Unglücksraben

MitmachgeschichteAbenteuer, Freundschaft / P16
23.11.2017
13.12.2018
58
241990
27
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
 
NACHWEHEN / Elsewhere





Grandline, eine Winterinsel, die Stadt Nevania

„H-h-hiergeblieben!“
Dem nicht strafbaren Drang nach Freiheit nachgebend, der jedem Lebewesen – und scheinbar auch jedem unbelebten Gegenstand – innewohnte, kullerte die mit einer schlichten Schnur zusammengehaltene Pergamentrolle über das Kopfsteinpflaster des Hafenviertels und ließ ihren Besitzer, einen kleingewachsenen jungen Mann mit wirr-blondem Wuschelkopf und tellergroßen Brillengläsern auf der Stupsnase, ohne Reue hinter sich zurück. Allerdings sah selbiger in dem Schriftstück offenbar einen für ihn unverzichtbaren Wert, weshalb er blind für seine Umgebung ihm gebückt hinterherstolperte und es verzweifelt darum bat, doch endlich die Flucht einzustellen und sich zurück zu seinen von ihm angefertigten Artgenossen unter einer seiner Achselhöhlen zu gesellen, was es dankend, aber bestimmt ablehnte. Schließlich hatte er seit einer Woche keine Zeit mehr für irgendwie geartete Körperhygiene aufbringen können – nicht einmal eine kurze Katzenwäsche war drin gewesen – weil ihn das Austüfteln und Anfertigen von Konstruktionsplänen derart in Beschlag genommen hatte, dass er beinahe sogar die Nahrungsaufnahme verschwitzt hätte. Man konnte das wohl als eine Schattenseite des „Unbekannten Erfinder“-Daseins ansehen, dass man für jede seiner Neukreationen erstmal einen harten Überzeugungskampf zu führen hatte, um irgendjemanden mit genügend Berry im Portemonnaie für seine Idee zu gewinnen und infolge dessen auf finanzielle Unterstützung hoffen durfte. Nur bestand darin Fabricio Daidalos‘ größtes Problem: Er war bei weitem nicht der beste oder überzeugendste Redner – was nicht nur an seinem penetranten Stottern lag – wobei bereits seine übermäßige Schüchternheit es ihm nicht gerade leicht machte, auf andere zuzugehen und ihnen überhaupt von seinen Schöpfungen zu berichten.

„B-bitte, nicht a-ausgerechnet jetzt“, flehte er, als die Rolle ihm zum gefühlt tausendsten Mal durch die dürren Finger glitt und er erschrocken fühlte, wie seine restlichen Pläne sich langsam, aber sicher ebenfalls in seinem Griff unwohl zu fühlen begannen. Mit dem Mut des Verzweifelten setzte er alles auf eine Karte und hechtete dem davonrollenden Pergament hinterher, jedoch hatte er es versäumt, entgegen den Vorschriften der Straßenverkehrsordnung sich zuvor umzusehen, ob nicht jemand seinen Weg kreuzte, was zu seinem Unglück natürlich just in diesem Moment der Fall war. Mit Schwung stolperte er in einen leicht muskulösen, etwa gleichalten Braunhaarigen, der ihn geistesgegenwärtig an den Schultern festhielt und so vor einem unschönen Zusammentreffen seines Nasenrückens mit dem steinernen Grund verhinderte, auch wenn so den von dem Bebrillten getragenen Papieren kein Einhalt mehr geboten werden konnte und sie frohen Mutes seiner Obhut entflohen.

