Alpha Centauri ausgemalt hatte, war ihre Begegnung gänzlich anders abgelaufen.

„Ich bestell etwas für uns, da ich davon ausgehe, dass es dir gleichgültig ist“, bemerkte Culber.

„Mach das.“ Stamets hatte sich gesetzt und starrte jetzt auf den Kanal hinaus. Dort schwammen Hunderte von Kerzen, deren Licht sich in der leicht kräuselnden Oberfläche reflektierte und ein warmes Meer spielerischer Juwelen erzeugte. Culber ging jede Wette ein, dass der Wissenschaftler das nicht einmal bemerkte. Er lehnte sich zurück und winkte einem der vorbeieilenden Kellner. Ohne Stamets weiter zu fragen, orderte er zwei Drinks und eine Kleinigkeit zu essen für sie beide bei dem bolianischen Mann.

Schließlich lehnte er sich auf dem Tisch nach vorne. „Paul … an was denkst du?“

Ohne den Blick vom Wasser abzuwenden, antwortete der Wissenschaftler: „Einer der Prototaxites stellaviatori Stämme hat heute das Wachstum eingestellt. Ich habe die letzten drei Tage damit zugebracht, die Nährlösung zu optimieren, und frage mich jetzt, ob ich einen Fehler gemacht habe, oder ob einer meiner Mitarbeiter mal wieder zu dämlich war, meine Anweisungen auszuführen.“ Er hob den Kopf und blickte Culber direkt an. „Warum muss ich mich mit Leuten herumschlagen, die Hendriks und meine Vision nicht begreifen?“

Der Arzt schluckte die Enttäuschung darüber hinunter, dass seine Anwesenheit offensichtlich keine Rolle in den Gedanken des anderen spielte. Stamets‘ Frust über die Welt im Allgemeinen und seinen wissenschaftlichen Stab im Speziellen wirkte zu ernsthaft, um darüber eine flapsige Bemerkung fallen zu lassen. Das war ein Punkt, den er lernen musste zu tolerieren. Wenn er auch nur irgendwie näher an diesen faszinierenden, bleichen Mann herankommen wollte, musste er akzeptieren, dass dessen Arbeit immer das Wichtigste für ihn bleiben würde. „Weil dein Geist so brillant ist, dass es fast niemanden gibt, der mit dir mitziehen kann.“

Der Blick in den eisigen Augen wurde weicher. „Ich weiß“, entgegnete Stamets, und zumindest für den Moment schien er tatsächlich im Hier und Jetzt angekommen zu sein. Culber beschloss, die Gelegenheit am Schopf zu packen und mit der Wahrheit rauszurücken.

„Paul, ich hab mich hierher versetzen lassen …“

Stamets sah ihn verwundert an. „Warum?“

Alleine schon, dass der andere die Frage überhaupt stellte, nahm Culber den Wind aus den Segeln. „Damit ich bei dir sein kann, natürlich!“

Die Verwunderung verwandelte sich in Starren. Offensichtlich hatte der Wissenschaftler nicht mit dieser Antwort gerechnet. Culber konnte erkennen, dass er ihn damit in die Ecke gedrängt hatte. „Das hättest du dir sparen können. Wenn du so etwas wie ein Beziehung von mir erwartest … dafür habe ich keine Zeit.“

Über die Promenade näherte sich der bolianische Kellner mit ihrer Bestellung.

Culber spürte, wie ihm die Geduld ausging. Er hatte erst letzte Woche die Avancen eines sehr netten Kollegen abgewiesen, weil ihm ausgerechnet dieser sozial unkompatible Eisklotz nicht mehr aus dem Kopf ging. Er atmete tief durch und hob – für ihn ungewöhnlich – die Stimme: „Ich weiß wirklich nicht, wer von uns beiden der größere Vollidiot ist. Ich, weil ich mich in einen hoffnungslosen Fall verliebt habe, oder du, weil du es nicht zulassen kannst!“

Der Bolianer zögerte ein wenig, entschied sich dann aber doch, das Tablett auf dem Tisch abzustellen, und eines der beiden Gläser vor Stamets zu platzieren. Der Wissenschaftler ignorierte ihn vollkommen. „Man kann sich nicht in jemanden verlieben, mit dem man gerade mal eine Nacht …“

Der Kellner beeilte sich, mit dem zweiten Glas auf Culbers Seite zu wechseln, um den Ort dieser unangenehm werdenden Unterhaltung wieder verlassen zu können.

„Ich kann, verdammt noch mal!“ Culber erhob sich halb von seinem Stuhl und griff hinüber nach Stamets‘ Kragen. Seine Absicht war es, den anderen zu küssen, um ihm deutlich zu machen, was er für diesen empfand.

Stamets jedoch reagierte ohne nachzudenken mit einem kleinen Stoß seiner Hände, um den Arzt auf Abstand zu halten. Der verlor das  Gleichgewicht, fiel nach hinten auf den Stuhl zurück, welcher durch den plötzlichen Impuls zu kippen begann. Der bolianische Kellner hatte keine Chance, seinen Arm mit dem Drink rechtzeitig zurückzuziehen und wurde von der nach Balance suchenden Hand des Gastes getroffen. Strauchelnd hielt sich der Bolianer am nächstbesten Gegenstand fest, der sich leider als sein gänzlich unnützes Tablett herausstellte. Die Schale mit den in Öl eingelegten Knabbersachen wurde in Richtung des Gebläses katapultiert, wo deren Inhalt vom Luftstrom hinauf gewirbelt und als Delikatessenregen wieder hinab geregnet wurde. Beide Männer und der Stuhl stürzten in einem Knoten aus um sich greifenden Armen nach hinten und stießen das Gebläse um. Die Girlanden, die sich ihres Auftriebs beraubt sahen, gaben in eleganten Schlieren der Schwerkraft nach und legten sich wie seidige Fesseln um die zappelnden Glieder der Gestürzten.

Culber versuchte, sich aus dem Chaos zu befreien, doch jeder Versuch seinerseits verhedderte die bunten Girlanden noch mehr. Über und über von in Öl eingelegten Oliven und Artischocken bekleckert, die Hände in einem unlösbaren Gewirr von überraschend stabilen Seidenbändern gefesselt und mit schmerzendem Schädel, wo er beim Sturz die Kante des Gebläses getroffen hatte, ergab sich der Mediziner schließlich in sein Schicksal und blieb stöhnend liegen. Der Bolianer neben ihm zappelte noch.

Das leise Glucksen klang im ersten Moment völlig surreal.

Den Schmerz ignorierend hob Culber den Kopf, soweit es die missliche Lage zuließ. Er erkannte, wie Stamets auf die beiden Unglücklichen herab starrte. Der bemühte sich sichtlich, seine abweisende Miene beizubehalten, doch es misslang ihm. Zuerst entspannten sich die Augenbrauen, dann bildeten sich Fältchen an den Augen und schließlich zuckten die Mundwinkel. Der blonde Mann begann zu lachen.

Culber blinzelte die Tränen fort, die ihm der Aufprall in die Augen getrieben hatte. Er hatte Stamets noch nie lachen sehen. Das war die Schmerzen fast wert – fast.

„Bin ich froh, dass wenigstens du wieder gute Laune hast.“ Er ließ stöhnend den Kopf zurücksinken und ergab sich der Peinlichkeit der Situation.

Selbst Stamets‘ Stimme gluckste: „Tut mir leid.“ Er kniff die Lippen zusammen, doch das Grinsen wollte nicht weichen. „Jetzt versteh ich immerhin den Namen: Bolianisches Girlanden-Bohei!“
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