Und täglich grüßt das Corrintier

von Eckstein
KurzgeschichteHumor, Romanze / P12
12.11.2017
12.11.2017
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Und täglich grüßt das Corrintier


Ein gewöhnlicher Tag verging im Königspalast von Aitoris. Lian, die Zwillingsschwester von Shion und Tocher des Königs, war auch diesen Abend trübselig. Da war es kein Wunder, dass sie sich auf das Schachspiel mit ihren Bruder nicht konzentrieren konnte.
»Oh Schwester, schon wieder ein Bauer.« Shion warf mit ein bisschen zu viel Schadenfreude ihre Figur.
Lians Chancen zu gewinnen standen nun äußerst schlecht. Normalerweise war es kein Problem für sie gegen ihn anzukommen, aber nicht heute.
Vor wenigen Tagen war ein Abgesandter zum Königspalast gekommen. Er sollte mit Aitoris' Baumeister den Ausbau der neuen Straße diskutieren. Als Lian den Neuankömmling zum ersten Mal gesehen hatte, ist sie augenblicklich nervös geworden. Er war in ihrem ungefähren Alter und sein Aussehen verursachte ein wohlwollendes Kribbeln in Lians Bauch.
Doch bis jetzt hatte der junge Mann, der Corrin hieß, wie sie mittlerweile herausgefunden hatte, sie noch nie wirklich wahrgenommen. Das Schlimmste dabei war, dass er ständig etwas mit Shion unternahm. Sie war eifersüchtig. Sie würde zu gerne mit ihrem Bruder die Plätze tauschen. Wenn sie wenigstens einmal ein Gespräch mit ihm führen könnte...
»Schach!«, rief Shion zufrieden. »Jetzt sieht's schlecht aus für dich, Schwester!«
Lian wusste, dass sie gegen ihren Bruder selbst jetzt noch problemlos ankommen könnte. Sie versuchte die Gedanken an den jungen Kerl zu verscheuchen, um sich aufs Schachspiel konzentrieren zu können. Sie mochte es nicht, gegen ihren Bruder zu verlieren.
So sehr sie sich auch anstrengte, sich zu fokussieren, funktionierte es nicht ganz. Ständig tauchte das Bild von ihm in ihrem Kopf auf. Deshalb es letzten Endes zu einem Unentschieden kam.

»Hallo Shion und Lian!« Es war Corrin. Lians Wangen erröteten augenblicklich. Da er bei der Begrüßung sowieso nur Shion anschaute, musste sie ihr rotes Gesicht wenigstens nicht verstecken.
Shion und Corrin verließen kurz daraufhin den Palast und amüsierten sich dabei wahrscheinlich wieder prächtig. Aufgrund dieser Ungerechtigkeit wurde Lian erst recht frustriert. Wieso redete er nur mit ihm?
Da kam Lian plötzlich ein Plan. Ein völlig verrückter.
Schnell verließ sie den Palast durch einen Nebeneingang und beobachtete die Beiden von der Ferne aus. Sie wollte wissen, welchen Spaß sie gerade verpasste.
Nachdem Lian ihnen eine Weile im sicheren Abstand gefolgt war, schlenderte sie niedergeschlagen zurück zum Palast. Die Beiden hatten nichts anderes gemacht, als geplaudert und gelacht, während Shion Corrin durch die Stadt geführt hatte. Lian legte sich in ihr Himmelsbett und stellte sich vor, wie es wäre von Corrin in den Armen gehalten zu werden. Was für eine hoffnungslose Wunschvorstellung.

