Precious Love

KurzgeschichteRomanze / P16
12.11.2017
12.11.2017
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Lautes Pfeifen, sowie endloses Stimmengewirr drangen von allen Seiten an mein Ohr, als ich am späten Nachmittag den Bahnhof erreichte und mich auf den Weg zu Gleis acht machte, auf dem sein Zug in wenigen Augenblicken einfahren würde. Eigentlich hatte ich schon längst hier sein wollen, um ihn unter gar keinen Umständen zu verpassen – allerdings hatte sich mein Wagen mal wieder quergestellt und mir einen Strich durch die Rechnung gemacht, sodass ich erst eine Viertelstunde später als geplant hatte losfahren können und mich daher jetzt ziemlich beeilen musste, um mein Ziel noch rechtzeitig zu erreichen.
Ringsherum tummelten sich die Menschen von einer Seite zur anderen, schleppten geschäftig ihr Gepäck durch die Gegend und nahmen kaum Notiz von mir, was ich allerdings mehr begrüßte als bedauerte. Lediglich hier und da zog ich einen verwunderten Blick auf mich, als ich in meinem sonnengelben Outfit und mit einem Paar abgenutzter Flip Flops an den Füßen die schier endlos lange Treppe zu den Gleisen hinunterhechtete, um unter gar keinen Umständen zu spät zu kommen, da ich zugegebenermaßen schon ein bisschen knapp in der Zeit lag.
Doch auch wenn ich durch das schnelle Laufen ein bisschen außer Atem geriet, so wusste ich ganz genau, warum ich es machte und dass die Belohnung, die ich dafür in ein paar Augenblicken erhalten würde, es ohne den geringsten Zweifel wert war. Schließlich würde ich ihn heute nach sechs langen, sehnsüchtigen und kaum zu ertragenden Wochen endlich wiedersehen. Ich würde ihn endlich wieder in meine Arme nehmen und meine Zeit mit ihm verbringen können, genau wie an all den leichten und unbeschwerten Tagen vor seiner Abreise.
Kein Wunder also, dass mein zwanzig Jahre junges Herz schon während der gesamten Fahrt hierher zum Bahnhof wie wahnsinnig geklopft hatte aus lauter Euphorie darüber, endlich wieder in seine meeresblauen, tiefen Augen blicken zu können. Endlich wieder seinen Duft wahrnehmen zu können – den leicht süßlichen, wohlvertrauten Geruch, der in jeder einzelnen seiner pechschwarzen Haarsträhnen lag und mich seit mittlerweile drei Jahren tagtäglich begleitete. Und den ich nun seit mittlerweile sechs Wochen schmerzlich hatte vermissen müssen.
Grinsend wie ein verliebtes Schulmädchen dachte an den Abend zurück, als er und ich das erste Mal gemeinsam ausgegangen waren. Der Abend, an dem ich mich nach langen Selbstzweifeln und einer ganzen Menge Unsicherheit endlich getraut hatte, mich von meinen Ketten zu befreien und raus ins Leben zu gehen. An dem wir gemeinsam durch ein paar Clubs gezogen waren und ich zum ersten Mal erlebt hatte, was es bedeutete, unbeschwert zu feiern.
Seitdem war natürlich eine ganze Menge passiert. Unter anderem war es mir gelungen, mein Selbstvertrauen immer weiter aufzubauen und letztendlich einfach zu dem zu stehen, was ich war. Hatte ich bis zu diesem Zeitpunkt noch Angst gehabt und mich hinter meiner Unsicherheit versteckt, so war es mir heute mittlerweile größtenteils egal, was die Leute von mir sagten oder ob sie mir mit verwunderten oder erschrockenen Blicken begegneten.
Leicht gefallen war mir das zwar bei weitem nicht – und natürlich hatte es eine ganze Menge an Kraft, Training und Überwindung gebraucht, bis ich endlich den Mut gehabt hatte, aus mir herauszugehen und mich zu ihm, sowie auch zu mir selbst zu bekennen. Doch wenn mir in den drei Jahren unserer Beziehung eine Sache klargeworden war, dann, dass es sich auf jeden Fall gelohnt hatte. Es war absolut richtig gewesen, meine sämtlichen Zweifel einfach über Bord zu werfen und mich vollständig auf das Hier und Jetzt einzulassen, ohne mich dabei ständig mit den Gedanken daran aufzuhalten, was denn mit mir nicht stimmte.
Und wenn ich ganz ehrlich war, dann hatte ich auch das einzig und allein ihm zu verdanken. Schließlich war er der erste Mensch in meinem Leben gewesen, den ich nach langen Überlegungen und Selbstzweifeln in meine – wie ich damals noch geglaubt hatte – eigenartigen Gefühle eingeweiht und ihm anvertraut hatte, welcher Wunsch ganz tief in mir schlummerte. Er war der erste gewesen, mit dem ich damals, im zarten Alter von gerade Mal sechzehn, über meinen bis dahin heimlichen Traum gesprochen und ihm gesagt hatte, dass ich so nicht mehr weitermachen wollte und mir mein Leben anders vorstellte.
Und obwohl er zunächst ziemlich verwirrt gewesen war, hatte er sich trotzdem meine Geschichte angehört, sich in aller Ruhe Zeit für mich genommen und mich nicht ein einziges Mal unterbrochen. Ohne jegliche Vorbehalte, geschweige denn Abscheu, hatte er mich erzählen lassen und sich intensiv mit meinen verworrenen Gefühlen, auf die ich mir selbst keinen Reim machen konnte, auseinandergesetzt. Er hatte nicht gelacht, mich nicht komisch angeschaut oder gar ausgeschimpft, sondern nur geduldig meinen Worten gelauscht und sogar meine Hand gehalten, als ihm aufgefallen war, dass sie vor Spannung und Unsicherheit zitterte.
Und als ich schließlich am Ende meiner Geschichte angelangt war und zum ersten Mal nicht nur ihm, sondern auch mir selbst gegenüber ausgesprochen hatte, was Sache war und welchen Namen ich in Zukunft tragen wollte, da hatte er mich einfach nur angelächelt und mir aus purer Spontanität heraus ein Küsschen auf die Wange gedrückt. Er hatte trotz der ungewöhnlichen Situation nicht gelacht oder gespottet, sondern mir stattdessen versichert, dass er meine Gefühle und Wünsche respektierte und mich dann auch zum allerersten Mal mit meinem neuen Namen angesprochen. Darüber hinaus hatte er mir felsenfest zugesichert, dass mein Coming-out an unserem Verhältnis zueinander nichts ändern würde und er trotzdem immer mein bester Freund bleiben würde – egal, ob ich nun ein Junge war oder ein Mädchen.
Über dieses Versprechen war ich damals sehr gerührt gewesen und hatte ihm natürlich auch gesagt, dass selbiges auch für mich galt. Denn schließlich hatte keiner von uns beiden zu diesem Zeitpunkt wissen können, dass wir unseren innigen Schwur nicht einmal ein Jahr später bereits wieder brechen würden.