„Oh n-nein, m-meine Pläne!“, rief Fabricio frustriert und ließ sich sofort auf alle Viere fallen, um den Schriftstücken panisch hinterher zu krabbeln. Durch die ruckartige Bewegung rutschte das Gestell seiner Sehhilfe auf seine Nasenspitze, aber in Anbetracht dessen, dass sich gerade große Teile seines Lebenswerks aus dem Staub machen wollten, maß er dem im Moment eine untergeordnete Wichtigkeit zu.
„Kann dich dir helfen?“, wollte der andere Beteiligte des Zusammenstoßes wissen. Er war in die Hocke gegangen und hatte sich ein in seiner Reichweite liegendes Pergament gegriffen, das er ihm mit freundlichem Gesichtsausdruck entgegenhielt.
„Aah!“, kreischte Fabricio überrascht und schoss beinahe wie ein unverhältnismäßig stark aufgezogener Springteufel in die Höhe, beinahe wie eine nichtsahnende Katze, die erst im letzten Moment bemerkt, dass sich ihr aus dem toten Winkel eine gemeingefährliche Gurke mit Tötungsintention näherte. Durch den unvorhersehbaren Höhengewinn verlor seine Brille ihren Halt und rutschte ihm von seinem Riechkolben. Mit hektischen Bewegungen versuchte der Erfinder sie von ihrer Fallbewegung abzuhalten und zu ergreifen, jedoch schien er sie eher unfreiwillig wieder ein Stück nach oben zu schlagen, sodass ein Außenstehender den Eindruck erhalten könnte, es würde sich bei dem Blonden um einen unbegabten Jongleur handeln. Schlussendlich gelang es ihm schließlich doch noch, sie ohne großartige Beschädigungen aufzufangen – lediglich ein Bügel war leicht verbogen – und sich wieder aufzusetzen.
„E-e-es tut mir so leid“, stotterte er und verbeugte sich als Geste der Entschuldigung vor dem Braunhaarigen. Seine Kniee hatten leicht zu zittern begonnen. Wie konnte er nur so ungeschickt sein und ausgerechnet an dem Tag, an dem er womöglich nach langer Zeit endlich seine finanziellen Probleme begraben konnte, erst seine Pläne quer über die Straße verteilen als auch in jemanden hineinlaufen, der unter Umständen ein raubeiniger Genosse mit Hang zur grundlosen Brutalität war und ein halbes Hemd wie ihn wegen jeder noch so kleinen Lappalie zusammenfalten würde?
„I-ich wollte n-nur… u-und d-dann ist mir e-einfach… das war w-wirklich k-keine Absicht-“