Lian öffnete ihre Augen. Irgendetwas hatte sie wohl aufgeweckt. Sie schaute verwirrt durch ihr Zimmer und sah... Corrin. Er schaute zur Tür herein. Gleich würde er sich bestimmt zu ihr ins Bett legen und sich an sie kuscheln. Bei dieser Vorstellung wurde ihr ganz warm. Wenn sie mit Corrin verheiratet wäre, würde das jeden Abend so sein.
»Lian?« Seine angenehm raue Stimme drang zu ihren Ohren. »Schläfst du noch?«
Nein, nein. Ich schlafe noch nicht. Leg dich ruhig zu mir.
»Was murmelst du da?«
»Komm kuscheln«, wisperte Lian.
»Bitte? Ich hab dich nicht verstanden. Ich wollte dich nicht wecken, tut mir leid. Ich wollte nur wissen, wo Shion ist. Aber ich lass dich mal lieber weiterschlafen.« Die Tür ging zu und weckte Lian vollständig auf. Sie riss schockiert die Augen auf.
DAS WAR KEIN TRAUM?!  Sie schluckte schwer. Hoffentlich hatte Corrin nichts von dem gehört, was sie gesagt hatte. Und was wollte er überhaupt in ihrem Schlafgemach? Und das so Früh? Wollte er wirklich nur wissen, wo Shion war? Konnte das sein? Oder interessierte er sich vielleicht doch für sie?
Als Lian etwas wacher wurde, erkannte sie, dass es bereits schon vollständig hell war. Schlaftrunken richtete sie sich auf und zog sich an. Dabei spielte sich ständig die Szene mit Corrin in ihrem Kopf ab. Solange er nichts verstanden hatte, war alles gut. Warum musste er das erste Mal mit ihr in einer solchen Situation reden? Verschlafen verließ sie ihr Schlafgemach und setzte sich im Speisesaal an den Tisch. Dort mampfte sie abwesend ein paar königliche Zerealien.
Aber... es war immerhin besser als nichts, dass Corrin sie gefragt hatte? Das bedeutete nämlich, dass er zumindest an sie gedacht hatte. Auch wenn er nur wissen wollte, wo Shion war. Sie hoffte, dass Corrin ihren Bruder heute abermals nicht finden würde, sodass er sie erneut ansprechen würde.

Der Tag verging und weder Shion noch Corrin zeigten sich. Lian hatte keine Ahnung, wo sie sich herumtrieben. Sie überlegte, ihren Vater zu fragen, doch dieser war den ganzen Tag lang zu beschäftigt. Sie hasste diesen ganzen Bürokratenkram. Das Schlimmste daran war, dass sie die Arbeit ihres Vaters möglicherweise eines Tages übernehmen musste. Ihr Bruder wollte auch nur ungern König werden. Doch darum machte sich Lian diese Tage kaum Sorgen. Schließlich war ihr Kopf bereits bis oben hin voll mit Corrin. Aber als sie die Beiden am Nachmittag immer noch nicht gefunden hatte, hielt sie es nicht mehr aus. Da sie ihren Vater nicht fragen konnte, fragte sie nacheinander alle Diener, die sie finden konnte. Einer von ihnen musste die Beiden wohl gesehen haben.
»Tut mir Leid, Prinzessin. Aber ich habe Ihren Bruder seit heute Morgen nicht mehr gesehen.«
Das hieß aber, dass er die Beiden heute früh gesehen hatte.
»Wo waren sie denn heute morgen?«, hakte Lian nach.
»Ich habe nur gesehen, wie sie den Palast durch den Haupteingang verlassen hatten.«
Lian seufzte. Das war kein wirklich hilfreicher Hinweis.
»Danke trotzdem, James.«
Und nun? Was sollte sie den restlichen Tag lang machen? Früher als Kind hatte sie mit den Dienern und Schlossmägden gespielt, wenn gerade niemand für sie da war. Aber das wollte sie nicht. Sie fand sich dafür schon etwas zu alt. Außerdem musste sie sich einer Prinzessin gemäß verhalten, ihr Vater sah es mittlerweile gar nicht gern, wenn sie sich zu viel mit dem Personal abgab.

