Ängstliche Kinderaugen

von Marimo
OneshotFamilie, Schmerz/Trost / P12
Shifu Tigress
11.11.2017
11.11.2017
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Hallo und herzlich willkommen bei meiner aller ersten KFP-Story. :D Ich hatte schon so lange geplant, in diesem Fandom etwas zu schreiben, musste es jedoch immer wieder verschieben, dass ich schon beinahe die Befürchtung hatte, es niemals zu schaffen.
Aber jetzt hat es endlich geklappt. Yes. ^^
Ich muss jedoch zugeben, dieser OS hier ist keines meiner neueren Werke. Ich hatte ihn schon 2010 oder so geschrieben, aber nie hochgestellt und auch jetzt erst wiedergefunden. Da dachte ich mir, bevor wieder was dazwischen kommt, stellste ihn einfach jetzt hoch.
Ich hab ihn jedoch nicht so belassen, wie er war - so wie ich das bei älterem Zeug normalerweise tue -, sondern hab ein paar Stellen umgeschrieben, dazugeschrieben etc. Nicht nur, damit er abgeschlossener und runder wirkt, sondern auch, weil ich meinem Schreibstil von 2010 niemandem antun wollte. xD
Man kann also sagen, dass das jetzt die 2.0 Version des OS's ist.

Für den unwahrscheinlichen Fall, dass es nicht herauszulesen ist, der OS knüpft an die Szene mit Tigress und Shifu an, als sie im Waisenhaus das erste Mal aufeinander treffen. (Siehe Kung Fu Panda: Die Geheimnisse der furiosen Fünf) Aber ich denke, das sollte deutlich werden. ;)
Ich hab die Szene einfach ein bisschen weiter gesponnen. Die Beziehung, zwischen den beiden finde ich einfach sehr interessant und finde es schade, dass es in den Filmen nicht weiter aufgegriffen wird.

Aber genug des Vorworts…
Ich hoffe, sie gefällt euch. :)


෴★෴


Ängstliche Kinderaugen


»Sie ist ein richtiges Monster.« Die Worte hallten noch sehr lange in seinen Ohren wider. »Ein Monster!« Auch wenn das Gespräch mit dem weißen Schaf schon längst vorbei war, konnte er ihre Worte noch immer sehr genau hören. Wie ein Echo, dessen Ursprung schon längst verstummt war und dennoch immer wieder und wieder zurückkam. Immer wieder.
»Ein Monster!«
Er konnte nicht recht begreifen, was das Schaf dazu gebracht hatte, diese Worte in den Mund zu nehmen. Was die Erzieherin und Leiterin eines Waisenhauses dazu bringen konnte, so über eines ihrer Kinder zu sprechen.
Ein Kind soll ein Monster sein?, schoss es ihm ungläubig in den Kopf. Immer dann, wenn die verängstige und leicht panische Stimme des Schafes erneut in seine Ohren drang. Das Echo, das einfach nicht gehen wollte.
Er konnte immer noch nicht glauben, dass sie diese Worte tatsächlich laut ausgesprochen hatte, doch seine großen Ohren hatten ihn noch nie im Stich gelassen. Noch nie belogen.
Sie hatte es wirklich gesagt.
»Ein Monster!«
Und gleich würde er selbst Zeuge von diesem sogenannten Monster werden - einem kleinen Kind. Ein kleines Mädchen, das sich selbst nicht verstand.
Noch immer in Gedanken bei dem Schaf hängend, merkte er kaum, wie schnell er plötzlich vor der Zimmertür des kleinen Mädchens stand. Oder sollte er wohl eher Zellentür sagen? Bei dem Verhalten, das die Erwachsenen und sogar die Kinder an den Tag legten, wenn das Thema auch nur in die vage Richtung des ›Monsters von Bao Gu‹ ging, wunderte es ihn überhaupt nicht, dass man das arme Kind von allen anderen separiert hatte.
Weggesperrt, hinter einer schweren Tür aus Metall.
