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Dark Way

GeschichteRomance, Angst / P16 / FemSlash
Karai / Miwa Leonardo Shredder Splinter
19.11.2017
23.02.2021
10
37.913
4
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Dieses Kapitel
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23.02.2021 4.761
 
Warnung: Blut, Tod, (nicht graphische) Misshandlung, Erbrechen



Shini wirbelt herum, hält ihr Messer schützend vor sich und schaut sich nach einem Fluchtweg um.

Aber der einzige Weg nach draußen wird blockiert von…

„Eine Ratte?“, die Frage entkommt ihr, ohne, dass sie etwas tun kann.

Der Mutant scheint ihre Verwirrung aber nicht persönlich zu nehmen, schüttelt stattdessen nur belustigt seinen Kopf.

„Ich bin erfreut zu hören, dass deine Augen funktionieren“.

Shini weicht ein Stück zurück und stößt gegen das Regal. Die Bilder wackeln gefährlich.

„Was willst du?“, ihre Stimme verrät nichts von ihrer kurzen Panik.

Sie klingt wieder in Kontrolle, auch wenn das gerade keine größere Lüge sein könnte.

Der Mutant hebt eine Augenbraue und tritt einen Schritt nach vorne.

Shini kann nicht weiter ausweichen.

„Oh? Und ich hatte den Eindruck, dass du in mein zuhause eingedrungen bist. Habe ich die Situation offenbar falsch verstanden?“.

Er legt den Kopf zur Seite und mustert sie ermuntert.

Shini’s Augen zucken immer wieder zu der offenen Tür hinter ihm.

Aber er scheint zu merken, dass sie bereits einen Plan zur Flucht in ihrem Kopf formuliert, denn er hebt unbeschwert seine Hände und zeigt, dass er unbewaffnet ist.

Zumindest keine offensichtlichen Waffen, denkt sich Shini. Sie hat mehr als genug Erfahrung darin, ihre Waffen zu verstecken und harmlos aufzutreten.

Der Mutant zeigt auf ihre Hand. Und plötzlich erinnert sie sich, dass sie noch immer eines von den Bildern in der Hand hält.

„Du erkennst sie?“.

Shini riskiert einen Blick auf das Bild, doch sofort sind ihre Augen zurück auf dem Fremden. Er hat sich nicht bewegt.

„Was kümmert es dich?“.

„Das ist also ein ja“.

„Und wenn es das wäre? Es ist von keiner Bedeutung“.

Der Mutant schüttelt den Kopf und geht einen Schritt weiter.

Shini spannt ihren ganzen Körper an, wenn er nur ein Stück weiter auf sie zu kommt, dann kann sie entkommen.

Aber seine nächsten Worte lassen jeden Gedanken an Flucht verschwinden.

„Du weißt, dass es Karai ist“.

Shini’s Augen weiten sich.

Er nickt kurz, entschieden, dann fährt er sich mit einer Hand- Pfote? Über den Bart.

„Ich nehme mal an, du hast viele Fragen“.

„Woher kennst du sie? Wie kennst du sie?“.

Der Mutant fährt weiter über seinen Bart und brummt.

„Eine lange Geschichte“.

Shini steht vor ihm, komplett Planlos.

„Wieso?“.

„Entschuldige bitte?“.

„Wieso greifst du mich nicht an? Ich bin hier eingedrungen, du hast jedes Recht, mir gegenüber feindselig zu sein. Und stattdessen willst du reden?“.

Er seufzt und lässt seinen Kopf für einen Moment hängen, dann ist er augenblicklich zurück in seiner würdevollen Stellung.

„Ich sollte ehrlich mit dir sein, nicht wahr? Ich habe von dir gehört. Von meinen Söhnen. Und habe die Verbindung zwischen dir und Shredder gezogen. Das du aber so früh hier auftauchen würdest? Damit habe ich nicht gerechnet. Und… Um es simpel auszudrücken, ich weiß, dass du nicht kämpfen wirst“.

Sie starrt ihn ungläubig an.

„Was?“.

„Du wirst nicht gegen mich kämpfen. Du hast Fragen und ich habe Antworten. Du hast Informationen und ich brauche Wissen. Wir können von gegenseitigem Nutzen sein“.

Shini ist noch immer sprachlos.

„Tee?“.

Verwirrt folgt Shini der Hand des Fremden. Er deutet auf einen niedrigen Sitz-Tisch, auf welchem eine Kanne Tee und zwei Tassen stehen.

„Wie-“.

„Die einzige unnötige Frage, heute“.

Shini verbeißt sich das Wie kommt das hier hin? Und starrt das Service an, als hätte es ihr persönlich Unrecht getan.