Die Sonne berührte bereits den Horizont im Westen, als ihr Zwillingsbruder plötzlich vor ihr auftauchte. Lian blickte ihn verärgert an. Er hatte den ganzen Tag lang etwas mit Corrin unternommen.
»Was für ein Tag, Schwester!«, lachte Shion.
»Wo warst du?« Lian schaute vorwurfsvoll.
»Ich? Ich war mit Corrin unterwegs. Hab' ihn alles Interessantes in der Stadt gezeigt und so. War echt witzig, glaub mir!« Ein großes Lächeln stand auf Shions Gesicht.
Lian blickte ihn finster an. Quatsch in der Stadt zu machen war immer lustig. Sie wäre auch gerne dabei gewesen.
»Und wo ist Corrin?« Sie versuchte nicht zu übereifrig zu klingen. Shion wusste noch nichts von ihrer Schwärmerei. Dafür war sie zu wütend auf ihn.
»Der wollte noch auf den Markt. Wollte sich irgendwelche Sachen für sein Pferd besorgen.«
»Und wieso bist du nicht bei ihm geblieben?«
»Was fragst du denn so viel, Schwester?«
Mist, erwischt.
»Aber du weißt doch, shoppen ist nicht so meins. Außerdem will ich dem Koch sagen, was Corrin gerne isst. Er soll sich hier doch wohl fühlen!«
Na ganz toll. Er hatte nicht nur Spaß mit Corrin, nein, er kannte sogar nun auch schon seinen Geschmack.
Shion machte sich fröhlich pfeifend auf den Weg zur Küche und Lian blieb frustriert alleine zurück. Das Abendessen verlief nicht viel besser. Corrin und Shion lachten in regelmäßigen Abständen laut am Ende der Tafel. Lian kam es mittlerweile so vor, als ob sie das nur machten, um sie zu ärgern. Seufzend ging sie sich nach dem Essen in ihr Schlafgemach.

»Hallo Lian.« Eine Hand legte sich von hinten auf ihre Schulter. Überrascht drehte sie sich um.
OH-MEIN-SAMOR! Es war Corrin! Wahrhaftig. Lians Herzschlag beschleunigte sich rasant. Was wollte er bloß? Wissen, wo Shion war? Aber das konnte nicht sein, schließlich waren sie gerade eben noch zusammen an der Tafel gesessen.
»Hallo Corrin.« Lian hoffte, dass sie nicht errötete. Und wenn doch, dass man es wenigstens im dämmernden Licht nicht mehr erkennen konnte.
»Ich finde dein Kleid steht dir echt gut.«
Hatte er das gerade wirklich gesagt? Jetzt wurde Lian sicherlich flammend rot. Sie hatte das Kleid heute früh absichtlich nur für ihn ausgesucht. Aber sie hatte nicht mehr damit gerechnet, dass er es noch bemerken würde. Besser gesagt, hatte sie nicht mehr daran gedacht, dass er sie überhaupt noch bemerken würde.
»Ich finde dieses Waldgrün wirklich bezaubernd. Ich finde es steht dir ausgezeichnet.«
»Danke«, brachte Lian gerade so hervor.
»Dieses Grün passt einfach zu so einer Kröte wie du es bist.«
Was hatte er da gerade gesagt? Lian konnte es nicht fassen. Sie wurde knallrot und versprühte Funken vor Wut. Knallend kam ihre Handfläche auf seiner Wange nieder.
»SO EINE UNVERSCHÄMTHEIT LASS ICH MIR VON EINEM WICHT WIE DIR NICHT BIETEN!«, kreischte Lian und eilte davon.

