Sachersachen

GeschichteAbenteuer, Übernatürlich / P12 Slash
18.11.2017
29.01.2018
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Warnungen: Alkoholkonsum (gemäßigt), Erwähnung von Panikattacken




Sachersachen



Wir sind alle ein wenig angetrunken. Sara und ich, hier in der fremden Großstadt ungewohnt selbstbewusst Hand in Hand, vielleicht am wenigsten. Yıldız hingegen bricht dauernd in ihr typisches hohes Kichern aus und klammert sich an Sophie fest, die das sehr amüsant zu finden scheint. Der Barkeeper, der für unsere an Hochdeutsch gewöhnten Ohren wie Falco klang, hatten uns einen Shot nach dem anderen ausgegeben, und von Sara abgesehen war niemand von uns sonderlich gut darin, „Nein“ zu sagen. Wollten wir ja auch gar nicht – Abschlussfahrt der dreizehnten Klasse, die letzte Klassenfahrt jemals, wenn es je einen Grund zu feiern gab, dann heute!

Als in der Untergrundbahn genug Plätze für uns alle frei sind, sind wir erleichtert, nur Yıldız klagt, als die Bahn durch das nächtliche Wien zischt: „Ist die U-Bahn hier immer so schnell? Ich hasse das! Können wir nicht langsamer fahren?“ Mit vereinten Kräften schaffen wir es, sie zu beruhigen und ihr zu erklären, dass das Fahrtempo ganz gewöhnlich ist und uns sicher nichts passieren wird. Als wir dann an unserer Haltestelle aussteigen, ist sie auch wieder ganz zufrieden und wir laufen die Mariahilferstraße entlang zu unserer Unterkunft aus der Hostel-Kette Wombats. Um uns direkt auf unser Zimmer zu begeben sind wir zu aufgedreht, also schauen wir nach, ob sich vielleicht ein paar unserer Mitschüler im sogenannten „Partyraum“ aufhalten. Doch dieser ist leer, wahrscheinlich sind die anderen noch dabei, sich den alkoholischen und sonstigen Genüssen der Großstadt zu widmen. „Hm, mal schauen, was die so im Spieleschrank vorrätig haben!“, schlägt Sara vor und löst sich von meiner Hand.
„Oh ja, ich liebe Brettspiele!“, stimmt Sophie ihr zu und gemeinsam durchwühlen sie den riesigen Holzschrank. Ich verdrehe die Augen. Normalerweise kann man mich mit Brettspielen jagen, und wie viel Hostelgäste die Spiele, die man hier findet, schon betatscht haben, darüber will ich gar nicht nachdenken, aber weil ich auf Grund des Wodkas und meiner generell guten Laune friedfertiger bin, als sonst, beklage ich mich nicht.

„Hey, schaut mal! Dance Dance Revolution!“, ruft Sara jetzt begeistert aus.
„Krass, das ist doch voll teuer!“, staunt Sophie. „Komisch, dass die das hier einfach so rumliegen lassen, frei zugänglich. Komm‘, lass mal aufbauen!“
„Oh nein, ich will nicht tanzen, bei mir im Kopf dreht sich noch alles“, jammert Yıldız und lehnt sich an mich. Ich nehme sie in den Arm und lege mein Kinn auf dem Kopf einer meiner kleinsten aber besten Freundinnen ab. „Mach dir keinen Stress – ich seh‘ es schon kommen, dass Sara und Sophie sich einen wilden Kampf liefern. Wir beide können ja einfach in Zeitlupe daneben herum tanzen!“, beruhige ich sie.

Mit vereinten Kräften gelingt es den beiden, das Spiel an den Fernseher mit seinem matt und verschmiert wirkenden Bildschirm anzuschließen, und schließlich liegen die vier Tanzmatten ausgebreitet vor uns. „Also dann, auf geht’s!“, ich gebe Yıldız einen aufmunternden Stupser und wir begeben uns zu unseren Freundinnen.

