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Die Konsistenz von Angst

von - Leela -
Kurzbeschreibung
KurzgeschichteAbenteuer, Humor / P12 / Gen
OC (Own Character) Skulduggery Pleasant Walküre Unruh / Stephanie Edgley
17.11.2017
17.11.2017
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An dieser Stelle mochte ich mich zu allererst herzlich bei Sisi12 für ihr tolles Wichtelprojekt Offen für Neues? bedanken, mit dem sie kleine(re)n bzw. unbekannte(re)n Fandoms Gelegenheit gibt, mal einen Schritt in's Rampenlicht zu tun. Es gibt so viele kleine Fandoms, die es einfach verdient haben. Vielen Dank dafür, Sisi! <(^^<)
Die nachfolgende Geschichte hier ist mein Wichtelgeschenk für Schlamperle. Und vielleicht gefällt sie einigen anderen ja auch! ^^


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.~° Vorwort °~.

Liebe Schlamperle!

Nachfolgend findest du mein Wichtelgeschenk an dich, und ich hoffe, es gefällt.

Vorab muß ich dazu erwähnen, daß mir Skulduggery Pleasant sogar nicht ganz unbekannt war – vor einigen Jahren hatte ich mir tatsächlich die ersten Bände einmal gekauft und auch gelesen; leider war in der Zwischenzeit das Fandom aber bei mir in Vergessenheit geraten. Um so überraschter war ich, als ich die Vorgaben bekam, und auch ein wenig dankbar, da ich wußte, daß ich mich auf das Fandom würde einlassen können.
      Ich hatte kurz überlegt, Sisi zu schreiben, daß ich das Fandom kenne, aber ich denke, da es bei mir aufgrund verschiedener Umstände relativ schnell wieder verblieben war und ich mich nie näher damit beschäftigt habe, kann man es nach den Regeln des Wettbewerbes trotz allem noch als »Neuland« gelten lassen. Dir möchte ich jedenfalls danken, daß du mir so Gelegenheit gegeben hast, mich wieder mit dieser tollen Welt zu beschäftigen. Mittlweile habe ich mir die fehlenden Bände auch besorgt, und bin gerade dabei, den für mich neuen Anteil aufzuholen.

Ach ja, was ich noch kurz anmerken möchte, ist: Die Geschichte hier hatte ich schon fertig geschrieben, bevor ich mit dem siebten Band zu lesen angefangen hatte. Warum ich das hier so explizit erwähne, wirst du vermutlich feststellen, wenn du die Geschichte liest. ^^ Also: Das siebste Buch kannte ich bei der Entwicklung der Geschichte ganz ehrlich noch nicht!
      Ich hoffe, du magst meine kleine Idee, die sich von ganz allein in ungeahnte Bahnen entwickelte, und daß ich deine Vorgaben einigermaßen getroffen habe. Ich fürchte, dein P16-P18 habe ich nicht wirklich hinbekommen… *blush* Ich hoffe, es gefällt dir trotzdem. Viel Spaß dabei & damit. <(^^<)

Alles Leebe,
      Leela


So, jetzt geht’s aber los! ^^


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Die Konsistenz von Angst

Die Sonne stand hoch am Himmel und schien auf weite Felder und Wiesen. Vögel zwitscherten in der Luft, als sie vom Wald her über das Dorf flogen, das idyllisch in einer Senke lag. Ein Pferdegespann fuhr die ansonsten einsame Straße zwischen den Feldern entlang in den Ort. Ein Gebirgszug am Horizont glitzerte im Licht, dessen schneebedeckte Gipfel die Mittagssonne reflektierten, während sich auf den Hängen der Berge ein paar Gemsen tummelten.
      Einige hundert Meter im Berg kam das einzige Licht von einer Grubenlampe, welches sich durch einen Gang im Stein arbeitete. In dem vergleichsweise schwachen Lichtschein waren vage die dunklen Umrisse eines Hutes zu sehen, dessen Schatten an der Wand dahinter gewaltiger wirkte, als er in Wirklichkeit war.
      „Wie weit ist es denn noch?“ ließ sich eine Stimme ein Stück hinter dem Hut vernehmen.
      „Das kommt drauf an.“ erwiderte der Hut. „Strecken wie diese haben die Angewohnheit, mit jeder Nachfrage länger zu werden.“
      Walküre verdrehte die Augen, was in der Dunkelheit unbemerkt blieb. Sie bedauerte es fast ein wenig. Und wenn wir schon bei Dunkelheit waren, fiel ihr gleich noch etwas ein. Schnell holte sie zu ihrem Partner auf. „Darf ich dich etwas fragen?“
      „Wenn ich es dir verbiete, tust du’s trotzdem, oder?“
      „Du weißt, was eine rhetorische Fragte ist, oder?“
      „Ja! – Na, die Frage war wenigstens nicht schwer zu beantworten.“ Er wandte sich, als hätte er eine überraschend einfache Aufgabe erledigt, zum weitergehen.
      „Moment!“ Sie hastete an seine Seite. „Das war nicht die Frage, und das weißt du!“
      Skulduggery seufzte theatralisch. „Ich habe es geahnt… Ich nehme mal an, die kommt jetzt, oder?“
      „Warum diese Grubenlampe? Wieso machen wir nicht vernünftig Licht? Warum lassen wir nicht zum Beispiel einfach einen Feuerball entstehen, oder so?“
      „Das willst du gar nicht wissen.“ war die knappe Antwort darauf.
      „Da irrst du dich!“
      „Ich irre mich nie!“
      „Doch! Ich will es wissen!“
      „Nein, das willst du sicher nicht wissen!“
      „Und ob ich es wissen will! Jetzt erst recht!“
      Skulduggery blieb stehen, so daß Walküre fast gegen ihn geprallt wäre. „Wie du meinst…“ Er ließ nur den Hauch einer Flamme in der Hand entstehen. In dem Augenblick reagierte etwas, und eine Kaskade aus blendendem Licht sprang mit einem funkelnden Schweif zwischen den Steinwänden hin und her, stark genug, um die zwei Gäste zu Boden zu reißen. Der glitzernde Lichtschweif flog knapp an ihnen vorbei, ließ kurz den Schädel von Skulduggery aufblitzen und huschte dann an Walküre vorbei zurück in’s Nichts. Es roch nach verbranntem Haar.