Während alle Kinder in großen Gemeinschaftsräumen waren und zusammen in genauso großen Räumen schliefen, stand er nun vor einer Tür, die sich am anderen Ende des Waisenhauses befand.
Weit, weit weg von den anderen Kindern.
Weit, weit weg von anderen lebenden Seelen.
Hätte er nicht die Wahrheit schon vorher gekannt, hätte er angenommen, er stünde vor einer Zelle für Schwerverbrecher. Im Gefängnis. Aber nein. Er stand vor einer Kinderzimmertür, die sich im westlichen Flügel eines Waisenhauses befand. Dort, wo man für gewöhnlich die Besenkammer und die Abstellkammer vorfand.
Und allein diese Tatsache machte ihm sehr deutlich, was die anderen von dem armen Geschöpf hielten, das sich hinter dieser Tür befand.
Er zögerte kurz und seine Ohren zuckten. Er lauschte den anderen Kindern, wie sie draußen spielten, lachten und tobten. Hinter dieser Tür hörte er nichts.
Keine Sekunde später entschloss er sich dann aber doch noch, die Tür zu öffnen.
Mit einem lauten Knarren ging sie auf.
Es war zwar helllichter Tag, doch hinter der geöffneten Tür begrüßte ihn eine kalte, einsame Dunkelheit, die ihn tatsächlich kurz an ein Gefängnis erinnerte. An einen Gefühlsfriedhof, den schon seit Jahren keine fröhliche Seele mehr betreten hatte. Seine Augen brauchten einige Sekunden, um sich an das Dämmerlicht zu gewöhnen, das durch das kleine Fenster fiel.
Sein Blick huschte um Raum herum und versuchte, jedes noch so kleine Detail zu erfassen.
Die Kratzspuren an den Wänden, die wie tiefe Wunden in den kalten Stein geschlagen wurden.
Die vielen Trümmerteile, die eins Möbel gewesen waren. Jetzt waren es nur noch Holzstücke, die ihr Schicksal als Feuerholz schweigsam entgegennahmen.
Die erschreckende Unordentlichkeit - eigentlich schon Chaos - übermannte ihn kurz, bis sein Blick auf etwas Kleines hängen blieb. Etwas so kleines im Vergleich zum Chaos in diesem Raum, dass er es fast übersehen hätte.
»Tigress ...«, sprach er mit neutraler Stimme und das kleine Bündel Fell regte sich, versuchte ihn aber so weit es ging, zu ignorieren. Er hätte darüber gelächelt, wenn er nicht an so einem Ort gewesen wäre. »Ich bin Shifu. Ich habe-«, er konnte seinen Satz nicht mehr beenden, denn mit jedem Wort, das er sprach, desto mehr Leben schien sich in dem kleinen Kätzchen vor ihm zu sammeln, bis es gänzlich ausbrach.
»Was denn?! Angst?«
Shifu war überrascht, welche Aggressivität und Wut sich in so einer kleinen Kinderstimme befinden konnte. Und es brauchte weit aus mehr als nur Worte, um dieser Aggressivität beizukommen. Er schlug die schwere Tür mit einem heftigen Krachen hinter sich zu und sah dem Mädchen direkt in die Augen, bevor er ein einfaches Wort sprach: »Nein.«
»So?«, fragte sie noch angestachelter. »Das solltet Ihr aber. Ich bin Tigress. Tigress, das Monster!«
Es tat Shifu innerlich weh, als er realisierte, dass sie selbst dieser Aussage wohl von allen hier im Waisenhaus am meisten Glauben schenkte. Einer Lüge.
»Das Monster ... das keiner will.«
»Du bist kein Monster. Du bist nur ein kleines Mädchen«, erwiderte er sofort, in der Hoffnung, nicht sofort auf taube Ohren zu stoßen und er hatte Glück, als sich ihr Blick ein wenig besänftigte. Wenn auch mit viel Unglauben und Angst getränkt, sodass er es immer noch nicht als ein normales Kindergesicht werten konnte.