Der Anlass dafür war ein gemeinsamer Kinobesuch gewesen, wenige Tage nach meinem siebzehnten Geburtstag, zu welchem er mich aus purer Spontanität heraus eingeladen hatte. Doch statt dem eigentlich geplanten Western hatte ich mich nach ein paar herzerweichenden Augenaufschlägen seinerseits schließlich dazu überreden lassen, in einen Horrorstreifen zu gehen, von dem all unsere damaligen Mitschüler ständig gesprochen hatten und welcher angeblich als Kultfilm galt. Obwohl mir zugegebenermaßen ein wenig flau gewesen war – immerhin war Horror bis dahin absolut nicht mein Genre gewesen –, hatte ich mich schließlich breitschlagen lassen, mit ihm in den Film zu gehen. Zum einen, um ihm den Spaß nicht zu verderben, zum anderen aber auch, weil ich seinen mitleiderregenden Dackelblicken nur schwer hatte widerstehen können.
Die ersten fünfundvierzig Minuten des Films hatte ich auch fast ohne nennenswerte Herzanfälle oder Schreikrämpfe überstanden, nur hier und da war mir ein bisschen mulmig zumute geworden. Doch kurz danach war eine blutrünstige, widerwärtige und verstörende Szene gefolgt, die sich auf ewig in mein Gedächtnis eingebrannt hatte und die mir auch heute noch eine Gänsehaut über den Rücken jagte, wenn ich daran dachte.
Verständlicherweise hatte ich damals im Kino gekreischt wie am Spieß und so starkes Herzrasen bekommen, dass mir ganz schummerig geworden war. Noch nicht einmal die bitterbösen Blicke der anderen Kinobesucher, die sich von meiner Schreieinlage mehr als nur gestört fühlten, hatten mich zum Schweigen bringen können. Erst, als er mir eine Hand vor den Mund gehalten und mich mit der anderen ganz fest umschlossen hatte, um mir Sicherheit zu geben, war endlich wieder Ruhe im Karton gewesen.
Ganz liebevoll hatte er mich in die Arme genommen, hatte meine Ängste mit seinen Händen weggestreichelt und mir ein paar beruhigende Worte ins Ohr geflüstert, durch die es ihm schließlich gelungen war, einen weiteren, hysterischen Anfall von mir zu unterbinden. Den gesamten restlichen Film über hatte er mich so im Arm gehalten und jedes Mal bei einer verstörenden Szene meinen Kopf in seiner Schulter versteckt. Sogar mein vor Angst rasendes Herz hatte er durch seine fürsorgliche Art in den Griff bekommen und es geschafft, mir durch sein Lächeln, seine Blicke und seine zärtlichen Gesten jegliche Panik zu nehmen. Mehr als deutlich hatte er mich spüren lassen, dass er da war, um mich zu beschützen und es auf gar keinen Fall geschehen ließ, dass mir irgendetwas passierte. Nicht einen Millimeter war er auf Abstand gegangen, sondern hatte mich stattdessen so nah wie möglich an sich gezogen und mir immer wieder beruhigende Dinge zugeflüstert.
Und auch wenn er es von seiner Seite aus ganz sicher nicht beabsichtigt hatte, so hatte er durch diese fürsorgliche und liebevolle Art, sich um mich zu kümmern, etwas sehr Entscheidendes in mir ausgelöst. Von einem Augenblick zum anderen hatte sich seine Berührung nicht mehr nur freundschaftlich angefühlt, sondern war mir noch viel, viel tiefer unter die Haut gegangen. Plötzlich hatten seine Worte einen ganz neuen Sinn bekommen und jedes zärtliche Flüstern klang wie eine sanfte Melodie in meinen Ohren. Plötzlich war mir das grelle Funkeln in seinen blauen Augen aufgefallen, das ich auf diese Art noch niemals zuvor gesehen hatte. Und ganz plötzlich hatte auch mein verrücktes Herz wieder heftig zu klopfen angefangen – doch dieses Mal nicht, weil ich so viel Angst hatte.
Nein – es hatte so laut geklopft, weil in diesem Moment etwas in mir und mit mir passiert war. Weil ich ganz plötzlich noch viel mehr in ihm gesehen hatte als nur einen netten Menschen. Weil ich zum ersten Mal ganz bewusst wahrgenommen hatte, was für ein einzigartiger und besonderer Junge er eigentlich war. Weil seine sanften Streichler die Hitze über meinen gesamten Körper getrieben und mich fast atemlos gemacht hatten. Weil ich in diesem Augenblick dabei war, mich Hals über Kopf in meinen bis dato besten Freund zu verlieben.
Mit einem Schlag hatte sich mein gesamter Körper wie Wachs angefühlt, als er seinen starken Arm noch fester um mich gelegt und mit der anderen Hand ganz sanft mein Haar gestreichelt hatte. Mit einem Schlag hatte ich all seine Gesten und Worte viel deutlicher wahrgenommen als irgendwann jemals zuvor. Mit einem Schlag war aus dem netten Jungen, den ich schon seit meinem zehnten Lebensjahr gekannt hatte, mein unvergleichlicher Romeo geworden.
Genau in diesem Moment hatte sich mein gesamtes Denkvermögen gänzlich verabschiedet, erst recht, als ich so nah wie nie einen tiefen Blick in seine beiden Märchenaugen geworfen hatte. Jedenfalls war es mir so nah wie nie vorgekommen, denn ich hatte diese Reinheit, dieses Strahlen und diese endlose Tiefe noch nie zuvor so deutlich wahrgenommen. Und zu meinem großen Glück war es im Kinosaal so dunkel gewesen, denn so war ihm glücklicherweise verborgen geblieben, wie bescheuert ich ihn angegrinst hatte.
Vom Rest des Films hatte ich ab diesem Zeitpunkt verständlicherweise nichts mehr mitbekommen, da mein Augenmerk ausschließlich auf ihn gerichtet gewesen war, sowie auf seine warmen und sanften Hände, die sich wie im Spiel durch meine braunen Strähnen gearbeitet und mir gleich mehrere Male eine Gänsehaut verursacht hatten. Noch nicht einmal das Ende des insgesamt fast zweistündigen Streifens hatte ich realisiert, sondern stattdessen wie ihn Trance die ganze Zeit über sein Gesicht und seinen Körper betrachtet – fast so, als hätte ich ihn zum ersten Mal in meinem Leben gesehen.