      Walküre keuchte. „Okay… Vielleicht will ich es doch nicht wissen…“
      „Was habe ich gesagt…?“ triumphierte der Detektiv.
      Sie gestikulierte verzweifelt. „Hättest du es mir nicht einfach sagen können?“
      „Ich finde es so wirkungsvoller.“ meinte Skulduggery gelassen.
      „Ich hätte es dir auch so geglaubt.“ murmelte Walküre, als sie ihrem Partner weiter in den Berg hinein folgte. „Wonach suchen wir eigentlich?“
      „Nach einem Geheimnis.“
      „Verrätst du’s mir?“
      „Dann wär’s aber kein Geheimnis mehr, oder?“
      „Es wäre aber sehr hilfreich, wenn ich wüßte, wonach wir suchen!“ beharrte die junge Frau an seiner Seite.
      „Das wäre es.“
      „Also?“
      „Wenn ich es wüßte, würde ich es dir sagen!“
      Walküre stockte. „Moment mal. Du willst mir erzählen, daß wir den ganzen Aufwand hier betrieben, und du weißt nicht, wonach wir suchen?“
      „Ich sagte doch, es ist ein Geheimnis!“
      Seine Begleiterin stockte sprachlos, überlegte sich gefühlt zwanzig mögliche Erwiderungen und beschloß dann, das nicht zu kommentieren.
      Ein Stück vor ihr tat sich im Schein von Skulduggerys Grubenlampe eine Öffnung auf, die sie aus dem Gang hinausführte. Erleichterung durchströmte das dunkelhaarige Mädchen. Sie mochte keine engen Räume, und unter diesen Bedingungen wurde das Empfinden nicht besser. Skulduggery verschwand bereits hinter dem Zugang und sie beeilte sich, zu ihm aufzuschließen. Als sie neben ihm auf dem Felsplateau zu stehen kam, stockte ihr jedoch der Atem. Vor ihr erstreckte sich ein langer und sehr breiter Canyon in eine unergründliche Tiefe. Auf der gegenüberliegenden Seite erkannte sie nur Schwärze. „Sag’ nicht, daß wir da rüber müssen!“
      „Okay, ich sage es nicht.“ versprach er.
      Sie sah ihn eine Sekunde stumm an. „Aber wir müssen!“
      „Das habe ich nicht gesagt!“
      Walküre seufzte tief. Zu ihrem Erstaunen wandte sich der Detektiv jedoch nach links und ging den schmalen Steinweg am Rand des Abgrunds in die Dunkelheit hinein. Sie folgte ihm mit einem unguten Gefühl in der Magengegend. Sie konnten kaum eine Handvoll Meter weit blicken, und so breit war der steinerne Weg auch nicht, bevor es seitlich zu ihnen in die Tiefe ging. Aber zumindest, das mußte sie der Sache zugestehen, war es besser, als wenn sie die unberechenbare Dunkelheit zu ihren Füßen hätten überqueren müssen, ohne zu wissen, was sie auf der gegenüberliegenden Seite erwartete.
      Sie waren etwa fünf Minuten gegangen, als Walküre ungläubig die Augen etwas zusammenkniff. Ein paar Schritte weiter standen sie vor einer steinernen Brücke, die auf die andere Seite führte, und Skulduggery machte eine einladende Geste. Sie erholte sich aus ihrer Sprachlosigkeit und brachte hervor: „Wir müssen also doch auf die andere Seite!“
      „Ich habe nie das Gegenteil behauptet!“ Würde sein Schädel den Gegebenheiten geschuldet nicht ohnehin immer lächeln, er hätte es jetzt ganz sicher auch getan. „Du wolltest ja nicht, daß ich es sage!“
      Sie lenkte vom Thema ab, indem sie feststellte: „Du warst also schon mal hier!“
      „Ich würde lieber behaupten, es ist meinem überlegenen Instinkt geschuldet!“
      Ihr Blick sagte, daß er es gar nicht zu versuchen brauchte und ging vor ihm über die Brücke. Auf der anderen Seite gingen sie den gleichen Weg zurück, den sie gekommen waren, bis sie vor der Fortsetzung des Ganges standen, den sie vor kurzem verlassen hatten.
      „Hm.“ machte Skulduggery nachdenklich. „Wir wären schneller gewesen, wenn wir den direkten Weg gewählt hätten…“
      Walküre beschloß, die Aussage nicht mit einem Gegenkommentar zu würdigen und folgte Skulduggery in den Tunnel hinein. „Muß ich mich irgendwann darauf einstellen, von Monstern angefallen zu werden?“ erkundigte sie sich vorsichtshalber.
      „Nicht, daß ich wüßte. Warum?“
      „Weil üblicherweise immer irgendwelche skurrilen Wesen aus den Ecken springen, wenn wir gemeinsam unterwegs sind.“
      „Nein, ich denke nicht, daß du dir darum Sorgen machen mußt.“ Skulduggery strich eine Spinnwebe beiseite, die von Walküre kritisch beäugt wurde. „Das wäre zu pathetisch.“
      „Dafür ist uns das aber erstaunlich oft passiert.“
      „Eben! Das wäre auf Dauer doch ziemlich langweilig. Es gibt genug andere, interessantere Gefahren, die dich umbringen könnten.“
      „Na, herzlichen Dank auch!“
      „Zum Beispiel das hier!“ Er drückte sie vom Weg weg und deutete auf eine Pfütze auf dem Boden, die eine silberartige Farbe und eine zähe Konsistenz hatte.