„Bitte nicht, wir wollen ja nicht, dass mein liebster Raum gleich in Flammen aufgeht“, ertönt die Stimme des Mutanten, als er sich an dem Tisch niederlässt.

Zögerlich folgt sie seinem Beispiel, legt das Messer aber zur Vorsicht neben sich und bewegt ihre Hand nicht davon weg, auch als er ihr eine Tasse anbietet.

„Darf ich?“.

Verwirrt starrt sie seine ausgestreckte Hand an, bis er seufzt und mit ‚Das Bild‘ seine Aufforderung klärt.

„Oh“.

Shini übergibt es ihm, doch bevor er es wegziehen kann, wird ihr Griff stärker. Soll sie es wirklich loslassen? Das ist das einzige Bild aus Karais Kindheit. Und wer auch immer die Leute darauf sind, sie müssen wichtig sein!

Bei seinem Räuspern lässt sie es schließlich doch los und schaut zu, wie er es vorsichtig mit einem Ärmel säubert und dann aufstellt.

Dann schaut er sie an.

„Also, wo wir nun unseren Tee einnehmen“- womit er wohl eher nur sich selber meint- „Sollten wir uns besser kennen lernen. Wie ist dein Name?“.

Misstrauisch mustert sie ihn, beschließt aber, dass wenn er schon versuchen wird sie zu töten, sie ihn einfach ausschalten kann. Falls er nicht so fähig ist, wie er aussieht.

„Shinigami“.

„Ah, ein außergewöhnlicher Name“.

Sie kennt die Bemerkungen und Blicke, die ihr Name auf sich zieht. Und sie liebt es.

Stolz hebt sie den Kopf: „Selbstverständlich“.

Der Mutant nickt und stellt sich selber vor.

„Mein Name ist Splinter“.

Hätte sie vom Tee getrunken, dann hätte sie ihren Schluck mit höchster Sicherheit ausgespuckt.

Splinter bemerkt ihren Schock.

„Du hast von mir gehört?“.

„Du! Du bist es“.

April hat ihr also die richtigen Informationen weitergegeben.

„In der Tat, ich bin ich. Was für eine außerordentlich aufmerksame Bemerkung“.

„Shredder redet von dir! Du bist es, den er jagt!“.

Bei dem Namen verfinstert sich Splinter’s Ausdruck und die Stimmung nimmt eine dunkle Wendung.

„Ja“.

Shini verschränkt ihre Arme und schaut zu Boden.

„Du bist der, den ich finden soll“.

„Das hast du. Und? Wirst du seinem Befehl folgen und mich ausliefern? Es steht nichts in deinem Weg“.

Verschiedene Gedanken streunen durch ihren Kopf. Natürlich sollte sie ihn mitnehmen, aber warum? Sie hat bisher nicht auf Shredder gehört, warum sollte sie es jetzt tun? Und sie kann sich sicher sein, dass Splinter nicht wehrlos ist.

„Nein. Du wolltest reden, also tun wir das. Solange du Antworten für mich hast, gibt es keinen Grund, dass das hier gewaltsam wird“.

„Ich stimme zu. Es scheint, als habe ich dich richtig eingeschätzt“.

„Das passiert selten“.

„Das kann ich mir denken. Du scheinst geübt darin, deine Anwesenheit zu verschleiern. Ich bin mir sicher, dass meine Söhne ansonsten keine Probleme hätten, dich aufzuspüren“.

„Die Turtles“.

„Ja“.

„Also versuchen sie gerade, mich zu finden?“.

„Ich bin nicht über jeden Schritt meiner Söhne aufgeklärt. Aber ich vertraue darauf, dass sie wissen, was sie tun“.

Shini nickt und schaut auf das Bild.

Splinter folgt ihrem Blick.

„Was meintest du mit ‚auch‘?“.

Eines von Splinter’s Ohren zuckt.

„Auch?“.

Sie dreht ihren Kopf zurück: „Als du mich gesehen hast, hast du gesagt, dass ich also auch endlich meinen Weg hierher gefunden habe. Was meintest du damit?“.

„Ah“, er streicht sich über den Bart, „Du erinnert dich“.

Ihr Blick ist erwartungsvoll.

Splinter fährt fort.

„Ich denke, Ich denke, dass du mich in dem Moment an Karai erinnert hast,“ – Shini atmet geschockt aus –, „Als sie das erste Mal in das Versteck gekommen ist, hatte sie einen ähnlichen Ausdruck von Wunder und Ehrfurcht in ihren Augen“.

„Karai? Karai war hier? Und du kennst sie wirklich!“.

Nun ist es Splinter, der verwirrt aussieht.

„Ich weiß doch selbstverständlich, wer meine eigene Tochter ist“.

„TOCHTER?!“.

Shini springt auf und wirft fast ihren Tee dabei um.