Plötzlich öffnete sich ihre Tür zum Schlafgemach.
»Alles ok bei dir?«
Lian öffnete die Augen. Hab ich geschlafen? Das ist wohl nur ein Traum gewesen. Nur ein harmloser Traum. Ihr Herz beruhigte sich langsam.
Corrin stand an der Tür und schaute hinein.
»Ich hab' dich schreien gehört und bin sofort her.«
Lian schaute an sich herunter. Sie trug immer noch das grüne Kleid. Sie war anscheinend direkt nach dem Abendmahl auf ihrem Bett eingeschlafen.
»Äh, ja. Alles gut. Ich... Ich habe nur eine Spinne gesehen.«
Corrin schien erleichtert. »Dann ist's ja gut. Ich begebe mich dann auch mal in mein Schlafgemach.« Er ließ die Tür hinter sich ins Schloss fallen. Erleichtert seufzte Lian. Was für ein Traum! Plötzlich öffnete sich die Tür erneut.
»Äh, Lian?« Es war wieder Corrin.
Lian konnte nicht aufhören, sich die Situation vorzustellen, in der Corrin endlich zu ihrem Bett kam. Möglicherweise passierte es ja jetzt endlich.
»Ja, Corrin?«, fragte Lian hoffnungsvoll.
»Bist du bereits müde? Ich habe grad gesehen, dass die Sonne in einem tollen Rot untergeht. Ich würd's zu gerne mir von draußen anschauen. Hättest du vielleicht Lust, mit mir rauszugehen?«
OH MEIN SAMOR. OH MEIN SAMOR. ENDLICH!
»JA!«, sagte Lian auf der Stelle. »Ich meine... gerne, wenn es dir keine Umstände bereitet.«
»Nein, gar kein Problem!« Corrin lächelte auf eine Weise, bei der sie ganz schwach wurde.
Und so gingen sie. Gemeinsam. Tatsächlich. Lians Herzschlag war während der ganzen Zeit, als sie neben dem gut gebauten Corrin herlief, auf einem unangenehm hohen Niveau. Sie verließen das Schloss und ließen sich unter einem Apfelbaum nieder. Schweigend betrachteten sie die farbenfrohe Szene.
»Was ich dich eigentlich fragen wollte«, brach Corrin nach einer Weile endlich die Stille. Er beugte sich zu ihr hinüber.
»Ja?«, hauchte Lian.
»Du... Du siehst so unglaublich reizend aus.« Er kam ihr noch näher. Sie konnte nun seinen angenehmen Atem riechen.
»Darf ich... Darf ich deine süße Haut liebkosen?«
Lians Schweigen war Antwort genug. Ihr Herz pochte aufgeregt.
»Sie sieht so unglaublich süß aus deine Haut... so unglaublich saftig.« Corrin stürzte sich vor und biss in Lians bloße Schulter. Lian schrie vor Überraschung und Schmerz auf.

Lian öffnete mit pochendem Herzen die Augen. Was für'n scheiß Traum! Es ist nur ein Traum gewesen. Schon wieder! Doch nun war sie endgültig wach. Ihre Zunge, mit der sie vorsichtig über ihre Lippen strich, konnte sie deutlich spüren. Ja, es war endlich wieder die Realität. Was hatte sie da nur geträumt? Und das gleich zwei Mal? Wir waren hier doch nicht nicht bei Und täglich grüßt das Corrintier.
Lian setzte sich in ihrem Bett auf. Ja, sie war tatsächlich in ihrem Kleid eingenickt, aber es war nicht mehr abends. Helles Licht flutete den Raum. Sie hatte die Nacht trotz der zwei Albträume durchgeschlafen. Wenigstens wusste sie jetzt, dass es nur Träume gewesen waren. Nur Träume...

»Guten Morgen Lian! Weißt du wo Shion ist?«, fragte Corrin, als Lian mit dem Frühstück fertig war. Schon wieder sprach er sie nur an, um zu erfahren, wo ihr Bruder war.
»Nein, weiß ich nicht. Ich komm gerade aus dem Speisesaal.«
»Verstehe«, seufzte Corrin. »Er wollte mir heute das Äußere der Stadt zeigen. Daraus wird jetzt wohl nichts. Aufs lange Suchen habe ich nämlich keine Lust.« Er hielt kurz inne. »Es sei denn... Hättest du Lust, mir die Stadt von außen zu zeigen?«
Fragte er das gerade wirklich, oder bildete sie sich das nur ein? Es war fast wie in ihrem Traum. Hoffentlich würde es nicht auch so enden. Aber das glaubte sie nicht, schließlich waren das sehr unrealistische Träume gewesen.
»Klar. Kann ich schon machen!«, Lian strahlte. Sie hoffte, dass Corrin ihren Eifer nicht bemerkte. Sie wollte nicht, dass er erkannte, wie viel ihr das bedeutete.