Doch in gewisser Weise war das sogar irgendwie der Fall gewesen. Schließlich hatte ich bis zu dem Moment nur meinen besten Freund in ihm gesehen, den Menschen, dem ich absolut jedes Geheimnis ohne Scham anvertrauen konnte. Und ganz plötzlich klopfte mein Herz, wenn ich ihn anschaute – plötzlich kribbelte mein Bauch und eine überdeutliche Hitze suchte meinen gesamten Körper heim. Plötzlich verwandelte sich die aufrichtige Bewunderung, die ich für ihn bis dahin empfunden hatte, in endlos tiefe, innige Zuneigung, die sich danach sehnte, erwidert zu werden. Kein Wunder also, dass ich nicht in der Lage gewesen war, zu reagieren, als der Film schließlich sein wohlverdientes Ende erreicht hatte und die Beleuchtung im Saal wieder angegangen war. Kein Wunder, dass ich die sich langsam zum Ausgang drängelnden Filmbesucher und das dabei mitschwingende, muntere Gefasel ebenjener mit keiner einzigen Faser meines Körpers registriert hatte.
Erst, als er sich von mir gelöst und mir etwas zugerufen hatte, war ich aus meinem tranceähnlichen Zustand aufgewacht und hatte ihm meine vollständige Aufmerksamkeit geschenkt. Mit zögernden, wackeligen Schritten war ich ihm dann schließlich zum Ausgang gefolgt und hatte versucht, mich auf etwas anderes zu konzentrierten – allerdings waren sämtliche Bemühungen diesbezüglich im Sand verlaufen.
Den gesamten Weg zum Parkplatz über hatte ich ihn angestarrt, hatte seinen Körper mit meinen Blicken einer regelrechten Analyse unterzogen und dabei für mich selbst klar festgestellt, wie unverschämt attraktiv er eigentlich aussah. Noch dazu in seinem sportlichen, luftigen und darüber hinaus sehr knappen Outfit, durch welches einige Stellen seines gut trainierten Körpers ganz besonders hervorgehoben wurden.
Nach einigen Metern Fußmarsch schließlich, hatte ich mich einfach nicht mehr länger zusammenreißen können und ihn durch ein Drücken seiner Hand dazu angewiesen, kurz innezuhalten und stehenzubleiben. Ein bisschen verwundert hatte er mir dann einen Blick zugeworfen und mich gefragt, ob alles in Ordnung wäre oder ich noch immer Angst hätte. Und genau in dem Augenblick entschied ich mich dazu, alles auf eine Karte zu setzen.
Ohne ihm zu antworten, geschweige denn, ihn vorzuwarnen, hatte ich meinem tiefen Bedürfnis nachgegeben und meine Lippen mit seinen eigenen zusammengeführt, hatte ihn so heiß und intensiv geküsst wie das Feuer in meinem Herzen brannte. Und entsprechend meiner Erwartung war er völlig überfordert zurückgeschreckt und hatte mich angestarrt, im Unklaren darüber, was diese unvorhergesehene Handlung meinerseits zu bedeuten hatte.
Aber kein Wunder, dass er ziemlich erschrocken gewesen war – immerhin hatte er bis zu dem Zeitpunkt lediglich meine harmlosen, freundschaftlichen Wangenküsschen gekannt. Und obwohl wir es voreinander erst sehr viel später zugegeben hatten, so war dieser Kuss für uns beide der allererste gewesen. Der erste, auf den über die Jahre hinweg natürlich noch so einige, wesentlich längere und ausgefallenere gefolgt waren.
Doch an diesem Abend hatten wir beide zum ersten Mal so etwas erlebt, hatten hautnah zu spüren bekommen, wie ein richtiger, tiefer Kuss sich eigentlich anfühlte. Es war für uns beide völliges Neuland gewesen, das wir betreten hatten – und nichtsdestotrotz ein entscheidender und besonderer Meilenstein in der Geschichte unserer Beziehung. Um genau zu sein der Meilenstein, der die ganze Sache überhaupt erst ins Rollen gebracht hatte.
Zugegebenermaßen nicht sofort, da er trotz meiner eindeutigen Geste der Zuneigung sehr verwirrt gewesen war und nicht gewusst hatte, was eigentlich vor sich ging. Eine Zeit lang hatte er mich einfach nur angestarrt, ehe er sich schließlich traute, das Schweigen zu brechen und mich zu fragen, aus welchem Grund ich das denn eigentlich gemacht hatte.
„Weil du süß bist, Gary“, hatte ich ihm damals geantwortet und leise gekichert, ehe ich eine Hand über seine pechschwarzen Haare geführt und ihn mit eindeutiger Verliebtheit angegrinst hatte. Perplex war ihm daraufhin ein Stück der Mund aufgeklappt, was mich allerdings noch mehr zum Kichern gebracht hatte als ohnehin schon. „Süßer Gary“, hatte ich ihn erneut genannt und mich ihm wie ein verliebtes Schulmädchen an den Hals geworfen, ohne ihm irgendeine Möglichkeit zur Abwehr oder gar zur Flucht zu lassen.
Allerdings war es ihm trotzdem gelungen, sich einem erneuten Kuss von mir zu entziehen und trotz meiner konsequenten Umarmung auf Abstand zu gehen. Abermals hatte er mich verwirrt angeschaut und war nicht in der Lage gewesen, sich auch nur ansatzweise einen Reim auf mein Verhalten zu machen. Erst, als ich seine Hand an meine Brust gelegt und er meinen deutlich stärkeren Herzschlag gefühlt hatte, war ihm klargeworden, was eigentlich passierte, oder – um ganz genau zu sein – passiert war.
„Heißt das...?“, hatte er leise zu einer Frage angesetzt, sie allerdings wieder abgebrochen und mir unsicher ins Gesicht geschaut. „Heißt es“, war meine gekicherte Antwort gewesen, als ich ihm noch einmal durch sein schwarzes Haar gestreichelt und ihn überglücklich angelächelt hatte. „Genau das heißt es, süßer Gary. Ich hab mich in dich verliebt“.
Diese Worte aus meinem Mund zu hören, hatte ihn total baff gemacht und seine Welt völlig auf den Kopf gestellt, was er mich in der darauffolgenden Zeit auch sehr klar hatte spüren lassen. Denn nachdem er mich an jenem Abend noch nach Hause gebracht hatte, hatte ich volle zwei Wochen lang nicht ein Wort mehr von ihm gehört. Weder hatte er in der Schule mit mir reden wollen, noch hatte er auf meine Mails oder Anrufe reagiert. Erst an einem sonnigen Samstagnachmittag, als ich schon befürchtet hatte, unsere Freundschaft wäre für immer dahin, hatte es ganz plötzlich an meiner Tür geklingelt – und zu meiner großen Überraschung war tatsächlich er es gewesen.
Mit einem verlegenen und schüchternen „Hi“ hatten wir uns begrüßt, beide nicht dazu in der Lage, uns dabei auch nur halbwegs anzuschauen, sondern den Blick stattdessen stur zu Boden geheftet. Nach endlos langem Zögern hatte ich schließlich meinen Mut zusammengenommen und ihn hereingebeten. Eilig waren wir nach oben in mein Zimmer verschwunden, ich hatte die Tür ins Schloss fallen lassen und ihm nach einiger Überwindung einen langen Blick zugeworfen.
