Identität und Verleugnung

GeschichteAllgemein / P12
22.11.2017
30.03.2018
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Mary berichtete Kelly noch kurz.
„Morgen fliege ich eine Kliniktour mit. Also, wir geben beide unser Bestes. Du gibst dir Mühe bei den ersten Übungen und ich beim ersten Artikel. Der erste muss besonders gut sein!“ meinte Mary.
Kelly war froh darüber, dass ihre Tante nun länger in Australien bleiben konnte und strahlte: „Ich drücke dir die Daumen!“  

Mary saß bereits wie an den vorherigen Tagen umgezogen und mit offenen Haaren im Pub beim Essen, als die anderen hereinkamen. Mary nickte ihnen zu, woraufhin Chris und Kate sofort auf sie zu steuerten. Tom, Geoff und Sam folgten ihnen. Sie setzten sich zu Mary.
„Unseren Piloten Sam hast du noch gar nicht kennengelernt, oder?“ fragte Geoff und stellte Sam dann vor.
„So, du verschaffst uns also ein paar Spendengelder!“ lachte Sam.
Mary lächelte selbstbewusst: „Ich werde mir Mühe geben!“
„Mehr kann man nicht erwarten!“ grinste Sam und hob sein Glas. „Auf eine gute Story!“
Sie stießen zusammen an.
„In welcher Zeitung wird der Artikel denn erscheinen?“ erkundigte sich Tom dann.
„Kennst du dich mit der englischen Presse aus?“ lautete Marys provozierende Gegenfrage.
Tom beugte sich vor: „Etwas!“
„Ein Verlag, mit dem ich gut zusammenarbeite, wird das entscheiden. Ich schicke einfach nur den Artikel und bekomme dann eine Rückmeldung, ob sie mehr haben wollen.“ antwortete sie.
Tom wollte sich damit nicht zufrieden geben. „Welcher Verlag?“
Die anderen am Tisch merkten, wie die Stimmung angespannter wurde.
Aber Mary lächelte: „Glaubst du mir nicht, dass ich Journalistin bin?“ Sie zog Visitenkarten aus ihrer Tasche und gab jedem eine. Dort war sie als freiberufliche Journalistin ausgewiesen.
„Damit ist dann ja alles geklärt!“ meinte Sam schnell. Tom lehnte sich wieder zurück.
„Kein Problem! In meinem Berufsstand ist man an Vorurteile gewöhnt. Im Vorfeld habe ich eine kleine Serie ausgehandelt.“ erklärte sie versöhnlich und blickte Tom an: „Man muss einfach abwarten.“
Tom erwiderte nichts. Mary konnte eine noch so gute Reporterin sein, in seinen Augen wog ihre Situation zu schwer.

Mary war am nächsten Morgen pünktlich an der Zentrale und fuhr mit Geoff und Kate zum Flugplatz. Geoff hatte Kate gebeten, Mary ein wenig zu beobachten.

Auf dem Flug saß Mary am Fenster und schaute hinunter auf die Weiten des Outbacks.
„Vermisst du Australien?“ sprach Kate sie an.
Ohne aufzusehen bestätigte Mary dies: „Ja, jeden Tag!“
Geoff erkundigte sich, wie sich Mary den Tag vorstellte. Nun riss sich Mary von der Landschaft los und sah ihn an. „Ich beobachte einfach. Tut, als wäre ich gar nicht da. Vielleicht komme ich mit ein paar Leuten ins Gespräch, vielleicht auch nicht! Ich nehme es, wie es kommt. Es wird keine Fotos geben, also muss ich es so beschreiben, dass die Bilder im Kopf des Lesers entstehen.“
„Klingt kompliziert.“ meinte Kate.
Mary hob die Schultern. „Ich kann es nicht richtig beschreiben. Ich sehe etwas. Später notiere ich meine Eindrücke, das Erlebte, die Emotionen. Die Worte reihen sich fast von selbst aneinander. Später lese ich noch einmal darüber und verbessere Übergänge. Manchmal ist das Spontane aber auch schon das Beste.“ erklärte sie weiter.

Während der Sprechstunde erkundigte sich Geoff später bei Kate: „Wie macht sie sich?“
„Oh, sehr gut! Die Leute mögen sie. Sogar Mrs. Sheldon hat sich eben mit ihr unterhalten!“ antwortete Kate sichtlich beeindruckt.
Geoff war überrascht: „Ach?“
Seine Frau nickte: „Ja, Mary kommt scheinbar mit jedem Menschenschlag zurecht.“

Im weiteren Verlauf der Sprechstunde hörte Geoff dann von den Patienten, wie nett Mary doch sei und wie interessant es sei, sie dabei zu haben. Bevor sie die Sprechstunde beendeten, entdeckte Geoff Mary, auf dem Boden unter einem Baum sitzend, umringt von Kindern.