„Was für eine unerwartete Überraschung!“, tönte eine erfreute Stimme hinter ihnen und nahm ihre Aufmerksamkeit in Beschlag. Von den Piers her kam ein schwarzhaariger Mann mittleren Alters langsam auf sie zu, in seinen gelben Augen funkelte eine gewisse List als auch eine Spur Triumph. Alles an ihm vermittelte seinem Umfeld, dass er aus höheren Kreisen stammte, seine aus einem feinen Anzug mit steifem Kragen und einem lilanen Überwurfmantel mit goldenen Verzierungen bestehende Garderobe, der sorgsam gepflegte und millimetergenau getrimmte Bart sowie die von ihm ausgestrahlte Gewissheit, dass er sich unter keinen Umständen bücken würde, um dem Erfinder beim Aufheben seiner Pläne zu helfen.
„Da dachte ich, dass der technische Defekt an meinem U-Boot, der meinen Aufenthalt hier gezwungenermaßen um geraume Zeit verlängert hatte, mir nur Nachteile bescheren würde, aber siehe da, schon weht der Wind mir die beiden Gentlemen vor die Füße, die offenbar mein großzügiges Angebot noch einmal überdacht haben.“
„Fürs erste bin ich nur hier, um mir ein genaueres Bild über die Rahmenbedingungen dieses Handels zu machen“, entgegnete Kou mit zusammengekniffenen Augen und warf dem Brillenträger, dessen Nervosität sich aufgrund von Josés Auftauchen noch weiter hochgeschraubt hatte, einen musternden Seitenblick zu. So wie er sich ausgedrückt hatte, musste er dem Blonden wohl einen ähnlichen Vorschlag wie ihm selbst  unterbreitet haben – man erhielt eine beachtliche Menge an Berry, musste dafür aber zusichern, nach einer festgelegten Zeitspanne ins Gras zu beißen – was nur heißen konnte, dass der Bebrillte ebenfalls über Teufelskräfte verfügte.
„Wie ich sehe, haben Sie bereits die flüchtige Bekanntschaft mit Mr. Daidalos gemacht, Mr. Kou“, stellte der Ältere fest und wies mit leicht nach vorn geneigtem Oberkörper mit einer ausgestreckten Hand einladend in Richtung einer Anlegestelle, in der ein U-Boot von durchaus ansehnlichen Ausmaßen im Wasser trieb. Unter den tauchfähigen Gefährten war es wohl das Äquivalent zu dem, was unter den normal auf der Meeresoberfläche schwimmenden Booten ein Segellinienschiff darstellte.
„Ich hoffe, es läuft nicht gegen Ihr Interesse, wenn wir diese Angelegenheit ins Innere meines mobilen Heims verlegen. Wenn ich mich nicht täusche, müsste sowieso jeden Moment dein kleiner Snack gereicht werden, also betrachten Sie sich doch bitte als meine Gäste.“
„S-s-sehr großzügig von I-Ihnen, danke“, stammelte Fabricio, der es inzwischen geschafft hatte, alle ihm entflohenen Pläne wieder einzusammeln, auch wenn sie nun als heilloses Durcheinander kreuz und quer in seinen Armen lagen. Einen Sekundenbruchteil zögerte Kou. Er hatte schon einige Zeit vor seinem Zusammenstoß mit dem Erfinder im Schatten einer Häuserecke verharrt und das U-Boot beobachtet. Verwundert darüber, dass es immer noch hier vor Anker lag, obwohl sein Besitzer doch eigentlich bereits woanders hätte sein wollen – jedenfalls wenn man seinen in seinem Laden geäußerten Worten Glauben schenken wollte – kam ihm auf ein Mal ein Gedanke, den er zuvor ausgeschlossen hatte, der aber unter Berücksichtigung neuster Entwicklungen durchaus nochmal zu überdenken war. Nach dem Besuch Levis und der Männer des Königs in seinem Laden, der ihm seinen wertvollen Anhänger gekostet hatte, zerbrach er sich den Kopf darüber, wie er das Schmuckstück zurückkriegen konnte, ohne dabei gleich seine gesamte ihm verbliebene Existenz zu verspielen. Am einfachsten und ressourcensparsamsten wäre selbstverständlich, wenn er sich alleine in das Schloss des Monarchen schlich und auf diese Weise weder Geld noch Vertrauen in einen Drittanbieter investieren musste. Darüber hinaus konnte er sich – wenn er erwischt wurde – schonmal im Voraus von seinem Shop trennen und sich seelisch auf ein Leben in den Minen einstellen, wo er sich zu Tode schuften durfte. Als Konsequenz erschien es ihm als notwendiges Übel, jemanden zu engagieren, der dieses Risiko auf sich nehmen würde. Allerdings wäre der von ihm erteilte Auftrag nicht gerade ein kleiner Taschendiebstahl, bei dem man wenig bis nichts riskierte, sondern stellte durchaus eine gewisse Crux dar, für die er eine entsprechende Entlohnung aufzuwarten hatte, da sonst mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht die entsprechenden Angebote zusammenkommen würden, um seine Nachfrage bedienen zu können. Von diesem Standpunkt aus betrachtet boten die ihm in Aussicht gestellten Berry eine verlockende Möglichkeit, wobei das Gebot der Stunde nun daraus bestand, etwaige Nachteile genaustens zu erörtern, damit er am Ende nicht als der Gelackmeierte dastand.