Sie stapft im Dojo auf und ab, ihre Gedanken ein einziges Chaos.

Nach einigen Minuten dreht sie sich zu Splinter um.

„Du“, sie gestikuliert in seine Richtung, „Bist ihr Vater?“.

Er lacht nur belustigt und fährt sich wieder über den Bart.

„Ich war nicht immer in dieser Gestalt, solltest du wissen. Früher war ich ein Mensch, so wie du. Aber diese Geschichte ist lange und schwer“.

Sofort setzt sich Shini: „Ich habe Zeit. Und vielleicht beantwortet sie mir endlich meine Fragen“.

„Nun gut, aber wie gesagt, es ist eine lange Geschichte. Du solltest vielleicht in Betracht ziehen, deinen Tee anzurühren“.

Dann beginnt er, zu erzählen.

Er spricht über die Fehde zwischen dem Hamato- und dem FootClan, über das kleine Kind, welches von seinem Vater aufgenommen wurde – der Feind im eigenen Haus – und wie er wie ein Bruder für ihn war, bis sie Tang Shen kennen lernten. Er schwärmt von seiner Frau, von ihrer Intelligenz und ihren Talenten. Als er über die Konfrontation mit Shredder spricht, rollt ihm eine Träne über die Wange. Das Feuer, der Verlust seines Kindes und die Flucht nach New York haben ihm das Herz gebrochen. Und dann hat er eine neue Familie in den Turtles gefunden. Sie waren eine neue Chance für ihn, sich zu beweisen, endlich ein Vater zu sein.
Und dann tauchte Shredder auf und brachte Karai mit sich, die Splinter so sehr hasste, dass sie ihn töten wollte. Als er ihre Mutation erwähnt, verliert auch Shini einige Tränen. Warum musste sie nur so viel durchmachen?!

Shini hat angefangen, ihren Tee zu trinken und muss sich eingestehen, dass er doch ziemlich gut ist. In kurzer Zeit ist er leer.

„Nachdem Gehirnwurm haben wir nichts mehr von ihr gehört. Jedenfalls, bis sie hier aufgetaucht ist, schwerverletzt. Und dann habe ich sie wieder an Shredder verloren“.

Stille herrscht zwischen den beiden.

Splinter versucht sich zu beruhigen, nachdem er diese aufwühlenden Erinnerungen erneut durchleben musste.

Und Shini versucht, ihr Weltbild irgendwie zu retten, nachdem es komplett zersplittert ist.

Natürlich hat sie Shredder immer gehasst, für alles, was er Karai angetan hat, aber auch, weil er einfach generell ein widerlicher Mensch ist. Und ihre Loyalität zum Footclan ist bestreitbar, aber das? Das taucht alles in ein neues Licht.

Durch den Sturm an Gefühlen und Bruchstücken von Gedanken bricht etwas hervor.

„Er hat ihr einen Gehirnwurm eingesetzt“, sie spuckt die Worte voller Verachtung auf den Boden.

„Genauer gesagt, war das Baxter Stockman, ein Mutant, der jedem seiner Befehle ohne Frage folgt. Shredder hat sie ohne Scharm ausgenutzt“.

„Er wird dafür bezahlen“, ihre Hände ballen sich in Fäuste.

„Du bist also hier Vater, huh?“.

Ihre Augen fallen auf das Bild, als müsste sie sichergehen, dass es nicht verschwunden ist.

Es ist keine Frage, jedenfalls nicht direkt. Sie weiß es jetzt und auch, wenn sie versuchen würde, es anzuzweifeln, die Ähnlichkeit zwischen dem Mann und dem Baby auf dem Familien Bild wird jetzt deutlich.

Sie lässt einen Finger über das junge Gesicht ihrer Freundin gleiten. So klein, unbeschwert und unschuldig. So anders zu heute.

„Die Frage ist, was wirst du jetzt tun, Shinigami? Du kennst die Wahrheit, aber was wirst du damit tun? Hilfst du Shredder, oder wirst du ihn verraten? Was wirst du tun“.

Shini schweigt.

Ist das wirklich eine ernstgemeinte Frage? Egal was in der Vergangenheit auch passiert sein mag, ihre einzige Sorge und ganze Loyalität gilt Karai. Und sie wird alles geben, damit sie sicher ist.

„Ich werde sie befreien“.

Noch weiß sie nicht, was sie das Versprechen kosten wird. Aber das wird sie noch.

Ein weiteres Versprechen.

„Was ist mit ihr passiert? Was hat Shredder ihr angetan?“, fragt Splinter besorgt.

Und jetzt fällt ihr auf, wie sehr Splinter wie ein Vater klingt, der sich aufrichtig um sein Kind sorgt.