      „Was ist das?“
      „Etwas ziemlich widerliches.“ brachte der Detektiv es auf den Punkt. „Sieh zu, daß du nicht damit in Berührung kommst.“
      „Was… Was tut es?“
      Skulduggery dachte kurz nach. „Hast du etwas bei dir, was dir nicht so viel bedeutet?“ Walküre kramte nachdenklich in den Taschen und gab ihm einen Flaschenöffner, den sie mal als Werbegeschenk bekommen hatte. Er ließ ihn in die Pfütze fallen, und noch bevor er überhaupt auf der Oberfläche ankam, schnappte die zähflüssige Substanz förmlich danach und hüllte ihn ganz ein. Von einer dünnen, aber vollständigen Schicht umzogen versank er mit einem leisen Plopp in der Masse. „Das würde mit dir auch passieren. Nur, daß man dich dann als Statue hier bewundern könnte.“
      Walküre hatte den Schock noch nicht ganz verwunden. „Hey, du sagtest, etwas, was mir nicht so viel bedeutet! Ich habe nicht gesagt, daß mir der Flaschenöffner gar nichts bedeutet!“
      „Du hast eine persönliche Bindung zu einem Flaschenöffner?“
      „Es war einer aus der Firma meines Vaters!“
      „Nimm’s nicht so schwer.“ kommentierte Skulduggery, als er gelassen an der Pfütze vorbeiging.
      Walküre schob sich so weit entfernt wie möglich an der silbernen Lache vorbei. „Können wir uns darauf einigen, daß du ab sofort die Demonstrationen sein läßt, und mir einfach sagst, was in einem bestimmten Fall passieren wird? Auch wenn du es nicht glaubst, ich habe genügend Vorstellungskraft!“
      „So ist es aber lustiger!“
      „Ich hasse dich!“
      „Ich weiß!“ Die Belustigung in Skulduggerys Stimme machte sie nur noch wütender, sie wußte aber, daß sie gegen ihn nicht ankam und folgte ihm weiter den Gang hinunter. Sie bemühte sich, sich dicht bei ihm zu halten, denn trotz des Lichts war es finster hier unten, und mit dem neuen Wissen machte ihr jeder Schritt Angst. Plötzlich achtete sie sehr darauf, wo sie ihre Füße hinsetzte. Um so interessanter wurde ihre Erfahrung, als sie den Blick tatsächlich einmal wieder hob.
      Der Lichtstrahl von Skulduggerys Grubenlampe fiel auf etwas schimmerndes. Als Walküre genauer hinsah, bemerkte sie ein Spinnennetz, das von der silbernen Masse überzogen war. Sie schrie und stolperte rückwärts.
      Skulduggery betrachtete das kleine Kunstwerk fasziniert. „Hm, ob es die Besitzerin wohl auch getroffen hat?“
      Bei der Vorstellung drehte sich Walküre der Magen um. Sie hatte keine allzu große Zuneigung zu Spinnen, der Gedanke, daß hier eine mit diesem Silberzeug bewehrte Variante herumlief, ließ sie gleich doppelt schaudern. Hektisch sah sie sich nach der Quelle des Silbers um, darum bemüht, so weit wie möglich aus der Reichweite des Netzes zu gelangen.
      „Ich an deiner Stelle würde nicht unbedingt weiter rückwärts gehen…“ bemerkte Skulduggery, als er sie beobachtete.
      Walküre wirbelte panisch herum in der Erwartung, gleich von einer silbernen Pfütze angegriffen zu werden. Die Tatsache, daß sie keine Magie anwenden durfte, ließ sie schaudern.
      Ihr Begleiter beobachtete sie aufmerksam. „Ich meinte eigentlich, weil da ein Absatz im Boden ist, über den du stolpern könntest.“
      Die Welle der Erleichterung, die durch ihren Körper spülte, ließ sie fast in die Knie gehen. „Das machst du doch extra!“ brach es aus ihr heraus, doch eher aus dem Schock heraus, als aus Wut.
      Skulduggery legte den Kopf schief. „Hm, wenn es nicht gewünscht ist, dann bin ich eben nicht höflich.“
      „Darum geht es doch gar nicht! Es ist nur…“ Sie machte eine hilflose Geste. „Ach, vergiß es.“
      „Gut. Dann können wir ja weitergehen!“
      Walküre wußte nicht genau, was sie erwartet hatte; ihre Enttäuschung konnte sie aber nicht ganz verbergen. „Gibt es sonst noch irgendwelche Überraschungen, auf die ich mich einstellen muß?“ erkundigte sie sich, fast ein wenig patzig.
      „Wenn ich es dir sagen würde, wäre es keine Überraschung mehr, nicht wahr?“
      „Du wiederholst dich!“ stellte sie fest.
      Skulduggery hielt inne, als fiele ihm erst jetzt auf, daß er den gleichen Wortlaut schon einmal benutzt hatte. „Naja, Geheimnis und Überraschung liegt relativ dicht beieinander. Was hast du für eine Antwort von mir erwartet?“
      „Eine, mit der ich mehr anfangen kann!“ erklärte sie prompt.
      „Okay, wie wäre es dann mit dieser: Bei »Wallace & Gromit« gibt es gerade Bademode im Sonderangebot.“
      Walküre stöhnte unverhohlen auf. „Du bist so ein…“
      „Was? Spaßvogel? Witzbold? Traumtänzer? – Ah, wir sind da!“
      Gerade erreichten sie das Ende des Ganges, welches in eine große Höhle mündete. Walküre blieb geschockt stehen, als sie den großen, silberfarbenen See sah. Ein Uferstreifen von vielleicht zehn Metern führte um den See herum. In der Mitte konnte sie eine kleine Insel erkennen.
      Skulduggery machte eine präsentierende Geste. „Ta-daah…“
      „Sag’ mir jetzt nicht, daß wir da rüber müssen! Sag’ mir jetzt nicht, daß wir da rüber müssen!“ Ihre Stimme klang schrill, im Augenblick hatte sie jedoch zu viel Panik, um sich dafür zu schämen.