Wie das pompöse Äußere des Tauchbootes bereits implizierte, hatte man es sich auch an der Inneneinrichtung nicht nehmen lassen, an jeder nur möglichen Stelle zu betonen, dass Prunk und Protz durchaus innerhalb des Budgets des Besitzers lagen. Allem Anschein nach – jedenfalls nach dem zu urteilen, was der Ladeninhaber zu Gesicht bekam – war das Gefährt in zwei strikt voneinander getrennte Bereiche aufgeteilt. Zum einen war da der Luxus-Part, dessen Ausstattung garantiert unzählige Barren Gold und Silber verschlungen hatte, von dem Haufen an Edelsteinen ganz zu schweigen, und zum anderen die Maschinen- und Schlafräume, in denen die Besatzung residieren musste und die todsicher nicht von Kostbarkeiten an den Stahlwänden und den Boden bedeckenden Perserteppichen umgeben waren. Misstrauisch sah Kou sich genauestens um. Seitdem er einen Schritt in das schwimmende Metallkonstrukt gesetzt hatte, lastete ein seltsames Gefühl auf ihm, so als ob er freiwillig ins Meer gesprungen und auf 100 Meter tief getaucht war, was seinen Körper unweigerlich einem erhöhten Wasserdruck aussetzte. Allerdings war dieses Empfinden nicht einem von Josés Männern geschuldet, die hinterhältig irgendwo lauerten, um ihnen einen Dolch oder eine zu einem ähnlichen Zweck verwendbare Stichwaffe in den Rücken zu rammen, denn bisher war ihm keine weitere Menschenseele aufgefallen, lediglich in dem Speisesaal, der aufgrund größerer mit Glas ausgesparter Lücken im Stahl des Schiffes einen recht ansehnlichen Blick nach draußen bot, wartete die Katzenminkdame auf sie, die er bereits in seinem Shop oberflächlich kennengelernt hatte.

„Du hast mich warten lassen“, brummte sie verstimmt und würdigte die Gäste keines Blickes. Ihren Unmut mit ihrem wild nach links und recht peitschenden Schwanz Ausdruck verleihend, ließ sie sich auf einen reich verzierten Stuhl an einer aus massivem Kristallglas gefertigten Tafel nieder, auf der bereits eine köstlich duftende Auswahl an Leckereien kredenzt war. Ohne auf die anderen zu warten, schnappte sie sich zwei Stäbchen, die aufgrund der ihnen eigenen Schnitzereien eigentlich viel zu schade als Essensutensilien waren, und dezimierte langsam, aber stetig die auf einem Silbertablett angerichteten Sushi-Röllchen.
„Mr. Daidalos, Sie hatten noch nicht das Vergnügen, meine reizende Begleitung kennenzulernen“, sagte José an den Blonden gewandt, wobei ihm eine ganz feine Nuance an Frust in seiner Stimme aufgrund des unmöglichen Verhaltens seiner Mitreisenden durchrutschte, „das ist Laila Felisa Sorulia IV.“
„Prinzessin!“, knurrte sie streng zwischen zwei Häppchen und traktierte ihn mit einem giftigen Blick.
„Natürlich, vergib mir“, seufzte er und schüttelte unmerklich den Kopf.
„E-e-es freut mich s-sehr, e-eure Bekanntschaft zu m-machen, P-P-Prinzessin“, stammelte der tomatenrot angelaufene Fabricio und verbeugte sich schnell, wohl auch um sich nicht dabei ertappen zu lassen, wie er das atemberaubende Aussehen der Blaublütigen eine Spur zu lange bewunderte. Als er realisierte, dass die anderen beiden ebenfalls bereits Platz genommen hatten, tat er es ihnen peinlich berührt gleich und starrte betroffen auf die Tischplatte, während er seine Pläne fein säuberlich neben sich aufreihte.

„Korrigieren Sie mich bitte, falls ich mich täusche, aber es wird sicher in Ihrem Sinne sein, wenn wir sofort zum Geschäftlichen schreiten“, meinte der U-Boot-Besitzer, nachdem er sich einen Schluck Schwanenburger eingegossen und kurz daran genippt hatte.
„Daran habe ich nichts auszusetzen“, antworte Kou wortkarg und kam so Fabricio zuvor, der immer noch eine auffällige Röte auf den Wangen aufwies.
„Ihnen beiden habe ich dasselbe Angebot gemacht, dass ich an dieser Stelle noch einmal wiederhole, um Ungereimtheiten zu vermeiden. Ich biete Ihnen 800 Millionen Berry in bar an, die Sie bei Zustandekommen unseres Geschäfts abschlagsfrei und ohne Verzögerung sofort von mir erhalten. Im Gegenzug erklären Sie sich dazu bereit, mir Ihre Teufelsfrüchte zu verkaufen, indem Sie zusichern, dass Sie spätestens in fünf Jahren das Zeitliche segnen. Möchten Sie noch irgendwelche Fragen äußern, bevor wir zur schriftlichen Besiegelung schreiten? Ich stehe Ihnen Rede und Antwort.“
„Ich hätte zwei Fragen“, kam es von dem Besitzer des „Barry‘s“ wie aus der Pistole geschossen. Aus Vorsicht hatte er bisher keinen Bissen zu sich genommen und genauso die Getränke unangetastet gelassen, auch wenn diese Maßnahme wohl unnötig war, da Fabricio sich bereits zwei Reisbällchen genehmigt hatte und sich noch immer bester Gesundheit erfreute. Was ihn anging hatte Kou also mit seiner Vermutung recht gehabt, er musste tatsächlich ebenfalls eine Frucht gegessen haben.
„Erstmal möchte ich erfahren, wie Sie überhaupt gewusst haben können, dass ich Teufelskräfte habe.“