Diese Liebe hat Karai verdient.

„Ich weiß nicht alles, was passiert ist, aber ihr wurde ein Serum injiziert, dass ihr die Kontrolle über ihren Körper und vermutlich auch ihre Gedanken nimmt. Sie ist kalt und herzlos, oder jedenfalls sollte sie so sein“, den letzten Teil murmelt sie und schaut nachdenklich in eine Ecke.

„Was ist anders?“.

„Sie hat… Sie hat mir geholfen, als ich eine Panikattacke hatte. Und als wir trainiert haben, hat sie mir nicht den letzten Schlag versetzt. Sie hat erzählt, wie schlecht Shredder sie behandelt hat, obwohl sie eigentlich nicht in der Lage sein sollte, gegen ihn zu sprechen, oder seine Befehle zu missachten“.

Einige Tränen schaffen es, ihren Augen zu entkommen und sie wischt sie blitzschnell weg.

Eine von Splinter‘s Händen ballt sich zur Faust, doch er atmet einmal tief durch.

„Du scheinst sie gut zu kennen, meine Tochter“.

Shini stößt ein kurzes, depressives Lachen aus. Es klingt so anders zu ihrem gewöhnlichen, aufgesetzten Kichern.

„Wir sind zusammen aufgewachsen. Ich lebte Damals in einer Tempelanlage, die heimlich Hexerei gelehrt hat. Shredder hat mit den Leuten dort regelmäßig Geschäfte gemacht und irgendwann kam er persönlich. Und entschied sich, mich in seine Dienste zu stellen“, sie beißt ihre Zähne zusammen, vor Wut, „Er hat mich mitgenommen und in eine Festung gesteckt. Mit anderen Kindern. Uns wurde dort vieles beigebracht. Und das nicht auf eine… angenehme Art und Weise“.

Sie überlegt, ob sie ihm mehr erzählen soll - an die Zeit früher zu denken tut weh - aber er hat ihr bereits so viel von sich selber und seinen Leiden gezeigt, sie kann es nur erwidern.

„Es hat sich schnell gezeigt, dass ich talentierter war, als der Rest. Als die, die übrig waren. Und weil ich eine Begabung für die magischen Künste hatte, verwies mich Shredder an eine Hexe, die mir mein ganzes Wissen beigebracht hat. Sie war… eine erstaunlich gute Frau. Launisch und häufig missgelaunt, aber nie unrecht. Ich mochte sie“.

„Als eine der vielversprechendsten Aussichten auf einen Generalsposten in Shredders Reihen, veranlasste er ein Treffen. Jeder, der fähig war, einen Platz zu ergattern wurde versammelt. Darunter Karai“.

Shini kann nur kurz ein Schluchzen unterdrücken. Die Erinnerungen an Damals tuen noch immer weh. Also fast sie sich kurz, in der Hoffnung, ihren Schmerz zu vergessen, zu verdrängen. Vielleicht auch, weil es so persönlich für sie ist.

„Sie war… jemand anderes, damals. So gebrochen und traurig und unglaublich wütend. Wir kamen aber trotzdem miteinander zurecht und waren bald unzertrennlich. Und ohne es zu bemerken, wuchsen meine Gefühle für sie tiefer, bis ich mir irgendwann nicht mehr einreden konnte, dass sie nur meine beste Freundin ist. Sie- Aber bevor… ich etwas sagen konnte, musste sie gehen. Shredder hat nach ihr gerufen. Und dann vergingen Jahre, ohne, dass wir etwas voneinander gehört haben“.

Sie hat wissentlich Teile ausgelassen. Wie sich ihr Herz zusammenzieht, wenn sie auch nur an Damals denkt und an das, was passiert ist…

Splinter sieht sie kurz an und Shini ist bereit, dass er etwas sagen wird, um ihre Gefühle negativ zu bewerten, doch stattdessen schenkt er ihr ein Lächeln. Shini ist mehr als nur überrascht von der Situation.

„Ich bin froh, dass es jemand wie du ist, der sie liebt. Ich schätze mich dankbar, dass sie dich an ihrer Seite hat“.

„D-Danke“, stammelt Shini und läuft rot an.

Das ist das erste Mal seit langem, dass sie so sehr ihre Maske fallen lässt.

„Ich vertraue dir, meine Tochter zu retten. Sie hat diesen Schmerz nicht verdient“.

„Ich werde alles tun, um sie in Sicherheit zu bringen“.

„Wie wäre es damit, wenn du mit meinen Söhnen sprichst? Sie haben daran gearbeitet, ihre Schwester zurückzubekommen, aber bisher hat sich das Unterfangen als schwieriger als gedacht gezeigt“.

„Ich… Ich werde es in Betracht ziehen“.

„Mehr verlange ich nicht“.