Auf dem Rückflug schaute Mary wieder schweigsam aus dem Fenster.
„Es war heute ein sehr ruhiger Tag!“ meinte Geoff.
Mary sah kurz auf, lächelte nur und richtete den Blick wieder aus dem Fenster.
Kate und Geoff ließen sie daraufhin in Ruhe.

Plötzlich nahm Mary einen Block zu Hand und begann zu schreiben. Der Stift flog nur so über das Papier.
Kate und Geoff sahen sich amüsiert an.
Mary schie, gar nichts anderes mehr wahrzunehmen. Bis zur Landung blieb es auch so. Selbst als sie kurz warten musste, bis alles umgeladen war, schrieb sie im Stehen weiter. Nur um ins Auto einzusteigen, unterbrach sie kurz, um sofort weiterzuschreiben. Sie sagte kein Wort und ließ sich auch nicht stören.

Am Krankenhaus setzte sie sich noch eine Weile auf die ihr nun schon bekannte Bank, um dort weiterzuschreiben.
Tom entdeckte Mary im Vorübergehen und beobachtete sie. Als Kate an ihm vorbeiging, hielt er sie auf. Sie sah an ihm vorbei zu Mary.
„Oh, sie sitzt seit unserer Rückkehr, also fast eine Stunde, so dort.“ grinste Kate.
„War etwas Besonderes auf der Tour?“ argwöhnte Tom.
Kate schüttelte den Kopf. „Nein, gar nichts!“

Schließlich verbrachte Mary noch Zeit mit Kelly und las auch Bob weiter vor. Im Pub blieb sie an diesem Abend auf ihrem Zimmer und übertrug ihren Artikel in den Laptop. Spät in der Nacht schloss sie noch die Endfassung ab, bis sie zufrieden ins Bett fiel.

Am nächsten Morgen kam Mary wieder pünktlich zur Zentrale. Heute sollte sie mit Tom fliegen.
Während die Vorbereitungen für die Kliniktour liefen, erkundigte sie sich bei Geoff, ob sie den Laptop im Flugzeug mitnehmen könne. „Oder gibt es dann irgendwelche Probleme mit den Geräten?“
„Nein, nein! Kein Problem.“ antwortete Geoff kurz und wollte sich schon auf den Weg zum Krankenhaus machen.
„Oh, warte. Hier, mein Artikel über gestern.“ sagte sie und gab ihm schnell einen Umschlag. Geoff griff zu, nickte und verabschiedete sich eilig.

Mary drehte sich zu Tom: „Wohin geht es heute?“
„Wir machen zwei Stopps.“ erklärte er, während er noch ein paar Sachen in eine Kiste stopfte. „Leers Creek ist nur eine kleine Station und anschließend geht es zu einer kleinen Siedlung namens Neerston.“
„Das hört sich interessant an. Gleich zwei Ziele!“ freute sich Mary.
Sam nahm Tom die Kiste ab, während dieser zu seiner Tasche griff. Er sah Mary an: „Erwarte nicht zu viel!“
Dann verließen sie zusammen die Zentrale.

Auf dem Flug bemerkte auch Tom, wie Mary wieder versonnen aus dem Fenster starrte: „Du vermisst Australien sehr, oder?“
Mary lächelte wehmütig: „Dieses Land da unten ist einzigartig!“
Tom nickte: „Ja, das stimmt.“
„Ich glaube kaum, dass man das richtig schätzen kann, wenn man es täglich so sieht!“ sagte Mary und deutete aus dem Fenster.
„Ich weiß, was du meinst!“ antwortete er.
Mary sah erstaunt auf. „Ach ja?“
„Ich habe eine Zeit lang in Afrika gearbeitet. Als ich zurückkam, ging es mir ähnlich.“ erklärte er.
„Afrika?“ wiederholte sie interessiert.
Tom nickte. „Ja, in Eritea. Ich habe für World Vision gearbeitet.“

Mary blickte ihn fest an und erkundigte sich in ihrer Reportermanier: „Wie hast du die Situation dort empfunden?“
Tom überlegte einen Moment: „Es war hart.“
„Was meinst du damit.“ fragte Mary sofort.
Tom stutzte. „Soll das ein Interview werden?“
„Warum nicht?“ entgegnete Mary zielstrebig.
Tom sah sie an: „Ich denke, es gehört nicht hier her!“
„Du hast damit angefangen!“ erklärte sie uneinsichtig.
Er schüttelte den Kopf: „Was soll das? Eben fand ich dich noch sympatisch, natürlich und sensibel. Jetzt versteckst du dich wieder hinter der harten Schale einer Journalistin. Ich werde einfach nicht schlau aus dir!“
„Ich werde hier keinen Seelenstriptease hinlegen, damit es dir besser geht! Für alles, was du für Kelly und Bob getan hast und tust, danke ich dir. Aber aus meiner Arbeit halte dich raus. Ich weiß, dass es dir nicht gefällt!“ gab sie sehr direkt  zurück.
„Mary...“ Tom wollte sich rechtfertigen, aber Sam rief ihn zum Funkgerät.
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