Aufgeregt hatte ich zu einer Erklärung ansetzen wollen, doch er war mir ins Wort gefallen und hatte mich darum gebeten, sich zuerst zu der ganzen Sache äußern zu dürfen. Wenn auch nervös, hatte ich ihm diese Bitte erfüllt und mir seinen Standpunkt angehört, der sich allerdings zu einer nie erwarteten Überraschung für mich entwickelt hatte. Denn anstatt mit mir zu schimpfen und mir mein Verhalten vor dem Kino übel zu nehmen, hatte Gary mir erklärt, dass er sehr viel über uns und unsere Freundschaft nachgedacht hatte, sowie auch über meinen spontanen Kuss und mein Liebesgeständnis. Er hatte mir erklärt, dass er in den letzten Tagen sehr oft an mich hatte denken müssen und ihm dabei bewusst geworden war, wie viel ich ihm eigentlich bedeuten würde. Dass ihm mein Kuss nicht mehr aus dem Kopf ging und er sich eingestehen musste, wie gut er ihm eigentlich gefallen hatte. Und dass er vielleicht ein kleines bisschen mehr in mir sah als nur ein nettes Mädchen.
Als ich ihn dann gefragt hatte, was er damit meinte, hatte er sich – wie ich zuvor bei ihm – meine Hand geschnappt und sie ganz fest an seine Brust gedrückt. „Fühlst du's?“, hatte er mich dann gefragt und dabei begonnen, ganz verspielt zu lächeln. Ohne jeden Zweifel konnte ich diese Frage mit einem Ja beantworten, als ich sein Herzklopfen an meiner Handfläche zu spüren bekommen hatte.
„Weißt du“, hatte er dann hinzugefügt und sein Gesicht dicht an meines herangebeugt. „Du bist auch ganz niedlich, wenn ich ehrlich sein darf“. Noch bevor es mir gelungen war, mich irgendwie dazu zu äußern, hatte auch er einen Überfall auf mich begangen und seine Lippen auf meine gedrückt – ebenfalls, ohne mir auch nur den Hauch einer Fluchtmöglichkeit zu lassen. „Gary...“, hatte ich atemlos hervorgequetscht, weil ich überhaupt nicht begreifen konnte, was eigentlich gerade passierte.
Doch anstatt mir zu antworten, hatte er seine Lippen einfach nur zu einem breiten Lächeln geformt und im Anschluss meine Hand gehalten, um mir zu signalisieren, dass seine Worte vollkommen ernst gemeint waren. „Du bist süß, Tina“, hatte er dann noch einmal in mein Ohr geflüstert und zärtlich meine Wange geküsst. „Das süßeste Mädchen, das ich jemals kennengelernt habe“.

Noch immer kreisten meine Gedanken um unsere gemeinsame Vergangenheit, als ich nach einiger Zeit schließlich bei Gleis Nummer acht ankam – gerade noch rechtzeitig, um den Zug, der ihn nach sechs Wochen endlich zu mir zurückbringen würde, in den Bahnhof einfahren zu sehen. Nach sechs sich dahinziehenden, nicht enden wollenden und kaum zu ertragenden Wochen, in denen mein einziger Kontakt zu ihm aus einem einzigen, ungefähr zehnminütigen Anruf pro Tag bestanden hatte. Zehn Minuten täglich, in denen es mir vergönnt war, in den Wohlklang seiner warmen, schmeichelnden und zärtlichen Stimme zu kommen.
Ringsherum tummelten sich abermals unzählige Menschen, während ich mit zitternden Knien den einfahrenden Zug beobachtete und aufgeregt damit anfing, die letzten Sekunden bis zu unserem Wiedersehen zu zählen. Wenn ich ganz ehrlich war, dann erschien es mir fast so, als wäre er ganze sechs Jahre fort gewesen – und nicht nur sechs Wochen. Aber ganz offensichtlich stimmte es wirklich, was man sagte: Wenn man jemanden aus tiefstem Herzen vermisste, dann stand manchmal die Zeit still.
Als der Zug endlich zum Stehen kam, trat ich zitternd noch ein paar Schritte näher und fixierte mich dann auf die sich langsam öffnenden Türen, hoffte, dass ich das Glück haben würde, meinen Gary unter den ersten aussteigenden Fahrgästen vorzufinden. Ein paar andere Menschen um mich herum taten es mir gleich und kamen näher, doch ich schenkte ihnen nur wenig bis gar keine Beachtung. Meine Konzentration galt in diesem Moment einzig und allein der Tatsache, dass wir in wenigen Augenblicken endlich wieder zusammen sein und uns nach geschlagenen sechs Wochen einen entspannten Tag zu zweit machen würden.
Fast wie hypnotisiert starrte ich den herausströmenden Leuten hinterher und begann dabei ganz unbewusst, mit meinen Flip Flops auf- und abzutippen. Doch als mein rechter Fuß sich plötzlich nackt anfühlte, registrierte ich, dass ich ihn die ganze Zeit über bewegt und mein Schuh sich dabei verselbstständigt hatte. Eilig bückte ich mich, um ihn zurechtzurutschen und dann wieder hineinzuschlüpfen, weshalb ich für ein paar Momente vom Geschehen um mich herum abgelenkt war und daher den nächsten Schwarm aussteigender Fahrgäste verpasste.
Nachdem ich meinen ausgerissenen Flip Flop eingefangen hatte, erhob ich mich wieder und wollte meine Aufmerksamkeit zurück auf den Zug richten, unterließ dieses Vorhaben allerdings, als mir plötzlich von hinten jemand in den Nacken pustete.
„Huh!“, entfuhr es mir laut, weil ich mich leicht dabei erschreckte, und ich wirbelte herum – nur um in das wohlvertraute, breit lächelnde Gesicht meines Freundes blicken zu können, der sich meine Ablenkung gerade eben scheinbar zu Nutze gemacht und sich ganz heimlich an mich herangeschlichen hatte. „Gary!“, rief ich aus, teilweise überrascht, teilweise auch euphorisch, und begann ebenfalls, breit zu lächeln. „Hallo mein Zuckerbärchen“, erwiderte er meine Begrüßung und stellte seinen dunkelgrauen Koffer beiseite, um sich voll und ganz mit mir beschäftigen zu können. „Hast du mich vermisst?“.
Anstatt ihm eine Antwort auf seine Frage zu geben, schwang ich ihm überglücklich beide Arme um den Körper und beschenkte seine Lippen dann mit einem ausführlichen, sehnsüchtig erwarteten Kuss, auf den ich mich schon seit den frühen Morgenstunden endlos gefreut hatte. Gary erwiderte meine sanfte, sowie darüber hinaus auch hingebungsvolle Geste ein paar Momente, bevor er seinen Mund wieder von mir löste, die Arme um meine Taille schwang und mich ganz eng an sich zog.
„War das ein Ja?“, erkundigte er sich dann mit einem Grinsen, ehe er mich noch einmal küsste und im Anschluss eine Hand in meinem braunen Haarschopf vergrub. Daraufhin war ich einen Moment lang versucht zu schnurren wie ein Kätzchen, beherrschte mich aber aufgrund der breiten Menschenmasse, in der wir uns befanden, wenngleich wahrscheinlich keiner der umstehenden Passanten ernsthaft Notiz davon genommen hätte.