Langsam erhebt sich Shini, einige ihrer Knochen knacken nach der langen Zeit, die sie gesessen hat. Sie hebt ihr Messer auf und verstaut es wieder sicher. Dann geht sie auf die Tür zu.

„Einen Moment“.

Sie dreht sich zu Splinter, der ihr gefolgt ist.

„Hier“, sagt er und zieht ein grünes Gerät aus seinem Kimono.

Dankbar nimmt Shini es entgegen und fährt eine Hand über das merkwürdige Teil. Es ähnelt einem Handy, ist aber bei weiterem größer und weniger handlich.

„Sie nennen es T-Phone. Eigentlich sollte es meins sein, aber du kannst es mehr gebrauchen. Fall du ihre Hilfe überhaupt willst“.

Shini verbeugt sich leicht und steckt auch das T-Phone weg.

„Vielen Dank. Ich werde über das Angebot nachdenken“.

„Das bedeutet mir viel“.

Bevor sie das Dojo verlässt, verabschiedet sie sich. Ein merkwürdiges Gefühl zieht an ihrem Herz.

„Auf Wiedersehen“.

„Mögen sich unsere Wege wieder treffen, Shinigami“.

Sie ist beinahe außerhalb Hörungsdistanz, doch seine letzten Worte schnappt sie noch auf.

„Mögest du deinem Namen Ehre machen“.




„Splinter?“.

„Du hast noch zwei Versuche“.

„Wo ist Splinter! Und wieso hast du sein T-Phone! Was willst du?“.

„Beruhig dich, Leonardo, ihm ist nichts zugestoßen“.

Der Name klingt noch immer fremd auf ihrer Zunge, aber Shini schätzt Splinter‘s Entscheidung, seine Söhne nach großen Künstlern zu benennen.

„Wer bist du?“.

„Oh, Leonardo, erkennst du etwas meine Stimme nicht? Ich fühle mich verletzt, dabei dachte ich, ich hätte einen bleibenden Eindruck hinterlassen“.

Kurz ist es still, dann ertönt die Stimme erneut über das T-Phone.

„Du bist die Neue. Die für Shredder arbeitet“.

Er klingt kalt.

„Oh, du bist ja so ein Cleverer. Und dabei dachte ich, Intelligenz wäre das Fachgebiet Donatellos“.

„Ich frage dich noch einmal, woher hast du das T-Phone? Und wie kennst du unsere Namen?“.

„Nun, zufälliger weise kann ich beide Fragen beantworten. Aber wird dir die Antwort gefallen?“.

„Raus damit!“.

„Oh, so ungeduldig. Aber gut. Ich habe eurem Meister einen kurzen Besuch abgestattet und dabei dieses Gerät mitgenommen“.

„WAS!“.

„Bitte senke deine Stimme“, Shinis spielerischer und nonchalanter Ton ist gezwungen und sie hält sich nur knapp davon ab, den Satz zu zischen.

Außerhalb von Shredders Versteck mit dem angeblichen Feind zu telefonieren wirkt sich bestimmt negativ auf ihre Arbeitsbeziehung zu Shredder aus. Deshalb schleicht sie vorsichtig durch die Schatten des Gebäudes, bis sie sich gegen die Mauer lehnt.

„Was willst du?“.

„Ich? Ich will nur reden“.

„Und das sollen wir dir glauben, Hexe?“.

„Ich fühle mich geschmeichelt, wirklich, aber das ist nicht der Zeitpunkt, um misstrauisch zu sein“.

Sie klingt noch immer unbekümmert, doch innerlich hofft sie, dass Leonardo auf sie hört und endlich zum Punkt kommt.

„Worüber?“.

Ihre Gebete wurden offenbar erhört, denn Leo folgt tatsächlich ihrem inneren Skript.

„Na endlich, jetzt stellst du die wichtigen Fragen“.

„Du hast fünf Sekunden, bevor wir auflegen“, ertönt eine neue, tiefere Stimme.

„Ah, Raphael, nicht wahr? Eine Freude, dich kennenzulernen“.

„Fünf Sekunden“, knurrt er.

Ein angestrengtes Kichern verlässt Shinigami, bevor sie tatsächlich beginnt, zu reden: „Ich habe einen Plan. Um Karai zu befreien. Aber ich brauche Hilfe. Und so inkompetent ihr auch seid, ihr Turtles seid die Einzigen, die es mit dem Footclan aufnehmen können und wollen“.

„Was?“, ertönen vier Stimmen gleichzeitig.

Eine kämpft sich scheinbar bis nach vorne durch und ergreift das Telefon.

„Warum sollten wir dir glauben?“.