      „Okay, ich sag’s nicht.“
      Walküre schrie. Am liebsten hätte sie irgendwo gegengetrommelt.
      Plötzlich spürte sie seine Hände auf ihren Schultern, und seine Stimme an ihrem Ohr sagte: „Ist es nicht romantisch?“
      Eine heiße Welle arbeitete sich durch ihren Körper. Wie, bei allen guten Geistern, hatte sie die Bemerkung zu bewerten? „Haha…“ entfuhr es ihr verunsichert.
      Skulduggery ging aber bereits an den Rand des Sees und sah sich um – zu nah für Walküres Geschmack. Sie widerstand der Versuchung, sich zu ihm herüberzuschieben und ihn von der trägen Masse wegzuziehen, obwohl alles in ihrem Inneren danach schrie, sich so weit wie möglich von dem Zeug fernzuhalten. Eine derartige Panik, wie diese Masse sie in ihr auslöste, kannte sie gar nicht von sich. Sie entschloß sich zu einem Kompromiß und rief: „Könntest du bitte ein paar Schritte von da zurückkommen?“
      „Du machst dir wirklich Sorgen um mich, stimmt’s?“ bemerkte er, ohne sich zu ihr umzudrehen.
      „Nein! Wenn du da reinfällst, weiß ich nicht mehr, wie ich hier rauskommen soll, und hier mit dieser mörderischen Masse eingesperrt zu sein, behagt mir nicht! Also, komm da bitte weg!“
      „Mörderisch würde ich sie nicht nennen. Sie konserviert nur.“ erklärte Skulduggery gelassen. „Falls sie mich erwischt, kannst du mich mit Hammer und Meißel wieder aus der Hülle rausschlagen.“
      „Und wo kriege ich hier Hammer und Meißel her?“ Walküre schrie fast. Zu ihrer Erleichterung trat ihr Begleiter nun endlich von dem See zurück.
      „Ist es nicht wunderschön?“ schwärmte er.
      „Dadurch behagt es mir nicht mehr!“ gab sie mißmutig zurück.
      „Aber dafür darfst du jetzt zaubern!“ triumphierte er.
      „Was, wie… Aber du sagtest doch…“
      Er legte den Kopf schief. „Du machst noch immer den Fehler, eine Bemerkung von mir als Generalaussage zu nehmen.“
      „Eine Demonstration von dir!“ korrigierte sie.
      „Wie auch immer. Du mußt noch lernen, daß Dinge, die an einer Stelle unpraktisch sind, an anderer Stelle extrem hilfreich sein können.“
      Walküre grummelte mißmutig ob der Belehrung. „Also, was tun wir? Feuerzauber?“
      „Ja! Achte darauf, den Feuerball schnell von dir weg auf die Insel zu schleudern. Nicht zu niedrig; wenn du dir selbst einen Gefallen tun willst, aber auch nicht zu hoch.“
      „Sonst noch Wünsche?“ rutschte es ihr heraus, ohne daß sie es aufhalten konnte.
      „Ja! Wenn du vielleicht so ein wenig Zickzack hinbekommen könntest…“ Er machte eine anschauliche Handbewegung. Auf ihren Blick hin verteidigte er sich: „Du hast gefragt!“
      Sie sah ihn verhalten an, als wisse sie nicht, was sie von der Anweisung halten solle. „Warum machst du es nicht?“
      „Och, ich habe gerade keine Lust zum Zaubern. Aber du bist doch ganz scharf drauf!“
      Walküre hatte keine Lust zum Diskutieren. Üblicherweise hatte er sogar Recht, nur diesmal fühlte sie sich nicht sicher. Diese Blöße wollte sie sich allerdings unter keinen Umständen vor ihm geben. Sie konzentrierte sich, schloß die Augen, atmete tief durch, dann schnippte sie mit den Fingern. Aus der kleinen Flamme ließ sie in Rekordgeschwindigkeit einen Feuerball entstehen und schleuderte diesen mit der Kraft der Panik über den See, ohne sich noch Gedanken über Höhe und Weite machen zu können.
      Und dann konnten die beiden Zauberer Zeuge eines selten anzusehenden Spektakels werden: Als der Feuerball über den See flog, reagierte das Licht, flog auf den Schweif zu und folgte der Flugbahn glitzernd – gleichzeitig reagierte die Silbermasse, spritzte auf, um den sich bewegenden Ablauf aus funkelndem Feuer einzuschließen. Kaum berührte die Masse den glitzernden Feuerschweif, erstarrte sie, und hinterließ eine Brücke zu der Insel.
      „Hach, ich finde es immer wieder wundervoll und inspirierend!“ schwärmte Skulduggery.
      „Da sollen wir jetzt rüber?“ Es gelang Walküre nicht ganz, ihr Entsetzen zu verbergen.
      „Weißt du jetzt, warum du nicht zu niedrig und nicht zu hoch werfen solltest?“ antwortete Skulduggery. „Nicht zu niedrig, damit wir möglichst nicht - oder zumindest wenig - mit der Masse konfrontiert werden, und nicht zu hoch, damit der Überweg noch ein bißchen komfortabel bleibt – oder du sonst gar hättest noch mal werfen müssen.“
      Walküre schüttelte den Kopf. „Da gehe ich nicht rüber!“
      „Du wirst es müssen!“ stellte Skulduggery fest.
      „Hast du dir das mal angesehen? Wenn diese Masse dazu in der Lage ist, diese Brücke zu bauen, kommt sie locker auch so hoch, um uns einzuschließen! Du glaubst doch wohl nicht im Ernst, daß ich das Risiko eingehe!“
      „Das Risiko ist relativ gering. Zumindest, wenn du mit dem Element Luft umgehen kannst.“
      Walküre kannte Skulduggery mittlerweile lange genug, um das süffisante Lächeln sehen zu können, daß er  gelächelt hätte, wenn er noch Lippen gehabt hätte. „Luft darf ich hier also auch!“ implizierte sie.
