Emilias Melodie

GeschichteAllgemein / P12
12.11.2017
14.05.2020
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Die Akte


Leise dudelte ein Radio im Hintergrund des kleinen Büros, in dem es angenehm warm war. Und obwohl es noch am frühen Nachmittag war kroch bereits die Dämmerung in das Zimmer hinein. Bald würden bestimmt schon die ersten Jugendlichen zu ihnen kommen, dachte sich Sophie.
Aber bevor sie sich ihren Schützlingen widmen konnte stand zunächst noch ein wenig Papierkram an. Gelegentlich war es ja doch notwendig durch die verschiedenen Akten zu schauen und sie bei Bedarf auf Vordermann zu bringen. Sophie schüttelte ihre Gedanken ab und konzentrierte sich auf ihre Arbeit. Sie war fast fertig, nur noch die letzten Akten waren überarbeitungsbedürftig.
Doch gerade dieses lang ersehnte Ende verdarb Sophie nun die Freude. Wie so oft in den vergangen Wochen fiel ihr jedes Mal diese eine Akte in die Hände, in die sie nur allzu gern irgendwelche Neuigkeiten oder Veränderungen notiert hätte. Was genau, dass war ihr inzwischen sogar egal. Wo negative Ereignisse bei ihren anderen Schützlingen meist frustrierend waren, war bei diesem Fall das „Nichts“ noch schwerer  auszuhalten.
Die letzten Mal hatte sie die Akte „Emilia“ nur seufzend zur Seite gelegt, doch heute nicht. Nach kurzem Überlegen schlug sie jetzt den braunen Hefter auf. Was auf den wenigen Seiten dokumentiert wurde, war die Komprimierung eines Worst-Cases.
Selten waren die Lebensläufe ihrer Klienten einfach und alle hatten sie ein gemeinsames Ende: die Obdachlosigkeit. Und obwohl Sophie noch nicht besonders lange in der Schutzunterkunft arbeitete, so hatte sie sich doch schnell an die teils brutale Realität gewöhnt. Aber diese Akte übertraf ihre Erfahrungen um einiges.
Vor ungefähr einem halben Jahr begann die Reise, zumindest auf diesen  Zetteln. Seitdem, so erschien es Sophie, war dem Mädchen alles wiederfahren, was auf der Straße nur geschehen konnte. In nur kürzester Zeit hatten sie, Sophie und ihre Kollegen von der Obdachlosen Hilfe für Jugendliche, Emilia kennengelernt, aufgefangen können und quasi im selben Moment wieder verloren.
Sophie überflog die knappen Zeilen der Akte, jede einzelne ausschlaggebender als die andere für Emilias Weg.

Der erste Kontakt entstand durch die Polizei: Anzeige wegen Störung der Öffentlichen Ordnung kombiniert mit einem übermäßigen Alkoholkonsum bei dem scheinbar minderjährigen Mädchen.
Sophie erinnerte sich nur noch vage an die ersten Treffen. Emilia war dort nur ein Jugendlicher von vielen. Dann aber stellte sich heraus dass Emilia auf der Straße lebte. Das Jugendamt und eine Zusammenarbeit mit den Eltern erschien in Emilias Situation unmöglich.
Sie verloren Emilia aus den Augen. Sie gehörte zu keiner Gruppe an und bei ihren Touren durch die Stadt sah man sie selten. Zurückgezogen und allein, so stand es hier schwarz auf weiß. Gelegentlich traf man sie am Bahnhof, öfters betrunken als nüchtern.  Kaum jemand kannte das Mädchen, die meisten wussten genau wie sie nichts von ihr.
Dann, die Akte sollte schon fast geschlossen werden, meldete sich jemand bei ihnen. „Rocky“ stand als Verweisname in den Unterlagen, was jedoch nicht der richtige Name des Jungen zu sei schien.
Der unbekannte Junge brachte Emilia zu ihnen in die Unterkunft, zuvor hatte er bereits Sören auf Emilia ansetzen wollen. Er ahnte bereits damals, dass Emilia Hilfe bräuchte.
Sophie seufze kurz. Sie wusste, dass die Geschichte von Emilia ab jetzt nicht mehr schöner wurde. Etwas in ihr sträubte sich dagegen weiterzulesen, aber sie wollte sich nun vergewissern. Vergewissern, dass sie ihre Arbeit richtig gemacht hatte und das Abrutschen des Mädchens nicht an ihr lag. Sie fuhr fort. Viele knappe Bemerkungen zeichneten eine chaotische Zeit auf.
Verschiedene Kollegen dokumentierten und berichteten von kurzweiligen Aufenthalten in der Unterkunft. Immer wieder wurde angemerkt, dass Emilia stark alkoholisiert war und einen sehr geschwächten Eindruck machte.
Zwischen einzelnen Berichten lagen teils viele Tage, wobei man nur eins wirklich über die Zwischenzeit sagen konnte und zwar das sich Emilias Zustand  konstant verschlechterte.
Bis zu dem einen Tag, an dem „Rocky“ sie mitten in der Nacht halb totgeprügelt vor ihre Türschwelle absetzte und verschwand.
Zum ersten und auch zum vorerst letzten Mal sollte Emilia aufgrund der Verletzungen mehr als eine Nacht bei ihnen verbringen. Erinnerungen hatte das Mädchen keine und wie auch sonst war sie wenig gesprächig, doch statt Gegenwehr dominierte jetzt die Apathie ihr Wesen.
Spätestens zu diesem Zeitpunkt war man überfordert mit dem Mädchen, doch die Sozialarbeiter waren handlungsunfähig. Emilia sprach nicht und wollte weder ins Krankenhaus noch zur Polizei. Statt sie auf der Straße ihrem Schicksal zu überlassen behielt man sie im Haus.
Als letzten Punkt war in zittrigen Lettern und bloßen Wortfetzen der endgültige Zusammenbruch des Mädchens notiert. Was genau geschah wusste niemand.
Seitdem war sie im Krankenhaus. Von dort aus hatten sie kaum Informationen erhalten. Nur dass Emilia operiert wurde, normal aufgewacht war und dann abermals kollabierte und nicht mehr zu sich gekommen war.

Es war das traurige Ende der kurzen Akte, die Sophie nun ernüchtert zuschlug. Sie kannte das Mädchen kaum. Verriet die Akte doch nichts über Emilias Hintergründe, Motivationen und überhaupt etwas von ihrem Charakter. Es war die bloße Abfolge von Ereignissen, die im Endeffekt zu viel für das Mädchen waren.
Und genau wie schon vor ein paar Monaten zuvor fragte sich nun Sophie, was in der Zwischenzeit geschehen sein musste. Der Weg vom Polizeikommissariat bis ins Krankenhaus war so lückenhaft, sowohl zeitlich als auch inhaltlich, dass Sophie nicht einmal erahnen konnte, was Emilias Leben auf der Straße neben dem Alkohol ausgemacht haben musste.

Das war eine erste kleine Zusammenfassung über die Ereignisse, die sich in der Vorschichte "Verwehte Melodie" zusammengetragen haben. Ich hoffe ihr seid jetzt ggf. auf einem ähnlichen Stand wie z.B Sophie. Ich muss noch überlegen, ob ich die Lücken durch Emilias Persepktive als Rückblicke aufarbeite oder das in anderer Form mache. LG
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