„Es wäre ja langweilig, wenn ihr mir einfach vertraut. Nein, alles was ich von euch erwarte ist, dass ihr meine Einladung auf ein Treffen annehmt“.

Kurz bricht Chaos am anderen Ende der Leitung aus, dann meldet sich Leonardo: „Gut, wir akzeptieren. Aber nur ein Trick von dir und wir sind fertig“.

„Das würde ich auch erwarten“.

„Also?“.

„Du musst etwas genauer sein, ‚also‘ was?“.

Shini ist sich bewusst, dass ihre kleinen Spielchen sie Zeit kosten, doch sie kann jetzt nicht die Oberhand verlieren und verzweifelt wirken.

„Also, wo treffen wir uns?“.

„Lasst das meine Sorge sein. Ich kümmere mich um alles“.

Dann legt sie auf und geht in Richtung Eingang.


Was sie nicht weiß ist, dass Tigerclaw hinter der Ecke steht und still lauscht. Als sie das Gespräch beendet, leckt er sich über die Zähne und zuckt erfreut mit den Ohren.

„Ich wusste doch, dass man dir nicht vertrauen kann, kleine Hexe“.

Seine Augen blitzen gefährlich auf.

Seine Krallen fahren sich aus.

Er hungert nach Tod.




Gehetzt sucht Shinigami nach Karai. Sie muss sie unbedingt finden und ihr von allem erzählen, was sie erfahren hat.

Immer wieder fragt sie sich, wie Karai so viel alleine hier in New York durchmachen musste und trotzdem eine Familie gefunden hat. Jedenfalls temporär.

Karais Zimmer ist leer. Niemand ist im Trainingsraum. Und der Kartenraum ist verlassen.

Lärm und Schreie reißen sie aus ihrem hastigen Suchen.

Auch wenn sie lieber weitermachen würde, die Ursache dieser Aufregung interessiert sie schon.

Also läuft sie in die Richtung los.

Der Tumult bringt sie bis vor die Tür am Thronsaal.

Verwirrung und Sorge breiten sich in ihr aus. Wer könnte diesen Lärm machen? Und wo sind die anderen Generäle?

Bevor sie die Tür aufziehen kann, fliegen sie von selber auf.

Nein, das ist falsch.

Ein Körper knallt gegen die mächtigen Metallgebilde!

Und fliegt gleich weiter, über Shinigamis Kopf hinweg.

„Ughhh…“, stöhnt Bebop und versucht, aufzustehen.

Erschrocken fährt Shini herum und richtet sich auf. Vor ihr ist…

Eine Katastrophe!

Sämtliche Mutanten rennen ohne Richtung und schreien, brüllen durcheinander.

Ein schriller Schmerzens Schrei ertönt und lässt Shinis Blut für einen Augenblick gefrieren.

Dann wirbelt Fishface durch die Luft und landet neben ihr.

Sie versucht, einen Sinn in diesem Durcheinander zu finden, aber gibt es schnell auf und geht auf Fishface zu.

Der rappelt sich langsam auf und reibt sich über den Nacken.

Zu Shinis Schock befindet sich dort eine Bisswunde. Und sie kommt ihr sehr bekannt vor. Ihr Unterarm kribbelt unangenehm.

„Was ist passiert?“, versucht sie, Informationen zu beschaffen und die Situation zu klären.

„Gute Frage, amiga“, stöhnt er und schaut verwirrt auf seine Hand.

Als er erkennt, dass es sich bei der Flüssigkeit um Blut handelt, springt er erschrocken zurück.

„Was. Ist. Passiert“, presst sie weiter.

Aber Fishface ist zu panisch, als das er antworten könnte.

Ein Wort fällt dabei immer wieder auf, als er wirr vor sich hinmurmelt.

„Serpente?“, wiederholt Shini.

Doch er bemerkt sie gar nicht mehr.

Ihr portugiesisch ist quasi non-existent, aber dieses Wort erkennt sie wieder.

„Schlange“.

„Es ist… Karai…“.

„Was?“, Bebop taucht neben ihr auf und hält seine blutende Seite.

„W-Wir wissen nicht, was passiert ist… aber s-sie- sie“, ein starker Husten rüttelt ihn und beinahe fällt er zu Boden, „E-Er- Shredder kam z-zurück mit ihr und sie war… wie ausgewechselt! Wild… Gefährlich“.

Seine Atmung wird immer schneller und er rutscht die Wand herunter.

Indem Moment ertönt ein wütendes Brüllen und das laute Stampfen von schweren Stiefeln.

„Ich schlage von rechts, du nimmst links!“, ertönt Rocksteady raue Stimme.

„Los!“, stimmt Rahzar zu.

Shini verfolgt die beiden Mutanten und erkennt endlich, was vor sich geht.

„Was zum-? KARAI!“.

