Wir zwei gegen den Rest der Welt

OneshotAbenteuer, Familie / P12
12.11.2017
12.11.2017
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Hallo und Willkommen zu diesem kleinen Oneshot! :D
Dies ist ein Beitrag zu dem Wettbewerb in Zusammenarbeit mit NINTENDO, gerade pünktlich zur Deadline. Aber wie sagt man so schön? Besser spät, als nie xD
Ich würde mich über das Spiel für den Nintendo 3DS freuen, bin aber schon froh, den Wettbewerb dafür nutzen zu können, mal wieder etwas ins Schreiben rein zu kommen xD Ich hatte jedenfalls meinen Spaß beim Schreiben, es hat sich also auf jeden Fall schon mal gelohnt ^^
Bleibt mir nur zu hoffen, dass der OS auch euch gefällt und ich euch so auch ein wenig Freude machen kann ;) Ich wünsche viel Spaß beim Lesen! ^^

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Ein selbstzufriedenes Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus. Sein Getreuer war einfach zu leicht auszutricksen und die Bewegungsrouten der Schlosswachen kannte er schon seit langem in- und auswendig; es war ein leichtes, Cadan zu entkommen und den anderen aus dem Weg zu gehen. Nicht, dass er Cadan nicht mochte – im Gegenteil, sein Getreuer/Leibwächter war für ihn ein langjähriger Freund –, aber leider war dieser eine absolute Spaßbremse, wenn es um den Unterricht ging. Ständig meckerte er, dass Shion die Stunden nicht einfach schwänzen konnte, wie es ihm passte, und war nervtötend erpicht darauf, ihn in den Unterricht zu zerren. Doch Shion würde einen Teufel tun und an so einem schönen Tag im stickigen Studierzimmer Rechnungswesen büffeln! Nein nein, heute war der perfekte Tag, um raus aus dem Schloss – nein, raus aus der Stadt – zu kommen und sich unter die patrouillierenden Außenposten zu mischen. Vielleicht konnte er diese sogar zu ein paar Trainingskämpfen überreden, das wäre der Hammer! Er müsste nur noch um diese eine Ecke und durch das versteckte Loch in der Mauer dahinter und dann– UMPF!
Überrascht prallte Shion von etwas zurück, in das er soeben nach dem Abbiegen hineingelaufen war, verlor das Gleichgewicht und landete auf seinem Hintern.
„E-le-gant!“, kommentierte eine Stimme stichelnd, eine Stimme, die er nur zu gut kannte. Er stöhnte genervt auf. So knapp vor der Freiheit! „Wo willst du denn hin, mein liebes Brüderchen?“
Grummelnd rieb Shion sich seine Hinterseite und funkelte seine Schwester an. Natürlich musste ihm Lian bei seinem Weg in die Freiheit in die Quere kommen, was hatte er eigentlich erwartet?
„Komm schon, Lian! Du kannst nicht allen Ernstes bei diesem Wetter freiwillig in den Unterricht gehen wollen? Und viel schlimmer: Mich mit zerren!“, quengelte Shion.
Es war schon immer so gewesen: Shion verabscheute jeglichen Unterricht, der mit Schreibtischarbeit verbunden war, und würde jedes einzelne Mal versuchen, sich davonzustehlen. Und bei dieser Mission könnte ihn niemand aufhalten, nicht Cadan, nicht die unzähligen Schlosswachen, nicht ihre Eltern, König Michael und Königin Yelena, absolut niemand – außer Lian. Irgendwie wusste sie immer, wo sie ihren Bruder finden konnte, und wenn sie wollte (was zum Glück nicht immer der Fall war), würde sie ihn problemlos abfangen und mit sich in den Unterricht zerren.
„Du glaubst doch nicht wirklich, dass ich da drin alleine leide? Jetzt steht Rechnungswesen an, verdammt, ohne dich ertrag ich das nicht! Natürlich zerre ich dich da mit!“, verkündete Lian und half Shion währenddessen wieder auf die Füße – jedoch sanfter, als ihre Worte vermuten ließen.