      „Du wirst es müssen, wenn du auf die andere Seite möchtest. Es sei denn, du hast noch eine andere spannende Idee.“
      „Und warum ging das bei dem Abgrund nicht?“
      „Ich habe nie gesagt, daß es beim Abgrund nicht ging. Dir war es zu dunkel. Daher dachte ich, die Brücke sei komfortabler.“
      Walküre stutzte und entschied diplomatisch, nichts dazu zu sagen. „Und du bist sicher, daß uns die Brühe nichts anhaben kann, wenn wir sie mit der Luft manipulieren?“ fragte sie statt dessen.
      „Solange du dich konzentrierst nicht.“
      „Na, großartig.“ Die junge Frau sah alles andere als überzeugt aus.
      „Wir gehen dicht beisammen. So können wir die Wirkung verstärken, und wenn einer von uns nicht aufpaßt, steht er noch immer im Schutz des anderen.“
      „Es gefällt mir nicht, dich da durchlotsen zu müssen.“
      „Wieso mich?“ fragte er erstaunt.
      „Du sagtest »er«! Das impliziert, daß du mir mehr zutraust als dir!“ Sie konnte sich ein überlegenes Schmunzeln nicht verkneifen.
      „Gut, stellen wir es unter Beweis!“ Er machte eine einladende Geste.
      „Eine Frage noch. Auf der Insel sind wir aber sicher, ja?“ erkundigte sie sich vorsichtshalber.
      „Solange du nicht zu nah an’s Ufer gehst, ja!“
      Sie seufzte tief. „Okay. Legen wir los.“ Mit rasendem Puls stellte sie sich vor Skulduggery. Die beiden konzentrierten sich. Dann manipulierten sie die Luft so, daß sie in einer Blase standen. Sachte, Schritt um Schritt, traten sie den Weg über die Brücke an. Walküre wurde das bedrückende Gefühl nicht los, das davon ausgelöst wurde, die Masse direkt unter sich zu haben und bemühte sich, nicht nach unten zu sehen. „Wurdest du mal von dem Zeug eingeschlossen?“ erkundigte sie sich, um sich abzulenken.
      „Es gab da mal einen Unfall…“ gestand er. „Dabei wurde mein Arm involviert. Wie gesagt, Hammer und Meißel sind sehr nützliche Hilfsmittel.“
      Walküre schauderte. Sie hoffte inständig, daß sich so ein Unfall nicht wiederholte – schon gar nicht bei ihr. Der Weg vor ihr glitzerte. Sie haßte es, wenn es glitzerte. Glitzer gehörte in die Disco, nicht in ein Abenteuer.
      Ein paar Mal spritzte die silberne Masse auf und schien nach ihnen zu schnappen. Walküre schrie jedes Mal auf. Doch die Blase aus Luft schützte sie, und so erstarrte die silberne Masse an ihren Kanten.
      Befremdet stieg sie über die Absätze hinweg, die das Zeug so auf ihrem Weg hinterließ. Sie mochte sich gar nicht ausmalen, wie es enden würde, wenn die Substanz einmal so hoch spritzen würde, daß es die komplette Luftblase einschloß. „Du hast nicht zufällig Hammer und Meißel bei dir… oder?“ erkundigte sie sich.
      „Nein, wieso?“
      „Ach, nur für den Notfall…“
      „Manchmal hilft auch ein Flaschenöffner…“
      Sie wagte es nicht, sich umzudrehen, um ihn mit einem Blick zu pulverisieren. Dazu war später noch Zeit genug. „Idiot!“ kommentierte sie leise.
      „Hey, das habe ich gehört!“ gab Skulduggery zurück.
      Walküre ließ es unkommentiert. Bedächtig setzte sie einen Fuß vor den anderen. Als das Ende der Brücke in Sicht kam, mußte sie sich bemühen, den Schritt nicht zu beschleunigen und aus Skulduggerys Schutz auszubrechen. Ein paar Meter weiter hatten sie es geschafft. Walküre löste ihre Luftblase erst auf, nachdem Skulduggery sich auch entspannte.
      „So, das war doch gar nicht so schlimm. Jetzt kannst du allen erzählen, du hast es geschafft, eine Brücke zu überqueren.“ frotzelte Skulduggery.
      „Sehr witzig!“
      „Komm! Jetzt kommt der eigentlich spannende Teil.“ Der Skelettdetektiv führte sie zur Mitte der Insel.
      Sie schrie ad hoc auf, als sie dort eine weitere Pfütze des silbernen Zeugs erkannte.
      „Nur die Ruhe! Das ist nur der Zugang zu dem Ort, wo wir jetzt hinwollen.“
      „Wir müssen dadurch?“ Walküre schämte sich für den kreischenden Unterton inihrer Stimme, doch sie hatte es nicht vermeiden können.
      Dies war einer der seltenen Momente, in denen Skulduggery sich Augen wünschte, um sie rollen zu können. Er zeigte auf die kreisrunde Fläche. „Das hier ist erstarrt. Das tut dir nichts!“ Er trat darauf und reichte ihr die Hand.
      Etwas widerwillig stellte sie sich an seine Seite. Zumindest glitzerte die Fläche nicht.
