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日本の夢 (Nihon no yume) - Okumuras Reisen zu den Grenzen des Vorstellbaren | Teil 5 - Der Sternenspiegel

von Odras
GeschichteAbenteuer, Übernatürlich / P12 / Gen
OC (Own Character)
14.11.2017
13.08.2018
54
41.213
 
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14.11.2017 645
 
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Dienstag, 12. Oktober 1920

Ich erwache mit dem ersten Tageslicht, das sich um diese Jahreszeit jedoch erst vergleichsweise spät am Morgen zeigt. Auch Senchō ist bereits auf den Beinen. Er wird heute die HMS Victory mit George V. und diversen anderen hochgestellten Persönlichkeiten an Bord auf eine kleine Spritztour in den Ärmelkanal führen. Vor meinem Haus parkt Mycrofts Silverghost. Auf Highclere Castle ist es meinem Freund wohl zu ungemütlich geworden. Noch vor dem Frühstück – ich gönne mir lediglich einen Tee – mache ich einen Spaziergang zum Shawfords Lake – so wird hier ein kleiner Bach, der weiter südlich in den River Hamble mündet, genannt. Das Ufer des Flüsschens ist an der Stelle, welche mein Ziel darstellt, von  einem breiten Schilfgürtel und einem Hain aus Weiden gesäumt. Schweigend und mit Bedacht schneide ich Zweige der Weiden und Halme des Schilfs, bis ich zwei ordentliche Bündel zusammen habe und mich wieder auf den Heimweg mache. Senchō ist, als ich zurück kommen, bereits mit dem Motorrad aufgebrochen. Dafür ist Mycroft inzwischen aufgestanden. Ich treffe ihn im Morgenmantel bei einer Tasse Earl Grey zeitunglesend im Dining Room an.

“Guten Morgen, Sanjūrō”, begrüßt er mich.
“Guten Morgen”, erwidere ich und lege meine Reisig- und Schilfbündel ab.
“Was hast du denn damit vor?”, fragt er interessiert.
“Erzähle ich dir gleich, ich muss erstmal was essen”, gebe ich zurück und rufe nach Amanda, die uns auch promt ein reichhaltiges Frühstück serviert. Als sie das Zimmer wieder verlässt, schaue ich ihr nach. Sie leistet gute Arbeit und ich möchte nur ungern auf ihre Dienste verzichten, aber die Tatsache, dass sie irgendetwas verbirgt und Mycrofts seltsame Andeutung vor ein paar Tagen machen mich skeptisch.

Beim Essen erzähle ich Mycroft was ich mit den Zweigen und den Schilfhalmen vorhabe. Ich erzähle ihm von einem Brauch aus meiner Heimat. Um der Toten zu gedenken werden in Japan Papierlaternen auf kleinen Booten auf einen Fluss gesetzt, um von diesem fortgetragen zu werden. Das Licht der Laterne soll der vom Leib getrennten Seele helfen, den Weg auf die andere Seite zu finden, während der Weg des Bootes auf dem Fluss hin zum Meer die Rückkehr des Fleisches zur See, welcher wir selbst einst, vor langer Zeit, entstiegen, um das Menschsein zu erfahren, symbolisiert.

“Ich will einundzwanzig solcher Boote bauen, eines für jeden Mann auf der Almina, dessen letzte Hoffnung auf Rettung nun verloren ist”, erkläre ich, “es ist nicht nur eine Ehrerbietung an ihr Leben und ihren Tod. Es ist auch wichtig für mich. Seit fast einem halben Jahr schleppe ich nun schon diese Last der Ungewissheit mit mir herum. Jetzt kann ich die Sache endlich für mich abschließen und auf diesem Wege um sie trauern.”  …und beten, denke ich still, dass ihre verkauften Seelen eines Tages Erlösung und zurück in den Kreislauf der Reinkarnationen des menschlichen Seins finden mögen.

Mycroft hört mir interessiert zu.
“Eine schöne Tradition”, meint er schließlich, “wenn du für deine Trauer nicht die Einsamkeit vorziehst, würde ich dir dabei gerne Beistand leisten.” Diese Bitte überrascht mich. Ich überlege einen Moment.
“Warum nicht”, antworte ich dann, “du kanntest sie schließlich auch – sogar weit länger als ich.”
Als der Senchō am Abend zurück nach Curdridge Hill kommt, haben wir zwei Laternenboote fast fertig gestellt. Der Senchō berichtet, dass er in vier Tagen mit der Victory in Richtung Gibraltar segeln wird. Es sei ein Wohltätigkeitsfahrt, deren Erlös der weiteren Restaurierung des Schiffes zukommen soll. Er fragt, ob ich nicht auch mitkommen wolle, doch ich lehne ab. „Ich habe andere Dinge zu tun“, sage ich und deute mit einem Kopfnicken in Richtung der beiden Laternenboote, die Mycroft und ich heute angefertigt haben. Bevor wir uns zur Nacht verabschieden, bitte ich Senchō noch, mir bei der Anbringung eines Älteren Zeichens an der Tür meinem Schrein im Keller behilflich zu sein, um das Heiligtum gegen unerwünschte Besucher aus nicht-irdischen Welten zu schützen.
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