„War das ein Ja?“, wiederholte Gary indes seine Frage und hielt ein Kichern zurück. „Hat mich mein Zuckerbärchen vermisst?“. „Nur wie blöde“, erklärte ich ihm mit einem mehr als zufriedenen Schmunzeln, als ich den Kopf einige Augenblicke lang gegen seine Schulter lehnte. „Ich bin fast wahnsinnig geworden vor Sehnsucht nach dir“. Aus irgendeinem Grund musste er über diese Worte lachen, bevor er seine Hand unter meinem Kinn platzierte und einen direkten Blick in meine Augen warf.
„Ich hab dich auch vermisst“, ließ er mich wissen und legte sich die andere Hand aufs Herz, um seine Aufrichtigkeit zu unterstreichen. „Ich hab dich sogar unheimlich vermisst, Tina. Und ich hab dir was mitgebracht“. „Echt?“, fragte ich mit neugierigem Gesichtsausdruck, was er mir durch ein kurzes Nicken bestätigte. „Was denn, Gary?“, wollte ich dann wissen, woraufhin er jedoch nur kurz gluckste.
„Wart's ab, Zuckerbärchen“, informierte er mich und zwinkerte mir zu. „Das erfährst du, wenn wir zu Hause sind“.

Auf dem Weg zu unserer gemeinsamen Wohnung hatte ich meinen Kopf die ganze Zeit über auf Garys Schulter abgelegt, weshalb mir permanent der süßliche, angenehme Duft seiner pechschwarzen Haare in die Nase stieg, den ich seit jeher an ihm geliebt hatte. Nicht etwa deswegen, weil ich diejenige gewesen war, die ihm das Shampoo gekauft hatte – nein, so eitel war ich nicht.
Der Grund dafür, dass ich diesen Duft an ihm liebte, war schlicht und ergreifend der, dass er absolut perfekt zu ihm passte und seinen aufgeschlossenen, herzlichen und trotzdem so starken Charakter perfekt untermalte. Darüber hinaus handelte es sich um einen sehr süßlichen, auffallenden Geruch und traf damit zu vollen einhundert Prozent meinen bevorzugten Geschmack. Ich hatte ganz einfach eine Schwäche für süße Sachen – egal, aus welchem Bereich sie auch immer kamen.
Die süßeste Sache überhaupt, die ich in meinem Leben je erhalten hatte, war natürlich ganz unumstritten Gary, zu dem ich schon seit meiner Kinderzeit ein außergewöhnliches und besonderes Verhältnis gehabt hatte. Dank ihm hatte ich schon so manche Krise erfolgreich überwunden und es auch geschafft, meine Pläne und Wünsche für die Zukunft zu ergründen und sie erfolgreich anzugehen.
Bis zur Erfüllung meines großen Traums war es freilich noch ein langer Prozess – und ich wusste auch, dass ich noch eine Unmenge an Geduld, Stärke und Mut aufbringen musste, bis ich mein Ziel erreicht hatte und vollständig als die Frau auftreten konnte, als welche ich mich schon immer gefühlt hatte. Doch auch wenn es nicht immer leicht war, in allen Lebenssituationen die nötige Ruhe zu behalten – mit einem Jungen wie Gary an der Seite, der mich mit seinen Augen so sah wie ich mich innerlich fühlte, ganz gleich, was in irgendeinem Pass oder einer Urkunde stand, verfügte ich über die notwendige Kraft dazu, um den Weg, für den ich mich nach einigen Phasen der Selbstfindung und des Grübelns entschieden hatte, auch bis zum Ende zu gehen.
Schließlich war über all die Jahre hinweg immer er derjenige gewesen, der mich bedingungslos in meinen Wünschen unterstützt hatte, der für mich dagewesen war und mir Mut gemacht hatte, wenn ich von Selbstzweifeln heimgesucht worden war. Er hatte mich dazu ermutigt, für meinen Traum zu kämpfen und mich so auszuleben, wie ich mich fühlte – völlig gleich, ob es anderen Menschen in den Kram passte oder nicht.
Ein sehr gutes Beispiel hierfür war mein Vater, beziehungsweise, Ex-Vater, der nach meinem Coming-out als Tina den Kontakt zu mir vollständig abgebrochen und sich seitdem nie wieder darum gekümmert hatte, wie es mir ging oder was ich gerade machte. Seit ich ihm anvertraut hatte, dass sein Sohn eigentlich eine Tochter war, verleugnete er mich und wollte kein einziges Wort mehr mit mir wechseln, weil er sich mit meinen – wie er es einmal so charmant ausgedrückt hatte – verbotenen Gefühlen nicht auseinandersetzen, geschweige denn, sie akzeptieren wollte.
Und natürlich müsste ich lügen, wenn ich nicht sagte, dass mir das bitte Zerwürfnis mit ihm fast das Herz zerrissen hatte. Seine abweisende und kalte Reaktion damals hatte mich unfassbar verletzt und mich auch erneut in eine lange Phase des Selbstzweifels rutschen lassen, aus der ich mich aber zum Glück durch Garys Freundschaft, sowie auch die feste Unterstützung meiner Mom wieder hatte befreien können.
Anders als mein Dad war Mom von Anfang an auf meiner Seite gewesen und hatte auch nach meinem Coming-out zu mir gehalten, wenngleich auch sie erst einmal Zeit gebraucht hatte, um zu verdauen, dass aus ihrem Sohn, den sie zur Welt gebracht und aufgezogen hatte, sozusagen über Nacht eine Tochter geworden war – und das beinahe im wahrsten Sinne des Wortes. Denn die Phase meines Coming-outs hatte ich tatsächlich über Nacht vollzogen – um genau zu sein, an einem regnerischen Sonntagmorgen beim Frühstück.
An diesem Tag, der mir bis heute deutlich in Erinnerung geblieben ist, war ich sogar früher aufgestanden, nachdem ich mich am Abend zuvor lange und ausführlich mit meinem damals noch besten Freund Gary besprochen und ihn darüber hinaus darum gebeten hatte, bei der Aufklärung meiner Eltern am kommenden Morgen mit dabei zu sein. Um den Zeitpunkt nicht zu verpassen, hatte er in der Nacht sogar bei mir geschlafen und mich am nächsten Tag wie vereinbart früher geweckt, damit ich in Ruhe Zeit hatte, mich auf das anstehende Ereignis vorzubereiten und meine abends zuvor überlegten Formulierungen noch einmal ausführlich zu proben.