„Ich hätte mir denken können, dass das Ihre Aufmerksamkeit erregt hat“, erwiderte José und schenkte ihm einen belustigten Blick, „nun, wenn man wie meine Wenigkeit ein durchaus ambitioniertes Unterfangen verfolgt, muss man sich zwangsweise gewisser Hilfsmittel bedienen, wenn man nicht seine gesamte Lebenszeit in eine nie fertigstellbare Suche nach der Nadel im Heuhaufen verschwenden möchte. Aus diesem Grund genieße ich die Gesellschaft der Prinzessin, da sie in dieser Hinsicht eine gewisse Begabung vorzuweisen hat.“
„Das beantwortet nicht meine Frage“, entgegnete Kou kühl und musterte die Minkdame mit zusammengekniffenen Augen, die sich darum aber nicht mal ansatzweise zu scheren schien.
„Ich sagte, dass ich Ihnen Rede und Antwort stehe“, meinte der Anzugträger überheblich lächelnd, „das setzt natürlich voraus, dass die von Ihnen erwartete Antwort in meinem Wissensbereich verankert ist. Dummerweise entzieht es sich jedoch meiner Kenntnis, wie die Prinzessin Teufelsfruchtnutzer erspüren kann. Und bisher hat sie sich auch dagegen verwehrt, mich in dieses Mysterium einzuweihen. Folglich kann ich Ihnen keine bessere Antwort geben, als die, die Sie gerade von mir erhalten haben.“
Unzufrieden schürzte der Braunhaarige seine Lippen – das von vornherein seltsam klingende Angebot gewann durch diese mehr nach einer faulen Ausflucht klingenden Aussage nicht unbedingt merklich an Glaubwürdigkeit – ehe er seine nächste Frage stellte: „Wie können Sie sich überhaupt sicher sein, dass wir uns an unseren Teil der Abmachung halten, nachdem wir Ihr Geld angenommen haben?“

