Geschwisterbande

OneshotFreundschaft / P12
12.11.2017
12.11.2017
1
2013
7
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Huhu, ihr Lieben! Vielen Dank an alle, die mich mit Empfehlungen unterstützt haben! Ich freue mich riesig, zu den Gewinnern zu zählen und bald ein weiteres Fire Emblem-Spiel zu meiner Sammlung zählen zu können, sei es auch "nur" Crossover. Für alle Interessierten lasse ich den kleinen One Shot einfach mal hier. :3


Geschwisterbande

”I exist in two places, here and where you are” - Margaret Atwood

“Du bist ein Vollidiot.” Lian klang nicht wirklich wütend, sondern eher so, als hätte sie eine offensichtliche Tatsache ausgesprochen. Mit einer raschen Handbewegung wischte sie sich eine gelbblonde Haarsträhne hinter das Ohr. Sie stand am kunstvoll gearbeiteten Geländer der Steinbrücke, die sich über den Schlossgraben spannte. Im Fluss unter ihr schwamm Shion, noch im Schlafgewand. Wobei es weniger ein Schwimmen, als ein wüstes Planschen und Prusten war. Lian schien davon nicht besonders beeindruckt zu sein. Es war noch früh am Morgen und sie hatte, wie am Vortag geplant, ins Dorf aufbrechen wollen, um in dem kleinen Antiquitätengeschäft von Herrn Bronzebone ein Geschenk für ihre Mutter zu kaufen. Eigentlich hatte Shion sie begleiten wollen, doch er hatte verschlafen. Wie erwartet. Als er Lian durch sein Fenster auf der Brücke gesehen hatte, hatte er es scheinbar für eine gute Idee gehalten, einfach in den Schlossgraben zu springen. Nun trieb er dort wie ein durchweichter Pudel. Zugegebenermaßen fand Lian den Anblick ein wenig amüsant. Andererseits konnte sie über die Idiotie ihres Bruder manchmal nur den Kopf schütteln. Es handelte sich um einen Schlossgraben, nicht um einen Badeteich. Offensichtlich hatte Shion das vor seinem Sprung nicht bedacht, denn er sah nicht so aus, als hätte er eine Ahnung, wie er da wieder rauskommen sollte.
“Jetzt hör auf, so zu glotzen und hilf mir endlich!”, brüllte er seiner Schwester entgegen und schlug mit der geballten Faust auf die Wasseroberfläche.
Lian kicherte bloß. “Du bist selbst Schuld daran. Sieh zu, wie du da wieder rauskommst.”
“Du kannst mich doch nicht einfach so alleine lassen!”, kam es empört von unten, doch Lian zuckte lediglich mit den Schultern und verschwand aus dem Blickfeld ihres Bruders. Selbstverständlich würde sie ihn nicht da unten versauern lassen, aber das musste sie ihm ja nicht direkt sagen. Das wilde Rufen aus dem Schlossgraben bestätigte sie in ihrer Annahme, dass Shion keine Hilfe zu erwarten schien.

“Ich dachte, du lässt mich da unten verrotten”, seufzte Shion und lehnte sich gegen die Holzwand des kleinen Anitquitätenladens.
Amüsiert schüttelte Lian den Kopf. “So ein Unsinn”, sagte sie ruhig, während sie eine schlanke, weiße Vase mit goldenen Ornamenten darauf in die Hand nahm, um sie zu betrachten. “Ich wollte bloß, dass du deine Lektion lernst. Das ist alles.”
“Wie großzügig”, gab Shion ironisch zurück, musste aber dennoch lächeln.
Egal, wie oft er irgendwelchen Mist anstellte, seine Schwester wurde es nie müde, ihn zu belehren. Das fing schon an, als sie beide noch Kinder waren. Im Alter von vielleicht fünf oder sechs Jahren, hatte Shion angefangen, heimlich Süßigkeiten aus der Schlossküche zu stehlen. Nachdem Lian das herausgefunden hatte, war es ihr keinesfalls in den Sinn gekommen, ihren Bruder an die Köchin zu verraten. Stattdessen hatte sie ihre Mutter um einige große Tafeln Schokolade gebeten, angeblich als Geschenke für ihre Freundinnen. Dann hatte sie die Schokolade in Shions Zimmer geschmuggelt. Als er sie gefunden hatte, hatte er alles auf einmal hinunter geschlungen. Wie erwartet, hatte er davon solche Bauchschmerzen bekommen, dass er drei volle Monate lang keine Süßigkeit mehr angerührt hatte. Lian hatte erst zwei Jahre später beiläufig erwähnt, dass sie es gewesen war, die Shion diese Lektion erteilt hatte.