Sie konnte Rechnungswesen einfach genauso wenig leiden wie ihr Bruder. Wenn es um allgemeinen Wirtschafts- und Handelsunterricht ging, okay, damit konnte sie leben, da spielte auch immer eine gute Menschenkenntnis und verschiedene andere Faktoren eine Rolle, das war interessant. Doch wenn es um reine Mathematik ging… Nein Danke!
„Abgesehen davon haben wir danach Etikette und Politik, beides Dinge, die du als zukünftiger König brauchen wirst. Also tu uns allen einen Gefallen und komm mit, bevor Cadan noch einen Herzinfarkt bekommt.“
„Aber ich will doch gar nicht König werden…“, grummelte Shion, ließ sich aber von seiner jüngeren Zwillingsschwester mitziehen. Wenn sie so drauf war, gab es kein Entkommen.

Nachdem sie einen leicht aufgelösten Cadan wieder beruhigt hatten – der Gute nahm seine Pflichten manchmal ernster, als es ihm gut tat, und konnte es sich nie verzeihen, darin „versagt“ zu haben, seinen Schützling im Auge zu behalten und zum Unterricht zu bringen –, verbrachten sie die Stunde Rechnungswesen damit, ihren Privatlehrer gemeinsam auf die Palme zu bringen, um nicht vor Langeweile zu sterben. Sie mochten sich zwar regelmäßig kabbeln, aber gegenüber anderen waren er und seine Schwester schon immer eine geschlossene Einheit gewesen, gegen die kaum jemand ankam.
So verging die Stunde doch schneller als gedacht und ähnlich ging es in Etikette weiter. Ihre Lehrerin, am Rande der Verzweiflung, erklärte den Unterricht schließlich frühzeitig für beendet, weil Shion und Lian sich vor Lachen nicht mehr einkriegen konnten, als sie mit übertriebener Gestelztheit die angeforderten Szenarien durchspielten. Sie konnten das Ganze heute einfach nicht ernst nehmen.
Nachdem sie schließlich auch den Politikunterricht überstanden hatten, stürmte Shion gleich nach draußen. „Freiheit!“, jubelte er und streckte sich unter der Sonne, während Lian ihm kopfschüttelnd folgte. Doch auch sie hatte ein Lächeln auf den Lippen und freute sich über ihren freien Nachmittag.
„Und was jetzt? Raus in die Stadt zum Bummeln?“, fragte sie ihren Bruder. Bei dem Wetter gepaart mit keinen weiteren Pflichten für den Tag würden sie ganz gewiss nicht einfach im Schloss bleiben, das musste man ausnutzen!
„Hm… Nope“, grinste Shion. „Ich wollte vorhin schon raus zu den Außenposten und da du mich stattdessen in den Unterricht gezerrt hast, zerre ich jetzt dich mit“, bestimmte er und zog sie kurzerhand getreu seinen Worten hinter sich her.
„Ist ja gut, ist ja gut, hetz doch nicht so, ich komm ja mit!“, beschwerte sich Lian lachend, setzte nach kurzem Überlegen jedoch hinzu: „Sollten wir nicht Cadan und Lydia Bescheid sagen? Sonst machen sie sich nur wieder Sorgen… Und vielleicht haben sie ja Lust, mitzukommen?“
Shion verlangsamte daraufhin sein Tempo bis er stehen blieb und Lians Hand los ließ. „Da hast du recht… Okay, du suchst Lydia und ich Cadan, danach treffen wir uns am Eingangstor.“ Lian nickte ihrem Bruder kurz einverstanden zu und beide liefen in entgegengesetzte Richtungen los, sie wussten ganz genau, wo sie ihre jeweiligen Getreuen finden könnten.

Eine knappe Stunde später liefen Prinz und Prinzessin mit ihren jeweiligen Leibwächtern eine der Patrouillenrouten der Außenposten entlang. Cadan und Lydia hatten sich geweigert, die Zwillinge allein nach draußen gehen zu lassen, und haben darauf bestanden, mitzukommen. Nicht, dass es die beiden 15 jährigen störte, die beiden waren für sie mehr Freunde als Bedienstete und sie mochten es, Zeit mit ihnen zu verbringen.