»Wollen wir spielen?«, fragte Shifu, als er einen kleinen Dominostein von Boden auflas, der inmitten der Reihen seiner Brüder und Schwestern stand. Er stellte fest, dass die kleine Tigress in ihrer Wut gar nicht bemerkt hatte, wie er die kleine Reihe an Dominosteinen aufgebaut hatte.
So geschickt und schnell, wie er Dank seinem Kung Fu war, hätten das aber auch viele andere nicht.
Er reichte ihr den kleinen Stein, um seine Einladung zum Spielen zu bekräftigen. Sie zögerte. Sie zögerte merklich, was Shifu nicht entging. Es wunderte ihn auch nicht wirklich. Dies hier war wohl das aller erste Mal, dass jemand mit ihr spielen wollte.
Mit zitternder Pfote griff sie langsam nach dem Stein in seiner, doch kaum hatte sie ihre Finger um den Stein geschlossen, konnte er ein leises Knacken hören.
Der Dominostein war zerbrochen und Tigress starrte den umherfliegenden Teilen traurig nach.
Shifu fischte einen der Splitter direkt aus der Luft und reichte ihn erneut Tigress, die diesmal jedoch nicht noch einmal danach griff.
»Du musst lernen, deine Kraft zu kontrollieren.«
Tigress sah von dem Dominorest in Shifus Pfote zu seinen Augen und wieder zurück. Dies wiederholte sie einige stumme Male und Shifu beobachtete sie dabei geduldig. Beinahe hätte er angenommen, die würde einen erneuten Versuch wagen, den Dominostein - oder was davon noch übrig war - zu nehmen, doch er täuschte sich. Als sie erneut auf das kleine Holzstück sah, schüttelte sie kaum merklich den Kopf. Ob aus Angst, Wut oder Abneigung, das konnte Shifu nicht sagen und ehe er einen genaueren Blick erhaschen konnte, machte die kleine Tigerin auch schon einen Satz nach hinten und drückte sich kaum merklich an die Wand.
»Macht Euch nicht über mich lustig!«, fauchte sie leise. »Ihr wollte doch nur einen Grund, um mich bestrafen zu können! Gebt es zu! Ihr wollt, dass ich es wieder kaputt mache, um mich bestrafen zu dürfen.«
»Niemand wird dich bestrafen. Ich werde dir nicht weh tun. Versprochen.«
»Aber ich werde es...«, gab Tigress mit gebrochener Stimme zurück, was Shifu innehalten ließ. Er wusste nicht recht, was genau sie meinte. Hatte sie Angst, sich selbst zu verletzen oder ihn? Beides? Er zögerte kurz, ehe er das Stückchen Holz wieder auf den Boden legte.
Er achtete jedoch darauf, den Blickkontakt zu ihr keine einzige Sekunde lang zu unterbrechen.
»Hier wird niemand verletzt, Tigress. Nicht, solange ich hier bin.«
»Ihr haltet mich für dumm. Tut Ihr doch, oder?«
»Nein, ich halte dich nicht für dumm. Ich halte dich für ein sehr kluges, kleines Mädchen, das nicht weiß, wie sie mit ihrer Kraft umgehen soll«, gab er sanft zurück, als er bemerkte, dass sie sich nicht nur an die Wand drückte, um so viel Abstand wie möglich zu ihm aufzubauen, sondern auch, dass sich ihre Krallen in die Wand hinter ihr gebohrt hatten. Ihr gesamter Körper war angespannt und schrie förmlich nach aufkochender Aufregung.
Hatte sie Angst vor ihm?
Es schien so, denn im Moment erinnerte ihre Haltung an der Wand eher an ein eingeschüchtertes, wildes Tier, das seinem Schlächter schutzlos gegenüberstand. Nicht an ein kleines Mädchen.
