Das Phantom

GeschichteMystery, Romanze / P16
Lucas Hunter Nikita Duncan OC (Own Character) Sascha Duncan
20.11.2017
10.04.2018
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05.12.2017 2.270
 
Hallo an alle Leser!
Ich wollte eigentlich bis morgen warten, aber da ich den ganzen Tag außer Haus sein werde, lade ich das Kapitel jetzt schon hoch.
Ich hoffe, dass es euch genauso gut gefällt wie die anderen.

Viel Spaß beim Lesen!

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Als Max Shannon am Abend später als gewöhnlich nach Hause kann, beschäftigte er sich gedanklich noch immer mit dem Auftrag, den er zuvor von Nikita erhalten hatte.
Er war es nicht gewohnt, dass die Ratsfrau ihr Gespräch beendete noch bevor er auch nur ein Wort sagen konnte. Sie hatten eine Abmachung, nach der er aussteigen konnte, sollte sie je gegen seine moralische Vorstellung handeln.
Warme Hände legten sich von hinten um seine Taille und er lehnte sich etwas zurück.
„Hmm…“, brummte er, als Sophie leichte Küsse auf seinem Nacken verteilte.
„Wie war dein Tag, du Brummbär?“, kicherte seine Frau und Max dreht sich zu ihr um, ein glückliches Lächeln auf den Lippen.
„Besser, jetzt wo ich dich für mich alleine habe,“ murmelte er in ihr Haar und seufzte dann. „Ansonsten eigentlich so wie immer.“
„Eigentlich?“, fragte Sophia mithochgezogener Augenbrauche, ein amüsiertes Funkeln in den Augen.
„Nikita wollte, dass ich etwas über einen Mordfall herausfinde, der sich heute ereignet hat“, erzählte May, während er eine widerspenstige Haarsträhne hinter ihr Ohr strich.
Sophia löste sich aus seiner Umarmung und runzelte die Stirn. „Sie hat mich heute gebeten nicht mehr gestört zu werden. Das war etwa eine halbe Stunde bevor ich gegangen bin.“
„Wirklich?“ Doch wenn er nachdachte, kann die Reaktion der Ratsfrau nicht sonderlich überraschend. Vermutlich hatte sie auf eigene Faust im Medialnet recherchiert.
Sophia nickte. „Ja. Glaubst du, es hatte etwas mit deinem Fall zu tun?“
„Gut möglich,“ bestätigte Max. „Soweit ich herausgefunden habe, handelt es sich um eine Familie mit der Nikita einige Projekte am Laufen hatte.“
Diese Information hatte Sophia sichtlich überrascht und brachte sie offenbar noch mehr ins Grübeln. Max kannte bereits jeden Winkel seiner Frau und die kleinen Fältchen auf ihrer Stirn, die sich immer bildeten, wenn sie angestrengt über etwas nachdachte, brachten ihn immer wieder leicht zum Schmunzeln. So mochte er seine Sophie am liebsten; wenn sie sich nicht hinter irgendwelchen Schilden im Medialnet versteckte.
„Ein Anschlag auf die Ratsfrau?“, fragte sie immer noch nachdenkend.
Das war auch seine erste Vermutung gewesen, doch Max war schnell zu dem Schluss gekommen, dass es weitaus effektivere Ziele gegeben hätte, um Nikita ernsthaft Schaden zuzufügen.
„Nein“, antwortete er mit einem Kopfschütteln. „Durch dieses Ziel hat sie kaum Verluste gemacht. Ich glaube eher, dass es einen anderen Grund für den Anschlag gibt.“
Oder Gründe. Max hatte noch nicht einmal annähernd genügend Material beisammen, um einen endgültigen Schluss ziehen zu können, aber etwas sagte ihm, dass es sich hier nicht um die Tat eines Konkurrenten handelte.
Die Handschrift des Täters schrie Professionalität.
Er blickte hinab in Sophias fragendes Gesicht.
„Ich habe mir das Material angesehen, das Nikita mir zukommen hat lassen“, berichtete Max und fuhr sich mit einer Hand übers Gesicht. „Es gibt absolut keinen Anhaltspunkt über den Täter, aber der Todesart nach zu schließen muss es sich um einen Medialen handeln. Er – oder sie – ist in allen Fällen gleich vorgegangen: die Schilde aller Angehörigen sind restlos zerfressen, ebenso wie sämtliche Denkstrukturen. Es sieht fast so aus, als hätte jemand eine Art Virus in die Gehirne der Medialen gepflanzt.“
Sophia starrte ihn mit großen Augen an. Max wusste bei weitem nicht so viel über das Medialnet wie seine Frau, doch auch er war sich im Klaren darüber, dass nur sehr mächtige Mediale dazu im Stande waren ihre Kräfte überweite Strecken zu senden. Er konnte sich auch vorstellen was gerade in Sophies hübschem Kopf vor sich ging, denn Max hatte, wenn auch nur sehr kurz, denselben Gedanken gehabt.
„Glaubst du, sie hat…?“ Sie musste die Frage nicht zu Ende stellen, er wusste auch so was sie meinte.
„Nein“, sagte Max bestimmt. „Es gibt keinen Grund warum Nikita sich selbst schaden sollte. So ein Vorgehen wäre aus Sicht einer Medialen, die noch dazu ein Unternehmen leitet, vollkommen irrational.“
Sophie nickte zustimmend. Sie war selbst eine Mediale und auch wenn sie Silentium gebrochen hatte, so wusste Sophia Russo dennoch nur zu gut wie ihre Rasse dachte und handelte.
„Wie willst du in diesem Fall weiter vorgehen?“, fragte sie ihn nach einer kurzen Pause und legte ihre Hände auf seine Brust.
Max seufzte erschöpft. „Ich werde morgen noch einmal mit Nikita reden. Sie weiß mehr als ich über die Morde, da bin ich sicher. Und danach…“, er zuckte mit den Schultern. „Ich schätze, es kommt ganzdarauf an welche Informationen unsere nicht-ganz-so-kalte Mediale noch aus dem Ärmel schüttelt. Aber ich denke mal, dass ich entweder Clay oder die Ratten um Hilfe bitten werde.“
Sophie nickte und war drauf und dran ihm eine Antwort zu geben, als er sie plötzlich packte und in seine Arme nahm.
„Doch zuerst“, sagte er mit einem breiten Grinsen. „Muss ich mich um meine überirdisch gutaussehende Frau kümmern.“