In der Mitte des Raumes steht Karai.

Umzingelt von Mutanten.

Inmitten zerstörter Footbots.

Und erst dann fällt ihr auf, wie anders Karai aussieht.

Ihre ohnehin schon grünen Augen fliegen wild hin und her, blitzen mordlustig. Die Schuppen scheinen sich verstärkt zu haben und sind auffälliger denn je. Ihre ganze Haltung ähnelt einem rasenden Tier, dessen einziges Ziel die Zerstörung, Vernichtung von jeglicher Bedrohung ist.

Der Anblick bricht Shini das Herz. Erneut.

Sie hat Karai versprochen, ihr zu helfen und jetzt? Sie hat sie im Stich gelassen, genauso wie Damals!

Sie kann sich nicht bewegen.

Nur zuschauen, wie ihre Freundin langsam ihre Menschlichkeit verliert.

Rahzar und Rocksteady stürzen sich gleichzeitig auf Karai, doch die weicht aus, noch bevor sie ihre Attacke richtig starten können, springt vom Boden ab und katapultiert sich mit einer unmenschlichen Stärke auf Rocksteady zu.

Der kann nicht mehr ausweichen und prallt frontal mit ihr zusammen. Karai verlagert ihr Gewicht jedoch so, dass es der größere Mutant ist, der ächzend zu Boden kracht. Sie triumphiert nicht einmal über das erfolgreiche Manöver, sondern schnappt blitzschnell vorwärts und verbeißt sich in Rocksteadys Hals.

Ihre scharfen Fangzähne scheinen seine dicke Haut ohne Probleme zu durchdringen und Blut fließt.

Nur der Wille – der Drang – zu überleben scheint in der tiefsten Finsternis ihrer geschlitzten Pupillen.

In Panik geraten und wahnhaft nach dem ganzen Blutverlust, versucht er, Karai zu packen, doch die entwindet sich seinem Griff, ohne von ihrem Biss abzulassen.

Rocksteady rafft sich auf und stürzt vorwärts, in einem letzten, verzweifelten Versuch, sich zu befreien.

Aber Karai lässt nicht locker.

Shini will etwas tun, sie kann nicht zulassen, dass Karai das tut, dass sie- dass sie-

Rahzar kommt um einzugreifen, doch Rocksteady ist lange vorbei an dem Moment, wo er Freund von Feind unterscheiden kann.

Er ringt nach Luft, klaut an seinem Hals und stößt ein schmerzerfülltes Stöhnen, gefolgt von einem leisen Wimmern aus, bevor er in sich zusammensackt und mit dem Kopf voran auf dem Boden aufkommt.

Das Leben verlässt seine Augen, der Funke erlischt.

Er regt sich nicht mehr.

Sie hat es getan.

Shini regt sich auch nicht.

Alles ist still.

In ihrem Kopf dreht sich alles. Sie fühlt sich, als müsste sie sich übergeben.

Bebop neben tut es tatsächlich.

Die Erscheinung eines Blutüberströmten Freundes traumatisiert ihn zutiefst.

Karai hängt noch immer an seinem Nacken und lässt ihr Gift in die Wunde sickern.

Für einen kurzen Moment wird Shinigami klar, dass ihr das Gleiche hätte passieren können, als Karai sie gebissen hat.


Ein lautes Knurren ertönt.

Ihr Blick fällt auf Tigerclaw, der hinter ihr aus der Tür tritt. Gefolgt von Shredder.

„Was geht hier vor sich?“, will der Tiger wissen, bevor seine Augen auf das blutige Massaker fallen.

„Ist er wirklich-“, Fishface kann sich nicht einmal dazu bringen, den Satz zu beenden.

Erneut übergibt sich Bebop. Oder immer noch?

Shredder knirscht mit den Zähnen: „Ich kümmere mich darum“.

Dann bewegt er sich schneller als man der Bewegung folgen kann und reißt Karai von dem Toten los. Doch die gibt nicht einfach auf, sondern wehrt sich in einem verzweifelten Kampf und ihre Freiheit.

Shredder aber scheint mit dieser Situation gerechnet zu haben, oder trägt einfach immer Betäubungsmittel bei sich, denn er packt Karai am Hals, schlägt sie zu Boden und injiziert ihr die Dosis.

Karai schreit angsterfüllt auf, klaut und reißt an Shredder’s Armen – durchdringt dabei seine Panzerung – und hinterlässt blutige Spuren, die ihn aber nicht von seinem Plan abhalten.

Ihre Schreie wandeln sich in zorniges Zischen und ihre Reißzähne scheinen ein Stück zu wachsen. Oder war das nur Einbildung.

Bevor sie sich aber weiter verteidigen kann, scheint das Mittel zu wirken, denn Ihr Körper gibt den Kampf langsam auf und erliegt der Erschöpfung.

