Die guten(?) Hirten

von Tomoffel
GeschichteAllgemein / P12
18.11.2017
18.11.2017
2
2.974
 
Alle Kapitel
1 Review
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 
18.11.2017 921
 
HalliHallo vereherte Leser und herzlich willkommen zu unserem Beitrag zum Projekt  Gott und seine Schafe
Wir – das sind Huehnchen, die in dieser Geschichte Gottes Part schreiben wird, und Chroyane, die den Teil der Schäfchen übernimmt.
Viel Spaß beim Lesen!

Der Sturm hatte die Insel erreicht und fegte mit solcher Intensität über sie hinweg, dass man glauben konnte, der Tag des Jüngsten Gerichts wäre gekommen. Mit ungebremster Macht brausten die Böen über das aufgepeitschte Meer, warfen es donnernd gegen die Klippen und schleuderten Gischt noch meterhoch empor.

Die alte Villa, die hoch oben auf den umtosten Klippen thronte, schien unter jeder heranfegenden Sturmbö zu erzittern. Die Bäume, die in ihrem parkähnlichen Garten standen, hatten schon so manchem Sturm standgehalten, doch heute schienen sie sich weiter als sonst über das Dach der Villa zu neigen, schüttelten drohend ihre Äste und ließen dünne Zweige über die Fenster kratzen wie die Fingernägel von Horrorgestalten, die Einlass verlangten.

Im Garten selbst wirbelten Blätter und abgerissene Pflanzenstängel umher, eine Gießkanne huschte scharrend über den Boden, als hätte sie plötzlich ein Eigenleben entwickelt – alles, was nicht niet- und nagelfest war, riss der Sturm mit sich, verlieh ihm Leben, für diese eine Nacht.

Marnie bekam von all dem nur wenig mit, im Keller der alten Villa war es beinahe ruhig, nur das ferne Donnern der Brandung konnte sie hier gedämpft wahrnehmen. Die Glühbirne flackerte und Marnie, die gerade über ein ausrangiertes Regal hinwegkroch und sich schließlich wacklig auf einem Drehstuhl mit zerrissenem Polster aufrichtete, hoffte inständig, dass der Sturm die Stromleitungen noch für ein paar Minuten verschonen mochte.

Auf Zehenspitzen balancierend und sich dabei mit einer Hand an der Wand abstützend, damit der Stuhl sich nicht wegdrehte, angelte Marnie nach der Petroleumlampe auf dem obersten Regalbrett im Abstellraum und trat dann, ihre Beute sicher unter den Arm geklemmt, den Rückzug an, wobei sie sich zwischen Kistenstapeln hindurchzwängen musste.

Das Licht blieb an, auch als Marnie die Kellertreppe wieder emporstieg, wo sie den Sturm mit jeder Stufe lauter wüten hörte

Nicht, dass ihr das Angst gemacht hätte! Sie war durch und durch ein Kind der Insel, mit Unwettern dieser Art aufgewachsen. Prasselnder Regen, am Fenster kratzende Zweige und im Kamin heulender Sturm waren die Schlaflieder ihrer Kindheit gewesen und nichts davon, auch der unvermeidliche Stromausfall, konnten sie jetzt noch erschrecken.

Sie stellte die Petroleumlampe auf dem Tisch bereit und legte ein Feuerzeug daneben. Nein, der Gedanke an einen Stromausfall machte ihr keine Angst, sondern stimmte sie höchstens missmutig. Doch noch war es glücklicherweise nicht so weit. Marnie setzte sich mit hochgezogenen Beinen in den großen Ohrensessel und schlug ihr Buch auf. Wenn man den Durchsagen im Radio Glauben schenken konnte, würde der Sturm noch die ganze Nacht hindurch über der Insel wüten, ihre Eltern würden nach dem Konzert also in der Stadt bleiben müssen und sich dort ein Hotelzimmer mieten, denn allein der Gedanke, bei diesem Wetter über die schmale, gewundene Küstenstraße am Steilufer zu fahren, war vollkommen wahnwitzig.

Auf dem Tisch schnarrte ihr Handy und Marnie tastete danach, ohne den Blick von ihrer spannenden Lektüre zu heben, erst als sie das Handy in der Hand hielt, blickte sie auf das Display. Adrian aus ihrem Biologiekurs hatte ihr eine Textnachricht geschrieben, in dem er sein Entsetzen über die neuesten Entwicklungen einer TV-Serie kundtat, die außer ihm nur Marnie kannte, weshalb er sie regelmäßig mit seinen neuesten Theorien dazu zutextete. Wenn Adrian Gefallen an etwas fand, dann verfiel er ihm mit Haut und Haar, mutierte innerhalb von Wochen zum Experten auf dem betreffenden Gebiet und ging damit jedem in seinem Umfeld auf den Geist, einschließlich Marnie. Kopfschüttelnd tippte sie eine Antwort und schaltete ihr Handy dann auf Stumm, um bei ihrer Lektüre nicht weiter gestört zu werden. Zwar verkündete einige Minuten später ein blinkendes Licht an ihrem Handy das Eintreffen weiterer Textnachrichten, aber da Adrian vermutlich ohnehin nur über besagte TV-Serie schreiben und ihr brandneue Theorien präsentieren wollte, beschloss Marnie, dies vorerst zu ignorieren.

Was genau sie schließlich dazu veranlasste, einige Minuten später aufzustehen und in die Küche zu gehen, wusste sie selbst nicht zu sagen – vielleicht wollte sie wirklich nur die letzte Tafel Schokolade aus dem Kühlschrank holen – oder vielleicht war da auch eine andere, höhere Macht, die in diesem Augenblick ihre Schritte lenkte, denn Tatsache war, dass ihr weiteres Leben vollkommen anders verlaufen wäre, wenn sie bei ihrem Buch im Kaminzimmer geblieben wäre. Denn dann hätte sie das Klopfen über das Heulen des Sturms niemals gehört oder als ein Geräusch aus dem Garten abgetan.

Doch im Flur war es deutlich zu hören und es bestand kein Zweifel daran, dass jemand den schweren, löwenköpfigen Türklopfer an der Vordertür betätigt hatte, der eigentlich eher zur Zierde denn zum tatsächlichen Gebrauch dort angebracht war, zumindest seit es in der Villa eine normale Klingel gab. Warum also benutzte jemand den Klopfer und nicht die Klingel, deren Knopf eigentlich nicht zu übersehen war?

Marnie blieb im kühlen Flur stehen und lauschte, mit einem Mal nicht mehr sicher, ob sie sich nicht doch geirrt hatte. Nein. Es klopfte erneut – eindringlicher dieses Mal, so schien es ihr. Es bestand kein Zweifel: Irgendjemand stand dort draußen inmitten eines tobenden Unwetters und verlangte Einlass.

Und Marnie zweifelte keinen Augenblick daran, dass sie keine andere Wahl hatte, als diesen zu gewähren. Denn wer auch immer da draußen war: Diese Villa war das einzige Gebäude weit und breit, der einzige Ort, an dem er vielleicht Schutz suchen konnte.

Also löschte Marnie das Licht in der Küche, ließ die Schokolade Schokolade sein und öffnete die Tür.
Review schreiben