„So… Wo wir jetzt hier sind… Was genau willst du hier draußen eigentlich, Shion?“, fragte Lian, nachdem sie sich zu ihm umgedreht hatte und ein paar Schritte rückwärts lief, um ihren Bruder anzusehen.
„Ist das nicht offensichtlich? Ich will welche von den Außenposten finden, und ein paar Trainingskämpfe machen!“, grinste dieser sie an.
Cadan stieß einen halb resignierten, halb belustigten Seufzer aus. „Shion, du solltest die Wachen ihre Arbeit machen lassen und sie nicht ständig bei der erstbesten Gelegenheit von dieser abhalten. Es hat einen Grund, warum sie hier patrouillieren, weißt du? Du kannst jederzeit im Schloss trainieren.“
„Ach, komm schon! Kämpfe sind eine größere Herausforderung, wenn man die Bewegungen seiner Gegner nicht schon in- und auswendig kennt, die Wachen im Schloss sind langweilig“, quengelte Shion.
„Die normalen Wachen vielleicht, aber ich erinnere mich nicht daran, dass du es jemals geschafft hättest, mich oder Cadan zu besiegen“, schmunzelte Lydia.
„Stimmt, aber gegen euch kann ich auch jeden anderen Tag kämpfen“, konterte der junge Prinz. „Wohingegen ich nur selten die Gelegenheit habe, hier raus zu kommen. Also, helft ihr mir jetzt, einen Wachtposten zu finden oder nicht?“
„Hach… Du bist einfach unmöglich, Shion, weißt du das?“, seufzte Cadan kopfschüttelnd, worauf Angesprochener jedoch nur grinste.
„Ich weiß, und dafür liebst du mich!“
„Ja, du hast einen unwiderstehlichen Charme“, meinte Cadan trocken. „Die nächste Wache ist in die Richtung“, meinte er beiläufig und dirigierte Shion in die entgegengesetzte Richtung, in die er gerade gehen wollte.
Verdutzt sah Shion seinen Getreuen an. „Woher weißt du das? …Du willst mich hier nicht absichtlich in die falsche Richtung locken, damit ich die Wachen in Ruhe lasse, oder?“, setzte er misstrauisch hinterher, was Cadan die Augen verdrehen ließ.
„Nein, will ich nicht. Ich weiß, dass du dich sonst die ganzen nächsten Tage darüber beschweren würdest und darauf kann ich definitiv verzichten. Und ich kenne die genauen Bewegungsrouten der Außenposten und die Zeiten, wann sie ungefähr wo sein müssten“, antwortete er unbeeindruckt. Wenn Shion nicht gerade vor seinem Unterricht floh, war Cadan die Ruhe in Person und hatte über alles einen perfekten Überblick.
„Na gut, wenn du meinst…“ Shion zuckte mit den Schultern und folgte seinem Getreuen. Wenn es um solche Dinge ging, vertraute er ihm vollkommen.
„Ähm… Leute? Ich unterbreche euch ja nur ungern, aber habt ihr das auch gehört?“, schaltete sich Lian plötzlich ein.
Sofort blieben die anderen alarmiert stehen. „Was meinst du?“
Doch das Mädchen schüttelte den Kopf und legte einen Finger an die Lippen. Einen Moment herrschte Stille, doch da hörten auch die anderen, was Lian meinte. Jemand weinte. Besorgt blickten die vier sich an und liefen dann gemeinsam in die Richtung, aus der das Geräusch kam, abseits des Weges tiefer in den Wald hinein.
Es dauerte nicht lange bis sie ein kleines Mädchen, etwa acht Jahre alt, an einen Baumstamm gekauert fanden, das hemmungslos schluchzte.