Nikita hatte lange suchen müssen, um die Akte der Familie Kuo zu finden. Normalerweise war alles im Archiv dem Alphabet nach geordnet, doch anscheinend war sie nicht die Erste, die sich Zugriff zu genau diesen Unterlagen verschaffen wollte.
Jeder wusste, dass die Scotts in letzter Zeit verschärft Akten durchsuchten und all jene markierten, die sich in ihren Augen einer Rekonditionierung unterziehen mussten. Doch selbst Henry, der Nikitas Meinung nach mehr als nur ein einfacher Anhänger der Makellosen Medialen war, hatte bisher seine Ziele versteckt. Wenn jemand versuchte Akten verschwinden zu lassen, dann hatte derjenige mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit etwas zu verbergen.
Das würde eine interessante nächste Ratssitzung werden, denn zu den Archiven hatten ausschließlich Ratsmitglieder Zugang. Es sei denn, jemand hatte eine Sondergenehmigung und in letzter Zeit waren keine ausgestellt worden.
Kaleb konnte sie ausschließen. Er hatte weitaus größere Ziele und konnte sich die nötigen Informationen auch ohne entdeckt zu werden holen; dafür musste er keine Akten verstecken. Dennoch durfte Nikita nicht den Fehler machen ihn ganz außer Acht zu lassen.
Anthony konnte sie ebenfalls mit Gewissheit ausschließen. Solange sie beide dieselben politischen und territorialen Interessen verfolgten, bezweifelte Nikita stark, dass er einen solchen Schritt wagen würde. Außerdem war es für Anthony in ihren Augen untypisch. Er war noch nie mit der gleichen Brutalität wie die anderen Ratsmitglieder oder Nikita selbst vorgegangen. Das Oberhaupt des NightStar-Clans hatte andere Methoden seinen Gegnern gegenüber zu treten.
Nikita vermutete, dass sich Tatiana hinter die Scotts gestellt hatte, konnte jedoch keinerlei Verbindung zwischen ihnen nachweisen. Dafür war ihre Konkurrentin auf dem Immobilienmarkt zu gerissen. Sie würde nicht riskieren, dass man ihr auch nur die geringste Beteiligung an den bisherigen Ereignissen, die klar und deutlich Henrys Handschrift trugen, anhängen konnte. Andererseits hatte Tatiana erst in der letzten Woche erneut in Projekte mit Menschen investiert, was sie automatisch auf die gegnerische Seite der Scotts brachte, die eng mit den Makellosen Medialen zusammenarbeiteten.
Ming war in Nikitas Augen eine noch unbekannte Größe in diesem Spiel um Macht und Überleben. Sie selbst hatte den ehemaligen Pfeilgardisten und kardinalen TP-Medialen noch nie zu Gesicht bekommen; keiner von ihnen hatte das. Das und seine überaus tödlichen Fähigkeiten machten ihn zu einem mächtigen Gegner. In den bisherigen Ratssitzungen hatte Ming sich auf keine der sich bildenden Seiten gestellt, was es schwierig machte ihn einzuschätzen.
Bei den Scotts hatte Nikita keinerlei Zweifel. Beide hatten offen zugegeben, dass die Makellosen Medialen ihre vollste Unterstützung hatten.
Nikita hatte noch nicht genug Beweise, um mit dem Finger auf jemanden zu zeigen. Etwas sagte ihr jedoch, dass es nur noch eine Frage der Zeit war, bis die gesichtslose Maske des Täters bröckelte.
Nikita öffnete die Akte, die sie tief verborgen im hinteren Teil des Archivs gefunden hatte.
Sie war leer.