Mehr oder weniger elegant – und mehr oder weniger nüchtern – hampeln wir auf den Matten herum. Wie zu erwarten war sind Yıldız und ich keine Profis, doch Sophie, die ja eine erstaunliche Menge an Shots heruntergekippt hat, zeigt sich als beeindruckend trunkenheitsresistent und tanzt mit Sara um die Wette, während die Musik immer schneller wird. Meine Freundin hat ihre Haarklammer entfernt und ihre Lockenpracht wirbelt um ihren Kopf während sie ausgelassen tanzt, ein Anblick, der mir noch das letzte Rhythmusgefühl raubt. Ich weiß nicht, ob es der Alkohol ist oder meine Verliebtheit, doch die Atmosphäre im Raum scheint sich zu verändern. Es wird wärmer und wärmer, alles scheint irgendwie zu leuchten während die Farben zu verschwimmen beginnen. Mein Sichtfeld verengt sich. Ich will gerade meinen Freundinnen zurufen, dass ich glaube, einer Panikattacke nahe zu sein, als ich höre, wie hinter uns die Tür aufgerissen wird.
„Entschuldigen die Damen, was denkt ihr eigentlich, wie viel Lärm ihr gerade macht?“ Es ist Achim Wagner, unser Musiklehrer, der da so ärgerlich wie amüsiert unsere Tanzparty unterbricht. Ich will etwas sagen, doch bevor ich ein Wort hervorbringen kann, gibt es einen hellen Blitz, etwas zischt und der Bildschirm wird schwarz. Plötzlich ist das seltsame Gefühl in meinem Kopf weg. Ich kann wieder klar denken und befürchte, dass wir es irgendwie geschafft haben, die Konsole zu zerstören. Na, das würde teuer werden!

Ich blinzle ein paar Mal, schaue mich um, und erkenne, dass eine zerstörte Konsole wohl gerade unser kleinstes Problem ist. Ich traue meinen Augen nicht und beginne fast schon wieder zu hyperventilieren, kann mich aber durch meine Atemübungen beruhigen. Alles sieht ganz anders aus. Nicht nur die Umgebung – meine Freundinnen und Herr Wagner ebenfalls. Ich will nicht die erste sein, die es ausspricht, bin erleichtert als Sophie hervorstößt: „Ähm, Leute? Halluziniere ich oder sind wir eindeutig nicht mehr im Wombats?“ Sara ist inzwischen neben mich getreten und hat meine Hand ergriffen, nun streichelt sie beruhigend mit ihrem Daumen über meine Handfläche. Doch auch das kann mich gerade kaum entspannter stimmen, es macht mir nur noch mehr deutlich, dass unsere eleganten Kleider, die sich nun bei unserer engen Umarmung raschelnd zusammenknautschen eindeutig nicht die Klamotten sind, die wir vorhin zum Ausgehen angezogen haben. Auch Yıldız und Sophie haben sich – wohl instinktiv – zu uns begeben, sodass wir nun in einer Art schützenden Gruppenumarmung dastehen. Herr Wagner tritt zu uns in die Mitte des Raumes, aus dem Verantwortungsbewusstsein eines Lehrers heraus, oder vielleicht dem Urinstinkt, in einer beängstigenden Situation nahe bei der Herde zu bleiben. Meine Augen gewöhnen sich langsam an das Dämmerlicht, und an den Geräuschen des Erstaunens um mich herum, erkenne ich, dass es den anderen genauso geht. Das Zimmer, in dem wir stehen, ist eindeutig eleganter als der Partyraum im Wombats: holzgetäfelte Wände verdecken teils und heben teils die dunkelrot gemusterte Tapete hervor, das einzige Licht kommt aus der anderen Hälfte des Zimmers, die durch eine ebenfalls hölzerne und halbhohe Trennwand vor unseren Blicken verborgen ist. Und überall Vorhänge. Elegant fließen sie vom Durchgang der Trennwand hinab, genauso wie zu beiden Seiten der Zimmertür. Gäbe es irgendeine natürliche Erklärung, wieso wir plötzlich hier sind, es würde mir gefallen.