»Ihr wollt mich austricksen. Genau so, wie alle anderen Erwachsenen, die Angst vor dem Monster haben. Ihr seid alle gleich«, gab sie zurück. Ihr Körper noch mehr an die Wand gepresst, als würde sie denken - oder hoffen? -, einfach durch sie hindurch verschwinden zu können. »Aber das klappt diesmal nicht!«
»Ich bin nicht hier, um dich auszutricksen. Ich bin mir, um dir zu helfen.« Die Tatsache, dass sie selbst unbewusst verraten hatte, dass die Erwachsenen hier sie schon einmal hintergangen hatten, ließ er erst einmal unkommentiert.
»Glaubt ja nicht, ich wüsste nicht, warum Ihr wirklich hier seid!«, schrie sie beinahe zurück, wodurch Shifu einen Schritt zurückging, um ihr ein wenig mehr Platz zu geben. Er hoffte, dies würde sie ein wenig beruhigen.
»So? Warum glaubst du, bin ich hier?«, fragte er ruhig nach und beobachtete die kleine Tigerin mit wachsamen Augen sehr genau.
»Ich hab sie gehört. Ich höre sie jede Nacht. Ich bin nicht taub!«
»Wen hörst du?«
»Mrs. Lee. Sie und die anderen Erwachsenen!« Shifu verstand sofort, dass sie die Leiterin und die anderen Erzieher im Waisenhaus meinte. Er hatte kein gutes Gefühl, als er sich an das Gespräch mit dem Schaf zurückerinnerte.
»Ein Monster!«
Monster: So hatte sie Tigress genannt, als wäre es selbstverständlich, sie so zu nennen.
Was mochten sie gesagen, wenn sie unter sich waren?
Was hatte Tigress gehört?
»Und was haben sie gesagt?«, fragte er nach und ging noch einen Schritt zurück, weil er merkte, dass sich Tigress immer mehr anspannte.
»Das, was sie jede Nacht sagen. Was sie sagen, wenn sie denken, ich höre es nicht. Die wollen mich loswerden. Die hecken Pläne aus, wie sie das Monster schlachten können. Die wollen mich...« Sie stoppte kurz, als würde sie das Folgende nicht aussprechen können (oder wollen.) »Deswegen seid Ihr doch hier, nicht wahr? Ihr seid gekommen, um mich ...«
»Du denkst wirklich, ich bin hier, um dir weh zu tun«, fasste Shifu kurz zusammen, doch sie schüttelte den Kopf. Er zog eine Augenbraue hoch und war nicht sehr erfreut, als sie weiter sprach.
»Schlimmer.« Das Wort war mehr wie ein bloßer Hauch, doch Shifu hatte keine Probleme, es zu hören. »Monster muss man schlachten, sagen sie. Monster muss man umbringen, haben sie gesagt. Ich bin ein Monster. Ihr seid hier, um mich umzubringen... Deswegen haben sie einen Krieger geholt. Euch. Keiner kann das Monster sonst bezwingen.«
Shifu war fassungslos. Für einen Moment wusste er nicht, wie er darauf reagieren sollte. Was sollte er einem Kind sagen, dass sich selbst für ein Monster hielt und dachte, ihr jüngstes Gericht stünde direkt vor ihr? Leider nahm Tigress sein Schweigen völlig falsch auf.
»Geht weg! Ich will nicht! Geht weg!«, schrie sie nun, in dem Glauben, sein Schweigen sei eine Art Bestätigung. Dabei drückte sie sich noch mehr an die Wand, was kaum mehr möglich war. Sie bemerkte dabei nicht, wie sich ihre Krallen nur noch mehr in den kalten Stein gruben und tiefe Furchen hinterließen, als seien es Wände aus Butter.
Shifu ging noch einige Schritte weiter nach hinten, bis er selbst mit dem Rücken an der schwere Metalltür stand.
Nun trennte sie das gesamte Zimmer voneinander.
»Ich werde dir nichts tun. Ich bin nicht hier, um dir etwas anzutun. Ich werde auch nicht zulassen, dass jemand kommt und es tut. Ich möchte dir helfen«, sprach er mit einer Ruhe in der Stimme, die sich zu seinem Glück auf das kleine Tigermädchen übertrug.