      Als sie auf dem Kreis standen, betätigte Skulduggery eine kleine Glocke an einem gebogenen Metallstab neben der Plattform, die so albern war, daß Walküre sie erst jetzt wahrzunehmen bereit war. Dann mußte sie aufpassen, das Gleichgewicht zu wahren, als sich die Scheibe absenkte und in den Boden einfuhr. „Wo geht es denn jetzt hin?“
      „Das wirst du gleich sehen!“
      Euphorie mischte sich mit einem Hauch Skepsis, den sie nicht eliminieren konnte. Immerhin aber, das muße sie schon jetzt der Sache zugestehen, war diese Variante, durch den Berg zu reisen, deutlich angenehmer, als ihre Erfahrungen mit Billy Ray Sanguin. Nach einer Fahrt, die durch den Schacht einige Meter in die Tiefe führte, offenbarte sich ihnen eine Tür. Als die Scheibe zum Stillstand kam, öffnete sie sich. Dahinter lag ein Raum, der Walküre entfernt an Kenspeckels Reich im Hibernian erinnerte. Es war hell hier, förmlich glänzend und fast ein bißchen steril. Sie blinzelte unwillkürlich ob der unerwarteten Helligkeit. Als sie sich langsam an das ein wenig zu grelle Licht gewöhnte, sah sie sich verwundert um. „Was ist das hier? Eine Wissenschaftsstation?“
      „Nein, der Wirkungskreis eines Künstlers!“ Skulduggery führte die verwirrte Walküre hinaus aus einer Art Empfangsbereich über einen kurzen Flur, und von dort durch eine weitere Tür in eine riesige Halle.
      Walküre blieb elektrisiert stehen. Überall standen Kessel, Töpfe, Säulen und Becken mit dem brodelnden silbrigen Zeug, das ihr so Angst machte.
      „Komm’ mit, ich möchte dir jemanden vorstellen!“ sagte Skulduggery munter.
      Zwischen Tischen und Regalen, auf denen sich silberne Artefakte und Skulpturen häuften, kam ihnen ein Mann entgegen. Weißer Kittel, Brille, lockige braune Haare, die ihm aufgerollt bis an’s Kinn reichen mochten. „Skulduggery! Schön, dich zu sehen!“ Er schüttelte seinem Gast die Hand.
      „Quicksilver! Die Freude ist ganz auf meiner Seite.“
      „Sorry, daß ich nicht selbst an die Tür kommen konnte, aber ich stecke mitten in einem Projekt, und du weißt ja, wie sensibel meine Arbeit ist.“
      „Oh ja, das weiß ich!“ erwiderte Skulduggery verheißungsvoll.
      Walküre schauderte es.
      Ihr Begleiter blieb davon unbeeindruckt. Er drehte sich zu Walküre um und stellte vor: „Das ist Quicksilver Bullet. Kurz auch Silverbullet genannt. Er hat das Silberzeug entworfen, und das hier ist sein Atelier.“
      Walküre ignorierte die ihr dargebotene Hand und zeigte statt dessen auf den Künstler. „Er hat das teuflische Zeug entworfen?“
      „Nicht nur das, das Glitzerzeug auch!“ ergänzte Skulduggery.
      „Es ist ein Gas, das explizit auf Feuer reagiert.“ erklärte Quicksilver stolz.
      „Na, großartig! Wir sind in den Hallen eines Wahnsinnigen gelandet! Jetzt bin ich beruhigt!“ grummelte Walküre.
      Da sie sich noch immer beharrlich weigerte, ihrem Gastgeber die Hand zu geben, machte er eine einladende Geste. „Seht euch nur um! Ich muß eben etwas zu Ende machen!“ Damit ließ er sie wieder ohne jeden Kommentar allein.
      Walküre ging mit großen Augen und ebenso großem Abstand an den Becken vorbei. „Warum tut jemand so etwas?“
      „Wie ich dir bereits erklärt habe, Quicksilver ist Künstler! Er hat ein Material entwickelt, mit dem er seine Kreativität ausleben kann. Oder eigentlich sind es sogar zwei Materialien. Wie du ja schon festgestellt hast, erstarrt das silberne Material bei Kontakt mit etwas anderem als sich selber. Danach kann man den Zustand nicht mehr umkehren. Naja, außer natürlich, du zerstörst es. Aber es wird nicht wieder flüssig. Er modelliert daraus die wundervollsten Figuren und Gegenstände. Mit dem Gas veredelt er sie gegebenenfalls noch.“
      „Spooky…“ hauchte Walküre. Verunsichert sah sie sich nach ihrem Gastgeber um. „Ist das wirklich okay, wenn wir hier so rumgeistern? Ich meine, stört ihn das gar nicht?“
      „Das geht schon in Ordnung.“ Skulduggery winkte ab. „Beachte ihn einfach gar nicht.“
      „Was? Aber das hier ist seine Werkstatt!“ erwiderte sie entgeistert.
      „Ja, aber er nimmt das nicht so genau. Er ist ein vielbeschäftigter Mann, immer in Action. Komm‘, wir sehen uns ein bißchen um.“
      „Und es stört ihn wirklich nicht?“
      „Ich glaube, er ist froh, wenn man ihn in Ruhe läßt.“ mutmaßte Skulduggery. „Am glücklichsten ist er, wenn er neue Aufträge bekommt. Dann stehen Gäste hoch im Kurs, sonst eher nicht. Braucht immer neue Herausforderungen.“
      Walküres Blick schweifte beeindruckt durch den Raum. „Arbeitet er den ganzen Tag hier mit dem Zeug?“
      „Das ist seine Passion. Er wohnt sogar hier!“ Skulduggerys Stimme war eine gehörige Portion Bewunderung zu entnehmen.
      „Ich würde hier kein Auge zubekommen…“ Walküres Blick glitt über die verschiedensten Arbeiten, Figuren und Skulpturen, sie sah Einhörner und Pegasusse - sie ertappte sich bei den Gedanken, ob das wirklich die Mehrzahl für Pegasus war - mit glitzernden Hörnern und Flügeln, Elefanten, Giraffen und viele andere Tiere, künstliches Gemüse und Obst, sie sah eine Schale mit silbernen Weintrauben, Äpfeln und Bananen, filigrane Bäume, neben viel Deko und Schmuck aber auch praktische Dinge wie Töpfe, Karaffen und Gefäße, Schlüsselbretter und Klingelschilder… Kurz: Hier gab es alles, was das Herz begehrte. „Wie kriegt er das hin?“
      Skulduggery hob die Hände. „Betriebsgeheimnis! Aber es ist, wie er schon sagt, eine sehr sensible Arbeit!“
      „Aber du weißt schon, wie er das macht!“ implizierte sie.