„Aus Ihnen spricht ein ehrlicher Geschäftsmann“, stellte José anerkennend fest und tupfte sich mit einer bestickten Seidenserviette den Mundwinkel ab, ehe er fortfuhr, „normalerweise hätte jeder andere sich des Umstandes erfreut, dass das Gespräch bisher nicht auf diesen Punkt gefallen ist. Schließlich wirkt ein vornehm gekleideter Mann, der sein Geld in nicht unerheblichem Maße x-beliebigen Personen nachschleudert, eher wie ein weltfremder und verzogener Schnösel, den man ohne Bedenken um seine Berrys erleichtern kann. Aber Sie, Mr. Kou, scheinen erkannt zu haben, dass ich nichts anderes bin als ein Geschäftsmann, so wie Sie.“
„E-Entschuldigen Sie die U-Unterbrechung“, stottere Fabricio, der schweigend das Gespräch verfolgt und sich bis zu diesem Zeitpunkt nicht getraut hatte, auch einmal das Wort zu ergreifen, „a-aber ich dachte, dass S-Sie sicherlich I-Interesse daran hätten, wenn i-ich Ihnen vor A-Abschluss unserer A-Abmachung zeige, was Sie m-mit I-Ihrem Geld u-u-unterstützen.“
Nervös fingerte er an einer der Pergamentrollen herum – er benötigte vier Anläufe, bevor er die Schnur um das Schriftstück aufdröseln konnte – und breitete sie vor sich auf der Kristallglas-Tafel aus, nachdem er seinen Teller vorsichtig beiseitegeschoben hatte.
„I-Im Moment arbeite ich a-a-an den Entwürfen eines Schiffes, das völlig ohne W-Wind und Segel auskommt u-u-und auch größtenteils a-auf anderweitige E-Energiequellen verzichten kann, d-da es einzig und a-a-allein das es umgebende M-Meerwasser zur Beschleunigung benötigt. M-Möglich wird dies d-d-durch seltene Riesen-Ammoniten, die m-mittels eines v-von mir e-entwickelten S-Systems a-angesteuert werden k-können und-“
„Mr. Daidalos“, unterbrach José den Blonden und gebot ihm mit einer freundlichen, aber bestimmten Handgeste, dass er wieder in seinen schüchtern-schweigenden Grundzustand zurückzukehren habe, „verstehen Sie mich bitte nicht falsch, aber was Sie mit meinem Geld machen, interessiert mich erst im Nachhinein. Und glauben Sie mir, damit möchte ich keinesfalls meine Missachtung Ihrer Arbeit gegenüber ausdrücken.“
Trotz dieser Versicherung hatte Fabricios eh schon nicht unbedingt im Übermaß vorhandenes Selbstbewusstsein einen erheblichen Dämpfer erlitten, mit gesenktem Blick und betrübt hängendem Kopf fand er sich wieder mit seiner Rolle als ignorierbares Anhängsel ohne Sprechrolle ab. Bevor Kou erneut seine zweite Frage in den Raum werfen konnte, erhob sich José und bedeutete seinen Gästen, ihm zu folgen.

„Für das bessere Verständnis zeige ich Ihnen am besten meine Sammlung“, meinte er und ging voraus. Offenbar erwartete er gar nicht erst, dass Laila sie begleiten würde, sie war viel zu sehr auf die systematische Vernichtung sämtlicher Fisch beinhaltenden Snacks konzentriert.
„Unterbrechen Sie mich, sollte ich Sie langweilen, aber um sowohl die Frage von Mr. Kou zu beantworten als auch meine Äußerung Mr. Daidalos betreffend zu erklären, erscheint es mir zielführend, zuerst eine Kleinigkeit über mich zu erzählen“, sagte er, während sie einen längeren Gang durchschritten, der zu beiden Seiten mit aufwendig eingerahmten Ölgemälden flankiert war, „meine Familie gehörte – wenn man nur weit genug in den Annalen zurückgeht – zu den Gründern der Institution, die weithin als Weltregierung bekannt ist. Folglich erhielt sie das Privileg, nach Mary Joa ziehen zu dürfen und sich selbst als Tenryuubito zu bezeichnen. Wie Sie sich wahrscheinlich leicht vorstellen werden können, ist das Leben als solcher vor allem durch einen Umstand geprägt: Man hat bereits alles nur durch seinen Familiennamen und dem damit einhergehenden Vermögen erreicht. Als Tenryuubito bietet das Leben keine Herausforderung mehr, es verliert zwangsläufig seinen Reiz.“

Für einen Moment hielt José inne, wohl um die Dramatik der Pause einwirken zu lassen, als auch damit seine Gäste verarbeiten konnten, wenn sie in Wirklichkeit vor sich hatten.
„Das kann nicht wahr sein“, wandte Kou ein, die Stirn nachdenklich in Falten gelegt, „jedes Kind weiß, dass die Tenryuubitos damals vor ungefähr 25 Jahren gestürzt und die meisten von Revolutionären und unter ihnen gelittenen Sklaven getötet wurden.“
„Ihre historischen Kenntnisse sind einwandfrei“, bestätigte der Anzugträger von oben herab, „aber ich hatte vor exakt 27 Jahren meinen Titel als Tenryuubito aufgegeben und Mary Joa verlassen. Natürlich verzichtete ich nicht darauf, einen Großteil des mir zustehenden Vermögens mitzunehmen, dass ich kurze Zeit später gewinnbringend investierte. Und sollten Sie sich fragen, warum ich meine Privilegien einfach so abgegeben habe, hier ist der Grund.“

