quid pro quo

OneshotAngst / P12
OC (Own Character) Winter Soldier / James Buchanan "Bucky" Barnes
15.11.2017
15.11.2017
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quid pro quo


„Vergessen ist Gnade und Gefahr zugleich.“
- Theodor Heuss (1884 – 1963)

Der Schnee knirschte ohrenbetäubend laut unter seinen dünnen Schuhsohlen. Seine Zehen waren schon taub, weil die Kälte ohne großen Widerstand durch seine Socken hindurch an seiner blanken Haut reißen konnte.
Die Hände hatte er in die Taschen seines zerschlissenen Mantels gesteckt. Nicht nur gegen die Kälte, sondern auch, damit er sie nicht ansehen musste. Das Glänzen seiner linken Hand konnte er nämlich nicht verstecken.
Nicht einmal im schummrigen Licht der Straßenlaternen, die alle paar Meter im Park aufgestellt waren und kaum den Blick auf die Umgebung möglich machten. Es war dunkel und er konnte seinen Atem vor sich sehen, sobald er in die Nähe einer dieser Laternen kam.
Es kam ihm seltsam vor, aber seine Nase lief nicht. Alles an ihm kam ihm seltsam vor, er konnte sich nicht daran erinnern, wie es war, als er noch nicht so gewesen war.
Es war, als wäre er schon immer so gewesen.
Aber vielleicht wollten sie nur, dass er das von sich dachte. Sie wollten, dass er sich selbst für ein Ungeheuer hielt, das nicht so war wie all die anderen Menschen um ihn herum. Und um nicht den Verstand zu verlieren, tat er ihnen diesen Gefallen.
Er dachte so von sich.
Er war so, wie sie gewollt hatten, dass er war.
Ein Monstrum.
Seine Hände ballten sich bei diesem Gedanken fast automatisch zu Fäusten und er hörte das leise Knirschen seiner linken Hand durch die dicke, aber löchrige Mütze, die er sich über den Kopf gestülpt hatte.
Dieses Geräusch trieb ihm die Tränen in die Augen. Es war keine Trauer, sondern Verzweiflung. Er war nicht damit einverstanden, dass es sich so anhörte, wenn er die Hände zu Fäusten machte. Ändern könnte er daran allerdings nichts.
Also würde er sich arrangieren.
Nur wie?
Er war doch so alleine.
Zu diesem blonden Mann in blau-weiß-roter Uniform konnte er nicht gehen. Er war absichtlich vor ihm geflohen. Er hatte nicht in Washington, D.C. bleiben können, das Chaos dort trieb ihn in den Wahnsinn.
Außerdem wurde er überall per Haftbefehl gesucht. Konnte er ihnen nicht verübeln, er war gefährlich. Gefährlich und offenbar unberechenbar. Jedesmal, wenn er die Aufnahmen von diesem Gebäude sah, wie es in sich zusammenstürzte, weil ein Helicarrier darin landete, fragte er sich, ob er persönlich dafür verantwortlich war.
Hatte er das angerichtet?
Er wusste es nicht mehr so genau.
Er wusste nur, dass er sich hatte verstecken müssen. Dann war er seinen Instinkten gefolgt und hier gelandet. New York.
Warum ausgerechnet New York?
Das wusste er auch nicht mehr so genau.
Es war kalt hier. Er fühlte sich nicht willkommen, sondern von allen Seiten kritisch beäugt. Diese Stadt wollte ihn so schnell wie möglich wieder loswerden.
Auch dafür hatte er Verständnis.
Es gab niemanden hier, der ihn verstehen würde.
Er war alleine.
Das Knirschen unter seinen Sohlen lenkte ihn für ein paar Sekunden erfolgreich ab. Er ging weiter durch den Park und sah sich das Weiße vor seinen Füßen an. Was um ihn herum geschah, interessierte ihn in diesem Moment nicht.
Es war stockfinster und es war still.
Zu still für seinen Geschmack, aber wer fragte ihn schon?
Er fühlte sich zur Kälte hingezogen und gleichzeitig von ihr verscheucht. Sie wollte ihn nicht hier haben. Er musste gehen.
Doch statt die Flucht zu ergreifen, so schnell zu rennen wie er nur konnte, ging er weiter schweigend durch den Schnee, bis er am Ende des Parks angekommen war. Eine U-Bahn-Station leuchtete in der Dunkelheit.
Er ging hin.
Dort unten war es gewiss etwas wärmer als hier oben. Seine Nase lief nicht und sie begann selbst bei dem heftigen Temperaturanstieg nicht. Konnte er nicht mehr krank werden? Er hatte keine Ahnung.
Denn er konnte sich nicht daran erinnern, was die mit ihm gemacht hatten. Es war nichts gewesen, an das er sich gerne erinnern würde. Er verdrängte jegliche Gedanken aus seinem Kopf, der nichts mit seiner aktuellen Umgegung zu tun hatte.
Das Knirschen hörte auf. Er ging über den Bahnhofsboden. Überall waren kleine Pfützen, die sich vom geschmolzenen Schnee angesammelt hatten und den oberflächlichen Dreck auf dem Boden verwischten.
Die Pfützen waren deshalb alle braun.
Er ging an den vielen Pfützen vorbei in einen Gang, wo eine Treppe nach unten führte. Die Linie fuhr Richtung Innenstadt. Touristengegend. Er mied diese Gegend, denn Leute wie er waren dort nicht gerne gesehen.
Er war mittellos und das hatte er schon häufiger zu spüren bekommen. Nur wenige hatten ihm Kleingeld in die Hand gedrückt, obwohl er nicht danach gefragt hatte. Er trug kein Schild mit sich, auf dem er um eine Spende bat.
Er hatte viele solcher Menschen durch die Stadt wandeln sehen. Sie konnten krank werden. Er nicht mehr.
Seine Schritte hallten unnatürlich laut von den engen Wänden der U-Bahn-Station zu ihm zurück und er behielt den Blick gesenkt.
Es gab hier nichts zu bewundern.
Er war allein.
Fast.
Da vorne saß ein Mann, zugedeckt von einem fleckigen Schlafsack. Vor ihm stand ein eingedrückter Pappbecher, der das Logo einer der vielen namenlosen Kaffeehaus-Ketten aufgedruckt hatte.
Der Mann trug beinahe dieselben abgenutzten Kleidungsstücke, die auch er nun sein Eigen nennen konnte. Vor ihm stand eines der Schilder, auf das er verzichtete.
Außerdem ein einzelner Schuh, hinter ihm lehnten Krücken an der Wand. Sie waren genau so schmutzig wie der Schlafsack. Der Mann war bärtig.
Er sah ihn gespannt an.
Schweigend stellte er sich vor ihn und las sein Schild durch.