“Erde an Shion!” Genervt wedelte Lian mit der flachen Hand vor dem Gesicht ihres Bruders herum. “Haaaallo?”
Erschrocken fuhr Shion zusammen und lächelte entschuldigend. “Was hast du gesagt?”
Lian seufzte. “Ich kann mich nicht entscheiden. Sollen wir die Vase dort hinten mit dem Blumenmuster kaufen? Oder diese hier?” Vorsichtig hielt sie die weiße Vase mit den goldenen Ornamenten hoch. “Oder vielleicht etwas ganz anderes?”
Shion kratzte sich unsicher den Hinterkopf. Er konnte dem erwartungsvollen Blick seiner Schwester nicht so recht standhalten. “Ähm. Ich bin nicht sicher…?”
“Warum frage ich überhaupt?” Gerade, als Lian sich resigniert von ihrem Bruder abwenden wollte, zerschnitt ein Pfeil die Luft zwischen ihnen. Ein zweiter folgte dem ersten beinahe ohne Verzögerung und zertrümmerte die Vase, die Lian in der Hand hielt.
Reflexartig packte Shion seine Schwester und warf sich mit ihr auf den Boden. So entgingen die beiden haarscharf einer Pfeilsalve, die hinter ihnen in die zahlreichen hölzernen Regale einschlug. Klirrend stürzten die Scherben der fragilen Antiquitäten hinab und zersprangen auf dem zerkratzten Boden in tausend Teile.
“Was ist hier los?”, fragte Lian erschrocken, traute sich aber nicht, sich aufzusetzen. Ihre zierlichen Hände zitterten.
“Keine Ahnung”, erwiderte Shion leise. “Aber wir müssen hier raus. Los. Kriechen wir hinter den Tresen.”
Mit einem Nicken brachte Lian sich auf alle Viere.
“Und pass auf, dass du nicht in die Scherben packst”, warnte Shion. “Los geht’s.”
Vorsichtig fing Lian an, sich in Richtung des Tresens vorzuarbeiten. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, ehe sie ihn erreichte. Doch anstatt eines erleichterten Seufzens, entfuhr ihr ein entsetzter Schrei. Vor ihr auf dem Boden lag der Besitzer des Ladens, Herr Bronzebone. Sein Gesicht und seine Brust waren durchbohrt von Pfeilen, unter ihm hatte sich eine Lache roten Blutes ausgebreitet. Aber das schlimmste waren die Augen. Sie wirkten dunkler als Lian sie in Erinnerung gehabt hatte und waren weit aufgerissen. In den letzten Augenblicken seines Lebens hatte der freundliche, alte Mann mit dem lustigen, gezwirbelten Schnurrbart eine fürchterliche Todesangst verspüren müssen. Ohne, dass sie etwas dagegen tun konnte, schossen Lian die Tränen in die Augen.
“Lian!”, drang plötzlich die Stimme ihres Bruders an ihr Ohr. Es war zunächst nur ein dumpfes Summen, aber jetzt wurde es klarer. “Lian, wir müssen weiter!”
Hinter ihnen hörten sie das Klirren von Glas. Ohne weiter zu zögern packte Shion seine Schwester am Handgelenk und zog sie hinter sich her durch die Tür hinter dem Tresen. Lian stolperte ihm hinterher, sah ihren Bruder wie durch einen weißen Schleier. Gerade, als sie die Treppen hinauf in den ersten Stock laufen wollten, ertönte die Explosion. Vor Lians Augen wurde es schwarz, in ihren Ohren rang ein dröhnender, hoher Ton. Shion zog sie an sich, schirmte sie mit seinem Körper ab. Dann stürzte das Gebäude in sich zusammen.

Als Lian aufwachte, war es dunkel, still und kühl. Es dauerte einen Moment, bis sie die Ereignisse in ihrem Kopf geordnet hatte. Dann setzte sie sich abrupt auf, sah sich erschrocken um, als wäre sie immer noch in dem Antiquitätenladen. Doch dem war nicht so. Lian war zuhause, im Schloss. Im Krankenflügel. Es war mitten in der Nacht. Kühles, blaues Mondlicht fiel zum Fenster herein und malte schwache Schatten auf Wände und Böden. Durch das Schlüsselloch der Tür zu ihrer Linken drang etwas Kerzenlicht in den dunklen Raum. Vermutlich waren dem Krankenzimmer wachen zugeteilt worden. Als Lian ihren Blick weiter schweifen ließ, erstarrte sie. Auf der anderen Seite des Raumes, einbandagiert wie eine Mumie, lag ihr Bruder. Trotz der Verbände und trotz der Dunkelheit erkannte sie ihn sofort. Einen Augenblick lang starrte sie ihn wie paralysiert an. Dann sprang sie auf, stürzte an sein Bett und schrie.
“Shion! Shion, wach auf! Shion!” Heiße Tränen flossen über ihr Gesicht, während sie sich über ihren Bruder beugte, auf der Suche nach einem Lebenszeichen. Sein Gesicht sah furchtbar aus, sein rechtes Augen war von einem Verband bedeckt. Vorsichtig nahm Lian seine Hand. “Shion! Shion, so wach doch auf!”
Die Tür wurde aufgestoßen und die Krankenschwester eilte in das Zimmer. “Prinzessin Lian! Ihr seid wach, Gott sei dank!”
Lian beachtete sie gar nicht. Ihr Blick war bloß auf ihren Bruder gerichtet. Sie konnte nicht aufhören, ihn anzusehen, konnte nicht aufhören, zu weinen und zu schreien.
“Prinzessin!” Vergeblich versuchte die Krankenschwester, zu ihr durchzudringen. Erst mithilfe der Wachen konnte man sie von Shion wegziehen. Kurz bevor sie ihren Bruder loslassen musste, hörte Lian auf, zu schreien. Sie hatte ihn lächeln sehen. Nur für einen kurzen Augenblick, aber sie war sich ganz sicher. Er hatte gelächelt. Shion lebte noch.

