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[Tales of Berseria] Das Nachspiel jener Nacht

von Wedernoch
OneshotFamilie, Fantasy / P6 / Gen
15.11.2017
15.11.2017
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Sein Zorn hatte nur kurz angehalten. Er war Verzweiflung gewichen. Verzweiflung, die er in die Tiefen seines Daseins verbannte und nicht mehr hervorholen wollte. Man hatte seine Familie verraten. Man hatte seine Familie als Opfer genutzt, für diese Banditen, die unter dem Schein des blutroten Mondes ihrem inneren Dämon erlegen waren. Sie war fort, und mit ihr das ungeborene Kind. Und das alles nur, weil er dem Dorf fremd war.
     Arthur biss sich auf die Unterlippe, während sein Blick auf dem Fleisch lag, das er kleinzuschneiden versuchte. Laphicet hatte Fieber, wieder einmal, weshalb er ihm einen Eintopf zubereiten wollte. Aber Arthur war nie ein guter Koch gewesen, und sein rechter Arm schmerzte mit jeder kleinsten Bewegung. Üblicherweise hielt er ihn mittlerweile in einer Bandage ruhig, jedoch gestaltete es sich schwierig, mit nur einer Hand zu kochen.
     „Kann ich dir helfen, Arthur?“, fragte die liebliche Stimme von Velvet, die sich an seine Seite begab und groß zu ihm hinaufschaute. Sie war nicht das neugierigste Kind, das Arthur kannte, nicht das gebildetste, doch sie war klug und vor allem aufmerksam. Es gab keinen Zweifel, dass sie die Schmerzen bemerkte, die Arthurs Wunde ihm bereitete.
     „Deck bitte den Tisch.“
     „Ich meine, mit dem Essen“, sagte Velvet und rührte sich nicht von der Stelle. Sie rang sich zu einem Lächeln durch, denn auch ihr hatten die vergangenen Tage auf den Magen geschlagen. Erst hatte sie viel geweint, bis sie irgendwann begriffen hatte, dass sie für ihren jüngeren Bruder stark sein wollte. „Das, was du kochst, schmeckt nicht so toll.“
     „Damit wirst du leben müssen, bis du ein wenig älter bist“, entgegnete Arthur mit tonloser Stimme, die für Velvet wie ein Vorwurf klingen mochte. Sie presste die Lippen aufeinander und schlug ihren Blick zu Boden. Ahnte sie es? Dass er, wenn er hätte wählen können, vermutlich den Tod von ihr und Laphicet herbeigesehnt hätte anstatt jenen von Celica und seinem ungeborenen Sohn? Allerdings wusste Arthur nicht, ob dieser Gedanke nicht aus momentaner Verzweiflung heraus entstand. Niemand würde vor eine solche Wahl gestellt werden wollen. Niemand würde nach getroffener Entscheidung glauben, dass er sich richtig entschieden hätte. „Ich möchte nicht, dass du dir mit dem Küchenmesser oder an dem Kaminfeuer wehtust.“
     „Ist gut“, wisperte Velvet kaum hörbar und entfernte sich mit hängendem Kopf, um den Tisch zu decken. Aus dem Augenwinkel heraus beobachtete Arthur sie und bereute, dass er zurzeit nicht mehr als Gleichgültigkeit hervorbringen konnte. Ihr ging es doch wie ihm. Sie hatte ihre große Schwester verloren, die Frau, die sie seit fünf Jahren wie eine Mutter großgezogen hatte – seit dem Tod ihrer Eltern. Arthur schaute zu Laphicet hinüber, der in seinem Zimmer im Bett lag und schlummerte. Seres wachte über ihn, saß an seiner Seite und hielt ihn warm, wenn er zu zittern begann, weil die Kälte des Winters in die Hütte eindrang. Sie trug die Maske, wie Arthur es gewünscht hatte. Nicht nur, weil Laphicet sie sehen konnte und unter Umständen erkannt hätte, dass es sich bei ihr um seine Schwester handelt – oder zumindest um das, was sie einst gewesen war. Sie sollte die Maske auch tragen, um Arthur selbst nicht zu erinnern. Jeder Blick in ihr Gesicht, das das seiner toten Frau war, hätte ihm mehr geschmerzt als sein lahmer Arm es jemals könnte.