Danach hatte ich mich meinem neuen Stil entsprechenden gekleidet, ein letztes Mal tief durchgeatmet und war dann schließlich gemeinsam mit Gary zu meinen Eltern in die Küche gegangen. Und obwohl ich wirklich auf viele Reaktionen eingestellt war, hatten die darauffolgenden Hasstiraden meines Dads nahezu alles getoppt. Er war komplett ausgerastet, als ich den Begriff „Transsexualität“, sowie den wohl überlegten Satz „Ich wünsche mir, ein Mädchen zu sein“ in die Runde geworfen und dadurch seine Annahme, es würde sich nur um einen Gag von Gary und mir handeln, komplett zerschlagen hatte.
Volle zwei Stunden lang hatten wir eine hitzige Diskussion über meine angeblich sündigen Gefühle und meinen verdorbenen Charakter geführt, wobei ich immer wieder verzweifelt versucht hatte, ihm klarzumachen, dass ich mir diese Empfindungen auch nicht ausgesucht hatte. Sogar Gary hatte sein Möglichstes getan und sich bemüht, die Gemüter wieder zu besänftigen, doch davon war Dad nur noch mehr in Rage geraten.
Er hatte mir mehrere Betitelungen an den Kopf geschmissen, die sich ganz klar unterhalb der Gürtellinie befanden und die verletzender nicht hätten sein können. Nichtsdestotrotz hatte ich nicht aufgegeben und noch einen Versuch gemacht, ihm alles zu erklären. Doch auch dadurch war er lediglich noch mehr in Rage geraten, hatte dann sogar Gary angegriffen und ihm vorgeworfen, dass die ganze Sache allein seine Schuld war. Er hatte ihn übel beschimpft und ihm den Kontakt zu mir verboten, weil sein tuntenhaftes Gehabe angeblich auf mich abgefärbt hätte und ich daher so einen Mist erzählen würde.
Und genau in dem Moment, als Dad begonnen hatte, Gary fertigzumachen und ihm sogar zu drohen, waren bei mir sämtliche Sicherungen durchgeknallt. Zwar hatte ich schon die ganze Zeit über eine verdammte Wut auf ihn im Bauch gehabt, die fast gleich auf mit meinem Schmerz und meiner Verletzung über seine sture Reaktion gewesen war – doch mit diesem Vorwurf und dieser Beleidigung war er endgültig zu weit gegangen.
Bevor ich mir in irgendeiner Weise Gedanken über die Konsequenzen meines Handelns hatte machen können, war mir die Hand ausgerutscht und meinem Dad mit voller Wucht ins Gesicht geknallt – eine Aktion, die seine ohnehin schon starke Ablehnung gegen mich in puren Hass verwandelt hatte. Wir hatten uns daraufhin noch heftiger gefetzt und eigentlich hatte er mir für diese Tat seine Faust ins Gesicht donnern wollen, war sogar schon zum Schlag bereit gewesen.
Doch kurz bevor es zum Äußersten gekommen war, hatte sich plötzlich meine Mom, welche die Szene stillschweigend und mit ebenso vielen Tränen wie ich im Gesicht beobachtet hatte, eingeschaltet und meinen Dad davon abgehalten, sein Vorhaben zu Ende zu bringen. Im Anschluss daran hatte sie Gary und mir lautstark befohlen, zu verschwinden und sie beide für den Rest des Tages in Ruhe zu lassen. Daraufhin waren wir zu ihm nach Hause geflüchtet, hatten uns in sein Zimmer zurückgezogen und die Ereignisse Revue passieren lassen.
Nach und nach hatte meine Wut sich in Trauer verwandelt, die ich jedoch zu Anfang gar nicht erst zulassen wollte, sondern stattdessen mit allen Mitteln dagegen gekämpft hatte. Doch als Gary mich plötzlich in die Arme genommen und mir versprochen hatte, dass er für mich da war und ich mich auf ihn verlassen konnte, hatte ich meine Gefühle nicht mehr länger in Zaum halten können.
Ungeschminkt hatte ich meinen Tränen freien Lauf gelassen und mich an meinem besten Freund festgehalten als wäre er der letzte Mensch auf Erden. Ich hatte einfach alles rausgeheult – meine Wut, meine Verletzung, meine Selbstzweifel, meine Angst und meine Hoffnungslosigkeit. All die Gefühle in mir waren in meinen Tränen vereint zum Vorschein getreten und hatten sich durch sie zweieinhalb Stunden lang fast pausenlos Ausdruck verliehen. Fast zweieinhalb Stunden hatte ich geheult und geschrien wie ein Kind, hatte dem emotionalen Stau in mir endlich Luft gemacht.
Und Gary war da gewesen. Er war einfach nur für mich da gewesen, hatte mich fest im Arm gehalten und mir das Versprechen gegeben, dass alles ganz bestimmt wieder in Ordnung kommen würde. Er hatte versprochen, mich zu unterstützen und mir dabei zu helfen, in meiner richtigen Identität anzukommen. Und an dieses Versprechen hatte er sich seitdem an jedem einzelnen Tag gehalten.
Er hatte mir dabei geholfen, die Situation wieder in den Griff zu bekommen und die kalte Ablehnung meines Vaters zu verarbeiten. Er hatte mir geholfen, meiner Mom, die im Gegensatz zu Dad keinen Aufstand gemacht hatte, alles in Ruhe zu erklären und ihr bewusst zu machen, dass ich immer noch derselbe Mensch war, auch wenn ich mich als Mädchen fühlte. Er hatte mir geholfen, meine Selbstzweifel zu überwinden und klar den Weg zu erkennen, den ich anstreben wollte. Hatte mich bei der Suche nach den geeigneten Anlaufstellen unterstützt und mich sogar zu den Gesprächen mit Fachärzten und Psychologen begleitet.
Einzig und allein ihm hatte ich es zu verdanken, dass ich heute mit meinen zwanzig Jahren schon einige kleine Ziele erreicht hatte, wie etwa die offizielle Änderung meines Namens in Tina und auch die damit einhergehende Zuweisung zum weiblichen Geschlecht. Nur einzig und allein durch ihn hatte ich mich intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt, war diesen Schritt gegangen und konnte mich deshalb seit mittlerweile einem Jahr rechtsgültig als Tina ausweisen.
Darüber hinaus war er auch derjenige gewesen, der mich beim Thema Epilation beraten und sogar ein kompetentes Studio für mich gesucht hatte, um die lästigen und in jeglicher Hinsicht unästhetischen Härchen in meinem Gesicht und an meinem Körper für immer zu vernichten. Diese Prozedur war zwar noch nicht ganz abgeschlossen, allerdings war ich diesbezüglich auf einem guten Weg, sowie überaus zufrieden mit den bisherigen Ergebnissen.
Kurzum gesagt war ich dank meinem Gary schon weitestgehend in meinem Geschlecht angekommen und konnte völlig frei ausleben, was ich fühlte. Der Junge, der ich früher einmal gewesen war, existierte zwar zum Teil noch immer – einerseits natürlich in der Erinnerung jener, die mich als solchen gekannt hatten, andererseits auch aufgrund der noch nicht eingetretenen Veränderungen meines Erscheinungsbildes – doch nahm ihn kaum, beziehungsweise, niemand mehr richtig wahr.