Mit einem kräftigen Ruck stieß der Ältere die Flügeltür auf, die das Ende des Ganges darstellte, und eröffnete so den Blick auf einen großen Raum, der fast vollständig mit Vitrinen gefüllt war.
„D-D-Das… das i-ist…“, stotterte Fabricio und versuchte sein Erstaunen in Worte zu fassen, versagte aber kläglich.
„Wunderschön, nicht wahr?“, half José grinsend aus und strich liebevoll über das Glas eines der Schaukästen, hinter dem drei verschiedenfarbige Früchte unterschiedlicher Größe ruhten, deren Oberfläche mit Kringeln regelrecht durchzogen war.
„Wie viele sind das?“, wollte Kou wissen und ließ seinen Blick durch den Raum schweifen. So etwas hatte er in seinem Leben noch nicht gesehen. Nicht mal in Träumen wäre er auf die Idee gekommen, einen derartigen Anblick für realistisch zu halten, würden seine Sinne ihm nicht gerade den realen Gegenbeweis liefern.
„Dreiundzwanzig“, antwortete der U-Boot-Besitzer stolz und winkte sie an einen in der Mitte stehenden Glaskasten heran, der von einem roten Seidentuch verdeckt wurde, das er mit einer eleganten Handbewegung zur Seite zog, „und diese beiden Prachtstücke sind die momentanen Stars meiner Sammlung.“
„Das s-sind…?“
„Die Erdbebenfrucht, die unter anderem ‚Whitebeard‘ Edward Newgate zu seinem Ruf als stärkster Mensch der Welt verholfen und seine Macht als Rivale des Piratenkönigs Gol D. Rogers gefestigt hat. Und daneben die Finster-Frucht, dank der sich ‚Blackbeard‘ Marshall D. Teach zu einem der gefürchtetsten Freibeuter der Weltmeere aufschwingen konnte“, erläuterte José mit begeistert blitzenden Augen. In seine Stimme hatte sich eine gewisse Note eingeschlichen, die auf seine fast schon krankhafte Züge angenommene Obsession als auch die Ernsthaftigkeit, mit der er ebenjene verfolgte, hinwies.
„Wenn diese beiden nur ihre ‚momentanen‘ Stars sind“, murmelte der Braunhaarige, der im Gegensatz zu seinem wuschelköpfigen Begleiter inzwischen einigermaßen den ersten Schock überwunden hatte, „welche sollten sie dann erst übertreffen?“
„Das ist nicht schwer zu beantworten“, entgegnete José und wies mit einem Finger gen Decke, wo vier gut beleuchtete leere Vitrinen hingen, „um Längen wertvoller wäre die Gum-Gum-Frucht, um nur ein Beispiel zu nennen.“
„D-D-Die F-Frucht des P-Piratenkönigs“, stotterte Fabricio entsetzt. Er hatte am ganzen Körper wie Espenlaub zu zittern begonnen, da ihm offenbar so langsam bewusst wurde, an was für eine Person er im Begriff war, seine Frucht und in Einheit damit auch sein Leben zu verkaufen.