Kaum zehn Minuten später, nachdem Nikita Duncan das Archiv wieder verlassen hatte, traf der Rat sich zu einer kurzfristig einberufenen Sitzung.
Nikita war die Erste, die eintraf, da sie der Dunkelkammer am nächsten gewesen war. Kaleb und Anthony folgten ihr, kamen jedoch aus unterschiedlichen Richtungen. Shoshanna und Henry Scott trafen gleichzeitig mit Tatiana Ryka-Smithe ein.
Interessant, dachte Nikita. Alle drei schienen aus derselben Richtung gekommen zu sein.
Ming war der Letzte von ihnen und die Kammer verriegelte sich hinter ihm.
„Ich nehme an, der Grund für diese Sitzung ist allen bekannt“, eröffnete Kaleb Krychek das Wort.
Die anderen schwiegen. Ihnen war allen klar, dass die Ermordung einer ganzen, noch dazu weltweit bekannten Familie nicht einfach unter den Teppich gekehrt werden konnte.
„Wie konnte es überhaupt zu einem derartigen Schlag kommen?“ Das kam von Tatiana, deren Stern ebenso kalt leuchtete wie die der anderen. „Jemand hätte etwas bemerken und Alarm schlagen müssen.“
„Nicht unbedingt“; antwortete Ming kühl. „Allem Anschein nach hat sich der Angreifer nicht physisch vor Ort befunden, sondern einen direkten Angriff aus dem Net ausgeführt. Die Schilde sämtlicher Familienmitglieder sind vollkommen zerstört worden.“
Er scheint sich gut auszukennen was die Morde betrifft, meldete sich Anthonys Stimme in ihrem Kopf.
Ja, aber wir sind bereits zu demselben Schluss gekommen, antwortete sie ihm telepathisch.
„Selbst wenn derjenige einen psychischen Angriff ausgeführt hat, muss er sich in der Nähe seiner Opfer befunden haben.“ Shoshannas Worte waren kalt und kalkuliert.
„Das ist nicht möglich“, sagte Kaleb ruhig. „Ich habe mir die Zeitabstände zwischen den Morden genauer angesehen. Alle Opfer starben ungefähr zur selben Zeit. Selbst wenn es sich um einen TK-Medialen gehandelt hat, hätte er niemals so viele Mediale auf einmal töten können. Die Kuos hatten ihre Außenposten global verstreut.“
Könnte es sich um die Krankheit handeln, die das Net zerstört? Diese Frage richtete sie an Kaleb.
Nein. Ich habe mir die Bereiche im Net angesehen, sie sind vollkommen gesund. Außerdem wären dann auch andere Gehirne betroffen, was nicht der Fall war.
Dann kann es sich nur um einen sehr mächtigen Kardinalmedialen handeln. Nikita hatte diese Worte bewusst gewählt. Sie wollte wissen wie er darauf reagierte.
Nach einer kurzen Pause antwortete Kaleb. Ja, sieht ganz danach aus.
Interessant, dachte Nikita.
Kaleb weiß mehr als er uns sagt, teilte sie Anthony telepathisch mit.
„Kein Medialer ist mächtig genug, um einen derartigen Anschlag zu verüben“, warf Tatiana ein.
„Keiner, der uns bekannt ist.“ Das war Anthony. Seine Stimme war ruhig und klar im Medialnet.
„Was soll das heißen?“, meldete sich Henry zum ersten Mal. „Dass wir unsere Arbeit als Rat vernachlässigen?“
Nikita griff ein. „Nein, aber es ist doch eindeutig, dass der Täter unbemerkt morden konnte. Wir haben also offensichtlich ein Leck in unserem System, das beseitigt werden muss.“
Ein kurzes Schweigen trat ein, bevor Henry erneut das Wort ergriff.
„Wenn man sich die Statistiken ansieht, halten sich die Verluste in Grenzen“, sagte er kalt.
Nikita wurde sofort hellhörig. „Willst du damit etwa sagen, dass wir die Auslöschung einer ganzen Familie ignorieren sollen?“