Das Umfeld, mit dem ich zu tun hatte, war über mein Empfinden aufgeklärt und respektierte es auch – von meinem Dad, sowie einer ehemaligen Mitschülerin von mir mal abgesehen. Doch ansonsten hatte sich unsere Umgebung gut mit dieser Veränderung zurechtgefunden und akzeptierte mich ganz einfach als das Mädchen, das ich nun einmal war. Und das war, um ganz ehrlich zu sein, das schönste Gefühl von allen.

Spät am Abend, nachdem Gary und ich den warmen Sommertag noch bestmöglich genutzt und darüber hinaus einen kleinen Ausflug zum See unternommen hatten, lag ich vor mich hin träumend in seinen Armen und lauschte entspannt der leisen Melodie, die vom CD-Player dezent in den Raum gestreut wurde. >Precious Love< von Olivia Newton-John, unser gemeinsamer Song, zu dem wir auch das erste Mal miteinander getanzt hatten. Und, wenn ich mich so zurückerinnerte, auch noch viel, viel mehr.
Ein Lächeln flog mir dabei über die Lippen, während ich abermals ein paar Erinnerungen ablaufen ließ und mir dabei ein weiteres Mal mehr als deutlich bewusst wurde, was für ein einzigartiger, besonderer und vor allem auch rücksichtsvoller Junge mein Gary eigentlich war. Von Anfang an hatte er mich als Frau akzeptiert, hatte meine damals noch sehr maskulinen Züge einfach ausgeblendet und mich als das wahrgenommen, was ich selbst fühlte.
Von Anfang an hatte mein Geburtsgeschlecht keine Rolle für ihn gespielt, hatte er sich nicht darum gekümmert, wie ich aussah oder welcher Name in meinem Personalausweis vermerkt war. Für ihn war ich von Anfang unserer Beziehung an Tina gewesen, das hatte er mich mit jedem Blick, jedem Wort und jeder Geste eindeutig spüren lassen. Für ihn hatte es meine männliche Rolle nie gegeben, auch wenn diese selbst zum heutigen Zeitpunkt noch immer ein Stück weit vorhanden war.
Gary hatte es nie großartig interessiert, welchem Geschlecht ich angehörte, sondern einzig und allein, dass ich mich wohlfühlte und es mir gut ging mit dem, was ich machte. Es war ihm egal, dass meine Stimme noch ein wenig tiefer klang als die von anderen Mädchen, weil er zum einen genau wusste, dass ich mittels einer Stimmtherapie erfolgreich daran arbeitete und auch schon die ersten Verbesserungen eingetreten waren, und er zum anderen auch keinen solch hohen Wert auf Äußerlichkeiten legte.
Es war ihm egal, dass ich – um es ganz direkt auszudrücken – noch einen Pimmel hatte und trotzdem von mir behauptete, ein Mädchen zu sein. Für ihn zählten solche Merkmale nur gering bis gar nicht, weil für ihn der Charakter eines Menschen, sein innerstes Wesen und seine Seele viel wertvoller und wichtiger waren als die äußere Verpackung. Und auch wenn wir gerade in puncto Aussehen und Auftreten nicht immer einer Meinung waren, so konnte ich mir trotzdem absolut sicher sein, dass er mich so liebte, wie ich war. Und selbiges galt von meiner Seite aus natürlich auch für ihn.
Zwischen uns gab es keinerlei Zweifel, keine Unsicherheiten und Ängste, die sich nicht aus der Welt schaffen ließen und für die man nicht irgendwie eine Lösung finden konnte. Wir gingen ganz offen mit allem um, sowohl im Allgemeinen, als auch auf meine Transsexualität bezogen. Er wusste genau, welches Ziel ich vor Augen hatte, wofür ich mich einsetzte und dass ich manche seiner Bedürfnisse nicht in dem Maße erfüllen konnte wie er es verdiente, solange ich nicht vollständig in meinem Geschlecht angekommen war.
Dies äußerte sich in unserem Fall beispielsweise in der Sexualität, die wir beide zwar für schön und auch wichtig erachteten, die jedoch keineswegs den zentralen Punkt in unserer Beziehung darstellte. Gary wusste ganz genau, dass Sexualität für mich ein sehr spezielles Thema war, mit dem ich zwar auch aufgeschlossen umging, das ich jedoch aufgrund der noch nicht abgeschlossenen Ankunft in meinem richtigen Geschlecht nicht in dem Maße ausleben konnte wie es üblicherweise der Fall sein sollte. Aufgrund dessen hatte ich mich, was dieses Thema betraf, immer ein bisschen zurückgehalten und war diesbezüglich auch ganz offen zu ihm gewesen.
Als das Gespräch eines Abends in diese Richtung übergegangen war, hatte ich meinen Mut zusammengenommen und ihn über meine Empfindungen aufgeklärt, sowie auch über die Angst, mit ihm intim zu werden, solange mein biologisches noch nicht mit meinem inneren Geschlecht übereinstimmte. Ich hatte ihm gesagt, dass ich in dieser Form nicht mit ihm schlafen konnte und es mir Leid tat, seine Wünsche vernachlässigen zu müssen. Nach diesem Geständnis hatte ich mich unfassbar geschämt, hatte das Gefühl gehabt, eine Enttäuschung für ihn zu sein und auch Angst, ihn aufgrund meines verqueren Bezugs zur Sexualität zu verlieren.
Doch entgegen all meiner Erwartungen war er ganz aufgeschlossen gewesen, hatte mich und meine Bedenken ernst genommen und mich weder verlacht, noch in sonst irgendeiner Weise als seltsam abgestempelt. Ganz im Gegenteil: Er hatte mir versichert, meine Wünsche zu respektieren und sich diese Erfahrung mit mir aufzuheben, bis ich in meinem weiblichen Geschlecht angekommen und dazu bereit war, mich Haut an Haut auf ihn einzulassen.
Darüber hinaus hatte er mir auch eine sanfte und rücksichtsvolle Alternative vorgeschlagen, ein bisschen zärtlich zu werden, ohne dabei irgendwelche Grenzen zu überschreiten oder mich gar in eine unangenehme Situation zu bringen. Zuerst hatte ihm nicht so ganz folgen können, bis er schließlich das Stichwort Blümchensex in die Runde geworfen und mich gefragt hatte, ob ich mir diese Möglichkeit mit ihm vorstellen konnte.
Und wenngleich ich am Anfang sehr verunsichert gewesen war, hatte ich sein Angebot schließlich angenommen und mich in jener Nacht zum ersten Mal auf eine solche Erfahrung eingelassen. Zuerst hatte ich noch geglaubt, dass ich es sicher bereuen würde – doch Gary war so rücksichtsvoll und behutsam vorgegangen, dass all meine Bedenken sich relativ bald verflüchtigt hatten. Es hatte sich gut angefühlt, Haut an Haut mit ihm zu sein und trotzdem keine eindeutige Grenze zu übertreten, die unangenehm oder schmerzhaft für mich sein würde.