»Beweist es.«
Ihre Haltung zeigte immer noch deutlich, dass sie ihn für den Tod höchstselbst hielt, weswegen er es auch nicht wagte, wieder näher zu kommen. Stattdessen setze er sich im Lotossitz auf den rauen Boden, nahm seine gewohnte Haltung ein, die er immer bei seiner Meditation einnahm und schloss die Augen.
»In Ordnung. Ich bleibe solange hier, bis du davon überzeugt bist, dass ich dir nichts Böses will. Die ganze Nacht, wenn es sein muss.«
»Niemand bleibt über Nacht hier. Nicht bei mir. Die haben alle viel zu große-«
»Ich habe keine Angst. Und du brauchst auch keine vor mir zu haben. Ich bin nicht gefährlich.«
»Lügner.«
Shifu musste unweigerlich grinsen. Sie war nicht auf den Kopf gefallen, das musste er wirklich zugeben. Wie wusste ganz genau, dass er sehr gefährlich werden konnte, wenn er es wirklich darauf anlegte.
»Stimmt«, gab er zu. »Ich kann sehr gefährlich sein - wenn ich will. Aber jetzt möchte ich nur meditieren. Auch ein Krieger braucht eine Pause. Und im Moment gibt es nichts, wogegen ich kämpfen müsste. In diesem Zimmer ist nichts Bedrohliches. Gar nichts.«
Nach seinen Wort herrschte erst einmal Ruhe im Raum.
Er hatte zwar seine Augen geschlossen und tat so, als wäre in die Tiefen Sphären seiner Selbst versunken, doch in Wahrheit hörte er ganz genau darauf, was der Tiger nicht einmal fünf Meter entfernt von ihm tat. Seinen Ohren sei Dank, musste er sich dafür nicht einmal anstrengen.
Tigress setzte sich nach einige Minuten des Schweigens auf den Boden, verließ ihre Wand jedoch nicht. Sie sah ihn eine ganze Weile einfach nur an. Dafür brauchte er kein Gehör, er spürte ihren Blick. Er regte jedoch keinen Muskel, blieb ganz gelassen, um ihr zu zeigen, wie entspannt er in ihrer Gegenwart war.
Die Minuten wurden zu gefühlten Stunden, bis Shifu wieder seine Augen öffnete und zu dem keinen Tiger hinübersah. Ihre leuchtenden Augen sahen zurück. Sie hatte sich tatsächlich kein bisschen bewegt, schien aber auch bei weiten nicht mehr so angespannt zu sein, wie am Anfang.
Ohne seine Sitzposition zu verlassen, griff Shifu stumm nach den übrigen Dominosteinen, die noch immer in einer Reihe auf dem Boden standen und tat so, als würde er sich die Zeit damit vertreiben. Er stellte sie um, stapelte sie, ließ sie in vielen verschiedenen Formen wieder umfallen, wie man es von einer Dominokette kannte.
Ihm entging dabei nicht, wie ihn zwei sehr interessierte Augen dabei zusahen. Er hatte ihr Interesse an dem Spiel wieder geweckt. Vermutlich hatte sie diese nie verloren, doch die Angst war zu groß gewesen. Jetzt machte sich jedoch die Neugier einer Katze bemerkbar, wie er zufrieden feststellte.
Er stellte die Dominos wieder in eine Reihe, diesmal jedoch ließ er sie nicht wie sonst wieder umfallen, sondern nahm erneut seine Meditationshaltung ein und tat so, als würde er seine Meditation fortführen, als hätte es nie ein Unterbrechung eben jener gegeben. Dabei schloss er seine Augen nicht ganz, sondern beobachtete sein Gegenüber durch die Augenschlitze.
Und sein Plan ging auf.
Zuerst in einem inneren Hin und Her gefangen, näherte sich das Tierjunge mit großes Zögern den Dominosteinen. Dass sie auf allen Vieren zu ihm heranschlich, zeigte ihm, dass sie immer noch höchste Vorsicht walten ließ. Er wartete geduldig, bis sie direkt vor den Dominosteinen halt machte und sie sich interessiert aus der Nähe ansah. Sie betrachtete die kleine Schlange an Steinen aus allen Richtungen, die ihr aus ihrer Position möglich war. Ihr Schwanz zuckte dabei hin und her, ehe sie ihre rechte Pfote in die Nähe der Steine brachte.