Sofort eilte Lian an dessen Seite und streckte behutsam eine Hand aus, um es zu berühren. „Hey, Kleine“, flüsterte sie beruhigend. „Warum weinst du? Bist du verletzt? Was ist passiert?“
Das Mädchen blickte auf, als es die Stimme hörte, blickte Lian einen Moment stumm an und warf sich dann in ihre Arme, nur um noch lauter zu schluchzen.
„Schhhh, alles ist gut“ Die junge Prinzessin murmelte weiter beruhigende Worte und strich dem Mädchen sanft über ihr Haar, während sie sie in einer festen Umarmung hielt. Shion, Cadan und Lydia hielten sich erst mal im Hintergrund, um das Kind nicht noch weiter aufzuscheuchen.
Nach ein paar Minuten ebbten die Schluchzer langsam soweit ab, dass Lian ihre Frage nach Verletzungen wiederholte. Daraufhin schüttelte das Mädchen energisch ihren Kopf.
„Nichts… Nichts schlimmes, nur ein paar Kratzer und blaue Flecken, aber… aber… mein Bruder, er… Sie haben ihn mitgenommen“, brachte sie schließlich heraus.
Lian versteifte sich und warf einen kurzen, besorgten Blick in die Richtung der anderen, die diesen angespannt erwiderten. „Wer hat ihn mitgenommen, meine Kleine?“, fragte sie sanft, aber eindringlich weiter.
„Ich… Ich weiß nicht… Wir haben uns raus geschlichen zum Spielen und dann… Und dann waren da auf einmal diese Männer und… und…“ Das Mädchen brach erneut in herzzerreißende Schluchzer aus.
„Schhhh, es ist okay, alles okay. Wir finden ihn, versprochen. Weißt du, in welche Richtung die Männer mit deinem Bruder gegangen sind?“
„Da lang!“, meinte das Mädchen bestimmt und zeigte mit leicht zitterndem Finger tiefer in den Wald hinein.
„Okay, Lian, Shion, ihr passt auf das Mädchen auf und bringt es zurück in die Stadt. Lydia und ich machen uns auf die Suche nach den Entführern und befreien den Jungen“, schaltete sich Cadan ein.
„Was? Nein! Ich will mitkommen!“, beschwerte sich Shion über die Anweisungen.
„Shion, das ist zu gefährlich, du bleibst hier!“
„Aber wozu sind denn dann meine ganzen Trainingsstunden gut, wenn ich nicht mal helfen kann, wenn etwas passiert? Ich kann Erfahrung nicht nur in Scheingefechten sammeln!“, protestierte Shian. Gerade, als Cadan erneut zu einer Antwort ansetzen wollte, unterbrach Lydia ihn.
„Lass ihn mitkommen, Cadan. Es wäre wirklich eine gute Erfahrung für ihn und sein Training ist weit genug fortgeschritten. Du weißt, dass er besser als die meisten unserer Schlosswachen ist.“
Cadan blickte erst sie, dann Shion eindringlich an, bevor er schließlich nachgab. „In Ordnung, meinetwegen. Shion, du kannst mitkommen, aber stürm nicht einfach wieder unüberlegt davon. Lian, du kommst allein zurecht?“, vergewisserte er sich noch einmal und bekam ein Nicken zur Antwort, während Shion begeistert jubelte. „Also gut, dann los!“

Leise schlichen sie durch das Unterholz und pirschten sich an die Gruppe aus vier Männern und einem etwa zehnjährigen Jungen an. Es hatte nicht allzu lange gedauert, bis sie sie gefunden hatten, da die Männer – ihrem Aussehen nach zu urteilen gehörten sie zu einer Räuberbande, die sich aber offensichtlich auch für Entführungen nicht zu schade war – nicht gerade auf ihre Lautstärke achteten. Sie schienen sich so weit ab von den Patrouillenrouten sicher zu fühlen.