Gott, er war so zärtlich gewesen. Er war jedes Mal aufs Neue so zärtlich und vorsichtig gewesen – und trotzdem immer mit ganzer Leidenschaft bei der Sache. Nicht ein einziges Mal hatte er sein Versprechen gebrochen, hatte mich niemals zu etwas gedrängt oder gar etwas gemacht, wobei ich mich unwohl fühlte. Ganz im Gegenteil: Er führte jeden Kuss, jede Berührung und jeden Streichler mit Bedacht aus, achtete nahezu vorbildlich darauf, nicht zu weit zu gehen und nahm Rücksicht auf mich und meine Empfindungen. Und genau aus diesem Grund fühlte sich trotz meiner nur eingeschränkt nutzbaren Sexualität jedes Mal mit ihm absolut intensiv und besonders an. Genau deshalb war jedes Mal ein neues, aufregendes Abenteuer. Und ich hatte nicht ein einziges davon jemals bereut.
Still und leise breitete sich ein Lächeln über mein Gesicht aus, während ich darüber nachdachte und mich kurzerhand noch fester an ihn drückte, seine Nähe noch eine ganze Spur deutlicher suchte als bisher. Dadurch erregte ich automatisch seine Aufmerksamkeit und riss ihn von seinen Gedanken los, die sich vermutlich um haargenau dieselbe Sache drehten wie meine eigenen. Ebenfalls mit einem Schmunzeln wandte er sich mir zu und streifte mit einer Hand durch meine braune Mähne, während seine Lippen mir einen innigen Kuss auf die Wange drückten.
„Alles okay, Zuckerbärchen?“, wollte er mit sachter Stimme wissen und betrachtete mich, ehe er die Bettdecke noch enger um uns zog und sich gleichzeitig ein Stück nach oben setzte, um direkten Blickkontakt mit mir zu bekommen. Doch anstatt ihm eine Antwort auf diese Nachfrage zu geben, stupste ich ihn lediglich mit meiner Nasenspitze an und legte den Kopf im Anschluss auf seiner nackten, warmen Brust ab, um dem leisen, gleichmäßigen Klopfen seines Herzens lauschen zu können.
Daraufhin rappelte er sich erneut nach oben und musterte mich, suchte unmissverständlich meine Aufmerksamkeit und warf erneut einen Blick in meine Augen. „Zuckerbärchen?“, wiederholte er, ein wenig unsicherer dieses Mal, wenngleich er eigentlich ganz genau wusste, dass es dafür nicht den geringsten Anlass gab. „Alles okay? Wie... wie fühlst du dich?“.
Auf diese Frage hin hob auch ich schließlich meinen Kopf und sah ihn an, beugte mich dann so dicht ich konnte an sein Ohr und strich ihm eine schwarze, weiche Strähne dahinter zurück. „Was glaubst du, Gary?“, entgegnete ich seine Nachfrage und unterdrückte das Bedürfnis, ein bisschen an ihm zu knabbern. „Was glaubst du, wie ich mich fühle?“. „Ähm... ich... ich weiß nicht“, gab er ganz offen zu, wenngleich wir eine Szene wie diese schon des öfteren zusammen erlebt hatten.
Und trotzdem schien da irgendetwas zu sein – irgendetwas, das ihn jedes Mal aufs Neue in Unsicherheit versetzte und ihm scheinbar das Gefühl vermittelte, dass er zu weit gegangen war. Obwohl wir seit mittlerweile drei Jahren zusammen waren, obwohl wir eine Situation wie diese schon x-mal miteinander geteilt hatten und ihm daher eigentlich hätte klar sein müssen, was ich jetzt gerade fühlte – aus irgendeinem Grund kam jedes Mal, wenn das Hochgefühl vorüber war und wir schweigend die Ruhe genossen, die uns umgab, seine fast schon kindliche Zurückhaltung zum Vorschein, seine Angst davor, dass er einen Schritt zu weit gegangen war und mich zu grob behandelt hatte.
Aber genau das war in den ganzen drei Jahren unserer Beziehung noch niemals passiert. Noch nie hatte er die Kontrolle verloren oder sich zu etwas hinreißen lassen, sondern war jedes Mal aufs Neue ganz sanft mit mir umgegangen und hatte sich trotz des ein oder anderen Hindernisses immer bemüht, mir so viel Intensität wie nur möglich zu geben. Er war ein guter Liebhaber und – was noch viel mehr zählte – ein einfühlsamer Partner. Genau deshalb hatte ich auch mein gesamtes Herz an ihn verloren. Und das wahrscheinlich für alle Ewigkeit.
Mit einem verzückten Schmunzeln im Gesicht tastete ich schließlich nach seiner Hand und streichelte sie, löschte durch einen erneuten Blick jegliche seiner stummen Zweifel aus. „Keine Sorge“, versicherte ich ihm mit leiser Stimme und küsste ihn zärtlich auf die Wange. „Du hast nichts falsch gemacht. Gar nichts, Gary. Und jetzt denk bitte nicht mehr darüber nach, sondern leg bitte noch einmal unser Lied auf, okay?“. Wortlos lächelnd nickte er mir zu, bevor er sich von mir löste und meiner geflüsterten Bitte Folge leistete.
Erneut füllte der Titel >Precious Love< von Olivia Newton-John das Zimmer, während Gary wieder zu mir unter die Decke gekrochen kam und sich dann dicht an mich kuschelte, sodass ich ohne große Schwierigkeiten seine weiche, warme Haut auf meiner eigenen fühlen konnte.
Kostbar, dachte ich mit einem verträumten Lächeln, als ich der wohlvertrauten Melodie lauschte, die mich genau wie mein schwarzhaariger Engel seit mittlerweile drei Jahren durch mein Leben begleitete. Ja, das war er ganz ohne Zweifel. Kostbar und einzigartig. Deshalb bereute ich auch nicht eine einzige Sekunde, die ich mit ihm verbrachte. Ganz im Gegenteil: Jeder einzelne Tag mit ihm war ein Geschenk für mich. Und ich nahm es dankbar und stolz entgegen.
Ein zarter Kuss auf meiner Stirn holte mich schließlich wieder zurück in die Realität und ließ mich ihm erneut ein Lächeln, sowie darüber hinaus auch ein tief entspanntes Seufzen schenken, das ihn dazu brachte, seine unterbrochenen Streicheleinheiten wieder fortzuführen, die ich ebenso glücklich wie sehnsüchtig auskostete. „Gary“, flüsterte ich dann leise und strahlte ihn bis über beide Ohren verliebt an. „Du weißt gar nicht, wie lange ich auf diesen Moment gewartet habe“.
„Ich auch“, versicherte er mir zufrieden, als er erneut einen Kuss an mich weitergab – dieses Mal auf mein Haar – und mich im Anschluss daran in seine Arme schloss. „Glaub mir, mein Zuckerbärchen. Ich auch“.
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