Es verging über eine Woche, ehe Shion die Augen aufschlug. Die Krankenschwester machte einen Freudensprung und redete sofort auf ihn ein. Shion verstand nicht einmal die Hälfte von dem, was sie da sagte.
“Geht es Lian gut?”, unterbrach er sie schließlich mit rauer Stimme.
“Oh ja, oh ja, der Prinzessin geht es gut. Sie war außer sich vor Sorge, als sie aufwachte, doch seitdem sie weiß, dass Ihr lebt, war sie nicht mehr hier”, erwiderte die Krankenschwester mit immer nachdenklicher werdender Stimme.
“Wie lange war ich weg?”, fragte Shion weiter.
“Neun Tage, Eure Hoheit”, antwortete die Krankenschwester wie aus der Pistole geschossen. Ihre runzeligen Wangen waren vor Aufregung gerötet.
Ächzend setzte Shion sich auf. Seine Knochen und Muskeln fühlten sich schwach an, aber er hatte keine Schmerzen.
“Ihr solltet Euch noch etwas ausruhen, bevor ihr aufsteht”, riet die Krankenschwester besorgt und machte eine beschwichtigende Geste mit ihren kleinen Händen.
“Mir geht es gut”, versicherte Shion und erhob sich langsam. Zunächst musste er sich an der Wand abstützen, bis er sein Gleichgewicht halbwegs wiedergefunden hatte. “Könnt Ihr mir bitte diese Verbände abnehmen? So erschrecke ich nur die anderen Leute am Hof.”
“Eigentlich-”
“Das ist ein Befehl von Eurem Prinzen”, erinnerte Shion sie bemüht freundlich. Er wollte zu seiner Schwester und so gutmütig die Krankenschwester auch war, sie hielt ihn bloß auf. Es dauerte länger, als gedacht, die ganzen Verbände loszuwerden. Ein paar musste er behalten, aber immerhin sah er nicht mehr aus wie eine wandelnde Mumie. Während der Prozedur klärte die Krankenschwester ihn darüber auf, was im Dorf passiert war. Eine Gruppe von Banditen war darauf angesetzt worden, die Königskinder zu ermorden. Deshalb hatten sie den Antiquitätenladen angegriffen. Woher sie davon gewusst hatten, dass die Zwillinge genau an dem Tag dort waren und wer sie geschickt hatte, war noch unbekannt. Selbst ein Verräter innerhalb der Schlossmauern war nicht auszuschließen. Deshalb sollten sich beide auf keinen Fall unbefugt nach draußen begeben. Shion hörte bloß mit einem halben Ohr zu. Sobald er befreit war, stürmte er aus dem Krankenzimmer. Shion musste bloß zwei Wachen fragen, um herauszufinden, dass Lian sich auf dem Trainingsplatz befand. Es war noch vormittags, weshalb Shion darüber etwas verwundert war. Normalerweise verbrachte seine Schwester die Zeit bis zum Mittagessen mit Büchern, Büchern und noch mehr Büchern. So ganz falsch lag er damit aber nicht, wie Shion feststellen musste, als er am Trainingsplatz ankam. Lian übte sich scheinbar in Blitzmagie. Die Trainingspuppen und Zielscheiben sahen schon ziemlich mitgenommen aus.
“Wie ich sehe, hattest du vor, mich heimlich zu übertreffen!”, rief Shion ihr schließlich zu, nachdem er sie eine Weile lang beobachtet hatte.
Kaum hatte er das erste Wort ausgesprochen, fuhr Lian herum. Ein strahlendes Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus, als sie ihren Bruder am Rande des Trainingsplatzes stehen sah. Als ihr gelbes Buch auf dem Boden landete, hatte sie schon die halbe Strecke zu ihm zurückgelegt. Wenige Sekunden später fiel sie ihm fröhlich um den Hals.
“Du hast mir einen Riesenschrecken eingejagt!”, rief sie, während ihr Tränen in die Augen stiegen. “Mach das nie wieder!”
“Okay, okay”, gab Shion beschwichtigend zurück und drückte sie an sich. “Nie wieder, versprochen.”
“Ich hab dich lieb, Bruderherz.”
“Ich hab dich auch lieb, kleine Schwester.”