„Wie konnte das passieren!“.

„Schweig!“.

„Wir haben gerade beinahe alle unserer Footbots verloren und Rocksteady liegt auf dem Boden mit Blut und Gift am Hals! Was ist passiert?“.

„ICH SAGTE SCHWEIG!“.

Shredder springt auf und kommandiert sofort die ganze Halle. Rahzar fällt stumm.

„Keiner wird ein Wort über das hier sprechen! Schafft das Nashorn hier raus! Ich kümmere mich derweil um meine Tochter“.

Keiner rührt sich.

„SOFORT!“.

Alle springen in Bewegung. Nur Shini steht noch immer unbeweglich da, starrt auf Karais bewegungslosen Körper.

„Er wird sie in eine spezielle Zelle bringen, so wie es sich für ein wildes Tier gehört“, flüstert eine Stimme hinter ihr.

Shini fühlt Tigerclaws kalte Freude.

Sie hasst ihn dafür.




„Wir können ihr nicht vertrauen!“.

„Aber bis her hat sie uns doch nichts getan!“.

„Hallo? Jemand zuhause in dieser holen Birne?“, fragt Raph ironisch tippt Mikey gegen die Stirn.

Der schiebt seinen Bruder beleidigt weg.

„Sie ist hier eingebrochen, Mikey! Sie ist keine Freundin!“.

„Leatherhead hat uns auch das erste Mal angegriffen und jetzt sind wir Freunde!“.

„UGh!“, Raph schmeißt seine Hände verzweifelt hoch, „So funktioniert das einfach nicht! Das war ganz anders!“.

„Leute, ich störe ja nur ungern, aber ich stimme Mikey zu“.

Ein Chorus aus vier ‚Was?‘ ertönt und gleichzeitig fahren verblüffte Gesichter zu ihr herum.

April zuckt nur mit den Schultern.

„Ich mein ja nur, als wir geredet haben, war sie gar nicht mal so schlec-“.

Donnie unterbricht sie mit der besorgten Frage, ob es ihr gut geht und ob sie Verletzungen hat. Als April dies verneint, atmen die Jungs merkbar aus.

„Wir haben wirklich nur geredet. Gut, ich glaube, am Anfang hat sie auch mit mir geflirtet, aber darum geht es hier ja nicht-“.

„Was?“, unterbricht Donnie.

Diesmal hat er seine Unterlippe vorgeschoben und sieht aus, als würde er gleich weinen.

„Donnie hat Konkurrenz?“, fragt Raph amüsiert und verschränkt die Arme hinterm Kopf.

„Hmm? Und was ist mit Casey?“, Mikey schaut verwirrt auf seinen Bruder.

Der verpasst ihm einen Schlag auf den Hinterkopf.

„Ernsthafte Konkurrenz“.

„Nein Jungs“, wirft April ein, bevor die Situation weiter eskaliert.

Denn das kann und würde sie sonst.

„Ich hatte die ganze Zeit das Gefühl, als würde sie mein Zimmer mit Verachtung anstarren. Was auch ziemlich unangenehm war, weil ich schon seit Wochen nicht mehr aufgeräumt habe, weil ich so mit Training beschäftigt bin, weil- Ach ja...“, sie räuspert sich, „Sie hat mir erzählt, dass sie nicht wirklich an Shredders ganzen Rache Plan glaubt und eigene Ziele hat. Außerdem hat sie mich sehr zu euch und Splinter ausgefragt“.

„Meine Söhne. April“, ertönt Splinters ruhige, tiefe Stimme.

Sofort setzten sich alle so, dass sie ihn sehen können.

„Hört auf euren Bruder und auf April. Seid ihr vorsichtig und versteht, dann wird euch Shinigami eine wertvolle Mitstreiterin sein“.

„Aber Sensei, sie ist eine Hexe! Und eine böse noch dazu!“.

„Raphael, ich habe dich nicht großgezogen, damit du solch ein Urteil über andere fällst“.

„Tut mir leid, Sensei“.

„Was schlagt ihr also vor?“, fragt Leo.

„Du bist der Anführer, Leonardo, du triffst die Entscheidungen. Ich möchte nur, dass du verstehst, dass es immer zwei Seiten zu einer Münze gibt. Und trotzdem kommt sie manchmal auf ihrem Rand zu stehen“.

Dann geht er wieder.

Mikey beugt sich zu Donnie: „Was bedeutet das?“.

„Keine Ahnung“, flüstert der zurück.

„Dann habe ich einen Entschluss gefasst“, verkündet Leo überzeugt.

„Ah ha?“.

„Wir werden mit ihr zusammen arbeiten“.

„WAS?!“.
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