„Das ist so komisch … ich hab‘ das Gefühl, so einen Raum schon mal gesehen zu haben …“, murmelt Sophie jetzt. „Aber ich schaue ja auch echt viele Historienfilme, und das hier sieht krass nach 19. Jahrhundert aus!“ Wir wagen es nicht, etwas darauf zu entgegnen. Stattdessen schauen wir alle in Richtung Herr Wagners, als wüsste er als Lehrer genau, was in welcher Situation zu tun ist. Auch er trägt nun ganz andere Kleidung. Einen vornehmen Anzug, der ebenfalls irgendwie altmodisch wirkt, dazu thront auf seinem Kopf eine Melone; der Hut, nicht die Frucht. Irgendwie steht ihm der seltsame Aufzug, und trotz der Surrealität der Situation habe ich mal wieder großes Verständnis für mein Vergangenheits-Ich, das zu Beginn der elften Klasse ganz schrecklich in ihn verknallt gewesen war. Herr Wagner selbst entsinnt sich nun anscheinend seiner Verantwortungsrolle und räuspert sich.
„Na gut. In Ermangelung einer besseren Idee würde ich vorschlagen, wir verlassen jetzt erst mal diesen Raum. Dann laufen wir bestimmt bald irgendjemandem über den Weg, der uns erklären kann, was hier eigentlich los ist.“ Wie eine kleine Herde eingeschüchterter Schafe folgen wir ihm, als er die hohe hölzerne Tür öffnet. Zögernd streckt er zunächst den Kopf heraus, doch winkt uns dann, ihm zu folgen. „Kommt, hier ist niemand!“ Wir stehen nun auf einem Gang, der mit einem gemusterten Teppich ausgelegt ist. Als ich die Tür hinter uns schließe, bemerke ich, dass sie von einer Nummer geziert wird, genau wie die anderen Türen, die vom Gang abgehen. „Sieht so aus, als wären wir in einem Hotel!“, schlage ich vor. Der Hall meiner Stimme wird vom dicken Teppich abgedämpft, dennoch klinge ich unangenehm laut im leeren Gang.

„Ja, das glaube ich auch … und irgendwie kommt es mir hier bekannt vor, ich hab‘ das Gefühl, ich bin hier schon einmal gewesen!“, pflichtet Herr Wagner mir bei.
Wir bewegen uns einige Meter den Gang entlang, bis er schon einen scharfen Knick macht. Dahinter geht es wieder nur ein paar Schritte geradeaus, dann finden sich mitten im Gang vier Stufen, die nach oben führen, woraufhin der Weg weiter geradlinig nach vorne führt. „Seltsam“, merkt Sara an. „Also, ich war zwar noch nicht in vielen Hotels, aber so einen Gang mit Stufen in der Mitte hab‘ ich echt noch nie gesehen. Das muss ja voll unpraktisch sein, da mit diesen Zimmerservice-Wägelchen durchzukommen!“ Ich bin erstaunt, dass sie gerade noch so pragmatisch denken kann, kann aber nur zustimmen. Und anscheinend ist es diese Aussage, die Herr Wagner zu der Erkenntnis verhilft, die er gesucht hatte: „Danke Sara! Jetzt fällt mir auch wieder ein, wo wir sind! Ich war hier schon einmal vor einigen Jahren auf einer Konferenz.“ Zögernd und ungläubig spricht er es aus: „Wir sind im Hotel Sacher.“

Na gut. Das Sacher. Ein Ort, an dem aufzuhalten sich keiner von uns leisten könnte, aber immerhin, immer noch in Wien. Irgendwie erleichtert mich das. Diese Erleichterung wird aber gleich vom nächsten Kommentar der geschichtsvernarrten Sophie zunichte gemacht: „Hey, schaut euch mal alle die Lampen an! Die sehen aus wie spätes 19., höchstens Anfang 20. Jahrhundert. Für ein modernes Hotel wäre das übelste Energieverschwendung, oder stehen die im Sacher auf diesen altmodischen Touch auch bei der Beleuchtung, wissen Sie das noch, Herr Wagner?“
Der schaut die Lampen an. Und schluckt.


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Vorgabe: Eine Zeitreise wird durch eine Runde "Dance Dance Revolution" ausgelöst.
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