Shion packte sein Schwert, das er immer bei sich trug, fester. Es juckte ihn in den Fingern, einfach aus ihrer Deckung zu stürmen und die Gruppe anzugreifen, doch Cadan hielt ihn an der Schulter gepackt fest. Er kannte Shion und wusste, dass dieser sich sonst bereits voreilig auf die Männer gestürzt hätte; er dachte selten nach, bevor er handelte. Ihre Gegner waren in der Überzahl und hatten noch dazu eine Geisel, sie mussten vorsichtig handeln und die Männer möglichst von dem Jungen weglocken. Shion verlagerte ungeduldig sein Gewicht auf seinen anderen Fuß und sah seine Begleiter fragend an. Was sollten sie tun?
Lydia schien eine Idee zu haben, denn sie bedeutete Shion und Cadan stumm, hier zu warten. Sie drückte Cadan ihr Schwert in die Hände und ließ auf Shions verblüffte Miene lächelnd ein Messer aus ihrem Ärmel aufblitzen. Stimmt, sie hatte jede Menge von denen an ihrem Körper versteckt, sie brauchte kein Schwert, um sich verteidigen zu können. Was auch immer sie geplant hatte, ein Schwert wäre wohl zu auffällig dafür.
Einen Moment später stand sie auf und lief auf die Männer zu. Als diese sie bemerkten, zeigte sich ein dreckiges Grinsen auf ihren Gesichtern. Mit ihrer schlichten Alltagskleidung und dem hilfsbedürftigen Gesichtsausdruck, den Lydia aufgesetzt hatte, erschien sie ihnen nicht als Bedrohung. Nur eine junge, schöne Frau, die das Pech hatte, sich in ihre Fänge zu verirren.
„Meine Herren, es tut mir leid, aber ich scheine mich verlaufen zu haben. Ihr könnt mir nicht zufällig sagen, wie ich in die Stadt zurück komme?“, fragte Lydia mit Unschuldsmiene.
„Aber aber, junge Dame! Ihr wollt doch nicht schon wieder gehen? Leistet uns doch ein wenig Gesellschaft“, grinste einer der Männer, amüsiert über die vermeintliche Naivität der Frau.
„Ähm, also wenn es Euch nichts ausmacht, dass ich Eure Runde störe…“, spielte Lydia die Schüchterne und schaute mit leicht gesenktem Kopf durch dichte Wimpern zu den Männern auf.
„Aber nicht doch, nicht doch!“ Die Männer begannen nun, sich um sie zu scharen, der Jungen komplett vergessen.
Cadan stieß Shion an, das Signal, loszulegen. Shion schlich geduckt zu dem Jungen hinüber, der klug genug war, keinen Laut von sich zu geben, und befreite ihn von seinen Fesseln.
„Komm mit“, bedeutete er ihm stumm.
Doch gerade, als der Junge sich aufrappelte, begann es, schiefzugehen.
„Ey, was macht ihr da?“, rief einer der Männer wütend aus. Letztendlich hatte er bemerkt, was vor sich ging.
„Bleib hinter mir!“, befahl Shion dem Jungen, während einer der Männer auf sie zustürmte.
Lydia, die bei dem ersten Anzeichen von Ärger ihre Messer gezückt hatte, und Cadan, der aus seinem Versteck gesprungen und einen Überraschungsangriff gestartet hatte, waren bereits in Kämpfe gegen die drei anderen vertieft.
Shion hob sein Schert vor sich und griff seinerseits seinen Gegner an. Parieren, Ausweichen, Abstand herstellen, Hieb, Ducken, das jahrelange Training ließ seinen Körper instinktiv handeln, ohne groß nachzudenken. Es dauerte nicht lange, bis er seinen Gegner entwaffnet und bewusstlos geschlagen hatte.
„Gut gemacht!“ Die Stimme ließ Shion kurz erschrocken zusammenzucken. Cadan kam zusammen mit Lydia, erneut im Besitz ihres Schwertes, mit einem stolzen Lächeln auf ihn zu. Sie hatten mit ihren Gegnern kurzen Prozess gemacht und das Ende von Shions Kampf beobachtet.
Angesprochener grinste breit. „Danke!“ Cadan lobte ihn selten, aber wenn, dann war es wirklich ehrlich gemeint. „Ist mit dir alles in Ordnung?“, wandte sich Shion schließlich dem Jungen zu.