„Nein, aber wenn wir ehrlich sind, bist du die Einzige, die wirklich unter den Verlusten leidet“, entgegnete er. Sein Stern, wenn auch nicht ganz so hell wie der ihre, strahlte eine eisige Kälte aus. „Falls man überhaupt von Verlusten sprechen kann.“
„Vielleicht solltest du das genauer erläutern, Henry“, sagte Tatiana Ryka-Smithe in ihrem gewohnt emotionslosen Ton.
„Natürlich“, erwiderte er. „Ich habe mir die Familienakte der Kuos genauer angesehen-“
Nikita unterbrach ihn. „Dasselbe hatte ich auch vor bevor diese Sitzung einberufen wurde; die Akte war leer.“
„Dann muss jemand den Inhalt gestohlen haben nachdem ich sie in den Händen hatte. Ich kann dir versichern, dass sie zu diesem Zeitpunkt noch vollständig war.“
Oder er hat sie danach vernichtet, meldete sich Anthony in ihrem Kopf.
Das glaube ich nicht, antwortete sie bestimmt. Wenn das der Fall wäre, würde er uns nicht erzählen was er über die Kuos in Erfahrung gebracht hat.
„Um auf den Punkt zu kommen“, fuhr Henry fort. „Das Phantom hat uns einige Arbeit abgenommen. In jeder Generation der Familie gab es eine ungewöhnlich hohe Anzahl an Empathen und Einweisungen ins Zentrum.“
Damit meint er die Makellosen Medialen. Anthonys Stimme klang deutlich in ihrem Kopf.
Er hatte sich bisher weitgehend aus der Unterhaltung herausgehalten. Ebenso wie Krychek, Ming und Shoshanna.
„Es ist inzwischen allgemein bekannt, dass Empathen notwendig sind zur Aufrechterhaltung des Gleichgewichts im Medialnet.“ Das war Kaleb. „Sie auszulöschen würde über einen längeren Zeitraum zum Kollabieren des Nets führen, das weißt du.“
„Das ist uns durchaus bewusst“, sagte Henry und Nikita fragte sich, ob ihm bewusst war, was er soeben zugegeben hatte. „Doch die Kuos haben überwiegend Geschäfte mit Menschen und Gestaltwandlern abgeschlossen. Wenn wir die Reinheit des Medialnets wiederherstellen wollten, müssen wir jene im Keim ersticken, die sich den Prinzipien Silentiums widersetzen.“
Das war ein gezielter Seitenhieb, der auf Nikitas Geschäfte mit den DarkRiver Leoparden anspielte.
„Das setzt dich ganz oben auf die Liste der Verdächtigen.“ Nikitas Stimme war kalt und schneidend.
„Das heißt also, dass wir nicht die gleichen Interessen verfolgen“, schlussfolgerte Henry.
„Wenn du darauf anspielst, dass ich meine Geschäfte mit den Gestaltwandlern vollkommen unterbinde“, kam ihre Antwort.
„Unsere Rasse muss rein gehalten werden“, drang Shoshannas eisige Stimme durch die Dunkelkammer.
Dann haben sich die Interessen also gespalten, sagte Anthony telepathisch.
Das war unvermeidlich, antwortete sie. Henry und Shoshanna sind zu sehr in die Machenschaften der Makellosen Medialen integriert.
Dann unterstützt du ihr Vorgehen nicht länger?
Statt ihm eine direkte Antwort zu geben, legte Nikita bewusst eine kurze Pause ein. Du etwa schon?
Ein kurzes Zögern. Das habe ich nie.

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So, unsere erste Ratssitzung ist vorüber. Es hat unheimlich Spaß gemacht, diese Szene zu schreiben. Ich liebe den Rat und die Spielchen, die sie miteinander treiben und hoffe, dass ich Nalinis Darstellung einer Sitzung einigermaßen gerecht geworden bin! :) Es wird noch mehr Sitzungen dieser Art geben, einfach weil ich sie so gerne mag. ;)
Ihr könnt mir gerne eine Review da lassen, was ihr von dem Kapitel haltet!
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