Veteran bittet um kleine Spende.
Habe Hunger und Durst.
Vielen Dank.
Gott segne dich.

Ein Veteran. Aus welchem Krieg?
„Aus welchem Krieg?“ gab er einem Impuls nach und stellte dem Mann kurzerhand die Frage, die ihm zuerst durch den Kopf gegangen war.
Er sah verschämt zur Seite und murmelte undeutlich:
„Vietnam.“
Er wusste nicht, was in Vietnam geschehen war. Der Mann sah schon älter aus. Etwa siebzig, wenn nicht sogar älter.
Unter seinem Schlafsack setzte sich der Mann etwas anders hin und er beobachtete seine Bewegungen. Eines seiner Beine war unterhalb des Knies amputiert. Deshalb die Krücken, deshalb nur ein Schuh.
Der Schuh, der Mann, er. Sie alle waren allein.
„Und du?“
Er antwortete nicht.
Stattdessen hockte er sich vor den Mann mit dem Pappbecher und dem Schild und den Krücken und dem Kriegstrauma, und kramte in seiner Jackentasche. Er holte sein ganzes Kleingeld hervor und warf alles in den Becher.
Die Augen des Mannes wurden groß.
„Was haben die mit dir gemacht?“
Der Mann deutete auf die knirschende Hand, den Fremdkörper.
Ruckartig stellte er sich wieder hin und steckte die Hand zurück in die Jackentasche. Das Knirschen ertönte wieder, er hatte sie zur Faust geballt.
„Du musst nicht antworten.“
Er nickte.
„Was auch immer sie mit dir gemacht haben – sei froh, dass du nicht mehr ihnen gehörst. Die Army zerstört dich und wirft dich weg, das macht die. Nichts anderes, mein Sohn. Du solltest dein Geld behalten. Auch du wirst Hunger haben.“
Er schüttelte den Kopf.
Dann ging er zurück an die Oberfläche, wo ihn kratzender Schnee und braune Pfützen erwarteten. Er wusste, dass sein Krieg länger her sein musste als der Krieg dieses Mannes. Doch das war unmöglich.
Er musste ganz schnell hier weg.

Anmerkung: Inspiriert von einer Comic-Szene, in der Bucky einem Veteranen sein Kleingeld in den Becher wirft. Was denkt ihr darüber?
LG, Erzaehlerstimme
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