     Arthur wandte sich wieder dem Fleisch zu und beschloss, Velvet am Abend zu Bett zu bringen und mit ihr über die vergangenen Ereignisse zu reden. Vielleicht unterschätzte er sie. Sie war neun Jahre alt und sein Lehrling, er ließ sie mit einem kleinen Schwert – wenngleich unter seiner Aufsicht – auf Stachelschweine losgehen. Wieso also befürchtete er, dass sie sich mit einem Küchenmesser verletzen könnte?
     Arthur richtete seine Aufmerksamkeit aus dem Fenster und bemerkte dort vor dem Familiengrab von Celica und ihren Eltern sowie vor dem Mal, das Arthur seinem ungeborenen Kind gesetzt hatte, eine ihm bekannte Gestalt. Er legte das Messer nieder und entfernte sich aus der Küche. Während er Velvet sagte, dass er kurz hinaus musste und sie bei Laphicet bleiben sollte, trat er aus der Haustür und schloss sie hinter sich. Mit einem prüfenden Blick zurück, um sicherzugehen, dass Velvet nicht lauschen würde, trat Arthur an die Seite des alten Mannes, der sich ihm nicht zuwandte, obwohl er seine Anwesenheit wahrgenommen hatte.
     „Sei gegrüßt, Artorius.“
     „Hallo, Melchior.“
Arthur sah Melchior nicht ins Gesicht, sondern betrachtete den Familiengrabstein mit den einzelnen Denkmälern für drei Urnen, die vor ihm in der Erde vergraben waren. Celicas Urne war nur zwecks Vollständigkeit mitgegeben worden. Schließlich hatten sie keinen Körper gehabt, den sie hatten verbrennen können.
     „Ich würde dich gern etwas fragen“, begann Arthur. „Du hast erzählt, dass Magillanica als Kind sehr krank gewesen ist. Hat sie an der 12-Jahre-Krankheit gelitten?“
     Melchior antwortete nicht. Er wägte stattdessen ab und war vorsichtig mit dem, was er offenbaren wollte. Typisch, dachte Arthur. Immer hatte er eventuelle künftige Pläne im Sinn. Er kannte niemanden sonst, der derartig vernünftig und minutiös handeln und planen konnte wie Melchior. Es war einerseits beeindruckend, andererseits war seine Rationalität furchteinflößend.
     „Es war eine ähnliche Krankheit, die wie die 12-Jahre-Krankheit resonante Kinder befällt und ihr Leben bedroht. Eine Schande, dass die Natur unsereins auf eine solche Weise dezimiert.“
     Arthur musterte Melchior genau. Er konnte nicht ausmachen, ob er log oder nicht. Beides konnte er sich vorstellen. Er bat Melchior um die Zutaten für die Medizin, mit der er einst seine Tochter geheilt hatte, obgleich es sich vermeintlich nicht um dieselbe Krankheit gehandelt hatte.
     „Stell ein Pulver aus dem Stoßzahn eines Narwals her und vermisch es mit einem Sud aus fünf Blättern eines Weltenbaums. Das sollte die Symptome der 12-Jahre-Krankheit lindern.“
     Arthur bedankte sich mit gesenkter Stimme und legte den Kopf in den Nacken. Es war kalt und der Himmel wolkenverhangen und unheilgeschwängert. So standen sie eine Weile da und Melchior gab nichts von sich, als ob nicht er es gewesen wäre, der Arthur mit Sicherheit aus einem Grund heraus aufgesucht hatte. Melchior drehte sich herum und begutachtete das Haus, in dem Arthur mit seiner Schwägerin und seinem Schwager lebte.
     „Wer von ihnen ist krank?“
     „Mein Bruder“, antwortete Arthur knapp.
     „Wie alt ist er?“
     „Vier.“
Melchior kämmte sich grübelnd mit den Fingern durch seinen Bart. Danach verschränkte er die Arme hinter dem Rücken und wandte sich Arthur zu, sodass die beiden sich erstmals seit Beginn des Gesprächs einander in die Augen sahen.