»Freut mich echt, dass du dir Zeit dafür nimmst. Ich hab' mittlerweile schon fast alles von der Stadt gesehen, aber eben nur von der Innenseite.« Corrin lachte leise. »Jetzt fehlt nur noch die Umgebung.«
Lian sollte jetzt irgendetwas – am besten witziges und kluges – sagen. Irgendetwas... Aber ihr fiel einfach nichts ein, sie konnte nur daran denken, dass Corrin endlich mit ihr sprach und sogar etwas mit ihr unternehmen wollte. Sie blieb stumm. Schweigend liefen sie den ganzen Weg durch die Stadt
»So, da wären wir«, unterbrach Lian schließlich die Stille. »Nichts Besonderes, wie du siehst. Nur das Stadttor. Aber du bist doch eh aus dieser Richtung her, oder?«
»Ja, stimmt schon. Aber da wurde es schon dunkel.«
Lian lächelte. Sie lief neben Corrin her. Und er schenkte ihr endlich Aufmerksamkeit. Sie spürte wieder dieses intensive Kribbeln im Bauch.
»Bist du oft hier draußen?«, unterbrach Corrin Lians Gedanken.
»Äh... nein, eigentlich nicht. Zumindest zurzeit nicht.« Um die Konversationen nicht abebben zu lassen, sprach sie weiter. »Wenn ich geritten bin, dann meistens hier draußen. Aber in letzter Zeit hab' ich die Stadt nicht oft verlassen.«
»Verstehe. Und wo führen die Wege hin?«
Lian vermutete, dass er das nur fragte, um das Gespräch am Laufen zu halten. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass ihn das wirklich interessierte. Es waren schließlich nur ein paar unwichtige Pfade.
»Also... der linke Weg führt zu einem großen Bauernhof. Und der rechte geht zum nächsten Dorf.«
»Aha.«
Es trat wieder Stille ein. Lian überlegte sich, wie sie sie unterbrechen konnte. Doch Corrin fing bereits wieder an.
»Hey! Ist das da hinten ein Apfelbaum?«
»Äh, ja?«, antwortete Lian etwas verwundert.
Corrin sprintete das letzte Stück zu dem Baum hin.
»Ich liebe Äpfel. Und diese hier sind sogar schon reif!« Er pflückte sich einen knallroten. »Willst du auch einen?«
»Ja, danke« Lian war sich nicht einmal sicher, ob sie überhaupt einen wollte.
Corrin holte auch ihr einen Apfel vom Baum.
»Dankeschön«, sagte Lian etwas verlegen. Sie biss in den Apfel. Zum Glück hatte sie noch ja gesagt, denn er schmeckte wirklich ausgezeichnet. Wortlos setzten sie sich hin und lehnten sich an den Stamm. Erst als Corrin mit seinem Apfel fertig war, sprachen sie weiter.
»Der war echt gut. Ich muss sagen, langsam gefällt mir die Stadt.«
Lian hatte ihren Apfel noch nicht ganz aufgegessen, aber sie warf ihn dennoch weg. Sie wollte nicht mit vollem Mund mit Corrin sprechen müssen.
»Und was hat dir bis jetzt von der Stadt am meisten gefallen?« Lian schaute ihn fragend an. Corrin drehte seinen Kopf zu ihr und erwiderte ihren Blick.
»Bis jetzt hast du mir am besten gefallen«, sagte Corrin.
Lian hatte die Worte noch nicht ganz verarbeitet, als seine Lippen bereits auf ihren waren. Vor Überraschung waren ihre Augen weit aufgerissen.
Ihr erster Gedanke war der, dass das hier wieder nur ein Traum war. So sehr sie auch davon überzeugt war, dass das, was gerade passierte, einfach total unrealistisch war, so wusste sie doch, dass das kein Traum war. Es fühlte sich einfach viel zu echt an.