Dieser nickte scheu. „Ja, aber meine Schwester…“
„Keine Sorge, meine Schwester ist bei ihr und kümmert sich um sie. Ihr geht es gut“, versuchte Shion, ihn zu beruhigen, und wuschelte ihm durch sein kurzes braunes Haar.
„Aber… Nachdem sie abgehauen ist, als ich die Männer abgelenkt habe, haben sich zwei auf die Suche nach ihr gemacht…“
„Was? Heißt das, da draußen sind noch welche von den Typen?“ Alarmiert schaute Shion zu Cadan und Lydia hoch. Letztere fluchte leise in sich hinein.
„Verdammt, ich hätte sie nicht alleine lassen dürfen! Wir müssen sie finden!“
Dies bedurfte keiner weiteren Diskussion, um die Räuber konnten sie sich auch später noch kümmern, die würden eine Weile ausgeschaltet sein. Cadan setzte sich den kleinen Jungen auf seinen Rücken und trug ihn Huckepack, während sie gemeinsam in die Richtung liefen, aus der sie gekommen waren.
Ein paar Minuten später hörten sie Waffengeklirr und Kampfgeschrei.
„Lian!“, schrie Shion und stürzte davon. Das „Warte!“ von Cadan ignorierte er geflissentlich.
Als er bei der Kampfszene ankam, sah er, wie zwei große, breitschultrige Männer seine Schwester bedrängten, das kleine Mädchen erhaschte er kurz hinter einem Baum weiter abseits, wo sie sich in Sicherheit gebracht hatte.
Mit einem lauten Schrei stürzte er sich mit seinem Schwert von hinten auf einen der beiden Männer, der nur halb ausweichen konnte und an der Schulter gestreift wurde.
Fluchend wandte er sich um. „Du hinterhältiges Balg! Das wirst du bereuen!“ Mit diesen Worten griff er Shion an, der jedoch gekonnt parierte, und einen Moment später traf den Mann eine Klinge im Rücken, die ihn zusammensacken ließ.
„Ich bin die Einzige, die meinen Bruder beleidigen darf, klar!?“, verkündete Lian wütend, Schwert fest in der Hand. Sie mochte auf den ersten Blick nicht so aussehen, aber sie stand ihrem Bruder beim Schwertkampf in nichts nach – nur setzte sie weniger auf Kraft und Enthusiasmus als auf Köpfchen und Schnelligkeit.
Shion grinste sie kurz an und gemeinsam wandten sie sich dem letzten der Männer zu. Er hatte keine Chance.
„Mit dir alles okay?“, fragte Shion seine Schwester schließlich. „Ich hab mir Sorgen gemacht, als der Junge meinte, dass da noch zwei Männer auf der Suche nach dem Mädchen wären.“
Lian lächelte zur Antwort. „Keine Sorge, mir ist nichts passiert. Du kennst mich, so leicht lasse ich mich nicht unterkriegen. Die Typen mochten zwar ohne Ende Muskeln gehabt haben, waren aber so lahm wie eine Schnecke. Aber trotzdem danke für die Hilfe!“
„Gerne doch!“, grinste ihr Bruder und sie gaben sich ein High Five, wie immer nach einem gemeinsamen Sieg.

Nach dem Vergewissern, dass es jedem gut ging, und einer Lektion von Cadan für Shion, dass er nicht einfach so losstürmen sollte, brachten sie schließlich die Kinder nach Hause. Cadan und Lydia sorgten schließlich für die Festnahme der Entführer, während Shion und Lian es sich im Schlossgarten auf dem Rasen liegend bequem machten, um die letzten Sonnenstrahlen des Tages zu genießen.
„Weißt du… Das ist der Grund, warum ich ein Ritter werden will“, brach Shion nach einer Weile die angenehme Stille, die sich zwischen ihnen ausgebreitet hatte.