     „Wieso bist du noch hier, Artorius? Diese Kinder erfüllen keinen Zweck und sie gehen dich nichts mehr an.“
     „Nicht jeder kann so sein wie du, Melchior“, erwiderte Arthur mit besonnener Stimme und gewann von Melchior einen verwirrten Laut. „Ich kann meine Familie nicht verlassen, nur weil sie nicht dem entspricht, wie ich sie gerne hätte. Wenn ich ehrlich bin, will ich es auch nicht tun können. Ich sehe noch immer Magilous Verzweiflung, als du sie abgewiesen hast. Das liebste deiner Kinder, hat Claudin gesagt.“
     „Deine Familie wird immer kleiner“, entgegnete Melchior, ohne auf die Vorwürfe Arthurs einzugehen. Arthur hingegen erkannte, dass er einen wunden Punkt getroffen hatte. Dieser würde eines Tages nicht mehr existieren, noch war die Verbannung seiner Tochter jedoch frisch und setzte auch Melchior zu. Das wusste Arthur. „In acht Jahren ist dein Schwager tot und deine Schwägerin wird am Boden zerstört sein. Was wirst du tun?“
      „Du wirst mir nicht helfen, die Zutaten für das Omega-Elixier zu übersetzen“, verstand Arthur, dem bewusst war, dass das Omega-Elixier die einzige Heilung für ein Kind war, das an der 12-Jahre-Krankheit litt. „Nun zwingst du mich also dazu, Laphicets Leben einen Sinn zu geben, ehe es in acht Jahren vergeht. Das werde ich tun. Ich werde mit ihm und Velvet reden, und Laphicet ist vernünftig, er wird es verstehen. Velvet wird wütend sein, sie wird hassen – zumindest die erste Zeit. Danach werde ich mit ihr nach Loegres ziehen, denn Aball wird zu dieser Zeit nicht mehr dasselbe sein wie zuvor. Velvet eifert mir nach und sie ist stark, Melchior. Sie wird eine Exorzistin werden, und ich werde die Pflichten annehmen, die Claudin immer für mich vorgesehen hatte. Ich werde die Abtei anführen und das Volk in eine bessere Ära führen.“
     Melchior erschien mehr oder weniger zufrieden mit dieser Erklärung. Er verabschiedete sich von Arthur und ging. Arthur schaute ihm hinterher, bis er vollkommen aus seinem Sichtfeld verschwunden war, und wurde sich in dieser Zeit dem bewusst, was er soeben gesagt hatte. Es ergab alles einen Sinn und alles hatte seit Tagen schon in seinem Kopf herumgeschwirrt. Ja, wenn es keine Möglichkeit gab, Laphicet zu retten, würde er ihn opfern. Die nächste Scharlachrote Nacht würde kurz vor seinem zwölften Geburtstag stattfinden, kurz vor seinem Tod. Diese Chance musste genutzt werden.
     Arthur kehrte in das Haus zurück. Als er die Tür öffnete, schlug ihm der Geruch von Fleisch, Kartoffeln und tomatiger Brühe entgegen, und er fand Velvet und Laphicet an dem Esstisch sitzen, die geduldig auf seine Rückkehr warteten. In ihren Tellern dampfte der fertige Eintopf. Fragend suchte Arthur nach Seres, die in der Küche stand und die benutzten Töpfe abspülte. Seres bedachte ihn mit einem Lächeln und sagte: „Velvet hat gekocht. Ich hab nur aufgepasst, dass sie sich nicht verbrennt oder schneidet.“
     Arthur nickte verstehend und gesellte sich zu Velvet und Laphicet an den Tisch.
     „Laphi hat gesagt, dass Seres auf mich aufpasst!“, verteidigte Velvet sich mit Heiterkeit in ihrer Stimme, ehe Arthur auch nur dazu kam, sie zu tadeln. „Wenn Seres da ist, kann ich kochen und du kannst deinen Arm ausruhen, Arthur! Dann musst du dir nicht mehr so sehr wehtun.“
     Arthur stutzte einen Moment. Er presste die Lippen aufeinander, ließ seine Lider sinken und besann sich. Es war das erste Mal, seit er seine Frau und seinen Sohn verloren hatte, dass seine Lippen ein Lächeln formen konnten, ein echtes und gefühlvolles Lächeln, und er beugte sich zu seinen Geschwistern hinüber, küsste erst Laphicet, dann Velvet auf die Stirn und dankte ihnen, dass sie bei ihm waren.
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