Sowohl Shifu, als auch sie selbst waren angespannt, als nur noch wenige Zentimeter zwischen einem der Steine und ihrer Pfote waren. Sie hielt kurz inne, sah prüfend zu Shifu auf, ehe sie sich wieder mit voller Konzentration dem Stein vor sich widmende. Shifu musste leicht lächeln, als er dabei zu sah, wie sie vorsichtig versuchte, den Stein mit der Spitze ihrer Kralle aus der Reihe zu ziehen. Sie wollte ihn nicht kaputt machen, das sah er sehr deutlich in ihrem Gesicht.
Das war kein Monster.
War es nie gewesen.
Würde es auch nie sein.
Ein kleines Lächeln huschte jäh in ihr Gesicht, als sie es erfolgreich geschafft hatte, den Stein aus der Reihe zu holen und mit ihren Krallen zu sich rüber zu ziehen. Neugierig betrachtete sie ihr Werk. Im Grunde hatte sie den Stein einfach nur aus der Reihe geholt, aber Shifu erkannte, dass es ihr viel mehr bedeutete.
Der Spielstein war noch ganz.
Schweigend beobachtete er, wie sie einen Schritt weiter ging und versuchte, den Stein nun mit ihrer Pfote aufzuheben. Ihre Finger zitterten immer mehr, je näher sie dem Sein kamen. Ihre ganze Aufmerksamkeit lag auf dem kleinen Spielstein, sodass sie gar nicht mehr bemerkte, dass Shifu seine Augen nun wieder ganz geöffnete hatte und ihr dabei gespannt zusah.
Kurz bevor auch nur die Spitzen ihres Fells das Stück Holz berühren konnte, hielt sie jedoch inne. Sie hatte es sich anders überlegt und schob mit ihrer zweiten Pfote den Stein einfach nur auf die erste. Völlig begeistert über ihre Tat setzte sie sich wieder aufrecht hin und betrachtete den Stein in ihrer Pfote.
»Ich kann dir zeigen, wie man damit spielt«, sprach Shifu plötzlich und unterbrach Tigress' Faszination zum Dominostein. Sie ließ ihren Blick von ihm ab und sah zu Shifu hinüber.
»Wirklich?«, fragte sie mehr hoffend, als ungläubig. Shifu nickte nur, holte einen weiteren Stein aus der Reihe und stellte ihn direkt vor Tigress ab. Geduldig wartete er darauf, bis sie ihren Stein gleich neben seinen abstellte, doch sie tat es nicht.
»Glaubt Ihr, ich schaffe das?«
»Wenn du in deinen Meister und in dich Vertrauen hast, ja. Eines Tages wirst du es schaffen.«
Sie sah den Stein weiterhin an, stellte ihn jedoch nicht neben Shifus. Stattdessen ließ sie von dem Stein ab und sah Shifu aus ängstlichen Augen an.
Ängstlich, doch mit einem Schimmer Hoffnung ... und Vertrauen.
Shifu sah zurück und war von ihren bernsteinfarbenen Augen wie gebannt. Etwas an ihr - er wusste nicht was - erinnerte ihn an seinen Sohn. An Tai Lung. Nur hatte Tigress etwas, dass Shifu nie in dem Schneeleoparden gesehen hatte. Weder an dem Tag, als er ihn vor seiner Tür gefunden hatte, noch an dem Tag, als Oogway ihm die Drachenrolle verweigert hatte. Er wusste nicht, was es war, doch es berührte ihn. Drang zu ihm durch und ließ sein Herz aufschreien. Ließ es jammern. Ließ es ein wenig auftauen.
Und in diesem Moment wusste der Meister, dass er nicht nur einen neuen Schüler gefunden hatte, sondern auch eine weitere Chance, ein Vater zu sein.
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