Lian blickte auf. „Hm? Was meinst du?“
Shion drehte sich auf seine Seite, um Lian besser angucken zu können.
„Als Ritter kann ich Menschen helfen, es ist ein gutes Gefühl. Man lernt viele Leute kennen – und zwar die normalen Bürger, nicht nur die ganzen schnöseligen Adligen. Du weißt ja, dass ich mich viel lieber unter die Leute in der Stadt mische, als hier im Schloss meine Freizeit zu verbringen… Und als Ritter hat man die Möglichkeit, durch ganz Aitoris zu reisen! Allein die Vorstellung, wie viele unterschiedliche Menschen es im Land wohl gibt und wie vielen man helfen könnte, macht mich ganz hibbelig. Warum kann ich kein Ritter werden, statt König? Ich wollte noch nie König werden“, erklärte Shion mit einem Seufzen.
„Du kannst auch als König reisen und Menschen helfen“, stellte Lian fest.
„Ja, aber nicht so! Als König dreht sich alles um Politik und Verträge und Anstandsauftritte. Du lernst nicht die Bürger, sondern nur die Adligen und Höflinge kennen. Alles, was man tun kann, um zu helfen, geht nur auf langfristiger Basis, aber wenn es um akute Hilfe geht, sind einem die Hände gebunden, weil man nie vor Ort ist. Ich will mitten im Geschehen sein und nicht nur am Schreibtisch hocken, um irgendwelche Verträge auszuarbeiten. Kannst du nicht einfach das Thronerbe annehmen? Du bist sowieso viel besser dafür geeignet. Du bist intelligenter und handelst nicht so impulsiv wie ich, du würdest eine gute Königin abgeben.“
„Ich fühle mich ja geschmeichelt, dass du so hoch von mir denkst, aber nein, tut mir leid“, lehnte Lian ab. „Ich beneide dich ganz sicher nicht darum, Thronerbe zu sein, und du tust mir leid, wirklich. Ich kann verstehen, warum du lieber Ritter werden willst. Aber ich und Königin? Ich kann das einfach nicht, bei dieser Verantwortung würde ich durchdrehen! Und ich mag zwar gut mit einzelnen Menschen zurechtkommen, aber als Königin müsste ich Reden vor riesigen Menschenmassen halten! Du hast keine Ahnung, was für Angstzustände ich da bekommen würde!“
Shion sah sie mit hochgezogener Augenbraue und gespielt entsetztem Blick an. „Du willst mich wirklich so leiden lassen, nur weil du Lampenfieber hast?“
„Und wegen der Verantwortung, vergiss die ganze Verantwortung nicht!“, meinte Lian ernst und setzte dann grinsend hinzu: „Sich vor dem Thronerbe zu drücken ist nun mal das Privileg der kleinen Schwester!“
„Du bist grausam, weißt du das?“, schmollte Shion. „Aber so schnell gebe ich nicht auf, ich werde dich schon noch dazu überreden, das Erbe anzutreten, so dass ich Ritter werden kann, du wirst schon sehen!“
„Versuch’s nur, aber es wird nicht klappen!“ flötete Lian. „Aber ich denke, wenn du ganz lieb fragst, könnte ich mich dazu erwärmen, dir bei deinen Königspflichten zur Seite zu stehen und dich vor der totalen Verzweiflung bewahren, wenn du mal wieder keinen Schimmer hast, welcher von den unzähligen Adligen gerade vor dir steht“, stichelte sie, was ihr einen leichten Schlag gegen die Schulter verpasste.
Eine Weile herrschte Stille, in denen beide ihren Gedanken nachhingen. Doch schließlich erhob Shion wieder seine Stimme.
„Also egal, was in Zukunft passiert, es wird immer noch heißen ‚Wir zwei gegen den Rest der Welt‘, nicht wahr?“, fragte er unsicher.
Auf Lians Gesicht erschien ein sanftes Lächeln bei der Erinnerung an das Versprechen, dass sie sich als kleine Kinder gegeben hatten. Sie griff nach Shions Hand und drückte sie leicht.
„Immer.“
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