Es dauerte etliche Sekunden, bis sie den Kuss willig erwiderte. Es war nicht nur die Überraschung und die Aufregung, die sie zögern ließ, sondern vor allem die Tatsache, dass es ihr erster Kuss war. Sie war die ganze Zeit über nervös, während sie ihre Lippen auf seinen bewegte. Sie wusste noch nicht, wie man richtig küsste.
Corrin hielt nach einiger Zeit inne und ihre Lippen lösten sich voneinander. Ihre Köpfe waren immer noch nah aneinander, als Corrin anfing zu sprechen. Lian lauschte ihn gespannt und konnte dabei seinen angenehmen Atem spüren und riechen.
»Weißt du Lian...«
»Ja?«, hauchte sie.
»Ich bin froh, hierher gekommen zu sein.«
»Bin ich auch«, antwortete Lian selig.
»Ich hab' schon immer gemerkt, wie du mich angeschaut hast.«
Lian sagte nichts. Unter der anbrechenden Dunkelheit errötete sie.
»Weißt du, du bist echt viel besser als meine Ex.«
Bitte was? Von was redete er da? Wieso redete er von seiner Ex-Freundin? So etwas gehörte sich doch nicht, oder?
»Meine Ex, Daraen, lebt nämlich hier in der Stadt.«
Wieso erzählte er davon? Das war Lian doch so etwas von egal! Wieso musste er den schönsten Moment in ihrem Leben ruinieren!?
»Das war eigentlich der Grund, wieso ich erst überhaupt hier bin für eine längere Zeit.«
Jetzt ging es wieder in eine bessere Richtung.
»Ohne sie hätt' ich dich nicht kennengelernt.« Corrin drückte ihr einen Kuss auf die Lippen. Lians Bauch kribbelte wohlig. »Ich bin froh, dass sie Schluss gemacht hat, sonst hätt' ich dich wohl nie näher kennengelernt.«
Auch wenn Lian nicht froh darüber war, dass er über seine Ex-Freundin redete, so war sie dennoch glücklich, dass sie endlich zueinander gefunden hatten.
»Sie hat nämlich erst gestern mit mir Schluss gemacht.« BITTE WAS!? »Und da dacht' ich mir, du schaust doch auch ganz nett aus.«
Lian errötete. Doch dieses Mal vor Wut.
»Ist das dein Ernst!?«
»Lian-Mäuschen, was ist denn?«
»DU HAST DICH NUR AN MICH RANGEMACHT, WEIL DU NICHT LÄNGER ALLEIN SEIN WILLST!« Lian stand wütend auf. Frusttränen standen ihr in den Augen.
»Stimmt doch gar nicht! Ich fand dich schon immer hübsch!«
Lian wandte sich zum Gehen. Das wollte sie nicht mehr länger mitanhören.
»Warte!« Corrin stand auf und hielt sie an ihrem Arm fest.
»Lass mich gehen!«, rief sie entsetzt aus.
»Lass es mich erklären!«, flehte Corrin.
»NEIN!« Sie versuchte ihren Arm zu befreien.
Wütend riss sie sich los und rannte in Richtung des Palasts. Was für ein armseliges Arschloch!
»Du wirst eh nie was Besseres finden!«, rief Corrin ihr wütend nach.
Da war Lian zum Glück schon aus seiner Rufweite. Sie konnte nicht fassen, was passiert war. Sie hörte erst auf zu  rennen, als sie in ihrem Schlafgemach war. Völlig übermüdet und durchgeschwitzt. Und vollkommen frustriert. Wer brauchte schon Männer? Ihre Schwärmerei hatte sich auf einen Schlag vollständig verflüchtigt.
Vielleicht hatten ihre Träume sie warnen wollen.
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