      „Sicher, ich war ja schon ein paar Mal dabei! – Du kannst es dir bestimmt auch live ansehen, wenn du möchtest.“
      „Danke, ich verzichte!“
      Sie hatte kaum ausgesprochen, als sich der Künstler wieder an ihre Seite gesellte. „Hier, kommt mit, ich muß euch unbedingt etwas zeigen.“ Quicksilver rauschte an ihnen vorbei, so daß Walküre bald das Herz stehenblieb. Jetzt wußte sie, woher der Spitzname »Silverbullet« kam. „Ich habe es geschafft!“ Seine Stimme überschlug sich förmlich vor Stolz. Er führte sie zu einem großen Bottich, den Walküre kritisch beäugte. Auf das breite Grinsen und die stolze, auffordernde Geste hin warfen sie einen Blick in das Gefäß – Skulduggery neugierig, Walküre vorsichtig und mit weitem Abstand.
      „Oh! Du hast eine Goldvariante entwickelt!“ stellte Skulduggery beeindruckt fest.
      „Ist das nicht großartig?“ freute sich Quicksilver.
      Walküre trat befremdet einen Schritt zurück.
      „Du bist immer wieder für eine Überraschung gut!“ bemerkte Skulduggery vergnügt.
      „Ja.“ Walküres Stimme, die ihre innere Anspannung wiederspiegelte, konnte den Sarkasmus nicht ganz verbannen, als sie sagte: „Jetzt kann er einen goldene Banane machen!“
      Quicksilver bedachte sie mit einem verhaltenen Seitenblick. „Ist wohl nicht so künstlerisch veranlagt, deine neue Partnerin, was?“
      „Sie hat ihren Flaschenöffner auf dem Weg hierher verloren.“ erklärte Skulduggery als Entschuldigung.
      Das junge Mädchen sah ihn entgeistert an. „Ich habe meinen Flaschenöffner verloren? Mal ganz davon abgesehen, daß das nur ein Bruchteil der Begründung für meine wohl nachvollziehbare Skepsis ist, warst du derjenige, der ihn hat über den Jordan gehen lassen!“
      Skulduggery hob einen Zeigefinger, um anzumerken: „Das stimmt nicht ganz!“
      „Gut, dann hast du eben mit dieser… Mörder-Zahnpasta zusammengearbeitet, ist mir egal! Ich habe ihn jedenfalls nicht verloren, er wurde mir entwendet!“
      „Ich kann dir einen neuen machen!“ Quicksilver grinste bestechend.
      Walküre hätte am liebsten zugeschlagen.
      „Du wirst das Zeug schon noch mögen lernen.“ war Skulduggery sich sicher und wandte sich Quicksilver zu. „Hast du den Auftrag fertig bekommen?“
      „Ob ich…“ Quicksilver lächelte charmant. „Aww… Natürlich habe ich ihn fertig! – Oh, du willst es sicher mitnehmen! Warte, ich hole es! Bin gleich zurück!“
      „Ihr kennt euch also schon länger.“ stellte Walküre fest, als sie wieder mit Skulduggery unter sich war.
      „Ein paar Jahrzehnte, ja. Ich bin mal durch Zufall auf ihn aufmerksam geworden. Seitdem war ich ein paar Mal bei ihm.“
      „Und du hast mir nie etwas von ihm erzählt!“ faßte Walküre weiter zusammen.
      „Weil ich schlichtweg nicht daran gedacht habe. Wir hatten ein paar Jahre keinen Kontakt. Und jetzt hatte ich einen Grund, daß ich nichts gesagt habe.“
      Wie auf Stichwort erschien Quicksilver wieder bei ihnen mit einer Schachtel in der Hand. „Das ist es. Ich hoffe, es gefällt. Nehmt es mir nicht übel, wenn ich euch eben allein lasse, aber da drüben hat es einen klitzekleinen Unfall mit einem Schälchen gegeben.“ Kaum ausgesprochen, wuselte der hyperaktive Künstler wieder von dannen.
      Walküres Blick schnellte automatisch hektisch zu der Seite, zu der er gedeutet hatte.
      „Das ist eine seiner Stärken.“ erklärte Skulduggery. „Er weiß immer, wann er stören würde.“ Als sie sich ihm zuwandte, gab er ihr die Schachtel in die Hand. „Hier, für dich!“
      Sie stockte kurz sprachlos. „Wofür ist das denn?“
      Hätte er noch gekonnt, er hätte wahrscheinlich geschmunzelt. So mußte sie mit dem typischen breiten Grinsen Vorlieb nehmen. „Für eine angenehme und kurzweilige Partnerschaft.“
      Neugierig öffnete Walküre die Schachtel. Sie offenbarte ihren stylisch angefertigten Namensschriftzug »Walküre«, als Anhänger an einem Lederband.
      „Sorry für den Glitzer.“ entschuldigte sich Skulduggery.
      Walküre war noch immer viel zu geflasht um zu reagieren. „Das hast du extra für mich anfertigen lassen?“
      „Ich dachte mir, es könnte dir gefallen.“
      „Und warum gibst du es mir nicht einfach… ich weiß nicht, bei einem Abendessen, oder so?“
      „Das wäre ja langweilig. Ich war überzeugt davon, der Ort hier könnte dich interessieren. Daher dachte ich, wir kommen einfach gemeinsam her und holen es ab!“ Sein Grinsen war bestechend, wie immer. „War das nicht eine tolle Idee?“
      Walküre mußte sich erst einmal sammeln. „Prinzipiell ja.“ Ihr Blick huschte aufmerksam zwischen den Bottichen mit dem Silberzeug hin und her. „Aber eins sage ich dir, zu deiner Information: Du kannst mir Vampire, Zombies, Restanten, Gesichtslose und alles mögliche vorsetzen – kein Problem. Aber das Zeug hier macht mir Angst. Richtig Angst!“
      Skulduggerys Miene veränderte sich nicht, obgleich sie meinte, eine Veränderung wahrzunehmen – sie wußte nicht, woran sie es festmachte, doch es wirkte, als wäre jetzt ein Hauch Betroffenheit im Spiel. „Okay, habe ich zur Kenntnis genommen.“
      Walküre nickte als Zeichen, daß sie voraussetzte, daß er das verstanden hatte.