„Ganz genau. Und damit wären wir bei meiner Sie betreffenden Äußerung, Mr. Daidalos“, meinte der Ältere und verdeckte den Glaskasten wieder mit dem dafür vorgesehenen Tuch, so als hätte er Sorge, dass das elektrische Licht die Farbe der Frucht ausbleichen könnte, „für jede dieser Raritäten würde man alleine schon ein kleines Vermögen erhalten, aber ihren wirklichen Wert erhalten sie erst durch die Taten ihrer ehemaligen Besitzer, wie in Monkey D. Ruffys Fall etwa. Was glauben Sie, warum ich Ihnen Millionen Berrys anbiete, wo es doch wesentlich leichter wäre, Ihnen eine Kugel zwischen die Augen zu verpassen?“
Erschrocken zuckte der Erfinder zusammen, so als ob er erwartete, dass sein Gegenüber diese Worte unverzüglich in die Tat umsetzen würde.
„Ein Beispiel zur Veranschaulichung: Ein unbedeutender Noname-Pirat, der urplötzlich mit derartigen Mitteln ausgestattet ist, kauft sich mit Sicherheit ein größeres Schiff, heuert eine tüchtige Crew an und entwickelt Ambitionen, von denen er zuvor nicht zu träumen gewagt hätte. Er fordert womöglich einen Yonko heraus oder stürzt sich in eine große Seeschlacht gegen die Marine, auf jeden Fall schafft er sich einen Namen. Und damit steigert er für mich den Wert seiner Teufelsfrucht. Sie wollen also mein Geld zur Finanzierung des Baus Ihrer Erfindungen nutzen? Das ist wunderbar, denn dadurch wird auch Ihr Name bekannt und davon profitiere wiederrum schlussendlich ich. Das meinte ich damit, als ich sagte, es interessiert mich erst im Nachhinein.“

„Und wie steht es mit meiner Frage?“, hakte Kou nach.
„Wie ich schon sagte, ich bin wie Sie ein Geschäftsmann“, entgegnete José und bleckte seine Zähne zu einem breiten Grinsen, „und als solcher sichere ich mich natürlich ab, um mein Geld nicht sinnlos verschwendet zu haben. Wie ich ja bereits bewiesen habe, bin ich durchaus imstande, Sie aufzuspüren. Und glauben Sie wirklich, Sie könnten mich um meinen Teil der Abmachung bringen, wenn ich die Ihre Schulden eintreibenden Gentlemen jederzeit mit Bestandteilen meiner Sammlung ausstatten kann, wenn Sie tatsächlich Widerstand leisten sollten? Wollen Sie behaupten, Sie könnten dem hier“, er ließ seine Arme mit einer weit ausholenden Geste durch den Raum zeigen, um ihre ausweglose Situation zu verdeutlichen, „Paroli bieten? Lassen Sie mich Ihnen versichern, sobald Sie zustimmen, ist ihr Leben mit einhundertprozentiger Sicherheit spätestens nach Ablauf der festgesetzten Frist zu Ende. Davon haben sich bereits dutzend Gentlemen vor Ihnen überzeugen können.“
„U-Und sollte ich I-Ihr A-Angebot ablehnen?“, brachte Fabricio mühsam hervor, das Rot auf seinen Wangen war mittlerweile einem Kalkweiß gewichen.
„Daran wird auch schon gearbeitet“, versicherte der Anzugträger und lächelte vielsagend, seine Aussage klang jedoch nicht drohend, sie war eher mit einer gewissen Vorfreude ausstraffiert, „aber solange sich die entsprechenden Pläne noch in der abschließenden Entwicklungsphase befinden, bin ich so großzügig und biete Ihnen für Ihr Ableben ein nicht zu verachtendes Sümmchen. So, nun lassen Sie mich die Gretchen-Frage stellen: Nehmen Sie mein Angebot an oder nicht?“

Der blonde Erfinder brachte keinen Ton heraus, seine Hirnzellen schienen aufgrund der unglaublichen Informationsflut gerade in einem sich ständig wiederholenden Kreislauf Purzelbäume zu schlagen und die Arbeit erstmal eingestellt zu haben. Hilfesuchend riskierte er einen Seitenblick in Richtung Kou, der nur kurz zögerte, ehe er dem U-Boot-Besitzer eine Hand entgegenstreckte und ruhig meinte: „800 Millionen für fünf Jahre. Ich nehme an.“

~~~

Hallihallo, ihr Lieben!^^

Erstmal euch allen einen frohen Nikolaus!^^
Zur Information: Die Nebenhandlung um Kou herum ab diesem Kapitel hat sich Suwa-kun ausgedacht. Vielen Dank dafür^^

Im nächsten Kapitel kommen Szenen, auf die ich mich schon sehr freue, auch wenn wir damit das heikle Thema Religion wieder ein wenig anschneiden werden… naja, wird schon werden.

Wie immer lesen wir uns nächsten Donnerstag wieder.
Bis dahin, passt auf euch auf, euer
Cat in the box
Review schreiben