      „Freust du dich denn wenigstens darüber?“
      „Es ist toll! Naja, vielleicht ein bißchen zu viel Glitzer, aber es ist die Geste, die zählt.“ frotzelte sie. Dann hielt sie inne. „Moment mal… Sagtest du nicht, du weißt nicht, was das Geheimnis ist?“
      Skulduggery hielt verlegen inne. „Das stimmt ja auch! Ich habe Quicksilver nur ein paar Eckdaten gegeben. Wie das, was er daraus gemacht hat, aussieht, wußte ich ja auch nicht!“
      „Du bist um keine Antwort verlegen, um dich rauszureden, oder?“
      „Naja, sieh es mal so; hätte ich zu dir sagen sollen: ‚Hey, Walküre, wir gehen jetzt in den Berg, um das Geschenk abzuholen, das ich für dich habe anfertigen lassen! Übrigens, es ist dein Name in Silber als Schmuckanhänger!‘“
      „Es hätte ja gereicht, wenn du gesagt hättest, daß du es weißt, mir aber nicht sagen kannst!“
      „Und damit riskiert, daß du mich den ganzen Weg über bedrängst, es dir zu sagen, was dann entweder mit Variante eins oder deinem plötzlichen Tod geendet hätte!“ kommentierte der Skelett-Detektiv trocken.
      Walküre stockte verunsichert. „Das war jetzt ein Witz, oder?“
      „Nein. Ich hätte es dir vielleicht tatsächlich gesagt, damit du endlich Ruhe gibst.“
      Sie schlug ihn spielerisch auf den Arm und lächelte amüsiert. Gedankenvoll betrachtete sie den Anhänger. Bevor sie ihn anlegte, hielt sie inne. „Und es ist wirklich sicher? Ich meine, es greift mich nicht plötzlich an, wenn ich es trage?“
      „Ich sagte dir doch, es verändert sich nicht mehr, solange du es nicht in Stücke kloppst.“
      Noch nicht ganz beruhigt, schien ihr die Aussage aber zumindest auszureichen, um den Anhänger anzulegen. „Steht mir gut, oder?“
      „Ausgezeichnet!“ bestätigte Skulduggery. „Nichts anderes habe ich erwartet. Und außerdem hast du jetzt eine kleine Batterie, die dich auflädt, wenn du mal mit den Kräften am Ende bist. Quicksilver gewinnt seine Substanzen nämlich aus purer Energie. Er ist sozusagen ein Elementemagier der besonderen Art.“
      Walküre schürzte abschätzend die Lippen. „Immer der praktische Nutzen, der zählt, nicht wahr?“
      „Ich würde sagen, es ist ein gut durchdachtes Geschenk.“
      „Diesmal hast du sogar Recht.“ Sie lachte. „Danke.“ Dann rutschte ihr das Lächeln wieder ab. „Ich will nicht unhöflich erscheinen, aber, können wir jetzt gehen? Je eher wir von hier wegkommen, desto eher traue ich mich wieder zu atmen und mich zu bewegen, und ich mag noch gar nicht an den Rückweg denken.“
      „Natürlich.“ Skulduggery machte eine einladende Geste zu Quicksilver hin, der gerade versuchte, eine silberne Pfütze vom Fußboden abzukratzen. „So, wir wollen auch nicht länger stören.“ machte der Detektiv sich bemerkbar.
      Walküre wurde das Gefühl nicht los, daß Quicksilver nur darauf gewartet hatte, das Losungswort zu hören, als er aufsprang. „Wartet, ich lasse euch zur Hintertür raus.“
      Walküre fiel die Kinnlade herunter. „Es gibt hier eine »Hintertür«?“
      „Naja, eigentlich ist es der Vordereingang.“ lenkte Quicksilver verlegen ein. „Die »Hintertür« ist nur ein Wortspiel zwischen Skulduggery und mir, weil er den Eingang so selten benutzt.“ Er nahm seine beiden Gäste mit zurück auf den Flur, ging jedoch zur entgegengesetzten Seite voran, von der sie ursprünglich gekommen waren. Am Ende des Korridors kamen sie an eine schicke Haustür, die er für seine Besucher öffnete.
      Als Walküre nach draußen trat, fühlte sie sich wie in einer Trance. Ein Kiesweg führte zwischen saftigen Wiesen den Berg hinunter. Vor der Tür stand ein Briefkasten, und als sie sich umwandte, sah sie neben einem Fenster eine Klingel an der Steinwand mit der Aufschrift »Quicksilver Bullet«.
      „Vielen Dank noch mal.“ Skulduggery schüttelte Quicksilvers Hand.
      „Jederzeit wieder!“ Das beseelte Grinsen des Künstlers begleitete sie noch eine Weile, als sie den Weg hinuntergingen – wenn auch nur in Gedanken, denn der Künstler war recht rasch wieder im Inneren seines Domizils verschwunden.
      „Es gibt einen Haupteingang! Ich fasse es nicht! Einen ganz gewöhnlichen Eingang mit Briefkasten und Klingel und allem!“ ereiferte sie sich, als sie in das Tal zurückgingen. „Warum, um alles in der Welt, mußten wir diesen ganzen Weg durch den Berg gehen, wenn wir einfach nur zu klingeln hätten brauchen?“
      Skulduggery legte den Kopf schief, und sie wußte, er hätte die Lippen geschürzt, hätte er noch welche gehabt. „Ich dachte mir, der Weg ist interessanter…“

THE END




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Anm. zum Projekt:
Eine der Vorgaben war, folgende Worte in der Geschichte unterzubringen: Banane, Idiot, Zahnpasta
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